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"Meads" vs. "Patriot": Kampf der Raketen

Von

MBDA

Die Flugabwehr der Bundeswehr ist veraltet, neues Gerät soll her. Zwei Systeme stehen zur Wahl: "Meads" und "Patriot". Nun beginnt der Kampf der Lobbyisten. Es geht um Aufträge in Milliardenhöhe.

Marty Coyne sitzt auf der Bühne und lächelt. Auf der Leinwand hinter ihm läuft ein martialisches Video: Eine Abwehrrakete schießt in den Himmel, gefolgt von einer zweiten. Sekunden später ist in Zeitlupe zu sehen, wie erst ein anfliegendes Geschoss, dann ein ferngesteuerter "Phantom"-Kampfjet in Feuerbällen verglühen.

Ein "beispielloser Erfolg" sei das gewesen, schwärmt Coyne vom US-Rüstungskonzern Lockheed Martin. Das Raketenabwehrsystem "Meads", an dessen Entwicklung er mitarbeitet, habe mit dem Test im November 2013 bewiesen, dass es zwei aus unterschiedlichen Richtungen anfliegende Gegner gleichzeitig bekämpfen kann. In heutigen Kriegen, meint Coyne, "wird man nicht nur von vorn angegriffen". Der Rundumschutz sei eine "echte Abschreckung gegen eine künftige Aggression".

Die Szene, die sich vergangene Woche bei der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) in Berlin zutrug, ist Teil der Lobby-Schlacht um die Beschaffung eines neuen Raketenabwehrsystems durch die Bundeswehr. Die hat die Zahl der "Patriot"-Batterien von 29 auf 14 reduziert - und will sich nun neue Waffen zulegen, mit denen sich feindliche Raketen, Flugzeuge, Marschflugkörper und Hubschrauber abschießen lassen.

Zwei Lösungen konkurrieren miteinander:

  • ein neues System auf Basis des "Medium Extended Air Defense Systems" ("Meads"), entwickelt von Lockheed Martin und dem deutschen Rüstungskonzern MBDA.
  • eine modernisierte Version des "Patriot"-Systems des US-Herstellers Raytheon, das von der Bundeswehr bereits seit Mitte der Achtzigerjahre verwendet wird.

Das "Meads"-Programm wurde bereits Mitte der Neunzigerjahre aufgelegt. Umgerechnet rund 3,4 Milliarden Euro haben die USA, Deutschland und Italien seitdem in die Entwicklung von Abschussvorrichtungen, Raketen, Radar und Software gesteckt. Doch im Februar 2011 beschloss Washington, "Meads" zwar zu Ende zu entwickeln, aber danach nicht zu beschaffen: Das Projekt sei zu teuer und liege um Jahre hinter dem Zeitplan. Im Oktober 2011 verkündete auch der damalige Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière, auf die Einführung von "Meads" zu verzichten.

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Rüstung: Die Raketenabwehr-Pläne der Bundeswehr
Allerdings hat allein Deutschland rund 850 Millionen Euro in die Entwicklung des Systems gesteckt. Nach dem teuren Debakel um die Spähdrohne "Euro Hawk" droht nun erneut die Gefahr der Fehlinvestition enormer Summen. Zwar hat das Verteidigungsministerium im Mai 2012 auf eine Große Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion betont, Teile des "Meads"-Programms übernehmen zu wollen. Doch wie genau das künftige System aussehen soll, ist noch offen.

Die Rüstungskonzerne wittern seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise eine neue Chance. "Das Timing scheint zu passen", sagte Lockheed-Mann Coyne auf der ILA. Er sieht "Meads" nicht nur als Lösung für Deutschland, sondern auch für Polen und sogar für ganz Osteuropa. Dort herrsche angesichts der russischen Politik ein "dringendes Bedürfnis", sich zu schützen. Ein anderer Unternehmensvertreter sekundiert: Die politische Situation in Osteuropa zeige, dass die Luftabwehr eine wichtige Fähigkeit sei: "Wer einen Schutzschirm hat, ist nicht erpressbar."

"Kein einziger Test unter realistischen Bedingungen"

Die Rüstungsbranche kann in Sachen "Meads" auf Unterstützung von Teilen der Berliner Politik hoffen. Rainer Arnold, rüstungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, veröffentlichte im April ein Positionspapier. Bei der "Meads"-Entwicklung "sind gute Ergebnisse erzielt worden", schrieb Arnold. Die Luftverteidigung sei "als besondere deutsche Schwerpunktfähigkeit zu sichern" und mit Hilfe der "Meads"-Entwicklungsergebnisse "zukunftsfähig zu machen durch die Beschaffung eines neuen Waffensystems".

Das Verteidigungsministerium will nun schnell zu einer Entscheidung kommen. Ein Sprecher erklärt, Bundeswehr-Generalinspekteur Volker Wieker werde nach derzeitiger Planung noch in diesem Jahr die Entscheidung fällen, wie das künftige Luftverteidigungssystem gestaltet werden soll. Welche Firmen die entsprechenden Aufträge erhalten, werde im Verlauf der anschließenden Vergabe verhandelt und entschieden.

Die "Meads"- und "Patriot"-Lobbyisten überbieten sich derzeit darin, die Vorzüge ihrer Systeme anzupreisen. Lockheed Martin und MBDA etwa loben den im November demonstrierten Rundumschutz von "Meads", den "Patriot" nicht biete. In dieser Hinsicht kann das "Meads"-Team auf die Unterstützung der Truppe zählen: Der Rundumschutz sei ein "wichtiges Kriterium" für die Bundeswehr, sagt der Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Raytheon-Manager Tim Glaeser kontert, seine Firma könne "Patriot" in einigen Jahren ebenfalls 360-Grad-fähig machen. Außerdem sei der "Meads"-Doppelschuss vom November gar nicht so beeindruckend gewesen, da keine unabhängige Prüfstelle für realistische Bedingungen gesorgt habe. Bernd W. Kubbig von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung geht noch weiter: "Es hat bisher noch kein einziger Test unter realistischen Bedingungen stattgefunden, der die Abwehrfähigkeiten von 'Meads' unter Beweis gestellt hätte", sagt Kubbig, der bereits in einer Studie von 2005 umfangreiche Kritik am "Meads"-Programm geübt hatte. Das "Patriot"-System sei dagegen schon in mehreren Konflikten eingesetzt worden, wenn auch mit wechselhaftem Erfolg.

Wer bietet weniger?

Raytheon-Mann Glaeser behauptet außerdem, mit einem modernisierten "Patriot"-System ließen sich die deutschen Luftverteidigungs-Wünsche in der Hälfte der Zeit und zu einem Drittel der Kosten von "Meads" erfüllen. Auf der Gegenseite löst das Kopfschütteln aus: Eine seriöse Aussage über den Preis sei gar nicht möglich, solange das Verteidigungsministerium die genaue technische Ausgestaltung des künftigen Systems nicht festgelegt habe. Zudem hätte Raytheon in seine Schätzung lediglich die Beschaffungs-, nicht aber die über Jahrzehnte anfallenden Betriebskosten eingerechnet - was Glaeser auf Nachfrage auch einräumt.

Ein weiteres Argument der "Meads"-Befürworter: Obwohl die Deutschen nur ein Viertel der Gesamtkosten tragen, haben sie Zugang zur gesamten Technologie des Programms. Die USA haben 58 Prozent des Projekts finanziert, die Italiener 17 Prozent. Aber "alle können auf die gesamte im Rahmen des Projektes entwickelte Technologie zugreifen", sagt der Sprecher des Verteidigungsministeriums. Davon ausgenommen seien nur einzelne national eingebrachte Bestandteile, etwa Lockheed Martins "PAC-3"-Flugkörper, der sowohl bei "Patriot" als auch bei "Meads" verwendet wird.

Sollte die Bundeswehr dagegen nur ihr altes "Patriot"-System modernisieren, sähe es anders aus: "Das wäre ein reines Produkt des US-Herstellers Raytheon mit allen Einschränkungen, die beim Export vom US-Rüstungstechnologie gelten", so der Sprecher. Komponenten aus dem "Meads"-Programm könne Deutschland hingegen selbst weiterentwickeln.

Mit diesem Argument versuchen Lockheed und MBDA auch die Polen zu ködern: Sie wären bei "Meads" nicht nur Käufer, betont Lockheed-Manager Coyne, sondern gleichberechtigter Partner - mit vollem Zugang zu der Technologie, die von den USA, Deutschland und Italien entwickelt und bezahlt wurde.

Doch egal, wie das Verteidigungsministerium entscheidet: Profitieren werden am Ende alle. Die Frage ist nur, wer wie viel bekommt. Selbst wenn ein modernisiertes "Patriot"-System das Rennen machen würde, wären auch MBDA und Lockheed Martin mit von der Partie. Die beiden Firmen sind jeweils zur Hälfte an der Gesellschaft für Luftverteidigungssysteme beteiligt - und die fungiert laut MBDA als Generalunternehmerin für Entwicklung, Fertigung, Logistik und den Verkauf aller in Deutschland eingesetzten "Patriot PAC-3"-Komponenten. "Das", meint ein Insider, "würde wohl auch so bleiben."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde Raytheon als Hersteller des "PAC-3"-Systems genannt. Die Flugkörper werden jedoch von Lockheed Martin produziert. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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1.
prawoweg 30.05.2014
Warum nicht gleich die S300 von den Russen? Oder noch besser die S400 Systeme. Bei einer guten Partnerschaft wird Russland diese auch an Deutschland abgeben, genau so wie die es an China tuen.
2. Kling nach ganz normalen Verkaufsverhandlungen.
Rosmarinus 30.05.2014
Solange der Käufer kompetent und integer ist, ist an einem solchen "Lobbyismus" wenig auszusetzen.
3. Option 3: Beide
abc-xyz 30.05.2014
Zitat von sysopMBDADie Flugabwehr der Bundeswehr ist veraltet, neues Gerät soll her. Zwei Systeme stehen zur Wahl: "Meads" und "Patriot". Nun beginnt der Kampf der Lobbyisten. Es geht um lukrative Aufträge in Milliardenhöhe. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/meads-vs-patriot-bundeswehr-will-flugabwehr-modernisieren-a-971938.html
Man sollte Option 3 in Erwägung ziehen: Beide Systeme anschaffen. Sicherlich mag das logistisch gesehen zuerst die teuerste Variante sein, aber bei Single-Vendor Strategien macht man sich potentiell zu abhängig von einem Anbieter, und man weiß, dass die Marketing Folien zu optimistisch sind. Auf lange Sicht könnte man sich dann wieder von einem verabschieden, sollte er nicht performen. Man hat also kontinuierlich Wettbewerb. Sollten die beiden Systeme gewisse Präferenzen besitzen, könnten sie dann je Einsatzprofil in Stellung gebracht werden. Auch für potentielle Feinde sind 2 System immer schwieriger zu handhaben wie eines. Israel zeigt eindrücklich wie erfolgreich seine elektronische Kriegsführung gegenüber russisch/chinesischen gebauten Ziele ist.
4. Ist doch komisch ....
kampftier 30.05.2014
Zitat von sysopMBDADie Flugabwehr der Bundeswehr ist veraltet, neues Gerät soll her. Zwei Systeme stehen zur Wahl: "Meads" und "Patriot". Nun beginnt der Kampf der Lobbyisten. Es geht um lukrative Aufträge in Milliardenhöhe. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/meads-vs-patriot-bundeswehr-will-flugabwehr-modernisieren-a-971938.html
In der Landesverteidigung ....steht Deutschland weit hinten. Frau Merkel das geht ja mal garnicht sowas ... Wir könnte Hochmodern da stehn ...
5.
schmusel 30.05.2014
Zitat von prawowegWarum nicht gleich die S300 von den Russen? Oder noch besser die S400 Systeme. Bei einer guten Partnerschaft wird Russland diese auch an Deutschland abgeben, genau so wie die es an China tuen.
Ja, ne. Ist klar. Sich auf den aggressiven Russen verlassen wenn man sich vor dem aggressiven Russen schützen will. Sollte wohl ein Scherz sein.
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