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Laser, Hohlkabel, Neutrinos: Die Zukunft des Hochfrequenzhandels

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Flash-Crash (6. Mai 2010, New York): Limit bei 300.000 Kilometern pro Sekunde Zur Großansicht
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Flash-Crash (6. Mai 2010, New York): Limit bei 300.000 Kilometern pro Sekunde

Computer handeln an Börsen in Millisekunden mit Milliarden. Neue Hohlkabel und Laser könnten den Hochfrequenzhandel noch weiter beschleunigen. Forscher warnen vor unbeherrschbaren Risiken und überraschenden Crashs.

Computer haben die Macht an Börsen weltweit übernommen. Dank ultraschneller Datenübertragung und spezieller Algorithmen wickeln sie Börsengeschäfte so schnell ab, dass Händler aus Fleisch und Blut das Nachsehen haben. Trader haben für den Hochfrequenzhandel eigens Glasfasernetze aufgebaut, die alle wichtigen Börsenplätze verbinden.

Doch es könnte bald noch viel schneller gehen. In einem "Nature"-Kommentar beschreibt der Wissenschaftsjournalist Mark Buchanan, welch spektakuläre Wege der Hochfrequenzhandel in Zukunft nehmen könnte. Eine ganze Armada von Ballons und solarbetriebenen Drohnen könnte ein weltumspannendes Nachrichtennetz bilden, durch das Börseninformationen hin- und herjagen.

Der ideale Standort für Computerbroker, die zugleich in Chicago und London aktiv sind, liegt genau in der Mitte zwischen den Metropolen im Atlantik. Dort schwimmende Schiffe hätten gegenüber jedem anderen Punkt auf der Erde einen kleinen, aber entscheidenden Informationsvorsprung. Die Computer könnten minimale Preisunterschiede zwischen Chicago und New York ausnutzen, weil sie davon vor allen anderen Händlern und Handelscomputern wissen. Es gibt auch schon einen Namen für dieses spezielle Geschäftsmodell: relativistische Arbitrage.

Das Beispiel zeigt, dass bei der Datenübertragung noch einiges rauszuholen ist. Daten können zwar nicht schneller als Licht übertragen werden, doch die Lichtgeschwindigkeit selbst hängt vom Medium ab, durch das die Photonen rasen.

Kürzester Weg? Quer durch die Erde

Die verbreiteten Glasfaserkabel sind vergleichsweise langsam. Photonen bewegen sich darin nämlich nur mit etwa 200.000 Kilometern pro Sekunde (km/s). Im Vakuum und auch in der Luft sind es hingegen 300.000 km/s. In den USA, aber auch in London und Frankfurt, werden Daten inzwischen zwar auch mit Infrarot-Lasern durch die Luft übertragen. Doch Laser sind wetterabhängig - ein Problem nicht nur im regnerischen London.

"Der nächste Schritt dürften Hohlkern-Glasfaserkabel sein", sagt Buchanan. Durch sie könne Licht praktisch so schnell rasen wie durch Luft. Die so gewonnenen Sekundenbruchteile können im Handel entscheidend sein, auch wenn neue Kabel erst einmal teuer sind.

Hohlkernfasern haben einen zentralen Luftkanal, durch den das Licht geleitet wird. Der spezielle Aufbau der den Luftkanal umgebenden Fasern sorgt dafür, dass die Photonen den Kanal seitlich nicht verlassen können.

"In ein paar Jahren wollen Händler vielleicht sogar über Neutrinos kommunizieren", schreibt Buchanan. Der Vorteil: Neutrinos können den kürzesten Weg quer durch die Erdkugel mit 300.000 km/s nehmen. Sie wären also noch schneller als Laserstrahlen, die der gekrümmten Erdoberfläche folgen müssen. Eine bezahlbare Technologie für Neutrinos muss allerdings erst noch entwickelt werden. Detektoren dafür sind riesig und teuer.

Dow-Jones verliert 1000 Punkte

Die technischen Herausforderungen des Hochfrequenzhandels der Zukunft sind groß. Noch schwieriger aber dürfte die Aufgabe sein, den Handel sicherer zu machen. Mehrfach waren in den vergangenen Jahren Kurse plötzlich und unerwartet eingebrochen, ohne dass es plausible Erklärungen dafür gab. Im Dezember 2014 war die Apple-Aktie betroffen.

Das Problem wird noch verstärkt durch die Ähnlichkeit der Algorithmen, die von den Händlern genutzt werden. Im Extremfall wollen alle Programme gleichzeitig verkaufen und lassen die Kurse rasant einbrechen. Genau das war am 6. Mai 2010 passiert. Beim sogenannten Flash-Crash stürzte der Dow-Jones-Index binnen wenigen Minuten ohne ersichtlichen Grund um mehr als tausend Punkte ab.

Mancher Ökonom würde den Hochfrequenzhandel am liebsten wieder abschaffen. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz etwa hält den schnellen elektronischen Handel für gesellschaftlich nutzlos. Er verhindere sogar das Funktionieren der Märkte.

Buchanan hingegen sagt, der Hochfrequenzhandel biete durchaus Vorteile, etwa weil er die Liquidität der Märkte verbessere. Er müsse jedoch genauer erforscht werden - und zwar gemeinsam von Informatikern, Mathematikern und Ökonomen. Diese Forderung unterstützt auch Dirk Helbing von der ETH Zürich: "Was an den Finanzmärkten läuft, ist gefährlich für die Stabilität unserer Wirtschaft und Gesellschaft."

Ein Frühwarnsystem hält Helbing für unrealistisch: "Die Zeitspanne, in der die Ereignisse stattfinden, ist einfach zu kurz." Er empfiehlt, wie Buchanan auch, Geschwindigkeitsbegrenzungen, um "Unfällen" vorzubeugen. Zudem plädiert er für ein weiteres, unabhängiges Backup-Finanzsystem, falls eines zusammenbricht. "Das würde man bei jedem anderen System, das lebenswichtig ist, auch so machen."

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1. Man sollte sich die Frage...
Märchenonkel 17.02.2015
...stellen, wem der Hochfrequenzhandel nutzt?
2. Verbieten
Leser161 17.02.2015
Während normaler handel meines Erachtens einen wichtigen Beitrag zur Realwirtschaft leistet. Scheint mir Hochfrequenzhandel ein Wettbewerb bei dem es darum geht andern einfach nur Kohle abzuluchsen. Ich finde das sollte nicht unterstützt und dementsprechend gesetzlich eingeschränkt werden.
3. An statt...
fatherted98 17.02.2015
...den HFH zu untersagen, wird er noch weiter ausgebaut. Diese Art zu handeln hat keinen Volkswirtschaftlichen Nutzen....und birgt nur immense Gefahren fuer alle Volkswirtschaften. Selbst die Amis sollten das einsehen....aber die Lobby des Geldes ist wohl zu gross.
4. Beruhigend
Tante_Frieda 17.02.2015
Bei traditionellen Zinsanlagen gibt es praktisch keine Zinsen mehr;im Gegenteil:Nach Abzug von Inflation und Steuern macht man sogar ein Minusgeschäft.Da ist es unheimlich beruhigend,seine Altersvorsorge auf Aktien und ähnlichen Produkten aufzubauen,die künftig noch schneller an der Börse zirkulieren :-)Im Ernst:Das wird in ein paar Jahren für viele Menschen,die sich auf einen ruhigen Lebensabend gefreut haben,ein böses Erwachen geben...
5. Kranke
Ja ja 17.02.2015
Kranke unberechenbare Raffgier. Sollte verboten werden.
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