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09. Februar 2013, 15:30 Uhr

Konkurrenz für den Westen

China und Indien holen bei Erfindungen rasant auf

Von Thomas Wagner-Nagy

Weg vom Kopieren, hin zu eigenen Produkten: China und Indien haben die Zahl ihrer Patente laut einer Studie vervielfacht - Motor des Innovationsschubes sind gut ausgebildete Arbeitskräfte. Doch an entscheidender Stelle gibt es Nachholbedarf.

Hamburg - Längst können Unternehmen in China und Indien mehr als nur die Produkte des Westens nachbauen. Die beiden Staaten, die zusammen ein Drittel der Weltbevölkerung stellen, dringen verstärkt mit eigenen hochwertigen Entwicklungen auf den globalen Innovationsmarkt, zeigt eine Studie.

Die Technologiestandorte Pune in Indien und Peking in China hat Monika Plechero vom Centre for Innovation, Research and Competence in the Learning Economy (CIRCLE) der Universität Lund für ihre Doktorarbeit untersucht. Sie wollte herausfinden, wo die Städte bei Innovationen im weltweiten Vergleich stehen. Plechero konzentrierte sich auf die Gebiete Biotechnologie, Automobilindustrie sowie Informations- und Kommunikationstechnik.

China ist in anderen Ländern berüchtigt dafür, geistiges Eigentum zu kopieren. Das Problem bestehe zwar weiterhin, der Trend geht laut Plechero aber zum Selbermachen: "Nach wie vor ahmen indische und chinesische Unternehmen andere nach", sagt die Forscherin. "Aber sie sind zunehmend erfolgreicher bei der Entwicklung neuer komplexer Produkte."

Während die USA und Industriestaaten in Europa ihre Forschungsausgaben zurückfahren oder stagnieren lassen, investieren China und Indien immer mehr in Wissenschaft und Technologie. Zusammen ist ihr Anteil an den Forschungs- und Innovationszentren der Welt Plechero zufolge auf 18 Prozent gestiegen; jedes sechste der Institute steht demnach in einem der beiden Länder.

Patente vervielfacht

Wan-Hsin Liu, China-Expertin am Kieler Institut für Weltwirtschaft, beobachtet ebenfalls eine Professionalisierung in Chinas Produktentwicklung, sieht darin aber nicht unbedingt eine Bedrohung für globale Mitbewerber. "Chinesische Unternehmen sind bei der Entwicklung neuer komplexer Produkte nicht per se erfolgreicher als Unternehmen aus anderen Ländern", sagt Liu. Doch habe die chinesische Regierung seit mindestens einem Jahrzehnt Innovationen stark gefördert. Ziel sei es, die Abhängigkeit von importierten Technologien zu reduzieren und eigenständige Innovationen hervorzubringen.

Der Trend begann Mitte der neunziger Jahre, als China anfing, die Entwicklung von High-Tech-Produkten allmählich auszubauen. In den ersten acht Jahren des neuen Jahrtausends versiebenfachte sich dann dort die Anzahl der Patentanmeldungen, berichtet Plechero. In Indien habe sich die Zahl in dieser Zeit verdreifacht. China hat Indien offenbar abgehängt: Der chinesische Markt sei größer und ausgereifter als der indische, sagt Plechero.

Liu sieht bei den Patenten aber noch Nachholbedarf. Zu wenige Produkte schafften ihrer Meinung nach den Sprung vom Patentantrag zur Entwicklung. "Die Anreize der Innovatoren sollten daher auf die Entwicklung und Vermarktung der innovativen Produkte gelenkt werden."

Ein weiterer Erfolgsfaktor sind laut Plechero die Arbeitskräfte: Sie arbeiten für niedrige Löhne und sind - besonders im Ingenieurbereich - gut ausgebildet, was multinationale Unternehmen aus Industrienationen anzieht.

Abkehr von Billigware

Mit 144 Universitäten und knapp 400 Forschungseinrichtungen (Stand 2010) ist Peking das wissenschaftliche Zentrum der Volksrepublik. Ein Großteil der Forschungsinitiativen wird dort umgesetzt. Dazu fließt mehr als ein Zehntel der gesamten Forschungsausgaben des Landes in die Haupstadtregion.

Die Technologie-Hochburg verortet Liu allerdings außerhalb der Hauptstadt: "Die Unternehmen, die mehr und mehr Innovationsaktivitäten durchgeführt und auch Erfolg mit industriellen Innovationen haben, befinden sich eher in Südchina am Delta des Perlflusses und des Yangtze", erklärt die Innovationsforscherin.

Den wirtschaftlichen Erfolg der Schwellenländer einzig mit ihren günstigen Arbeitskräften zu erklären, wäre laut Plechero nicht weit genug gedacht. Denn bei Firmen in Peking und Pune zeichne sich eine Abkehr von Billigprodukten ab. "In der Vergangenheit setzten die Chinesen hauptsächlich auf die Kosteneffizienz ihrer Produkte. Heute beobachten wir, dass die Produkte zunehmend über ihre gute Qualität auf den Markt dringen."

Die Abwägung zwischen Kosten und Qualität gebe den Innovationen mehr Flexibilität auf dem Markt, erläutert die Forscherin: "China nutzt dabei oft seinen Inlandsmarkt als Experimentierwiese, um zu testen, was auch international ankommen könnte", erklärt Plechero. Indien hingegen sehe eher den internationalen Markt als Sprungbrett für seine Produkte.

Wie geht es weiter?

Als wichtiges Zugpferd gilt die indische Fünf-Millionen-Metropole Pune. Sie ist gerade dabei, sich als Innovationsstadt zu etablieren und mit dem wichtigen IT- und Raumfahrtzentrum Bangalore gleichzuziehen. Gute Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie die Nähe zu Mumbai machen Pune zu einem attraktiven Produktionsstandort für multinationale Konzerne.

Wie geht es weiter? Eine Prognose vermag Plechero angesichts der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung der beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt nicht abzugeben. "Diese aufstrebenden Volkswirtschaften entwickeln sich extrem schnell. Das macht es schwierig, Vorhersagen zu treffen, die sonst nur für langsam wachsende Länder gelten."

Doch es gibt weiter Nachholbedarf, sogar an entscheidenden Stellen: Liu sieht im Fall von China mehr Hindernisse, als man an den Wachstumszahlen ablesen kann. "Ein großes Problem ist die Finanzierung. Kleine und mittlere Unternehmen kommen nur sehr schwer an Kredite." Chinas Finanzmarkt benötige daher eine große Reform, die mehr marktbasierte Mechanismen zulässt. Zudem müssten "zuverlässige Informationsinstitutionen aufgebaut werden, damit Banken und andere Investoren Unternehmen nach dem Investitionsrisiko bewerten und in überzeugende Produkte investieren können", mahnt Liu.

Trotz der Hemmnisse ist Plechero überzeugt, dass China und Indien die Landkarte der Innovationen weiter verändern werden - sofern die Staaten einige Hürden überwinden: "Falls es ihnen gelingt, die entsprechende Infrastruktur zu den Innovationen zu errichten, Korruption zu bekämpfen und die Bürokratie im Zaum zu halten, werden diese Länder schon in zehn Jahren für enorme Veränderungen auf dem Innovationsmarkt sorgen."

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