Revolution im Ackerbau Doping fürs Asia-Food

Die Bevölkerung wächst und mit ihr der Hunger auf Fleisch. Das treibt die chinesische Landwirtschaft an ihre Grenzen, auf Kosten der Umwelt. Eine neue Anbautechnik könnte den Trend stoppen - nicht nur in China.

Von Timo Stukenberg

Weniger macht mehr: Mit einer neuen Anbaumethode könnten die Erträge von Reis, Weizen und Mais deutlich gesteigert werden
Guohua Mi

Weniger macht mehr: Mit einer neuen Anbaumethode könnten die Erträge von Reis, Weizen und Mais deutlich gesteigert werden


Chinesische Bauern könnten weniger Dünger auf ihre Felder aufbringen, der Anbau ihrer Produkte könnte weniger Treibhausgase ausstoßen, weniger Land verbrauchen - und gleichzeitig könnten sie Chinas steigenden Nahrungsbedarf befriedigen. Zumindest wenn sie sich an die Empfehlungen der Wissenschaftler von der chinesischen Landwirtschaftsuniversität in Peking halten, die ihre neue Anbautechnik im Fachmagazin "Nature" vorstellen. Sie nennen ihre Methode Integriertes-Boden-Frucht-Systemmanagement, kurz ISSM.

Der Ansatz klingt auf den ersten Blick simpel. Das ISSM will aus den einzelnen Pflanzen mehr herauskitzeln, ihr "biophysisches Potenzial nutzen" nennen die Forscher das. Das Wort "integriert" in ISSM steht im Pflanzenanbau für die Kombination aus verschiedenen Erkenntnissen. Welche Sorte soll der Bauer anpflanzen? Wie bearbeitet er am besten den Boden? Und natürlich: Wie düngt er am besten?

Vor allem auf Letzteres konzentriert sich die Studie der chinesischen Forscher. Xinping Chen und Zhenling Cuiie und ihre Kollegen empfehlen, Dünger dann einzusetzen, wenn die Pflanze ihn wirklich braucht. Zum Beispiel, kurz bevor Maispflanzen ihre Maiskolben ausbilden oder sich beim Weizen die Länge der Ähre bestimmt. "Einfach gesagt, ist das eine Optimierung aller Faktoren des Anbausystems", sagt die Agrarwissenschaftlerin Silke Dachbrodt-Saaydeh vom Julius Kühn-Institut in Braunschweig.

Notwendige Ertragssteigerung

Laut Prognosen wächst Chinas Bevölkerung noch bis zum Jahr 2030 - und mit ihr die Nachfrage nach Lebensmitteln. Für China bedeutet das, dass es seine landwirtschaftliche Produktion noch steigern muss, wenn es nicht von Importen abhängig sein will. Die folgende Grafik zeigt den Unterschied zwischen der heutigen Produktion und dem prognostizierten Bedarf 2030.

Vor allem die Nachfrage nach Mais wird steigen. Das geht einher mit einem wachsenden Appetit auf Fleisch, der - nicht nur in China - von steigendem Wohlstand getrieben wird. Schon heute werden nach Aussage der Autoren 74 Prozent der chinesischen Maisernte als Tierfutter verwendet.

Um ihre Anbautechnik zu testen, haben die chinesischen Wissenschaftler ihre ISSM-Methode mit drei anderen verglichen - jeweils für Reis, Mais und Weizen: die herkömmliche Praxis chinesischer Bauern und eine leicht verbesserte Version davon. Außerdem eine intensive, besonders ertragreiche Methode, die keine Rücksicht auf die Umwelt nimmt.

Mehr Ertrag mit weniger Dünger

Die folgende Grafik vergleicht das Ergebnis der vier Methoden auf einen Blick. Sie zeigt, für welche Anbaumethode wie viel Stickstoffdünger eingesetzt wurde und wie viel Ertrag dabei herauskam. Auffällig dabei ist, dass der ISSM-Ansatz fast so viel Ertrag bringt wie die intensive Landwirtschaft - aber nur wenig mehr als die Hälfte des Düngers benötigt.

Von einem aufs nächste Jahr eine größere Ernte einzufahren, ist grundsätzlich möglich, zum Beispiel mit der intensiven Methode. Das setzt aber auch den massiven Einsatz von Dünger voraus. Nachhaltig ist das nicht. Übertreibt ein Bauer es mit dem Dünger, übersäuern die Böden, und er braucht immer neues, fruchtbares Land. Das bedroht immer mehr Gebiete, deren Natur als schützenswert gilt.

Außerdem entstehen durch intensives Düngen Treibhausgase: bei der Produktion, beim Transport und beim Aufbringen des Düngers. Dabei gelangt besonders viel Lachgas in die Atmosphäre. Das gilt als gefährlicher als die berüchtigten FCKW. Der Anbau mit ISSM spart nach Angabe der Autoren rund elf Prozent an Treibhausgasen ein.

Ansatz überall anwendbar

Aber kann die neue Technik Chinas steigenden Nahrungsbedarf tatsächlich nachhaltig decken? "Ja, ISSM kann das zukünftige Ernährungsproblem Chinas lösen", sagt Erstautor Zhenling Cui. "Allerdings müssten dafür Hunderte Millionen kleine Farmen ISSM anwenden."

Auch die Agrarwissenschaftlerin Dachbrodt-Saaydeh ist nur verhalten optimistisch. "Die Studienergebnisse lassen sich nicht exakt in die Praxis übertragen, weil es in der Landwirtschaft häufig zusätzliche Hemmnisse gibt", sagt sie. In der Realität herrschten nun mal keine optimalen Versuchsbedingungen. Bauern mit großen Anbauflächen könnten schlicht nicht alle Pflanzen zum optimalen Zeitpunkt düngen, erklärt sie. Allein die Fahrtwege zwischen einzelnen Feldern nähmen zu viel Zeit in Anspruch.

Die Einsatzmöglichkeiten ihrer Methode sehen Xinping Chen und Zhenling Cui nicht nur in China. "Wir glauben, dass dieser Ansatz überall angewendet werden kann", schreiben sie. Diese Einschätzung teilt Dachbrodt-Saaydeh. In Deutschland werden integrierte Konzepte wie ISSM ebenfalls schon länger angewendet. Für den Erfolg des Konzepts sei aber vor allem eines wichtig: "eine intensive Beratung der Bauern".

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Stefan B. 05.09.2014
1. ...
Machen sich sorgen, wie man in Zukunft die Bevölkerung ernähren kann, aber 74% der Maisernte an Tiere verfüttern mit extrem schlechtem "Wirkungsgrad". Das ist ja wie, kaum Trinkwasser haben, aber die Toilettenspülung mit Trinkwasser betreiben ... ^^
frttchen 05.09.2014
2. Ein einziges Beispiel
wird genannt. Und dann noch ein schw.sinniges. Wenn Mais die Kolben ausbildet, ist er mindestens 1,50 m hoch. Dann kann man nicht mehr gezielt Stickdtoff ausbringen, ohne die Pflanzen platt zu machen. Im übrigen wird bei uns der Mais zu 99 % zu Tierfutter verarbeitet. Wo bleibt die kritische Recherche?
dschiseskreist 06.09.2014
3. Hunderte Millionen?
Kleiner Farmen? Lasst mal die Kirche im Dorf! Das hieße ja das auf 10 Chinesen eine Farm kommt....
specialsymbol 06.09.2014
4. Uiui...
..sehr innovativ. Wie heißt nochmal das berühmte Gartenbuch aus den 80er Jahren? Wo genau das drinstand?
raber 06.09.2014
5. Ackerbau mit Agrotoxics
In vielen Ländern wird, von den Landwirtschaftsfirmen gefördert oder "übersehen", zviel gedüngt oder Gifte eingesetzt. In vielen Ländern werden die Altlasten dann auch "vergessen" und diese Skelette im Keller könnten diese Firmen wieder einholen. Verjährung beim Gesetz schützt nicht vor öffentlicher Kritik und Schaden. Die scheinheiligen Multis, die im Ausland Gen-Forschung treiben, sind die schlimmsten Täter. Die chinesische Initiative scheint interessant zu sein und besonders da sie ertragsbringend und weniger umweltschädlich zu sein scheint.
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