Weltgrößte Luftfahrtmesse: Wenn Züge fliegen können

Aus Paris berichtet Alexander Stirn

Zukunft des Reisens: Wenn die Eisenbahn fliegt Fotos
EPFL

Das klassische System des Reisens hat ausgedient: Forscher haben einen Flieger entwickelt, der Luft- und Schienenverkehr zusammenbringt. Den Ingenieuren stellt sich allerdings ein großes Problem - noch ist der Baukasten zu breit für den Zugverkehr.

Stellen Sie sich vor: Sie steigen am Hauptbahnhof in München in den Zug. Sie fahren zum Flughafen Franz Josef Strauß. Sie bleiben einfach sitzen und verlassen Ihren Platz erst wieder, wenn Sie in Heathrow, also in London, gelandet sind.

Was wie die Vision eines früheren bayerischen Ministerpräsidenten klingt, könnte eines Tages tatsächlich Wirklichkeit werden - zumindest dann, wenn es nach den Ideen des Wissenschaftlers Claudio Leonardi von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne geht: Seit vier Jahren tüftelt der Hobbypilot mit einem kleinen Team aus Designern, Ingenieuren und Transportexperten an einem Konzept, das Luft- und Schienenverkehr zusammenbringen soll. Nun hat er auf dem Pariser Luftfahrtsalon in Le Bourget erstmals ein Modell seiner fliegenden Eisenbahnwaggons präsentiert. Es ist nicht das einzige unkonventionelle Fluggerät, das noch bis Sonntag auf der weltgrößten Luftfahrtmesse zu sehen ist.

"Das klassische System des Fliegens hat sich seit 70 Jahren nicht geändert und macht zunehmend Probleme", sagt Leonardi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es ist unbequem, langsam und wenig flexibel." Clip-Air, so der Name seines Projekts, soll das ändern.

Das grau-blaue Modell, das Leonardi in Le Bourget zeigt, sieht dabei ein bisschen aus wie ein aufgeblasener Tarnkappenbomber, unter den jemand drei überdimensionale Bomben geschraubt hat. Die Zylinder sind allerdings keine Bomben, sondern Kabinen für Fracht und Passagiere: Jede hat einen Durchmesser von vier Metern (so viel wie ein Airbus A320) und eine Länge von etwa 30 Metern (etwas mehr als ein typischer Eisenbahnwaggon). Stabile Halterungen verbinden die Kabinen mit einem großen Flügel, in dem die drei Triebwerke, die Tanks, das Cockpit und ein langbeiniges Fahrwerk integriert sind.

Wirtschaftlich nur mit drei Kabinen

"Dieses modulare Konzept gibt den Fluggesellschaften eine heute nicht bekannte Flexibilität", sagt Leonardi. Je nach Auslastung können die Flüge mit einer, mit zwei oder mit drei Kabinen starten. Falls nötig, kann eine komplette Business-Class-Kapsel angeklickt werden - oder ein reiner Fracht-Container.

Die Flexibilität hat allerdings ihren Preis: In einer Anfang Mai veröffentlichten Studie haben die Lausanner Forscher verschiedene Flugrouten für ihren Baukasten-Flieger durchgerechnet und mit einer herkömmlichen Flotte verglichen. Dabei hat sich gezeigt, dass lediglich Flüge mit allen drei Kabinen wirtschaftlich sind. Dann fällt die Masse des 60 Meter breiten Flügels nicht so sehr ins Gewicht, dann kommt auf jeden Rumpf nur ein spritfressendes Triebwerk - halb so viel wie bei einem Airbus A320. Mehr als zehn Prozent Betriebskosten lassen sich dadurch sparen.

Das setzt allerdings voraus, dass die drei Kabinen mit ihren jeweils 150 Sitzplätzen gut ausgelastet sind. Bei einer Reichweite von maximal 4000 Kilometern dürften sich außerhalb von Asien indes nur wenige Routen finden, auf die das zutrifft.

Sollen die Passagiere zudem schon am Hauptbahnhof einsteigen und mitsamt den Kabinen unter den Flieger rollen, taucht ein weiteres Problem auf: Der Rumpf einer A320 ist zu breit für den Zugverkehr. Tunnels und Bahnhöfe sind lediglich für gut drei Meter ausgelegt. Kleinere Kabinen gehen aber auf Kosten der Wirtschaftlichkeit. In ihrer Studie kommen die Schweizer Forscher daher zu dem Schluss, dass Clip-Air vor allem "durch seine Modularität und Flexibilität" punkten muss.

Hubschrauberhersteller präsentiert futuristischen Flieger

Und durch seine Sicherheit: Die Kabine mit den Passagieren ist von allen Gefahrenquellen an Bord getrennt. Es gibt keine Verbindung zu den Triebwerken oder zu den Tanks. Auch nicht zum Cockpit, in dem die Piloten fernab der Fluggäste ihrer Arbeit nachgehen. "Vor allem die Amerikaner mit ihrer Angst vor Entführungen werden das zu schätzen wissen", sagt Leonardi.

Der Schweizer Forscher ist kein Mann der lauten Töne. Das extra für Le Bourget entworfene Clip-Air-Modell versteckt er an einem Gemeinschaftsstand der Region Normandie - zwischen Werkzeugen und Ersatzteilen. Andere Firmen, die sich an neuartigen Konzepten versuchen, sind da deutlich offensiver: Der italienische Hubschrauberhersteller AgustaWestland zeigt in Paris beispielsweise sein "Project Zero", einen futuristischen Flieger, der ein bisschen an eine Quadrokopter-Drohne aus dem Spielzeugladen erinnert.

Statt vier hat das unbemannte Flugzeug allerdings nur zwei Propeller, und die können während des Fluges zur Beschleunigung nach vorne gedreht werden. Angeblich hat das gut zehn Meter große, in aller Stille entwickelte Kipprotorflugzeug bereits mehrere erfolgreiche Einsätze hinter sich. In Le Bourget steht es aber nur am Boden.

Baukasten-Flieger wird nachgebaut

Der europäische Luftfahrtkonzern EADS präsentiert derweil die - wie er es nennt - Zukunft des Fliegens: ein zweisitziges, rein elektrisch betriebenes Mini-Flugzeug. Noch hat die Maschine aber nicht einmal eine Flugzulassung.

Auch bei Clip-Air ist völlig unklar, ob das Baukasten-Flugzeug jemals abheben wird. Claudio Leonardi findet das gar nicht so schlimm. "Wir wollen nicht vorrangig ein Flugzeug bauen, sondern neue Transportkonzepte entwickeln und so die Art des Reisens verändern", sagt er. Im nächsten Schritt soll dennoch ein sechs Meter großes Modell gebaut und geflogen werden. Es wird zeigen, ob die Schweizer Forscher auf dem richtigen Weg sind - und ob Fluggäste eines Tages doch noch vom Münchner Hauptbahnhof starten können.

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insgesamt 54 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wird nicht kommen
tetrahydrofuran 22.06.2013
Der Spritverbrauch eines derart zusammengebastelten Fliegers ist um Welten größer als der eines herkömmlichen Passagierflugzeugs. Gleichzeitig müsste man jedes Modul vor dem Start genau untersuchen, ob es nicht bei der Fahrt auf den Schienen einen Schaden abbekommen hat. Mit anderen Worten: Das Ding wird niemals abheben.
2. Toll...
mabo08 22.06.2013
...so wird man dann im Ernstfall problemlos Entführer, Bomben etc los, einfach ausklinken und gut is.
3. das wird bestimmt irre komisch ...
dagegengewicht 22.06.2013
... wenn rechts der cargo-transporter mit 20 tonnen irgendwas, in der mitte die vollbesetzte zweite klasse und ganz links im fast leeren erste-klasse-abteil drei leutchen sitzen ... . drall ohne ende. dann die gondeln noch möglichst weit auseinander hängen, damit man ordentlich hebelwirkung hat ... . mal im ernst, es ist wahrscheinlich schon nicht ganz ohne ein normales flugzeug so zu beladen das es auch wirklich sicher fliegt- da gibt es sogar spezialisten für die den ganzen tag nichts anderes machen ... . aber ich hab ja keine ahnung ...
4. Wozu die Eile?
Frickel-Pit 22.06.2013
Zitat von sysopEPFLDas klassische System des Reisens hat ausgedient: Forscher haben einen Flieger entwickelt, der Luft- und Schienenverkehr zusammenbringt. Den Ingenieuren stellt sich allerdings ein großes Problem - noch ist der Baukasten zu breit für den Zugverkehr. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/luftfahrtsalon-le-bourget-forscher-mit-baukasten-flieger-a-907177.html
Flüge innerhalb von Europa finde ich ehrlich gesagt ein wenig albern. Die Distanzen sind doch eher klein. Gilt auch für Cargo. Was ich heute in Finland bestelle, kann ruhig erst übermorgen ankommen. Wozu die Eile? Ich freue mich schon darauf, wenn in ein paar Jahren Züge von Frankfurt in Richtung England abfahren. Schade, daß es noch so lange dauert.
5. In der Schweiz macht das Sinn...
tuobob 22.06.2013
... da fahren die Züge pünktlich - in Deutschland nicht.
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