Nach Fukushima: Großbritannien macht Brennelementefabrik dicht

Die britische Regierung schließt einen Teil der Atomanlage in Sellafield. Eine Fabrik für die hochgefährlichen Mischoxid-Brennelemente wirtschaftet seit Jahren in den roten Zahlen und wird nun dicht gemacht - auch weil die japanische Nachfrage nach Brennstäben unsicher ist.

Nuklearkomplex Sellafield (im Mai 2005): Mox-Fabrik wird geschlossen Zur Großansicht
AFP

Nuklearkomplex Sellafield (im Mai 2005): Mox-Fabrik wird geschlossen

London - Wirtschaftlich gesehen war die Fabrik für Mischoxid-Brennelemente (Mox) im britischen Sellafield seit jeher ein Desaster. Nun steht ihr infolge der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima das Aus bevor. Das hat die britische Atomaufsichts-Behörde NDA bekanntgegeben. Der Schritt erfolge, um die Kosten für die britischen Steuerzahler zu minimieren. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima habe sich die Marksituation verändert, weil die künftige Nachfrage aus Japan unsicher sei.

Uran-Atomreaktoren produzieren als Nebenprodukt zwangsläufig Plutonium, das in Wiederaufbereitungsanlagen abgetrennt wird. Allerdings sammelt es sich nur langsam während der gesamten Lebensdauer der Brennelemente an. In Mox-Brennelementen kann das Plutonium wieder in Atommeilern zur Stromproduktion verwendet werden und führt zu einer höheren Energieausbeute.

Mox-Brennstäbe waren auch im Reaktor 3 des havarierten Kraftwerks Fukushima eingesetzt worden. Das in ihnen enthaltene, hochgiftige Plutonium macht sie so gefährlich. Die Radiotoxizität des Stoffes ist enorm: Schon die Einnahme einer Menge im zweistelligen Milligramm-Bereich gilt als tödlich. Noch gefährlicher ist allerdings die radioaktive Strahlung. Wird der Stoff eingeatmet, genügt vermutlich schon eine Menge von wenigen Mikrogramm, um Krebs auszulösen.

Die Mox-Brennelementefabrik in Sellafield war in den neunziger Jahren errichtet und 2001 in Betrieb genommen worden. Ähnliche Fabriken stehen auch in Belgien und Frankreich. In der britischen Anlage produzieren mehr als 600 Mitarbeiter aus Plutonium- und Uranmüll neue Brennelemente vor allem für ausländische Atomkraftwerke. Sie schrieb seit ihrer Eröffnung rote Zahlen und hat die britischen Steuerzahler Medienberichten zufolge rund 1,4 Milliarden Pfund gekostet. Die Schließung werde mehrere Monate dauern, hieß es.

Britische Gewerkschaften kritisierten die Entscheidung der Betreiber als kurzsichtig. Die britische Regierung plane den Bau neuer Atomkraftwerke, die voraussichtlich ähnliche Brennelemente nutzen würden. Es sei daher "verrückt", die Kompetenz im eigenen Land abzubauen. Die Betreiberfirma Sellafield Ltd. erklärte, sie werde versuchen, die betroffenen Mitarbeiter in anderen Teilen der Nuklearanlage unterzubringen.

Insgesamt beschäftigt das Unternehmen mehr als 10.000 Mitarbeiter. Auf dem Gelände gibt es neben der Fabrik unter anderem eine Wiederaufbereitungsanlage und ein Atomkraftwerk.

chs/dpa

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1. -
No_Name 03.08.2011
Zitat von sysopDie britische Regierung schließt einen Teil der Atomanlage in Sellafield. Eine Fabrik für die hochgefährlichen Mischoxid-Brennelemente wirtschaftet seit Jahren in den roten Zahlen und wird nun dicht gemacht - auch weil die japanische Nachfrage nach Brennstäben unsicher ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,778238,00.html
German Angst in GB! I can't that believe!
2. Verrückt!?
Korken 03.08.2011
---Zitat--- Die Anlage schrieb seit ihrer Eröffnung rote Zahlen und hat die britischen Steuerzahler Medienberichten zufolge rund 1,4 Milliarden Pfund gekostet. [...] Britische Gewerkschaften: Es sei daher "verrückt", die Kompetenz im eigenen Land abzubauen. ---Zitatende--- Warum werden diese Kosten nicht auf den Atomstrom umgelegt? Das ist das verrückte. Atomstrom ist und bleibt während er genutzt wird der teuerste und noch dazu gefährlichste Strom der Welt. Betreibt Forschung, damit man Energieprobleme in Zukunft nicht mehr hat, von mir aus auch um ins Welt all zu kommen, aber verkauft Experimente nicht als "Sichere, billge und saubere Energieerzeuger". Das sind Nuklearanlagen allesamt nicht. Es ist im übrigen erstaunlich, wie stark die Nuklearindustrie voneinander abhängig ist. Fällt irgendwo ein Zahnrad aus, muss ein anderes einspringen, sonst passiert das wie in Sellafield. Insofern habe ich auch großes Vertrauen, dass der deutsche (und schweizerische, italienische, und wohl noch weitere) Atomausstieg seine positiven Folgen für die Kernenergie haben wird, die Abschaltung von Atomkraftwerken.
3. Falsch verstanden
21Pinto 03.08.2011
Zitat von No_NameGerman Angst in GB! I can't that believe!
German Angst hat was mit Irrationalität zu tun. Die Briten sind da sehr viel pragmatischer, die entscheiden einfach nach Wirtschaftlichkeit (etwas, was man in Deutschland seit Beginn des EEG verlernt hat). Deshalb meckert auch nicht die Atomlobby, sondern die Gewerkschaften: "Britische Gewerkschaften kritisierten die Entscheidung der Betreiber als kurzsichtig. Die britische Regierung plane den Bau neuer Atomkraftwerke, die voraussichtlich ähnliche Brennelemente nutzen würden."
4. ...
senneka 03.08.2011
Zitat von 21PintoGerman Angst hat was mit Irrationalität zu tun. Die Briten sind da sehr viel pragmatischer, die entscheiden einfach nach Wirtschaftlichkeit (etwas, was man in Deutschland seit Beginn des EEG verlernt hat). Deshalb meckert auch nicht die Atomlobby, sondern die Gewerkschaften: "Britische Gewerkschaften kritisierten die Entscheidung der Betreiber als kurzsichtig. Die britische Regierung plane den Bau neuer Atomkraftwerke, die voraussichtlich ähnliche Brennelemente nutzen würden."
German Angst hat was mit Irrationalität der Atom-Dinosaurier zu tun, die den Begriff reflexartig verwenden, sobald sie "Fuku..." hören. Die angeblich ängstlichen Deutschen sind sehr viel pragmatischer, die entscheiden einfach nach Wirtschaftlichkeit, Zukunftsfähigkeit und Risikoeinschätzung (etwas, was in Deutschland zum Beispiel das EEG hervorgebracht hat). Deshalb meckert die Atomlobby ganz gewaltig.
5. Q.e.d.
ewsz 03.08.2011
Zitat von sysopDie britische Regierung schließt einen Teil der Atomanlage in Sellafield. Eine Fabrik für die hochgefährlichen Mischoxid-Brennelemente wirtschaftet seit Jahren in den roten Zahlen und wird nun dicht gemacht - auch weil die japanische Nachfrage nach Brennstäben unsicher ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,778238,00.html
Kernenergie ohne Subventionen rechnet sich nicht. Q.E.D.
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