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Kollege Roboter: Unheimliche Begegnung am Bücherregal

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In einer Berliner Uni-Bibliothek trifft man nicht nur auf Studenten, sondern auch auf Roboter. Zwei Automaten kutschieren zum Erstaunen vieler Besucher Bücherkisten durch den modernen Lesesaal. Die Blechkameraden navigieren millimetergenau - und fahren sogar Fahrstuhl.

SPIEGEL ONLINE

Der Weg in die Bibliothek des Schrödinger-Zentrums in Adlershof ist weit - selbst für Berliner Verhältnisse. 27 Minuten braucht die S-Bahn vom Alexanderplatz, aber die Anreise lohnt sich. Nicht nur wegen der beeindruckenden Architektur des Lesesaales, sondern auch wegen zweier Mitarbeiter des Hauses.

19 Vollzeitkräfte arbeiten in der naturwissenschaftlichen Bibliothek der Humboldt-Universität - und zwei Roboter. Hase und Igel heißen die beiden Blechkameraden, die auf Rädern leise surrend zwischen den Regalen entlang rollen. Beim Ändern der Richtung blinken sie wie ein Auto, steht ein Hindernis im Weg, stoppen sie automatisch.

Schon seit 2003, der Eröffnung des Hauses, fahren die Transportautomaten Bücherkisten innerhalb des Gebäudes hin und her. Liegt das Ziel im vierten Stock, ordern Hase und Igel via Funk den Lift. Bei Führungen im Haus erleben die Angestellten immer das Gleiche: Sobald einer der Roboter um die Ecke biegt, haben die Besucher nur noch Augen für Hase und Igel.

Nervöse Automaten

Im Laufe der Jahre sind die beiden Gefährte den Angestellten regelrecht ans Herz gewachsen: "Hase und Igel sind wie Maskottchen", sagt Ralf Grunder, der Leiter der Bibliothek. "Unsere Mitarbeiter nehmen sie nicht als Maschinen wahr, sondern durchaus als Kollegen mit menschlichen Eigenschaften." Bei einer Häufung technischer Probleme heiße es, Hase sei schlecht drauf. Man bekomme auch zu hören, viele Besucher machten Hase und Igel nervös.

Trotz gelegentlicher Probleme gelten die beiden Transportroboter als äußerst zuverlässig. Sie arbeiten pro Tag etwa acht Stunden wie ihre Kollegen aus Fleisch und Blut. Gegen 17 Uhr fahren sie jedoch nicht nach Hause, sondern mit dem Fahrstuhl zum sogenannten Schlafplatz. Über im Boden eingelassene Kontakte werden die Batterien wieder aufgeladen, damit am nächsten Morgen wieder Kisten transportiert werden können.

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Hase und Igel: Die Kistenfahrer aus Berlin
Etwa 120.000 Euro haben die beiden Blechkameraden gekostet, der Hersteller E&K Automation aus Nenndorf bei Hamburg hat sie eigens für den Einsatz in der Bibliothek angepasst. Ähnliche Transportroboter rollen normalerweise durch Fabriken und transportieren Kisten mit Werkstücken oder Material. Der Einsatz in einer Bibliothek ist eher ungewöhnlich. Ralf Gunder kennt nur noch eine Bibliothek in Spanien, in der auch Roboter fahren. "Normalerweise arbeiten Transportroboter dort, wo keine Menschen sind", sagt er. Im Lesesaal einer Bibliothek seien Begegnungen jedoch unvermeidlich.

Mancher Besucher, viele studieren Informatik oder Physik, teste schon mal aus, wie gut die Roboter Hindernisse erkennen. Das erfordert durchaus Mut. Die Infrarotsensoren an der Vorder- und Rückseite erkennen zwar auch kleine Hindernisse zuverlässig - gestoppt wird aber erst wenige Zentimeter davor. Dann gibt der Roboter akustisch Alarm. Wenn man dann den Weg freigibt, fahren sie weiter.

Einsortieren von Büchern noch zu schwierig

Sollte der Infrarotsensor versagen, gibt es weitere Sensoren in der Gummistoßstange, die das Gefährt zum Stehen bringen. Alle zwei Jahre kommt der TÜV und prüft, ob die beiden Transporter zuverlässig arbeiten und niemanden gefährden können. Unfälle gab es nach Grunders Angaben keine.

Innerhalb des Gebäudes fahren Hase und Igel Kisten zwischen zehn verschiedenen Stellen hin und her. Neue Bücher kommen in eines der Obergeschosse, zurückgegebene Bücher zu den Regalen im Lesesaal - nur das Einsortieren übernehmen nach wie vor Menschen. Theoretisch ist es zwar auch denkbar, dass Roboter die Bücher einzeln zurückstellen. Aber zum einen würden sie dabei Lesern den Zugang zum Regal versperren - zum anderen gäbe es wohl technische Probleme beim Auslesen der RFID-Chips in den Büchern.

Derartige Funkchips sind in vielen Büchereien längst Standard. Sie geben ein Funksignal mit einer eindeutigen ID ab, sobald sie in der Nähe eines Senders sind. RFID-Chips können so nicht nur den Diebstahl von Büchern verhindern, Bibliotheken wie die in Berlin-Adlershof verwenden sie auch zur vollautomatischen Ausleihe und Rückgabe. Nutzer können Bücher auf einen Tisch mit darin integrierten RFID-Leser legen: Die Exemplare werden erkannt und dem eigenen Nutzerkonto zugeordnet. Das funktioniert jedoch nur, solange nicht mehr als drei bis fünf Bücher übereinander liegen. Bei mehr Exemplaren kann es zu Interferenzen der Funksignale kommen - und zu Fehlern bei der Erkennung.

Beim Navigieren innerhalb des Gebäudes nutzen Hase und Igel einen rotierenden Laserstrahl, der in knapp zwei Metern Höhe auf einer Stange montiert ist. Ähnliche Systeme werden auch bei autonom fahrenden Roboterautos eingesetzt. Überall im Gebäude sind weiße Reflektorstreifen angebracht, die wie ein Katzenauge das Laserlicht zurückwerfen. Weil die Position dieser Streifen bekannt ist, kann jeder Roboter seine Position präzise orten. Hase und Igel fahren praktisch auf den Millimeter genau immer die gleiche Strecke - gut zu erkennen an den klaren Spuren im Linolium.

Die Bibliotheksangestellten schätzen ihre beiden Roboterkollegen auch deshalb, weil sie ihnen unnötige Wege abnehmen. Wer unten am Empfang sitzt und oben im Büro etwas vergessen hat, ruft bei den Kollegen kurz an. Die nehmen dann eine leere Kiste, legen das Gesuchte hinein (maximal 25 Kilogramm) und ordern einen Roboter. Der liest den Barcode auf der Kiste aus und weiß, wohin er fahren muss.

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