Militärtechnologie: Das Rätsel des seltsamen Tarnkappen-Helikopters

Von

Das Foto eines martialisch wirkenden Hubschraubers sorgt für Diskussionen unter Experten: Handelt es sich um einen neuen, geheimen Tarnkappen-Helikopter des US-Militärs - oder nur um ein Phantasieprodukt für einen Hollywood-Actionfilm?

Tarntechniken: Der merkwürdige Stealth-Hubschrauber Fotos

Es war der Moment, in dem die US-Operation zur Tötung von Osama Bin Laden hätte scheitern können: Ein Helikopter geriet beim Landeanflug auf das Versteck des Terrorfürsten außer Kontrolle - und legte eine Bruchlandung hin.Die Fotos von den Wrackteilen gingen anschließend um die Welt. Seitdem wollen die Spekulationen über die Entwicklung eines neuen amerikanischen Tarnkappen-Helikopters nicht mehr abreißen.

Jetzt ist erneut ein Foto eines angeblich geheimen Stealth-Hubschraubers aufgetaucht: Der italienische Luftfahrt-Blogger und Ex-Militärpilot David Cenciotti hat ein Foto veröffentlicht, das einen US-Soldaten vor einem schwarzlackierten, auffallend kantigen Helikopter zeigt. Woher das Bild kommt, verrät Cenciotti - der sich selbst als "bedeutendsten Luftfahrtjournalisten und -blogger der Welt" bezeichnet - nicht. Dennoch griffen kurz darauf andere Medien das Foto auf. "Das ist entweder eine der größten Fliegereienthüllungen des vergangenen Jahrzehnts", schrieb das US-Magazin "Wired" auf seiner Website, "oder die neueste Hollywood-Täuschung."

Tatsächlich ähnelt das Fluggerät auf dem Foto frappierend dem Helikopter, der im Trailer zum Actionfilm "Zero Dark Thirty" zu sehen ist. Der soll im Dezember in die US-Kinos kommen - und handelt ausgerechnet davon, wie die Navy-Spezialeinheit "Seal Team Six" Osama Bin Laden zur Strecke gebracht hat.

Verräterische Details

In Militär-Blogs halten die meisten Kommentatoren den Hubschrauber für ein fliegendes Filmrequisit. Die Formgebung etwa sei überholt und erinnere zu stark an den in die Jahre gekommenen Stealth-Kampfjet F-117 "Nighthawk". Die vier auffälligen Röhren an der Spitze ergäben keinen Sinn, weil an dieser Stelle weder vier Maschinengewehre noch vier sogenannte Pitotröhren, die zur Geschwindigkeitsmessung dienen, erklärbar wären. Und die Cockpitscheiben besäßen offenbar keine Metallbeschichtung, wie sie bei Militärflugzeugen üblich sei.

Von SPIEGEL ONLINE befragte Insider erklärten, dass man anhand des Fotos nicht mit Sicherheit sagen könne, ob es sich bei dem Helikopter um militärisches Gerät handelt oder nicht.

Fraglich ist, ob das US-Militär derzeit ernsthaft die Entwicklung eines neuen, kostspieligen Stealth-Helikopters verfolgt. Denn die Wirtschaftskrise hat auch das Pentagon unter Kostendruck gesetzt - und der letzte größere Versuch, einen Tarnkappen-Hubschrauber zu bauen, ist aus genau diesem Grund gescheitert. In den neunziger Jahren arbeiteten die Konzerne Boeing und Sikorsky am RAH-66 "Comanche". Sein Radarquerschnitt soll rund 360-mal kleiner gewesen sein als der des aktuell eingesetzten Kampfhubschraubers AH-64 "Apache".

Doch 2004 stellte die US-Regierung die Entwicklung des Aufklärungs- und Angriffshelikopters ein. Sieben Milliarden Dollar hatte das Programm bis dahin verschlungen - doch der Tarnkappen-Hubschrauber wäre so teuer geworden, dass sich die Beschaffung nicht gelohnt hätte. Zudem schien es, dass mit dem Ende des Kalten Kriegs ein Helikopter, der das Radar eines technisch fortschrittlichen Gegners umgehen kann, keine Existenzberechtigung mehr hat.

Flüster-Rotorblätter von Eurocopter

Fachleute glauben allerdings, dass Sikorsky und Boeing das Projekt gemeinsam mit dem Militär auf Sparflamme weiterverfolgt haben könnten - was keinesfalls außergewöhnlich wäre. Ein Ergebnis könnte ein Helikopter der Art sein, wie er nun auf dem ominösen Foto zu sehen ist.

Zumindest einzelne Technologien, die Helikopter unauffälliger machen, werden weiterentwickelt. Dabei geht es nicht nur darum, gegnerisches Radar auszutricksen, sondern auch um eine möglichst geringe Geräuschentwicklung - weshalb der bei der Bin-Laden-Operation eingesetzte Helikopter, ein modifizierter UH-60 "Black Hawk", auch "Silent Hawk" genannt wurde.

So hat die EADS-Tochter Eurocopter nach eigenen Angaben jetzt eine Technologie zur Serienreife geführt, die den Lärmpegel von Hubschrauberrotoren um etwa 50 Prozent senken soll. An den Spitzen eines Rotorblatts entstehen kleine Wirbel, die mit dem jeweils nachfolgenden Blatt kollidieren können. Das Ergebnis ist das charakteristische Klopfen eines Hubschraubers insbesondere bei der Landung.

An sogenannten adaptiven Rotorblättern sollen kleine, bewegliche Keramikplättchen das verhindern. "Das Fluggeräusch sinkt, und das Klopfen im Landeanflug wird komplett eliminiert", sagt Eurocopter-Sprecher Christoph Müller. Nach seinen Angaben ist die Technik nach jahrelanger Entwicklungsarbeit jetzt serienreif und steht kurz vor der Zulassung. Gedacht seien die adaptiven Rotorblätter für zivile Hubschrauber in urbanen Gebieten. Aber die Möglichkeit eines leisen Landeanflugs dürfte mit einiger Sicherheit auch das Interesse des Militärs wecken.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Film-Requisit!
MartinHa 09.08.2012
Ganz klar ein Requisit aus dem Zero Dark Thirty-Film. Einfach bei 00:30 im Trailer anhalten - es ist für den Bruchteil einer Sekunde die gleiche Lagerhalle wie in dem Bild zu sehen (Streben unter dem Dach, Fenster, etc), und der Helikopter sieht auch sehr ähnlich aus: ZERO DARK THIRTY - Official Trailer - In Theaters 12/19 - YouTube (http://youtu.be/EYFhFYoDAo4)
2.
Mr.GeldSchein 09.08.2012
Richtig vielSsinn würde so ein Tarnkappenhubschrauber eh nicht machen. Man würde ihn doch zuimndest hören bei seiner geringen Flughöhe.
3. Stimmt...
lustiger_leser 09.08.2012
@MartinHa: Korrekt. Nimmt man einen Screenshot aus der (dusteren) Sequenz und hellt diesen auf, kann man ziemlich deutlich die Hallenstruktur und zwei ziemlich ähnliche Helikopter erkennen. Ok, es gibt wohl viele baugleiche Hallen, und auch der Heli könnte anders sein, aber hey: mehr, als 5 Minuten Recherche wird doch wohl drin sein, um das rauszufinden. Wozu braucht Spiegel das "Insider"??? Naja, Sommerloch halt.
4.
exodus2012 09.08.2012
Zitat von MartinHaGanz klar ein Requisit aus dem Zero Dark Thirty-Film. Einfach bei 00:30 im Trailer anhalten - es ist für den Bruchteil einer Sekunde die gleiche Lagerhalle wie in dem Bild zu sehen (Streben unter dem Dach, Fenster, etc), und der Helikopter sieht auch sehr ähnlich aus: ZERO DARK THIRTY - Official Trailer - In Theaters 12/19 - YouTube (http://youtu.be/EYFhFYoDAo4)
SPON scheint sich diese Trailer ja vorher nicht anzuschauen, und gibt lieber diesen Schwachsinn so weiter (Experten auf der ganzen Welt rätseln). Bei 0:38 Sek. sieht man ebenfalls genau diesen Helikopter mit der langen Spitze usw....
5. großes Kino
shade 09.08.2012
Eine etwas aufgehellte Version eines Screenshots aus dem Trailer: http://i45.tinypic.com/wvztvm.jpg Dürfte dieselbe Halle sein. Und vermutlich auch derselbe Heli links im Bild.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Technik
RSS
alles zum Thema Tarnvorrichtungen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare

Fotostrecke
X-47B: Killer mit Tarnkappe