Zum Tod von Nobelpreisträger Manfred Eigen Der Bezwinger des Unmessbaren

Der deutsche Chemie-Nobelpreisträger Manfred Eigen ist tot. Ausgezeichnet wurde er im Alter von nur 40 Jahren - für eine temporeiche Entdeckung.

Nobelpreisträger Manfred Eigen im Jahr 2001
Baumann / Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie

Nobelpreisträger Manfred Eigen im Jahr 2001

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Um ein Haar hätte Deutschland einen seiner vielseitigsten Forscher ans Klavier verloren. Manfred Eigen, am 9. Mai 1927 in eine Bochumer Musikerfamilie hineingeboren, gab als Jugendlicher bereits Konzerte. Sein Berufswunsch: Pianist. Doch dann kam alles anders - und womöglich viel besser als es sich Eigen je hätte ausmalen können.

Er wurde zu einem der vielseitigsten und wichtigsten deutschen Forscher. 1967 erhielt er gemeinsam mit seinen britischen Kollegen Ronald Norrish und George Porterden den Nobelpreis in Chemie. Nun ist Eigen im Alter von 91 Jahren gestorben.

Von Straßburg nach Göttingen - zu Fuß

Vor Eigens wissenschaftlicher Karriere lag ein langer Weg. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geriet er in französische Gefangenschaft. Regelmäßiges Klavierspielen war zu dieser Zeit nicht mehr möglich. Mit 18 Jahren entschied sich Eigen deshalb, Naturwissenschaften zu studieren und ging von Straßburg nach Göttingen. Dort studierte er Physik und Chemie.

Manfred Eigen bei einer Vorlesung im Jahr 1979
Blachian / Max-Planck-Gesellschaft

Manfred Eigen bei einer Vorlesung im Jahr 1979

Nur acht Jahre später - 1953 - verfasste er im Alter von 26 Jahren die Arbeit, für die er später den Chemie-Nobelpreis bekommen sollte. Am Max-Planck-Institut für physikalische Chemie in Göttingen, wo er zunächst als Assistent arbeitete, beschäftigte er sich mit chemischen Reaktionen, die so schnell ablaufen, dass sie damals als "unmessbar" galten.

Weil man sie nicht messen konnte, wusste niemand genau, wie diese Reaktionen im Detail vonstattengehen. Eigen wollte das Unmessbare messbar machen.

Reaktionsgeschwindigkeiten in Mikro- und sogar Nanosekunden messen

Dabei nutzte er aus, dass sich in chemischen Reaktionen immer ein Gleichgewicht einstellt. Reagieren zwei Stoffe miteinander, entsteht etwas Neues. Im Gemisch findet man aber immer auch noch die Ausgangsstoffe. Ob das Gleichgewicht eher zugunsten der Anfangs- oder Endprodukte ausfällt, hängt beispielsweise vom Druck, der Umgebungstemperatur oder dem elektrischen Feld ab.

Eigen ließ zunächst Stoffe miteinander reagieren, bis sie ihr Gleichgewicht gefunden hatten. Dann änderte er beispielsweise ganz plötzlich die Temperatur. Die Stoffe mussten in ein neues Gleichgewicht finden. Wie lange ein Gemisch dafür brauchte, ließ sich schon damals analysieren. Eigen gelang es, aus dieser Geschwindigkeit das Tempo der eigentlichen Reaktion zu errechnen.

Als er das Verfahren 1954 in London öffentlich vorstellte, wurde es als wissenschaftliche Sensation gefeiert. Zum ersten Mal konnten Forscher Reaktionen verfolgen, die in weniger als einer millionstel Sekunde ablaufen. Heute ist das Verfahren als Relaxations-Messmethode bekannt. Mit ihr fanden Forscher etwa heraus, wie die Aktivität von Enzymen im Körper gesteuert wird.

"Herausragender Denker und genialer Forscher"

Fast 15 Jahre später bekam Eigen für die Arbeit im Alter von 40 Jahren den Nobelpreis verliehen. "Der Nobelpreis ist eigentlich die Krönung eines jeden Forscherlebens", sagt der Präsident der Max Planck Gesellschaft, Martin Stratmann. Eigens Karriere war 1967 allerdings längst nicht beendet.

Inzwischen war er Direktor am Max-Planck-Institut für physikalische Chemie und drauf und dran, ein neues interdisziplinäres Institut in Göttingen zu gründen. Es sollte chemische, physikalische und biologische Forschung zusammenführen.

Mit dem 1971 auf seine Initiative gegründeten Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie wurde er zum Mitbegründer einer neuen, zukunftsweisenden Forschungsrichtung. Seit vielen Jahren arbeiten an dem Institut auch die beiden deutschen Nobelpreisträger Erwin Neher und Stefan Hell.

"Dass wir Manfred Eigen als Mentor haben durften, war ein Segen - für seine Mitarbeiter ebenso wie für das weitere Umfeld in Göttingen", sagt Neher, der seit 1983 Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie ist. Er beschreibt Eigen als "herausragenden Denker und genialen Forscher".

"Was neu ist, muss aus der Grundlagenforschung kommen, sonst ist es nicht neu"

Während seiner Zeit am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie übertrug Eigen Darwins Evolutionstheorie zur natürlichen Auslese in die Physik und wandte sie auf Molekülebene an. Außerdem gilt er als Mitbegründer der sogenannten evolutiven Biotechnologie - aus deren Bereich auch die Gewinner des Chemie-Nobelpreises 2018 kommen.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hat er sogenannte Evolutionsmaschinen entwickelt und zu deren Vertrieb zwei Firmen gegründet. In den Geräten lässt sich die evolutionäre Anpassung von Molekülen - zum Beispiel Krankheitserregern - im Zeitraffer darstellen. So können Forscher beispielsweise die Tricks untersuchen, mit denen das HI-Virus das Immunsystem überlistet.

Obwohl Eigen seine Pianistenkarriere zunächst aufgegeben hatte, ließ ihn die Musik nie ganz los. Er gab Konzerte und spielte bei Aufnahmen des Kammerorchesters Basel und im New Orchestra of Boston mit.

"Alles, was neu ist, muss aus der Grundlagenforschung kommen, sonst ist es nicht neu", soll Eigen einmal gesagt haben. Bis ins hohe Alter blieb er aktiv und feierte noch 2014 mit, als Stefan Hell den Nobelpreis für Chemie erhielt.

Mit Material von DPA

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
smaturin 07.02.2019
1. Wieder ein Großer weniger...
Danke für Dein Werk, danke für Dein Schaffen! Ruhe in Frieden und in dem Wissen, dass Dein Vermächtnis uns noch lange an Deinen Namen erinnern lässt!
felisconcolor 07.02.2019
2. Das
sind die Menschen die uns Menschen voranbringen. Ihnen müssen wir folgen. Nicht den Nörglern und Zauderern. Danke für das Engagement und die wundervollen Einblicke auch in unsere Natur.
helmut.alt 07.02.2019
3. Grundlagenforschung heißt das Zauberwort,
das uns die Tür zu neuen Erfindungen und Technologien öffnet. Manfred Eigen war ein Musterbeispiel für diese Aussage.
Heliumatmer 07.02.2019
4. Luft immer dünner
Die Luft für bahnbrechende Erkenntnisse wird immer dünner. Häufig sind sehr lange Entwicklungszeiten mit tausenden von Mannjahren notwendig. Was seit Jahrzehnten fehlt: Kostengünstige, nicht zu schwere und relativ lange anhaltende Energiespeicher. Beispiel: Akku für ein Mittelklassewagen für 700 km Reichweite, max. 100 kg, schnell aufladbar und nicht zu teuer. Das wäre 10 Nobelpreise wert.
ulisses 07.02.2019
5.
Mein Beileid der Familie und Freunden. Göttingen und die Welt trauern.
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