Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Klimawandel in Holland: Wohnen in Ebbe-und-Flut-Häusern

Aus Rotterdam berichtet

Abends wohnt man zweieinhalb Meter höher als morgens - geht das? In Holland schon. Dort baut man schwimmende Häuser auf Pontons, um dem Anstieg des Meeresspiegels zu trotzen. Anspruchsvollste Aufgabe: Wie konstruiert man Zu- und Abwasserrohre, die den Gezeitenwechsel mitmachen?

Dura Vermeer

Über Jahrhunderte haben die Holländer gegen das Wasser gekämpft. Immer neue Polder haben sie dem Meer abgerungen und diese mit immer mächtigeren Deichen vor Sturmfluten geschützt. Auch am Delta von Rhein und Maas im Landesinnern war das Wasser der erklärte Feind.

Doch seit einigen Jahren hat die Nation der Seefahrer und Deichbauer ihre Strategie geändert. Angesichts des kaum noch zu verhindernden Klimawandels wird nicht mehr gegen das Wasser gearbeitet, sondern mit ihm.

Die mächtigen Deiche an der Nordseeküste werden zwar nicht abgerissen, schließlich liegen nach wie vor große Teile des Landes unterhalb des Meeresspiegels. Doch die Schutzwälle werden nicht mehr um jeden Preis erweitert, erneuert oder erhöht. Man gibt dem Wasser künftig Raum. Trotzdem können Menschen in überschwemmungsgefährdeten Gebieten weiterhin Häuser bauen, sie müssen sich nur um den Hochwasserschutz selbst kümmern. Das soll dank schwimmfähiger Häuser kein Problem mehr darstellen. Die neuen Gebäude stehen auf Pontons, die entweder direkt im Wasser liegen oder auf festem Grund ruhen und nur bei Hochwasser schwimmen.

Die Stadt Rotterdam setzt große Hoffnungen in Siedlungen auf dem Wasser. "In zehn Jahren werden wir viele schwimmende Häuser in der Stadt sehen", sagt Arnoud Molenaar. Er ist Angestellter der Stadt und leitet das Projekt Rotterdam Climate Proof - klimasicheres Rotterdam. "Schwimmende Häuser machen die Stadt attraktiver und zugleich fit für den Klimawandel."

Um wie viel Zentimeter der Meeresspiegel nun genau steigen wird und um wie viel feuchter die Winter in 50 Jahren sein werden, ist für Molenaar zweitrangig. "Entscheidend ist: Die Welt verändert sich. Und wir bereiten uns darauf vor."

Fotostrecke

10  Bilder
Schwimmende Häuser in Holland: Venedig an der Nordsee

Styropor als Schwimmkörper

Im Rheinhafen nahe des Rotterdamer Zentrums schwimmt auf dem Wasser, was der Klimaschutzexperte als "Show Case" bezeichnet. Die Stadt hat 2010 den 800 Quadratmeter großen Pavillon errichten lassen. Bis zu tausend Personen finden darin Platz. Über zwei Brücken gelangt man zu dem innen riesig wirkenden Pavillon, der eine Ausstellung über Rotterdams Programm zur Anpassung an den Klimawandel beherbergt. Immer wieder wird die künstliche Insel auch für Events genutzt.

Die Architektur ist aufsehenerregend: Die Konstruktion besteht aus drei verschieden großen Kuppeln, die ineinander übergehen. Die größte ist zwölf Meter hoch. Das Gerippe aus Fünf- und Sechsecken ist mit doppelwandiger Spezialfolie ausgekleidet. Das gleiche Material wurde auch in der Münchner Allianzarena verwendet. In der kleinsten Kuppel befindet sich das Auditorium - ein Veranstaltungssaal.

Jan Willem Roël von der holländischen Baufirma FlexBase hat den gigantischen Schwimmkörper entworfen, auf dem der Pavillon ruht. Er besteht zum Großteil aus Styropor, das wegen seiner extrem geringen Dichte für den nötigen Auftrieb sorgt.

"Der Zusammenbau der Styroporplatten war eine echte Herausforderung", sagt Roël. Dies sei wegen der Größe und aus statischen Gründen nur im Wasser möglich gewesen. Die beiden untersten Schichten bestehen aus 20 Zentimeter dicken Styroporplatten. Darüber folgen zwei Lagen Quader von je 75 Zentimetern Höhe. Das Styropor ist damit insgesamt 1,90 Meter hoch. Das reichte aus, um noch einen Keller für Haustechnik zu integrieren.

Damit der Schwimmkörper die nötige Stabilität bekommt, wurde ein Fundament aus Stahlbeton eingearbeitet. "Wir haben die Lücken zwischen den Styroporquadern mit Stahlstreben und flüssigem Beton gefüllt", berichtet der Bauexperte. Dabei musste ganz langsam und vor allem gleichmäßig vorgegangen werden, damit die Schwimmfläche nicht in Schieflage kommt oder zerbricht.

Ganz am Schluss wurde die Oberfläche mit 20 Zentimeter dicken Betonplatten verkleidet - sie bilden den Fußboden des Pavillons. Auch an den Seitenflächen brachte die Baufirma Betonplatten an. "Das schützt den Schwimmkörper vor Chemikalien und Beschädigungen, falls mal ein Schiff dagegen stößt", erklärt Roël.

Das Styropor hält nach seinen Angaben praktisch unbegrenzt, solange es nicht in Kontakt mit Öl, Benzin oder Aceton kommt. Auf der Unterseite des Pontons wurde der Schaum nur mit einer dünnen Plastikschicht überzogen. "Das soll das Styropor vor Tieren schützen", sagt Roël. "Ratten würden sich da sicher gern ein Nest hinein bauen, weil es schön warm darin ist."

Leben mit den Gezeiten

Der schwimmende Pavillon soll vor allem zeigen, dass auch größere Gebäude auf dem Wasser möglich sind. Das nächste Bauprojekt von Flexbase ist ein schwimmfähiges Gewächshaus von 4,5 Hektar Größe. Es erscheint auf den ersten Blick absurd, ein Treibhaus auf Pontons zu bauen. Doch im dicht besiedelten Holland sind Flächen knapp. Das Gewächshaus soll zudem an einer Stelle gebaut werden, wo Erde abgetragen wird, um Raum für überschüssiges Wasser zu bieten. "Die Fläche wird dann doppelt genutzt", erklärt Roël, "als Wasserreservoir und zum Anbau von Pflanzen".

Hausboote haben in Holland eine lange Tradition. Neu ist jedoch, dass man sich mit richtigen Einfamilienhäusern auf Pontons oder wie beim Rotterdamer Pavillon auch in Gewässer wagt, die Ebbe und Flut ausgesetzt sind. Innerhalb von zwölf Stunden wird der Pavillon um durchschnittlich 2,5 Meter gehoben und wieder gesenkt. Dank der Verankerung an Stahlsäulen bleibt er dabei stets an derselben Stelle im Wasser.

Rotterdams oberster Klimaschützer, Arnoud Molenaar, sieht gute Chancen für schwimmende Gebäude: "Wir haben große Wasserflächen in der Stadt, die wir nutzen können. Sie liegen nah am Zentrum, es gibt viele Möglichkeiten." Er denkt zum Beispiel an Parkplätze, die bei Großveranstaltungen am Ufer befestigt und danach wieder weggeschleppt werden.

Allerdings müssen die Stadt und Baufirmen noch einige offene Fragen klären. Unklar ist beispielsweise, nach welchen Kriterien Liegeplätze für Schwimmhäuser vergeben werden, und was sie kosten sollen. Eine technische Herausforderung sind auch die flexiblen Schläuche für das Zu- und Abwasser, die einen Tidenhub von mehreren Metern verkraften müssen.

Die Angst vor steigenden Pegeln hat Rotterdams Klimaschutzexperte Molenaar verloren: "Ich bin nicht besorgt. Wir werden nicht in höhergelegene Gebiete umziehen." Inzwischen exportiert die Stadt sogar ihr Know-how. "Demnächst kommen Experten aus Thailand hierher, die wollen genau wissen, wie wir mit den Überschwemmungsrisiken umgehen."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Seufz
realpress 01.12.2011
Gemeint sind wohl die Niederlande...............
2. Interessanter Artikel !
Jonny_C 01.12.2011
Man sieht, es geht wenn man nur will. Dafür kann ich die Niederländer nur bewundern, auch für ihren Pragmatismus, nicht gegen die Veränderung, sondern mit ihr. So sollte es in Deutschland mit der Energiewende auch sein. Nicht immer nur gegen Alles....
3. Vielleicht sollten sie umsatteln
Hölderlinkarussell 01.12.2011
Vom Wohnwagen oder Wohnmobil auf Hausboote. Die könnten unsere Nachbarn in den Krachten parken (heute stehen da schon welche), um dann, wenn das Wasser steigt, die Leinen zu lösen um den Rhein hoch zu schippern. Die Idee ist eigentlich schon interessant, aber ohne Land gibt es kein Holland (Niederland) mehr. Die Kultur in Unteruhldingen (Pfahlbauten) am Bodensee gibt es heute auch nicht mehr. Ausserdem sollten die Niederländer nach und nach Wasserball trainieren ;o)
4. Man kann auch anders an das Problem herangehen
augu 01.12.2011
"Entscheidend ist: Die Welt verändert sich. Und wir bereiten uns darauf vor." Klingt wesentlich vernünftiger als die Devise: "Die Welt verändert sich, aber wir werden dies mit unserem Klimarettungsprogramm verhindern "
5. Warum nicht eine Besiedelung von Mac Pom ?
scionescio 01.12.2011
Als in Bln wohnender Ausländer bietet sich mir die Besiedelung von Mac Pom mit toleranten, gut ausgebildeten Holländern beiderlei Geschlechts natürlich an. Sogar die jetzt in Mac Pom auf dem Trockenen sitzenden Männerbünde dürften eigentlich nichts gegen große blonde blauäugige Holländer, die die entvölkerten Dörfer wiederbelebten, einzuwenden haben...:-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Klima der Zukunft: Wo Extreme wüten
Fotostrecke
Treibhauseffekt: Die Nordsee schwillt an

Testen Sie Ihr Wissen!


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: