Künstliche Intelligenz Ein Gott braucht keine Lehrmeister

Vor Kurzem ist etwas passiert, das die Geschichte der Menschheit mindestens so sehr verändern wird wie die Erfindung des Telefons. Mitbekommen hat es kaum jemand. Es geht um künstliche Intelligenz.

Gottesdarstellung von Michelangelo
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Eine Kolumne von


Ereignisse von menschheitsgeschichtlicher Relevanz werden oft erst viel später als solche erkennbar. Als zum Beispiel Antonio Meucci Mitte des 19. Jahrhunderts den Fernsprechapparat erfand, weil seine Frau aufgrund einer Krankheit nicht mehr ihr Zimmer verlassen konnte, erfuhr die Welt zunächst nichts davon. Dass das Telefon Wirtschaft, Gesellschaft, das menschliche Zusammenleben insgesamt völlig umkrempeln würde, war vermutlich nicht einmal Meucci selbst klar. Anderes schien wichtiger damals.

Im Oktober 2017 wird in Deutschland um eine nie dagewesene Koalition gerungen, in den USA twittert sich Donald Trump immer weiter ins historische Abseits, Recep Tayyip Erdogan lässt ausländische Gäste nach Gutdünken einsperren oder freilassen. Auch da kann ein Ereignis von menschheitsgeschichtlicher Relevanz von der breiten Öffentlichkeit schon mal fast übersehen werden.

Nützlichkeit wächst in gewaltigem Tempo

Aber was ist denn passiert? Googles Künstliche-Intelligenz-Tochter Deepmind hat mal wieder einen Forschungsbericht über ein System veröffentlicht, dass toll Go spielen kann. Wenn Sie sich mit dem Themengebiet auskennen, werden Sie jetzt vielleicht sagen: "Na und, alter Hut, da war doch schon dieses AlphaGo vor eineinhalb Jahren, das einen der damals weltbesten Spieler mit 4:1 vom Platz fegte."

Für alle, für die auch das noch Neuigkeiten sind, hier noch mal die Kurzfassung: Go galt bis zu diesem Sieg als das Spiel, das Computer noch viele Jahre nicht so gut spielen können würden wie Menschen. Es gibt zu viele Kombinationsmöglichkeiten, um mit schierer Rechenleistung besser zu sein als ein Mensch. Gute Go-Spieler brauchen das, was wir Menschen Intuition nennen.

AlphaGo aber ist nicht einfach ein Computer, es bestand aus mächtiger Hardware und drei Hand in Hand arbeitenden Softwaresystemen. Zwei davon waren sogenannte neuronale Netze.

Diese neuronalen Netze gibt es schon seit Jahrzehnten, aber in den letzten paar Jahren ist ihre Nützlichkeit in gigantischem Tempo gewachsen. Noch immer sind Rechner am Werk, aber die Art, wie sie die Welt simulieren, ist bei neuronalen Netzen fundamental anders als bei herkömmlicher Software. Was sie besonders gut können, so wie menschliche Gehirne, ist Lernen.

Zuerst 60:0, dann 100:0

AlphaGo lernte damals mit zwei unterschiedlichen Methoden: Es wurde mit Zehntausenden historischen Go-Partien gefüttert - und es spielte gegen sich selbst. Auf diese Weise trainierten seine Schöpfer es binnen weniger Monate von einem System, das den europäischen Go-Champion schlagen konnte - in der Go-Szene nicht gerade eine Legende - bis hin zu dem mächtigen Werkzeug, das das weltweit verehrte Go-Genie Lee Sedol demütigte.

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Spielregeln einfach erklärt: So geht Go

Danach hat Deepmind nicht aufgehört, was dann nicht mehr so viel Aufmerksamkeit erregte. Anfang 2017 veranstaltete die Firma noch ein Go-Event. Eine neue Version von AlphaGo mit dem Beinamen "Master" trat darin gegen eine ganze Reihe der besten Go-Spieler der Welt an - und gewann sechzig zu null. Auch dieses System war zu Beginn mit geballtem menschlichem Go-Wissen gefüttert worden.

Und jetzt das.

Am 19. Oktober erschien in "Nature" ein Fachartikel über das jüngste Kind der AlphaGo-Familie, dieses trägt den Beinamen Zero. Es läuft auf deutlich einfacherer Hardware als das Monster, das 2016 Lee Sedol schlug, und es kommt mit nur einem neuronalen Netz aus, das im Konzert mit einem anderen KI-System arbeitet.

Der Emporkömmling ist Autodidakt

AlphaGo Zero bekam keinerlei Hinweise auf gute Strategien. Man brachte ihm lediglich die Spielregeln bei (siehe Bilderstrecke oben). Binnen drei Tagen spielte AlphaGo Zero 4,9 Millionen Partien gegen sich selbst. Anfangs noch zufällig und dann immer besser. Es lernte aus seinen Fehlern - und zwar auf beiden Seiten des virtuellen Spielbretts. So ähnlich wie der von den Nazis eingesperrte Dr. B. in Stefan Zweigs "Schachnovelle".

Nach diesen ersten drei Tagen trat AlphaGo Zero gegen seinen älteren Bruder an, das System, das im März 2016 das Go-Genie Lee Sedol geschlagen hatte. Der Autodidakt AlphaGo Zero schlug das ältere, auch auf Basis menschlicher Inputs trainierte System mit 100 zu 0.

Go-Duell Mensch gegen AlphaGo (Mai 2017)
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Go-Duell Mensch gegen AlphaGo (Mai 2017)

Danach trainierte AlphaGo Zero weiter, biblische 40 Tage lang, und trat anschließend gegen seinen anderen älteren Bruder an, AlphaGo Master. Das System also, das noch Monate zuvor gleich mehrere der weltbesten Spieler vernichtend geschlagen hatte. Wieder gewann der Emporkömmling, der ohne menschlichen Input Go trainiert hatte, diesmal mit 89 zu 11.

"Wie ein Gott"

Menschen spielen seit etwa 2500 Jahren Go. Schon nach dem ersten Sieg von AlphaGo gegen Lee Sedol war klar, dass künftig Menschen von Maschinen lernen könnten. Nun aber, eineinhalb Jahre später, hat ein in Sachen Hardware und Software weniger aufwendiges System binnen drei Tagen eine noch vergangenes Jahr unerreichte Meisterschaft in dem Spiel erlangt. Und das, ohne eine einzige Information über von Menschen erdachte Strategien zu bekommen.

Auf neuronalen Netzen basierende Systeme können nicht nur Go spielen, sie lassen sich für eine Vielzahl von Problemstellungen einsetzen: von Bilderkennung über Übersetzungen bis hin zur Krebserkennung oder der Entwicklung neuer Werkstoffe oder Medikamente. Sie werden in naher Zukunft Probleme lösen, an denen die Menschheit seit Jahrhunderten scheitert. Und zwar, wenn sich das Problem ausreichend exakt beschreiben lässt, ohne unsere Hilfe. Wir werden diese Lösungen womöglich nicht mehr verstehen, auch wenn sie funktionieren.

Als Ke Jie, der derzeitige Go-Weltmeister, im Mai gegen AlphaGo Zeros Vorgängerversion verlor, sagte er hinterher, die Software habe noch 2016 wie ein Mensch gespielt, nun aber habe sie sich in einen "Go-Gott" verwandelt. Aber eben einen Gott mit menschlichen Lehrmeistern.

Der neue Go-Gott brauchte keine mehr.

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insgesamt 240 Beiträge
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Seite 1
frytom 29.10.2017
1. Die Zeitfalle
Die Probleme, die die Menscheit mit sich selbst und gerade den Anderen und ihren Dependenzen hat, lassen sich nicht durch Andere lösen, nur wir selbst müssen endlich in den Spiegel blicken und unsere fundamentalen, akkumulierten Fehler erkennen und die Aufhebung suchen! Wir spiele gerne Götter, halten unsere Egos allesamt für Gotteswesen. Nun wir sind keine. Punkt. Nur simple Lebewesen, wie die Anderen auch. Weder sind wir besser noch schlauer. Die Zeit arbeitet gegen uns.
uherm_ 29.10.2017
2. Unfassbar
Danke für den Beitrag. Das wäre mir sonst entgangen. Es ist unfassbar. Was vor 1-2 Jahren noch undenkbar erschien, ist Wirklichkeit geworden. Wann entwickelt sich ein eigenes Bewusstsein? Da will man keine Prognose mehr wagen. Aber viele von uns werden es bestimmt noch erleben.
aysnvaust 29.10.2017
3. Das ist in der Tat...
...bemerkenswert und markiert einen Meilenstein. Und, wie der Autor richtig mutmaßt, es war mir vollkommen entgangen. Danke für den Artikel, guter Gesprächsstoff für das heutige Abendessen...
nadennmallos 29.10.2017
4. Faszinierend ...
... und zukunftsweisend, ohne Frage. KI ist d a s Thema der kommenden Jahre. Es wäre natürlich schön, wenn dann die KI auch solche Problemfälle hinbekommen würde wie: Exakte Klimaentwicklungen, Korrekturen politischer Problemstellungen à la Trump, Lösungen des Nahostkonflikts, wann bricht der Vesuv aus, warum wird BER nicht rechtzeitig fertig, usw., usw. Aber Spaß beiseite: Wir sollten bei alledem nicht vergessen, dass die KI uns dient und, ein wichtiger Punkt, auch der ethische Faktor nicht zu kurz kommt. Ich fürchte, dass die Weiterentwicklung der KI in erster Linie den Götter "Wachstum und Macht" in die Hände spielt.
jens.kramer 29.10.2017
5. Na und?
So ein KI-Gebilde gewinnt bestimmte Spiele oder trifft irgendeine möglichst optimale Entscheidung und braucht dazu eine vorher geleistete Konditionierung und Einspeisung. Wenn man diese "Intelligenz" in einen Wald stellt und sich selbst überlässt, ist die Kunst sofort zu Ende.
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