Kreml-Dokumente Forscher warnten vor Tschernobyl-Katastrophe

Sowjetische Atomexperten haben lange vor der Katastrophe im AKW Tschernobyl im April 1986 vor den dort eingesetzten Nuklearreaktoren gewarnt, sie durften ihre Einwände aber nie schriftlich fixieren. Das geht nach Informationen des SPIEGEL aus bisher unveröffentlichten Kreml-Dokumenten hervor.

Tschernobyl, April 1986: Sicherheitsbedenken wurden nicht ernst genommen
AFP

Tschernobyl, April 1986: Sicherheitsbedenken wurden nicht ernst genommen


Am 26. April kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zur Kernschmelze, Tausende Menschen starben an den Folgen des Reaktorunfalls. Sowjetische Atomexperten haben lange vor der Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl vor den dort eingesetzten Nuklearreaktoren gewarnt, sie durften ihre Einwände aber nie schriftlich fixieren. Das geht aus bisher unveröffentlichten Sitzungsprotokollen der Moskauer Kreml-Führung hervor, die ein russischer Wissenschaftler heimlich im Archiv von Ex-Präsident Michail Gorbatschow kopiert und dem SPIEGEL übergeben hat.

Das Modell des Tschernobyl-Meilers, in dem statt Wasser Graphit zum Abbremsen der schnellen Neutronen aus der Kernspaltung verwendet wird, habe in allen wichtigen Parametern nicht den Sicherheitsanforderungen entsprochen. Das bekannte ein führender Atomwissenschaftler nach dem Unfall vor dem Politbüro, dem höchsten Gremium der sowjetischen Parteiführung.

Ähnliche Unfälle, so geht aus den Protokollen hervor, hatte es bereits 1975 und 1982 im Leningrader Kernkraftwerk und auch schon in Tschernobyl gegeben, ihre Folgen waren allerdings nicht so gravierend.

In einer der Sitzungen des Politbüros im Juli 1986 forderten Mitglieder der Regierung auch die Abschaltung der Atomanlagen in Smolensk, Kursk und Leningrad, ja die Stilllegung aller Meiler im europäischen Landesteil. Die Reaktoren vom Typ Tschernobyl sind jedoch noch heute in allen drei Kraftwerken in Betrieb, trotz zum Teil schon 38-jähriger Laufzeit.

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