Modernisierung von Kernwaffen Kostenexplosion bei US-Atombomben

Die Modernisierung der B61-Atombomben macht der US-Regierung zunehmend Ärger. Die Verbesserungen sind umfangreich, die Kosten haben sich verdreifacht - und die runderneuerte, auch in Deutschland stationierte Bombe könnte in Russland als erhebliche Bedrohung gesehen werden.

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USAF

Die B61 ist das letzte nukleare Überbleibsel des Kalten Kriegs in Deutschland: Geschätzte 10 bis 20 Exemplare der Atombombe sollen noch auf dem Fliegerhorst des Eifeldorfs Büchel lagern. Im Kriegsfall könnten Tornados des Jagdbombergeschwaders 33 der Bundeswehr mit ihnen bestückt werden und sie unter der Kontrolle der USA einsetzen.

Dass ein solches Szenario inzwischen als praktisch ausgeschlossen gilt, hält die US-Regierung nicht davon ab, die alten Bomben technisch auf den neuesten Stand zu bringen - wie auch andere große Teile ihres Atomwaffenarsenals. "Programm zur Verlängerung der Lebensdauer" heißt das im Fachjargon, und das "Life Extension Program" (LEP) der B61 gilt als das aufwendigste und teuerste von allen. 2010 hatte das US-Energieministerium fast zwei Milliarden Dollar beantragt, verteilt auf vier Jahre. Später war dann von vier Milliarden die Rede.

Jetzt sollen es sechs Milliarden Dollar (4,6 Milliarden Euro) sein, wie mehrere Fachleute unabhängig voneinander berichten. Zuerst schrieb Hans Kristensen von der Federation of American Scientists (FAS) in seinem Blog über die Kostensteigerung. Andere Experten zeigen sich nicht überrascht: "Das stimmt mit unseren Schätzungen überein", erklärte Daryl Kimball, Direktor der Washingtoner Arms Control Association (ACA), auf Anfrage.

Erst Ende April hatten mehrere US-Senatoren gefordert, der B61-Modernisierung den Geldhahn zuzudrehen - zumindest bis die für das Programm verantwortliche National Nuclear Security Administration (NNSA) einen detaillierten Zeit- und Kostenplan vorlege. Dass die Kosten des Projekts nun offenbar auf das Dreifache des ursprünglich geplanten Betrags steigen, dürfte in Washington für wenig Begeisterung sorgen. Auch die NNSA deutete gegenüber SPIEGEL ONLINE an, dass man mit den Ausgaben nicht im Plan liegt: "Wir sind dabei, die Kosten formell zu überprüfen und hoffen, in den nächsten Monaten ein Ergebnis zu haben", erklärte NNSA-Sprecher Josh McConaha.

Warnung vor einer umfassend verbesserten Waffe

Nicht allein die Kosten stoßen bei dem Programm auf Kritik. Schon der schiere Umfang der B61-Modernisierung lässt manchen Fachleuten mulmig zumute werden. Die dem US-Energieministerium unterstellte NNSA will alternde Komponenten aufmöbeln, neue Sicherheitsvorrichtungen sowie neue Zünder einbauen und zugleich die gesamte Konstruktion verbessern - alles auf einmal. So etwas sei noch nie zuvor versucht worden, kritisiert die atomkritische Union of Concerned Scientists (UCS). Hinzu komme, dass einige Teile - darunter die neuen Zünder - gar nicht ausgereift seien. "Sie haben richtig gelesen", schrieben die UCS-Experten Nickolas Roth und Stephen Young auf der Website des Forscherverbands. "Es handelt sich um unerprobte, unreife Technologien."

Sollte das Projekt nicht an den Kosten und technischen Hürden scheitern, so die Befürchtung, könnte von einer reinen Lebensdauer-Verlängerung keine Rede mehr sein - sondern von einer neuen Waffe. Sollte die verbesserte B61 wie geplant ab dem Jahr 2019 in Europa eingeführt werden, "wird sie im Grunde eine strategische Waffe sein", sagt FAS-Experte Kristensen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Sie kann Ziele bedrohen, die die bisherigen Atomwaffen in Europa nicht bedrohen konnten."

Taktische Atomwaffen wie die B61 sollen feindliche Truppen auf dem Schlachtfeld bekämpfen. Ihre Sprengkraft ist in der Regel bei weitem geringer als die von strategischen Kernwaffen, die im Hinterland des Gegners Raketensilos oder sogar ganze Städte ausradieren können. Die B61, befürchtet Kristensen, würde durch ihre Modernisierung von einer taktischen zur strategischen Waffe werden.

Bei der Modernisierung der B61 sollen vier bisherige Typen ("Mod") der Bombe - 3, 4, 7 und 10 - zu einer neuen zusammengefasst werden, der B61 Mod. 12. Ein wesentlicher Bestandteil ist ein neues Heckteil mit steuerbaren Flossen: Es soll der B61, von der in Europa derzeit 160 bis 200 Stück stationiert sind, zu bisher ungekannter Präzision verhelfen.

Angst vor neuem Ärger mit den Russen

Die neue B61-12 soll mit vier Gefechtsköpfen bestückbar sein, die über eine Sprengkraft von 0,3 bis 45 Kilotonnen TNT verfügen. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Atombombe besaß eine Sprengkraft von etwa 15 Kilotonnen. "Die neue B61-12 kann militärisch den gleichen Schaden anrichten wie eine B61 Mod. 7 mit einem 360-Kilotonnen-Sprengkopf", meint Kristensen. Auch Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik warnt vor "drastisch verbesserten Missionseigenschaften" der B61.

Hinzu kommt, dass der kommende Tarnkappen-Kampfjet F-35 die B61 tragen soll. Die Bombe und das Flugzeug sollen so angepasst werden, dass die auch als "Joint Strike Fighter" bekannte F-35 zwei B61 in ihrem Rumpf verstauen kann. Das könnte neuen Ärger mit den Russen heraufbeschwören, die derzeit ohnehin heftig mit der Nato über die geplante Raketenabwehr in Europa streiten.

"Man muss berücksichtigen, was Russlands militärische Planer in ihren Worst-Case-Szenarios annehmen", sagt Kristensen. "Dazu wird gehören, dass in Europa mit Atombomben bestückbare F-35-Jets stationiert sind." Hardliner im Kreml suchten seit jeher nach Belegen dafür, dass der Nato nicht zu trauen sei. "Das B61-Modernisierungsprogramm ist eine Steilvorlage."

Auch ACA-Direktor Kimball glaubt, dass eine Stationierung der B61-12 in Europa "für Komplikationen bei den Bemühungen sorgen würde, mit den Russen Verhandlungen über taktische Atomwaffen zu führen". Neuneck äußert sich ähnlich: Die B61-12 würde die Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag weiter belasten und die Debatte um den vollständigen Abzug aller Atomwaffen aus Europa "endgültig beenden".

"Mini-Nukes" durch die Hintertür?

Während diese Bedenken eher für die B61-12 mit dem größten Gefechtskopf mit 45 Kilotonnen Sprengkraft gelten, könnte eine weitere beachtliche Gefahr von den Versionen mit den kleinsten Sprengköpfen von 1,5 oder nur 0,3 Kilotonnen ausgehen. "Sie eröffnen neue Möglichkeiten, kleinere Sprengkräfte für Missionen einzusetzen", sagt Kristensen. Der größte Vorteil sei der geringere radioaktive Fallout. "Druck- und die Hitzewelle liegen näher am Ziel, man braucht weniger Sprengkraft und hat einen geringeren Fallout - ein Nuklearangriff wird dadurch sauberer." Auch Neuneck sieht "die Gefahr gegeben, dass bei kleinerer Ladung und größerer Genauigkeit ein Einsatz wahrscheinlicher wird".

Die US-Regierung hat immer wieder versucht, moderne "Mini-Nukes" entwickeln zu lassen. Strategische Atomwaffen hatten mit der Zeit Zerstörungskräfte erreicht, die eine Drohung mit der nuklearen Keule zunehmend unglaubwürdig machten. Kleinere Atomwaffen, so das Kalkül mancher Politiker und Militärs, wären eher "einsetzbar", die Drohung mit ihrem Einsatz glaubwürdiger.

Doch die Projekte scheiterten stets am Widerstand des US-Kongresses. Die Parlamentarier hielten eine solche Entwicklung mehrheitlich für zu gefährlich: Sie könnten die Hemmschwelle für den Einsatz von Atombomben senken. Zuletzt musste die Regierung von US-Präsident George W. Bush 2005 ihre Pläne für "Mini-Nukes" begraben. "Jetzt aber bekommt die Air Force genau diese Waffe", sagt Kristensen.

Dabei heißt es im aktuellen "Nuclear Posture Review", der Nukleardoktrin der US-Regierung, dass die Sprengköpfe unangetastet bleiben sollten. "Daran hält man sich auch", sagt Kristensen. "Die Sprengköpfe werden nicht verändert. Die kompletten Waffensysteme schon." Wie im Fall der B61 durch das neue Heckleitwerk. "Das Militär benutzt diese Hintertür aktiv."

Kein Geld, keine Kampfflugzeuge

Allerdings könnte sich das B61-Problem zumindest für Deutschland auch von selbst lösen. Die Bundeswehr will ihre Tornado-Jets voraussichtlich 2020 einmotten. Der Nachfolger, der Eurofighter, wird nach bisherigen Plänen nicht in der Lage sein, Atombomben zu tragen. Die Kosten für eine entsprechende Umrüstung müssten die Verbündeten der USA selbst tragen. "Angesichts der innenpolitischen Debatte ist wenig Unterstützung für neue Flugzeuge zu erkennen", meint Neuneck.

Am Ende könnte die Kostenfrage zum Exitus der B61-Modernisierung führen, hofft der amerikanische Diplomat Richard Burt, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland und führendes Mitglied der "Global Zero"-Initiative. "Wir bezweifeln ernsthaft, ob dieses Programm zu Ende geführt wird", sagt Burt zu SPIEGEL ONLINE. "Angesichts der Kostenentwicklung könnte es auf unbegrenzte Zeit verschoben werden."

Ein aus technischen oder finanziellen Gründen erzwungenes Ende der B61-Atombombe wäre für die meisten Experten ohnehin überfällig. "US-Atomwaffen haben in Europa keinen militärischen Nutzen", sagt Burt, der 1991 als Washingtons Chefvermittler den "Start"-Abrüstungsvertrag mit der Sowjetunion eingefädelt hat. Kristensen sekundiert: "Sollten die USA tatsächlich zu dem Punkt gelangen, Atomwaffen in Europa einzusetzen, dann nicht von Deutschland aus." Stattdessen würden die Amerikaner eher die in der Heimat stationierten Interkontinentalraketen oder auf U-Booten untergebrachte Kernwaffen einsetzen. Deshalb, so fordert Kristensen in einem kürzlich erschienenen Report, sollten die USA ihre taktischen Atomwaffen aus Europa einseitig zurückziehen - egal, was die Russen tun.

ACA-Fachmann Kimball hält es für "tragisch", dass mit der B61 in Europa Waffen stationiert sind, die "irrelevant für die Verteidigung der Nato sind". Ihre Zerstörungskraft sei so gewaltig, dass ihr Einsatz immer unglaubwürdig sei - egal, ob man sie mit großem oder kleinem Sprengkopf bestücke. "Weder amerikanische noch europäische Steuerzahler sollten Geld für die Verbesserung dieses obsoleten Relikts verschwenden."

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Seite 1
cassandros 16.05.2012
1. Gelungen
Zitat von sysopUSAFDie Modernisierung der B61-Atombomben macht der US-Regierung zunehmend Ärger. Die Verbesserungen sind umfangreich, die Kosten haben sich verdreifacht - und die runderneuerte, auch in Deutschland stationierte Bombe könnte in Russland als erhebliche Bedrohung gesehen werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,832886,00.html
Kostenexplosion ist in diesem Zusammenhang wirklich ein hübscher Begriff.
spon-facebook-10000011612 16.05.2012
2. Zuviel Geld
Trotz Schulden und Arbeitslosigkeit investiert der Am. Präsident (Friedensnobelpreisträger) in die Erneuerung von Atomwaffen. Wer soll das verstehen?
Indigo76 16.05.2012
3. Gott schütze Amerika - selten so gelacht
Zitat von sysopUSAFDie Modernisierung der B61-Atombomben macht der US-Regierung zunehmend Ärger. Die Verbesserungen sind umfangreich, die Kosten haben sich verdreifacht - und die runderneuerte, auch in Deutschland stationierte Bombe könnte in Russland als erhebliche Bedrohung gesehen werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,832886,00.html
Im kalten Krieg waren Atomwaffen reine Abschreckungswaffen. Sie wurden möglichst groß und zerstörerisch gebaut. So groß, dass niemand wirklich mit ihrem Einsatz rechnen musste. Heute gibt es tatsächlich Menschen in den USA, die darüber nachdenken, was man an Nuklearwaffen verändern muss, damit man sie "besser einsetzen" kann. Für mich wird dieses "land of the free" immer mehr zu einer Bedrohung; ein Schurkenstaat.
Indigo76 16.05.2012
4.
Zitat von spon-facebook-10000011612Trotz Schulden und Arbeitslosigkeit investiert der Am. Präsident (Friedensnobelpreisträger) in die Erneuerung von Atomwaffen. Wer soll das verstehen?
Da steht eine Wahl an - noch Fragen?
Tsardian 16.05.2012
5. ...
Zitat von spon-facebook-10000011612Trotz Schulden und Arbeitslosigkeit investiert der Am. Präsident (Friedensnobelpreisträger) in die Erneuerung von Atomwaffen. Wer soll das verstehen?
Das muss er wohl, um die Balance of power aufrecht zu erhalten. Sonst funktionieren die Militärdoktrinen bezüglich Atomwaffen nicht mehr. Es ist ja nicht so das Obama nicht darauf gedrängt hat weiter mit Atomwaffen abzurüsten.
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