Einfrieren nach dem Tod Eiskalte Hoffnung 

Irgendwann in der Zukunft wird ihr eingefrorener Körper aufgetaut und sie wieder zum Leben erweckt: Daran glaubte eine verstorbene 14-jährige Britin - und viele andere auch. Was steckt hinter der Kryonik?

Paris Match/ Getty Images

Es ist eine seltsame Entscheidung, die sich ein 14 Jahre altes Mädchen aus London erstritten hat: Die unheilbar an Krebs erkrankte Jugendliche wollte nach ihrem Ableben von einem Kryonik-Unternehmen eingefroren werden. Deshalb kämpfte sie vor Gericht für das Recht auf Hoffnung auf ein späteres Leben.

Denn die Anhänger der Technik setzen darauf, dass irgendwann einmal, wenn die Wissenschaft viel weiter als heute ist, ihr Körper aufgetaut und wieder zum Leben erweckt werden kann - und in diesem Fall der tödliche Krebs therapierbar ist.

"Ich glaube, die Konservierung durch Einfrieren gibt mir die Chance, geheilt und wieder aufgeweckt zu werden - und wenn es erst in Hunderten von Jahren ist", sagte das Mädchen.

Ein Weg zur Unsterblichkeit, das klingt nach Science-Fiction. Und das ist es auch. Doch auch wenn Unternehmen mit der Hoffnung auf Leben Geschäfte machen, wird an der Technik für das Einfrieren seit Jahrzehnten gearbeitet. Wie funktioniert sie?

Sekundenschnell konserviert

Chemische Reaktionen wie die Verwesung bleiben bei sehr tiefen Temperaturen aus. Deshalb kühlen die Kryonik-Techniker die Körper meist auf eine Temperatur von minus 196 Grad Celsius herunter und lagern sie in Behältern mit flüssigem Stickstoff, einer klaren, farblosen Flüssigkeit.

Bei der sogenannten Kryokonservierung wird der Körper nicht einfach nur eingefroren. Das Blut wird kurz nach dem klinischen Tod durch eine spezielle Kühlflüssigkeit ausgetauscht - so will man Zellschäden verhindern.

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Kryonik: Eiskalte Hoffnung

Zudem gilt es, die Bildung von Eiskristallen zu vermeiden. Diese würden zu kleinen Verletzungen auf Zellebene führen, die bei einem späteren Auftauen nicht behoben werden könnten. Davor schützt eine Technik mit Namen Vitrifizierung. Dabei wird das Gewebe schlagartig heruntergekühlt - es erstarrt zu einer brüchigen, glasartigen Substanz - die Entstehung von Kristallen wird vermieden. Diese Technik des sehr schnellen Einfrierens kommt etwa auch bei der Konservierung von unbefruchteten Eizellen (Social Freezing) zur Anwendung.

Die Anbieter der Technik beschränken sich vorwiegend auf die bestmögliche Konservierung des Gehirns, dem wichtigsten menschlichen Organ. Denn um eine optimale Erhaltung von allen Teilen des Körpers zu erreichen, müsste für jeden Zelltyp einzeln ein eigenes, spezielles Frostschutzmittel eingesetzt werden - das ist nicht möglich. Doch die Anhänger der Technik glauben, dass eines Tages die beschädigten Strukturen der Körpers durch künstlich hergestelltes biologisches Gewebe ersetzt werden können.

Zum Einfrieren in die USA oder nach Russland

Schon seit den Sechzigerjahren tüfteln Pioniere wie der US-Amerikaner Robert Ettinger an der Kryonik. Er gründete in der Nähe von Detroit das Cryonics Institute. Bereits 1967 wurde mit dem Psychologieprofessor James Bedford der erste Mensch nach seinem Tod eingefroren und konserviert. Zudem bietet in den USA auch Alcor die Konservierung von Toten an. Bei dieser Gesellschaft müssen Kryoniker zu Lebzeiten Mitglied werden. In Russland lagert das kommerzielle Unternehmen Kriorus etliche tote Optimisten eingefroren in Tiefkühlbehältern. Die Kosten bewegen sich zwischen 27.000 und 150.000 Euro. Auch das Einfrieren von einzelnen Organen oder nur des Kopfes ist möglich.

In Deutschland setzt sich die Gesellschaft für Angewandte Biostase (DGAB) für kryonische Verfahren ein. Die Toten dürfen aus rechtlichen Gründen aber nicht langfristig in Deutschland gelagert werden - das gilt juristisch als Bestattung. Deshalb werden sie meist in die USA überführt.

Doch selbst wenn die Konservierung des toten Körpers gut funktionieren würde: Wie soll er jemals wieder zum Leben erweckt werden können?

Hoffnung gibt den Kryonikern der Fall der Schwedin Anna Bågenholm: Die Ärztin stürzte 1999 bei einem Skiunfall in einen eisigen Fluss und wurde unter die Eisdecke gezogen. Dank einer Luftblase konnte sie zwar atmen, aber um gegen die starke Strömung anzukommen, reichte ihre Kraft nicht. Als nach über einer Stunde endlich die Retter eintrafen, war sie klinisch tot.

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Mekkas der Moderne - Alcor Life Extension Foundation: Auferstehung auf Knopfdruck

Ihre Körpertemperatur lag unter 14 Grad Celsius, die Atmung hatte ausgesetzt und es waren keinerlei Hirnaktivitäten mehr messbar. Dennoch reanimierten die Ärzte die 29-Jährige, sie schlossen sie an eine Herz-Kreislauf-Maschine, einen Sauerstoffanreicherer und einen Wärmetauscher an. Ihre Blut wurde aufgewärmt, mit Sauerstoff versorgt und wieder in ihren Körper gepumpt.

Bis dahin war kein Fall bekannt, bei dem ein Mensch mit einer so niedrigen Temperatur überlebt hätte. Doch die Frau wachte nicht nur wieder auf, sie trug zudem nicht einmal Schäden davon. Die Ärzte glauben, dass das nur möglich war, weil ihr Gehirn sehr schnell abgekühlt und damit in einem nahezu unbeschädigten Zustand konserviert wurde. Zudem war ihr junges Herz sehr gut trainiert.

Verschiedene Forscher haben sich seitdem mit dem Fall von Bågenholm beschäftigt: Inzwischen wird eine ähnliche Technik auch bei Operationen am Herzen angewendet - der Körper des Patienten wird dabei aber nicht ganz so stark heruntergekühlt. Nach der Operation kann der Patient wieder aufgewärmt werden, das Herz fängt wieder an zu schlagen.

Ob das auch bei der 14-jährigen Britin jemals wieder der Fall sein wird, erscheint dagegen immer noch wie Science-Fiction. Selbst einige Kryoniker beziffern die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Reanimation irgendwann einmal in der Zukunft auf ein bis fünf Prozent. Jedenfalls nach dem Stand der heutigen Forschung.

joe

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kai kojote 19.11.2016
1.
Die Leute müssten gleich mehrfach aus dem Tod geholt werden: Aus dem Gefriertod, aus dem Tod durch Krankheit, und ggf. auch noch aus dem Tod durch Enthauptung der Leiche, und dann müsste der Wiederbelebte auch noch von der Krankheit geheilt werden an der er bereits verstorben war. Ich glaube wenn die Menschheit jemals so weit sein sollte, hat sie ganz andere Sorgen als vor hunderten Jahren verstorbene. Für eine Gesellschaft die den Tod nicht kennt ist das Leben vermutlich nicht sonderlich wertvoll.
Friedrich der Streitbare 19.11.2016
2. Scharlatanerie
Ein anderer Begriff fällt mir für die angebliche Kryokonservierung nicht ein. Und dies sage ich als jemand, zu dessen täglich Brot die Kryokonservierung von Zellen gehörte. Schon die Anwendung des Begriffes Vitrifizierung im Zusammenhang mit dem Wort Sekunden - eine halbe Ewigkeit für eine echte Vitrifizierung - verrät entweder Ahnungslosigkeit oder Verlogenheit. Ebenso die Suggestion, die Substitution von Blut durch mit Gefrierschutzmittel versetzter Flüssigkeit würde die übrigen Körperzellen vor Gefrierschäden schützen. Die einzigen Zellen, die da geschützt werden, sind die entfernten Blutzellen. Aber als Geschäftsmodell ist es ideal: die Bezahlung ist gesichert, der Kunde wird sich nie beschweren können. p.s bei der Billig-Variante wird nur der abgetrennte Kopf kryokonserviert. Eigentlich konsequent, denn wenn die Techniken soweit fortgeschritten sind, wird das bischen Anstöpseln des Kopfes auf einen Ersatzkörper ja wohl problemlos möglich sein.
Das Pferd 19.11.2016
3.
Zitat von Friedrich der StreitbareEin anderer Begriff fällt mir für die angebliche Kryokonservierung nicht ein. Und dies sage ich als jemand, zu dessen täglich Brot die Kryokonservierung von Zellen gehörte. Schon die Anwendung des Begriffes Vitrifizierung im Zusammenhang mit dem Wort Sekunden - eine halbe Ewigkeit für eine echte Vitrifizierung - verrät entweder Ahnungslosigkeit oder Verlogenheit. Ebenso die Suggestion, die Substitution von Blut durch mit Gefrierschutzmittel versetzter Flüssigkeit würde die übrigen Körperzellen vor Gefrierschäden schützen. Die einzigen Zellen, die da geschützt werden, sind die entfernten Blutzellen. Aber als Geschäftsmodell ist es ideal: die Bezahlung ist gesichert, der Kunde wird sich nie beschweren können. p.s bei der Billig-Variante wird nur der abgetrennte Kopf kryokonserviert. Eigentlich konsequent, denn wenn die Techniken soweit fortgeschritten sind, wird das bischen Anstöpseln des Kopfes auf einen Ersatzkörper ja wohl problemlos möglich sein.
das ist ja genial, dann bin ich endlich mein Übergewicht los. Kann man sich auch einen Körper wünschen?
wasnulos 19.11.2016
4. Ist halt eine neue
und etwas mehr Kosten verursachende Art des Gedenkens. Klassische Grabstätten kosten auch gerne mal 30K für 25 Jahre "Mietdauer". Von daher, wer das Geld hat soll trauern wie er möchte. Geringe Chance später weiter zu leben gegen definitiv "out of the Game", hat was von Lotto spielen oder Spon Kommentare nachvollziehen zu wollen ;) Liebe Grüße Wasnu
brucewillisdoesit 19.11.2016
5. nanana
Das mit der Scharlatanerie ist etwas übertrieben. Sofern Sie nicht an eine Seele oder ähnliches Zeug glauben, ist es das beste was man tun kann, denn die Chancen wiederbelebt zu werden stehen rational betrachtet nach Einfrieren und Lagerung in flüssng N2 (und damit Konservierung der Persönlichkeit in Form der neuralen Verschaltung) deutlich besser, als nach einigen 100 Jahren vermodern im Erdreich, oder nach Verbrennung. Richtig ? Das die Kryonik-Methoden alles andere als optimal sind, daß es selbstverständlich zur Kristallbildung kommt, die praktisch alle zellullärn Inhalte mehr oder weniger irreversibel shreddert und eine Reanimation dieses Gewebes damit, sagen wir es vorsichtig, eher "fraglich" ist, stimmt natürlich. Ebenso die Tatsache, das es ein Geschäftsmodell ist, mit der (ausgesprochen berechtigten) Angst der der Menschen vor dem Ende der eigenen Existenz als denkende Entität Geschäft zu machen. Alles vollkommen richtig. Es ändert aber nichts an der Tatsache das rational gesehen, die Chancen für eine eventuelle Weiterexistenz nach dem formalen Ableben eingefroren schlichtweg höher sind, als nach klassischer Bestattung. Die Frage ist: ist mir die 1% (oder vermutlich eher 0.01%) Chance ggf. weiterzuleben das Risiko wert Geld zu verlieren ? Das muß jeder imho für sich selbst entscheiden. Rein wissenschaftlich betrachte sollte übrigens in der Tat die DNA und die komplette Erhaltung des Connectoms ausreichend für eine Reanimation bei ausreichend fortgeschrittener Technik sein (das wir selbst im besten Fal eher von Jahrhunderten sprechen und die Kryonik Firmen vorher vermutlich alle Pleite sind und den Betrieb/Kühlung nicht aufrecht erhalten könenn, steht auf einem anderen Blatt). Scharlatanerie wäre es aber nur dann, wenn die theoretische Chance auf Reanimation bei 0% liegen würden. Wie gesagt, so lange sie nicht an obskure DInge wie eine Seele oder eine vita animalis oder sowas glauben, sondern beinharter Naturwissenschaftler sind, ist dem aber nicht so. Sie haben mit allen Argumentan inhaltlich recht, aber nicht mit der Schlußfolgerung, denn es mag Menschen geben, denen eine Wahrscheinlichkeit x mit x > 0 zu überleben (auch wenn x infinitesimal gegen 0 geht) durchaus Geld wert im Vergleich zum 100% garantiereten ableben. Ich vermute wenn Sie menschen Minuten vor ihrem Ableben diese Frage stellen würden sich vermutlich recht viele für erstere Option entscheiden. Das ist zwar primär emotional (Furcht-getrieben), aber formal gesehen durchaus logisch-rational.
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