Wien/Hamburg - Es war eine gewaltige Explosion, die sich am 12. Februar dieses Jahres mittags in Nordkorea ereignete. Erdbebenwarten in aller Welt registrierten die Erschütterungen, das Beben besaß demnach eine Stärke von 4,9 bis 5,2. Eines aber stellte Experten vor Rätsel: In der Luft wurden anschließend keinerlei radioaktive Stoffe entdeckt, die nach Atomtests normalerweise schnell nachweisbar sind und die als sicherer Beweis für eine nukleare Explosion gelten.
War am Ende also gar keine nukleare Bombe explodiert, sondern nur eine gigantische Menge konventionellen Sprengstoffs? Führt Pjöngjang die Welt gar seit Jahren mit geschickten Atomtest-Bluffs in die Irre?
Diese Theorie dürfte nun wohl Geschichte sein: Der Uno-Behörde zur Überwachung des internationalen Kernwaffenteststopp-Abkommens (CTBTO) liegen nach eigenen Angaben Messungen vor, die kaum noch einen Zweifel daran erlauben, dass es sich bei der Explosion vom 12. Februar 2013 um einen Atomtest gehandelt hat.
Zwei Messstationen in Japan und Russland hätten Xenon-131m und -133 nachgewiesen, erklärte die CTBTO am Dienstag in Wien. Dabei handelt es sich um zwei radioaktive Isotope des Edelgases. An einer Messstelle in Takasaki in Japan, rund tausend Kilometer vom nordkoreanischen Testgelände entfernt, habe es Anfang April einen deutlichen Nachweis gegeben. Auch eine Station in Russland habe Xenon registriert, wenn auch in geringerer Menge.
Das Verhältnis der beiden Isotope passe zu einer nuklearen Kernspaltung, die mehr als 50 Tage zurückliege, heißt es in der Mitteilung der CTBTO. Die Explosion in Nordkorea habe 55 Tage vor der Messung gelegen. Auch Luftströmungsmodelle, die die Verteilung des Gases in der Atmosphäre simulieren, wiesen auf Nordkoreas Testgelände als mögliche Quelle hin.
Die zeitliche Verzögerung zwischen dem Atomtest und Entdecken der Gase lasse auf eine gute Isolierung des unterirdischen Tests schließen, wie ein CTBTO-Experte sagte. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover hatte nach dem Test bereits betont, dass der Nachweis von Xenon Tage oder Wochen dauern könnte. Zunächst bräuchten die Isotope längere Zeit, um aus dem Gebirgsmassiv auszutreten. Anschließend hänge es vom Wetter ab, wie schnell die Stoffe zu den Messstationen gelangen.
Zweifel an Nordkoreas Fähigkeiten
In Fachkreisen hielten sich hartnäckige Zweifel, ob Nordkorea bisher überhaupt einen Atomtest durchgeführt habe. Denn nur nach dem ersten Atomtest von 2006 war überhaupt radioaktives Xenon gemessen worden, und selbst diese Werte gelten nicht als hundertprozentig schlüssig. Zudem war die Sprengkraft so schwach, dass schon dadurch der Verdacht einer konventionellen Explosion aufkam.
Nach dem Test von 2009, dessen Sprengkraft wesentlich größer war, wurden dagegen überhaupt keine Radionuklide in der Luft entdeckt - "obwohl das System gut funktioniert und die Dichte des Messnetzes in der Region wesentlich größer ist als 2006", wie die CTBTO in einem Report schrieb. Der Forschungsdienst des US-Parlaments kam deshalb in einem Bericht vom November 2010 zu dem Schluss, dass "kein physikalisches Indiz erfasst wurde, das einen Nukleartest schlüssig beweisen könnte".
Dass ausgerechnet die Nordkoreaner mit ihren beschränkten technischen Mitteln die unterirdische Explosion so perfekt abschirmen konnten, dass kein radioaktives Edelgas austrat, hielten nicht wenige Fachleute für höchst unwahrscheinlich. Als dann auch nach dem Test vom Februar 2013 zunächst kein radioaktives Xenon auftauchte, wurden die Zweifel noch größer.
Jetzt aber hat die CTBTO ihre offizielle Sprachregelung geändert. Bisher hatte sie die Explosion nur als "Ereignis", nicht aber als Atomtest bezeichnet. Obwohl die Behörde den Atomtest der Nordkoreaner nicht abschließend bestätigte, wies sie darauf hin, dass es keine andere Erklärung für die Messwerte gebe.
Restzweifel bleiben freilich auch jetzt bestehen. Man sei gerade erst dabei, andere mögliche Quellen des Xenons auszuschließen, räumt CTBTO-Mitarbeiter Mika Nikkinen ein. "Die Radionuklide könnten auch von einem Atomreaktor oder anderen nuklearen Aktivitäten stammen", auch wenn bislang keine Informationen über eine derartige Freisetzung vorlägen.
Dass Nordkorea den gesamten Atomtest vorgetäuscht haben könnte, hält allerdings nicht nur die CTBTO, sondern auch Theo Köble vom Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen (INT) für äußerst unwahrscheinlich. Dazu müsse man nicht nur große Mengen von außen beschafftes Xenongas im genau richtigen Isotopenverhältnis freisetzen - sondern auch eine konventionelle Explosion hinbekommen, die ein Erdbeben der Stärke 4,9 bis 5,2 verursacht. Die dafür notwendige Sprengkraft entsprach laut unterschiedlichen Schätzungen rund zehn bis 40 Kilotonnen TNT. "Eine solche Menge Sprengstoff auf einen Schlag explodieren zu lassen", meint Köble, "wäre alles andere als trivial."
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