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Länder-Rangliste: Experten decken Schluderei mit Atomwaffen auf

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Es ist ein sicherheitspolitisches Horrorszenario: Nukleare Stoffe gelangen in die Hände von Terroristen. Dutzende Staaten verfügen über waffenfähiges Atom-Material - wie gut ist es geschützt? Internationale Experten haben erstmals einen globalen Ländervergleich erstellt.

Atomwaffen-Material: Die allgegenwärtige Gefahr Fotos
AFP

Die "Zutaten für den perfekten Sturm" seien bereits beisammen, sagte Sam Nunn. "Es existiert ein ausgiebiger Vorrat an waffenfähigem Nuklearmaterial, der zum Teil nur unzureichend gesichert ist", erklärte der Mitbegründer der Nuclear Threat Initiative (NTI). "Und es gibt entschlossene Terror-Organisationen, die öffentlich deutlich gemacht haben, Atomwaffen einsetzen zu wollen." Das sei für Terroristen zwar nicht leicht, "aber alles andere als unmöglich".

Mit dieser düsteren Warnung bilanziert der ehemalige US-Senator ein einmaliges Projekt: einen Überblick über die Sicherheit der globalen Arsenale an atomwaffenfähigem Spaltmaterial. In einem aufwendigen Verfahren hat die NTI, ein renommierter Think Tank in Washington, gemeinsam mit dem auf Risiko- und Länderanalysen spezialisierten Economist Intelligence Unit (EIU) zahlreiche Datenbanken durchsucht, Berichte ausgewertet und mit externen Fachleuten gesprochen.

Der jetzt veröffentlichte "Nuclear Materials Security Index" enthält eine Rangliste der 32 Staaten, die mehr als ein Kilogramm Plutonium oder hochangereichertes Uran besitzen. Anhand von zahlreichen unterschiedlich gewichteten Kriterien ist ablesbar, wo die waffenfähigen Spaltstoffe am sichersten untergebracht sind - und wo sie am leichtesten abhanden kommen könnten. Eingeflossen sind Faktoren wie die Gesamtmenge an Nuklearmaterial, die Sicherheitsvorkehrungen in den Anlagen vor Ort, die nationale Gesetzeslage, die Beachtung internationaler Normen und die politische Stabilität.

Größte Gefahr in Nordkorea und Pakistan

Am unteren Ende der Rangliste finden sich die üblichen Verdächtigen: Nordkorea auf dem 32. und damit letzten Platz, darüber liegen Pakistan und Iran. Auch Indien (28), China (27) und Russland (24) liegen im unteren Drittel - was beunruhigend ist, da Russland über das weltweit größte Atomwaffen-Arsenal verfügt.

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Globaler Index: Die Sicherheit nuklearer Materialien
Am sichersten sind Nuklearmaterialien dem Index zufolge in Australien aufgehoben. Das liegt nicht nur daran, dass das Land in Sachen Sicherheitsvorkehrungen, Gesetzeslage und Einhaltung globaler Normen vorbildlich ist. Eine entscheidende Rolle spielen die Mengen an waffenfähigem Uran und Plutonium, und die sind in Australien gering. Je weniger Material es gibt, desto weniger kann passieren - davon profitieren auch Ungarn, Tschechien, die Schweiz, Österreich, die Niederlande, Schweden, Polen und Norwegen, die in dieser Reihenfolge die Plätze zwei bis neun im NTI-Ranking belegen.

Und Deutschland? Teilt sich Platz zehn mit Kanada und Großbritannien, danach kommen die USA und Belgien - und das, obwohl die Bundesrepublik inzwischen den Atomausstieg beschlossen und nie ein Nuklearwaffenprogramm verfolgt hat. Der Grund ist nicht nur die große Menge an waffenfähigem Nuklearmaterial auf deutschem Boden. Die NTI hat Deutschland in drei weiteren Disziplinen nur 50 von 100 möglichen Punkten gegeben: Sicherheit von Atomtransporten, Auswahl des Sicherheitspersonals und die Zahl von Gruppen, die an der illegalen Beschaffung von Nuklearmaterial interessiert sind. Welche dies in Deutschland sein könnten, geht aus den veröffentlichten Daten nicht hervor.

Angst vor Terror mit Nuklearmaterial

Die hinter allem stehende Frage lautet freilich, von welchem Land die größte Gefahr hinsichtlich nuklearen Terrors ausgeht. Eine Antwort darauf kann der NTI-Index aus zwei Gründen bestenfalls eingeschränkt liefern: Die Informationen aus manchen Staaten sind lückenhaft, und der Bericht konzentriert sich auf waffenfähiges Spaltmaterial. Terroranschläge können allerdings auch mit wesentlich leichter verfügbaren radioaktiven Stoffen etwa aus der Medizin oder der Industrie verübt werden.

So bekommt Pakistan wegen seiner politischen Instabilität und der Aktivität von Terrorgruppen schlechte Noten. "Doch die dortigen Sicherheitsvorkehrungen sind womöglich besser als wir gemessen haben", erklärt Deepti Choubey, NTI-Expertin für Atom- und Biosicherheit, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es gibt in Pakistan und anderen Staaten Probleme mit der Transparenz." Das sorge zwar ebenfalls für eine Abwertung, doch der Einblick in die wirklichen Verhältnisse bleibt versperrt.

Auch die "gesellschaftlichen Faktoren" sind, anders als viele andere Größen, nur schwer zu erfassen. Zu ihnen gehören etwa die Verbreitung von Korruption oder die Aktivitäten terroristischer Gruppen. "Es ist schwierig, in Erfahrung zu bringen, wo solche Gruppen ihre Basis haben, wie sie bewaffnet sind und welche Ziele sie verfolgen", sagt Choubey. Deshalb habe man diesem Faktor auch nur ein geringeres Gewicht in der Gesamtschau gegeben - "um die Ergebnisse nicht zu verzerren".

Nicht waffenfähiges Material bleibt unberücksichtigt

Zudem ist umstritten, welche Rolle waffenfähige Nuklearmaterialien für den Terrorismus spielen. Plutonium und hochangereichertes Uran unterliegen auch in Drittweltstaaten scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Zudem wäre der Diebstahl solchen Materials nur der erste Schritt. Die Konstruktion und der Transport einer funktionierenden Atombombe sind Herausforderungen, für deren Bewältigung selbst Staaten viele Jahre brauchen, obwohl sie über weit größere Ressourcen verfügen als Terror-Organisationen.

Neben hochangereichertem Uran und Plutonium gibt es allerdings viele andere, ebenfalls hochgefährliche radioaktive Stoffe, die selbst in Industriestaaten vergleichsweise leicht zu beschaffen sind. Zu ihnen gehören Cäsium-137, Kobalt-60, Iridium-192 und Strontium-90, die in medizinischen oder industriellen Geräten eingesetzt werden. Solche Materialien könnten nach Befürchtung von Experten am ehesten für eine schmutzige Bombe benutzt werden, - einen konventionellen Sprengsatz, der strahlendes Material in der Umgebung verteilt. Doch diese Materialien werden im NTI-Bericht nicht berücksichtigt. "In den kommenden Ausgaben des Berichts wird sich das eventuell ändern", kündigt Choubey an.

"Sicherheit ist nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette"

Zwar ist ein Anschlag mit einer echten Atomwaffe wesentlich weniger wahrscheinlich als der mit einer schmutzigen Bombe, dafür aber wäre der potentielle Schaden umso verheerender. Um an die Materialien für eine Atomwaffe zu kommen, "werden Terroristen nach den verwundbarsten Stellen suchen", warnt NTI-Chef Nunn. "Die globale Nuklearsicherheit ist nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette."

Das Problem: Diese Kette, das zeigt der NTI-Bericht eindrucksvoll, hat nicht nur ein schwaches Glied, sondern gleich mehrere. Zudem gibt es nach Angaben des NTI "keinen globalen Konsens darüber, welche Schritte die wichtigsten sind, um die gefährlichsten Materialien der Welt vor Diebstahl zu sichern."

Hinzu kommt, dass der globale Bestand an waffenfähigem Spaltmaterial keineswegs sinkt, wie man angesichts der Abrüstungsprogramme seit Ende des Kalten Krieges glauben könnte. Das International Panel on Fissile Materials (IPFM) schätzt in seinem jüngstem Bericht, dass es 2011 noch immer rund 19.000 Atomwaffen gab, davon 18.000 in den Arsenalen der USA und Russlands. Der weltweite Bestand an hochangereichertem Uran betrage rund 1440 Tonnen, was für rund 60.000 einfache Atombomben des Hiroshima-Typs reichen würde.

Zwar sei der Bestand an hochangereichertem Uran leicht rückläufig, dafür aber wachse der Vorrat an Plutonium, der 2011 rund 495 Tonnen erreicht habe. Indien, Pakistan und möglicherweise Israel produzieren laut IPFM den Stoff nach wie vor - "und der Bestand wird noch viel schneller wachsen, wenn Indien und China ihre geplanten Wiederaufbereitungsprogramme umsetzen", warnt das IPFM. Schon in Großbritannien, Frankreich und Russland hat diese zivile Nutzung der Atomenergie zur Anhäufung großer Plutonium-Mengen geführt. Auch Iran steigert seine Bemühungen in Sachen Urananreicherung.

Der Zweck des NTI-Berichts sei nicht, manchen Ländern zu gratulieren und andere zu kritisieren, betonte Nunn. Man müsse sich etwas anderes fragen: "Wenn wir einen katastrophalen nuklearen Terrorangriff auf Moskau oder New York, auf Tokio oder Tel Aviv erlebten - was würden wir uns dann wünschen, vorher getan zu haben?"

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insgesamt 26 Beiträge
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1. ...
NaljiaSkal 20.01.2012
Ich frage mich wirklich wie die die Sicherheitsmaßnahmen in Nordkorea überprüft haben wollen.
2. ...
seine_unermesslichkeit 20.01.2012
Zitat von sysopEs ist ein sicherheitspolitisches Horrorszenario: Nukleare Stoffe*gelangen in die Hände von Terroristen.*Dutzende Staaten verfügen über*waffenfähiges Atom-Material - wie gut ist es geschützt? Internationale Experten haben erstmals einen globalen Ländervergleich erstellt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,810099,00.html
Und immer wieder wird man erst im Nachhinein schlau sein. Aber dann ist es zu spät! Zitat: "Wenn wir eine katastrophalen nuklearen Terrorangriff auf Moskau oder New York, auf Tokio oder Tel Aviv erlebten - was würden wir uns dann wünschen, vorher getan zu haben?"
3. Jo
kuddelb 20.01.2012
Danke !
4.
Acrylium 20.01.2012
Zitat von NaljiaSkalIch frage mich wirklich wie die die Sicherheitsmaßnahmen in Nordkorea überprüft haben wollen.
Das habe ich mich auch gefragt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in solch einer repressiven Diktatur irgend jemand in ein Waffenlager gehen kann und eine große Menge Material mitnimmt ohne dass ihn Militär, Geheimpolizei oder sonstige Überwachungsorgane aufhalten.
5.
veritysniper 20.01.2012
Was macht mir nun mehr Angst? Nukleare Stoffe in den Händen von irgendwem? Oder Panikmache von Organisationen, deren Gründer erfahrene Bilderberger sind?
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Globale Atomwaffen-Arsenale
Land
Bestand
Russland 11.000*
USA 8.500**
Frankreich ca. 290
China 240
Großbritannien 225
Israel 80
Pakistan 90-110
Indien 80-100
Nordkorea weniger als 10
Gesamt ca. 20.500
*davon 2430 einsatzfähig und 3000 außer Dienst
** davon 2150 einsatzfähig und 3500 außer Dienst
Quelle: FAS; Stand: 7. Juni 2011

Uran-Anreicherung: Spaltstoff aus der Zentrifuge Zur Großansicht
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Uran-Anreicherung: Spaltstoff aus der Zentrifuge

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.


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