Anfänge des Fliegens Forscher wollen Lilienthal-Flugapparat im Windkanal testen

Manchen gilt er als erstes Serienflugzeug der Welt: Der Lilienthal-Flugapparat. Nun wollen Forscher das historische Gerät im Windkanal testen.

DPA

Otto Lilienthal (1848-1896) war Ingenieur und tollkühner Testpilot in einem: Seine revolutionären Flüge mit selbstkonstruierten Gleitern eröffneten noch vor den Gebrüdern Wright, die 1903 den ersten Flug mit einem Motorflugzeug absolvierten, den Weg zur modernen Luftfahrt.

Was 2003 zum 100-jährigen Erstflug der Wrights in Amerika passierte, wollen deutsche Forscher und Museumswissenschaftler in Kürze zum 125-jährigen Erstflug von Otto Lilienthal erproben: den aerodynamischen Test eines Flugapparat-Nachbaus im Windkanal. Luftfahrtexperten vom Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Göttingen wollen so erfahren, welches theoretische Wissen über Stabilität und Steuerung Lilienthal hatte.

Vom Vogelflug zur Fliegekunst

Lilienthal war der Impulsgeber für die Entwicklung der modernen Luftfahrt, indem er dafür die physikalischen Grundlagen legte. Er sei der erste gewesen, der den Auftrieb verstanden und gewusst habe, wie ein Flügel gebaut sein muss, damit er Auftrieb erzeugt, sagt der Leiter des Instituts für Aerodynamik und Strömungstechnik, Andreas Dillmann. "Die Gebrüder Wright haben auf die Ergebnisse von Lilienthal aufgesetzt." Ihnen gebühre der Verdienst für die technologische Leistung, Lilienthal für die wissenschaftliche.

1889 veröffentlichte Lilienthal sein Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst". Doch eine theoretische Abhandlung über die Flugeigenschaften seiner Gleiter blieb er der interessierten Nachwelt schuldig, so Dillmann. Nun könnten die Forscher mit dem Windkanal-Experiment die Daten nachliefern - und somit auch ein wenig zur Aufklärung von Lilienthals Tod beitragen, der infolge eines Flugunglücks starb.

Der Versuch sei reine wissenschaftliche Neugier, heißt es. Sicher auch ein bisschen Abenteuergeist. Auf jeden Fall ist der Test im Jubiläumsjahr eine Verneigung vor dem Flugpionier, der 1848 in der vorpommerschen Provinzstadt Anklam geboren wurde und mit seinem Normalsegelapparat laut Dillmann das erste Serienflugzeug der Welt konstruierte.

Mindestens zwölf Exemplare des motorlosen Gleitfliegers wurden nach Angaben des Direktors des Otto-Lilienthal-Museums in Anklam, Bernd Lukasch, gebaut. Neun Fluggeräte wurden verkauft. Vier dieser Lilienthalschen Flugapparate sind - in unterschiedlicher Qualität - in London, Moskau, München und Washington erhalten.

Spezialstoff fürs Fluggerät

Nach Originalplänen bauen derzeit Mitarbeiter des Anklamer Museums den Flugapparat nach. Eine Bauzeichnung aus dem Lilienthalschen Konvolut von 1895 bildet die Vorlage. "Entscheidend ist, dass der Nachbau die identischen aerodynamischen Eigenschaften besitzt wie Lilienthals Fluggerät", sagt der Physiker Lukasch. Neben Weide, die Lilienthal verwendete, kommt Abacchi-Tropenholz zum Einsatz, das ebenso flexibel und leicht wie Weide sei.

Mehr noch als das Holz sei die Qualität des Stoffes - seine Luftdurchlässigkeit und Flächendichte - maßgebend für die Originaltreue. Der Stoff - ein Shirting -, mit dem der Gleiter mit einer Spannweite von 6,70 Meter bespannt wird, wird derzeit extra angefertigt. Dazu wurde eine Stoffprobe des Originalgleiters im Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie in Mannheim untersucht.

Seinen ersten Flugversuch startete Lilienthal 1891 im brandenburgischen Derwitz und arbeitete sich schließlich auf Weiten von 250 Meter vor. Der Wind war jahrelang sein Begleiter. Ihm vertraute er sein Leben an, bis er am 9. August 1896 zum tödlichen Verhängnis wurde. Eine Sonnenbö, ein plötzlicher Aufwind, so berichteten Augenzeugen, habe den Gleiter bei seinem Flug ergriffen. Der Schwerverletzte wurde mit dem Zug nach Berlin gefahren. Dort, in der Bergmannschen Klinik, erlag Lilienthal einen Tag später seinen Verletzungen.

Der Körper als Steuerknüppel

"Das Fliegen mit dem Lilienthal-Gleiter war ein bisschen wie Barrenturnen", sagt Dillmann. Man müsse dafür sehr sportlich sein, sich mit den Ellbogen an den Holmen aufstützen, um durch Vor- und Rückschwingen der Beine die Fluggeschwindigkeit zu steuern. Lilienthal lenkte das Fluggerät durch Gewichtsverlagerung. Sein Körper war quasi der Steuerknüppel.

Der Flugexperte hat deshalb auch Zweifel, ob sich der Absturz tatsächlich aufgrund einer Sonnenbö ereignete. Denkbar sei auch, dass das Flugzeug instabil gewesen sei und Lilienthal einfach die Kontrolle verloren habe. Ende April, Anfang Mai sollen die Messungen im Windkanal im niederländischen Marknesse starten. Dabei werden alle auf den Flugkörper einwirkenden Kräfte und Drehmomente exakt erfasst. Sie lassen eine Analyse der Flugeigenschaften zu.

jme/dpa



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