Analyse im Biergarten Mathetrick stoppt wackelnden Tisch

Auf unebenem Boden wackelt fast jeder Tisch. Die meisten Menschen stecken gefaltetes Papier unter ein Bein. Mathematiker lösen das Problem jedoch viel eleganter - wie ein Video zeigt.

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Nie wieder Wackeltische: Statt Bierdeckel drunter, nur den Tisch gekonnt drehen
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Nie wieder Wackeltische: Statt Bierdeckel drunter, nur den Tisch gekonnt drehen


Ein wackelnder Tisch im Biergarten oder im Restaurant kann ziemlich nerven. Gläser klirren oder kippen gar um, beim Aufstützen gibt die Platte nach. Das Problem tritt nur bei vierbeinigen Tischen auf - mit drei Beinen kann es nicht passieren.

Die klassische Lösung ist bekannt: Zwei, drei Bierdeckel oder eine gefaltete Serviette sorgen für Stabilität. Allerdings hilft zumindest die Serviette nur kurzzeitig, weil das Papier schnell zusammengepresst wird. Prompt wackelt der Tisch wieder.

In einem neuen YouTube-Video zeigt Matthias Kreck von der Universität Bonn nun, wie das Problem viel eleganter gelöst werden kann. "Mathematiker sitzen niemals an wackelnden Tischen", sagt der Experte für Topologie augenzwinkernd. "Sie wissen, was zu tun ist."

Seine Methode mag nicht wirklich neu sein, die Erklärung des Ganzen ist jedoch sehenswert - und beinhaltet zudem einen Beweis aus dem Bereich der Analysis!

Hier eine kurze Zusammenfassung:

Die vier Tischbeine sollen gleich lang sein. Wegen des unebenen Bodens hängt jedoch das hintere rechte in der Luft - und zwar um die Länge a (siehe linker Hälfte der Skizze). Die kleinen schwarzen Striche in der Skizze markieren den Boden unter den Tischbeinen.

Kunststück am Biertisch

Nun beginnt das Kunststück: Wir drehen den Tisch um ein Viertel - also um 90 Grad. Die Drehrichtung ist egal, beim Beispiel hier wird entgegen des Uhrzeigersinns gedreht. Dabei achten wir darauf, dass die Beine 2, 3 und 4 permanent am Boden bleiben - Bein Nummer 1 hängt zu Beginn in der Luft.

Mathematiker und wackelnde Stühle
SPIEGEL ONLINE

Mathematiker und wackelnde Stühle

Wir beobachten nun, welche Höhe Bein 1 beim Drehen über dem Boden hat. Die Höhe ändert sich sicher mit dem Drehwinkel. Wir können sie als Funktion des Winkels auffassen. Bei 0 Grad ist sie genau a - aber die Funktion kann auch negative Werte annehmen. Das bedeutet, dass Bein 1 im Boden steckt, was natürlich nur bei weichem Untergrund tatsächlich geht.

Nach einer Vierteldrehung (90 Grad) ist die Höhe von Bein 1 auf jeden Fall negativ, wie ein Blick auf den rechten Teil der Skizze zeigt. Die Beine 2, 3, 4 stehen bekanntlich auf dem Boden. Das geht jedoch nur, wenn das Ende von Bein 1 eine negative Höhe von -a hat. Denn das hintere rechte Bein (4) ist nach der 90-Grad-Drehung des Tischs genau um den Abstand a höher als das hintere linke Bein (1). Das hintere rechte Bein (4) hat infolge der Drehung, bei der 2, 3, und 4 am Boden bleiben, aber die Höhe 0.

Funktion ist in der Regel stetig

Die Funktion der Höhe in Anhängigkeit vom Drehwinkel ist bei 0 Grad +a, bei 90 Grad aber -a. Wir wissen außer diesen beiden Punkten eigentlich nichts über die Funktion. Eines aber ist sicher: Solange keine Stufen im Boden sind, macht die Funktion keine Sprünge. Oder wie die Mathematiker sagen: Sie ist stetig. Man kann sie daher als wie auch immer geformte Linie zeichnen. Und weil diese Linie einen Punkt größer 0 mit einem Punkt kleiner 0 verbindet, muss die Funktion irgendwo zwischen 0 und 90 Grad den Wert 0 haben. Das ist die Position, in der unser Tisch nicht mehr wackelt.

Mathematiker und wackelnde Stühle
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Mathematiker und wackelnde Stühle

Übrigens: Wenn der Boden sehr wellig ist, kann die Höhe zwischen 0 und 90 Grad sogar mehrfach 0 sein - im Diagramm als gestrichelte rote Linie gezeichnet. Möglich ist natürlich auch eine Gerade (im Diagramm rot durchgezogen). Wie dem auch sei: Jede beliebige Funktion schneidet mindestens einmal die x-Achse. Der Satz aus der Analysis dazu heißt übrigens Zwischenwertsatz im konkreten Fall hier auch Nullstellensatz von Bolzano.

Wie also gewöhnt ein Mathematiker einem Tisch das Kippeln ab? Er dreht ihn ganz langsam, bis er einen Nullpunkt der Höhenfunktion gefunden hat. Laut Matthias Kreck von der Uni Bonn sorgt die Methode sogar für weit mehr als nur einen stabilen Tisch: "Wenn man das beim nächsten Biergartenbesuch ausprobiert, werden alle zufrieden sein und das Bier schmeckt besser."



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insgesamt 188 Beiträge
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Seite 1
wm2006 21.08.2014
1. toll ...
... wenn dann alle Tische im Biergarten wild durcheinander stehen ...
masonicus 21.08.2014
2. Da kommt Freude beim Biergarten-Besitzer auf.....
wenn man seine in Reih und Glied stehenden Biertische kreuz & quer umpositioniert. Deshalb sicherlich in Bayern absolut nicht empfehlenswert.
eigene_meinung 21.08.2014
3. Mathematisch ja sehr schön, aber
... bei einem länglichen Tisch wird man Probleme mit den Nachbartischen oder mit dem Wirt bekommen :-)
cemi 21.08.2014
4. Pff...
Der Wirt wird den Mathe-Nerds schön was husten, wenn Sie anfangen, ihm die Tische hin- und herzudrehen, und den Bedienungen so die Wege zustellen.
berteb 21.08.2014
5. Biergartentisch
Toll! Haben Sie schon mal versucht, einen Biergartentisch zu drehen. Die sind meist länglich, rechteckig.
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