Von Markus Becker
Hamburg - Die iranische Führung hält ein mehrtägiges Seemanöver in der Straße von Hormus ab - und zündet neben echten Raketen auch reihenweise verbale Nebelkerzen. Tagelang sprach das Regime in Teheran davon, bei der Übung eine Langstreckenrakete testen zu wollen. Am Montag hieß es, die Iraner hätten einen Langstrecken-Marschflugkörper abgefeuert. Am Ende war daraus gar ein Tarnkappen-Marschflugkörper geworden, der sein Ziel wie geplant erreicht habe. Das jedenfalls behauptete der iranische Militärsprecher Admiral Mahmud Mussawi in einer Meldung der dpa.
Das Problem: Keine solche Waffe existiert.
Es gilt als gesichert, dass Iran keine Langstreckenraketen besitzt, zumindest keine einsatzfähigen. Denn dafür hätte das Mullah-Regime eine solche Waffe - die je nach Definition mindestens 3500 oder 5500 Kilometer weit fliegen müsste - mindestens einmal testen müssen. Ein solcher Versuch aber wäre keinem westlichen Überwachungssatelliten entgangen und hätte für erheblichen politischen Wirbel gesorgt. "Und selbst ein solcher Test wäre erst der Anfang", sagt der Raketen- und Militärexperte Robert Schmucker. "Er ist nahezu bedeutungslos, ehe die Waffe die Serienproduktion erreicht hat."
Doch selbst die Einsatzfähigkeit der iranischen Mittelstreckenraketen - von Langstrecken-Geschossen ganz zu schweigen - wird von westlichen Experten bezweifelt. "Die Iraner sind bei keiner ihrer Mittelstreckenraketen auch nur annähernd weit genug, um sie offensiv einsetzen zu können", sagt Schmucker. Wer eine solche Rakete für einen Angriffskrieg benutzen wolle, müsse absolut sicher sein können, dass das System zuverlässig funktioniere. "Bis die Iraner so weit sind, werden noch viele Tests notwendig sein", meint Schmucker. "Das kann Jahre dauern."
Verwirrspiel um Reichweiten
Beinahe scheint es, als wolle Teheran gezielt Verwirrung stiften. So berichtete die amtliche iranische Nachrichtenagentur Irna am Montag, man habe bei dem Manöver einen neuen Marschflugkörper getestet. Die ebenfalls "Kader" genannte Waffe habe eine Reichweite von 200 Kilometern. Allerdings wäre das selbst für einen Marschflugkörper nicht besonders viel. Die amerikanische "Tomahawk" etwa kann Ziele in einer Entfernung von bis zu 2500 Kilometern erreichen.
Es wäre freilich nicht das erste Mal, dass Teheran seine militärischen Fähigkeiten deutlich größer erscheinen lässt, als sie sind. Immer wieder macht das Regime mit teils haarsträubenden Übertreibungen Schlagzeilen und bringt mitunter auch gefälschte Fotos in Umlauf.
Der "Kader"-Seezielflugkörper sei zu einem "hochmodernen Geschoss" weiterentwickelt worden, dass unter anderem mit einem integrierten Radargerät ausgestattet sei, prahlte Mussawi. Zudem wollen die Iraner auch andere Anti-Schiffs-Waffen getestet haben, etwa den Marschflugkörper "Nur", der auf dem chinesischen C-802 basiert und eine Reichweite von ebenfalls etwa 200 Kilometern haben soll. Auf den Fotos wirkten "Kader" und "Nur" verblüffend ähnlich.
C-802 traf 2006 israelische Korvette
Was die C-802 anrichten kann, wurde im Juli 2006 deutlich. Kurz nach Beginn des Libanon-Konflikts hatte die Hisbollah einen solchen Marschflugkörper auf die israelische Korvette "Hanit" abgefeuert. Zusammen mit den Schwesterschiffen "Eilat" und "Lahav" zählte die "Hanit" zu den größten Überwassereinheiten der israelischen Marine. Das hochmoderne Kriegsschiff hatte 1994 den Dienst aufgenommen und war mit Hightech vom Feinsten ausgestattet - darunter auch moderne Raketenabwehrsysteme.
Dennoch wurde die Korvette von der C-802 getroffen. Das Schiff brannte mehrere Stunden lang und war zeitweise manövrierunfähig. Vier Matrosen starben. Laut einer Analyse des US-Fachmagazins "Aviation Week" hat die Hisbollah sogar zwei Marschflugkörper auf die israelische Korvette abgefeuert. Einer traf die "Hanit", der zweite flog an ihr vorbei und traf einen Frachter aus Ägypten, der daraufhin sank. Die Crew konnte gerettet werden.
Dass die Iraner über einen Tarnkappen-Marschflugkörper verfügen, wie von Mussawi behauptet, halten Fachleute dagegen für ausgeschlossen. Nicht einmal die USA verfügen über eine solche Waffe, und außerdem ist ein Marschflugkörper auf Radarschirmen ohnehin schwer erkennbar: Er ist viel kleiner als ein Flugzeug und rast meist nur wenige Meter über dem Boden auf sein Ziel zu, da er über einen permanenten Antrieb verfügt. Das unterscheidet eine Cruise Missile von einer ballistischen Rakete, die während ihrer kurzen Antriebsphase steil in den Himmel steigt und dann im freien Fall auf ihr Ziel zustürzt.
Gefahr für zivile Schiffe
Brisanz bekommt Irans Kriegsspiel zur See durch die Drohung Teherans, die Straße von Hormus für Handelsschiffe unpassierbar zu machen. Für die globale Wirtschaft wäre das ein Desaster, da rund 40 Prozent aller Öltransporte diese Meerenge passieren.
Rein technisch könnten die Iraner ihre Drohung möglicherweise wahr machen, sagt Schmucker. "Langsam fahrende, riesige Tanker vor iranischen Angriffen zu schützen, wäre äußerst schwierig", so der Experte. So verfügt Teheran über "Silkworm"-Seezielflugkörper. Sie basieren zwar ursprünglich auf einem sowjetischen Modell aus den fünfziger Jahren, wären für zivile Schiffe aber brandgefährlich.
Ob ein Schutz vor solchen Angriffen möglich wäre, ist fraglich. Erst einmal ist es bisher im Ernstfall gelungen, einen anfliegenden Seezielflugkörper mit einer Flugabwehrrakete abzuschießen. 1991 rettete der britische Zerstörer "HMS Gloucester" auf diese Weise das US-Schlachtschiff "Missouri" vor einer irakischen "Silkworm". Im Falkland-Krieg wiederum mussten die Briten schlechte Erfahrungen mit argentinischen "Exocet"-Flugkörpern machen. Mehrere Schiffe wurden getroffen, der Zerstörer "HMS Sheffield" sank und riss 20 Seeleute in den Tod.
An einer erneuten bewaffneten Auseinandersetzung im Golf kann derzeit niemand Interesse haben. "Es gibt im Moment überhaupt keinen Grund für Iran, militärisch in die Offensive zu gehen", sagt Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit. Das gleiche gelte für die USA kurz vor der nächsten Präsidentschaftswahl.
Schmucker glaubt deshalb, dass man "den Kriegsdrohungen nicht auf den Leim gehen sollte". Bei Lichte betrachtet hätten die Iraner nicht mehr getan, als ein Manöver abzuhalten. "Dabei haben sie einige Waffen abgefeuert und viel darüber geredet", so Schmucker. "Was ist daran besonders?"
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