Bilanz nach Fukushima: Warum Japans Energiewende stockt

Von und Heike Sonnberger

Japan: Erneuerbare müssen sich behaupten Fotos
REUTERS

Heiße Quellen, steile Berge und an allen Seiten Meer: Japan hat beste Voraussetzungen für erneuerbare Energien - und setzte doch lieber auf Atomstrom. Rückwärtsgewandte Stromkonzerne geben sich alle Mühe, damit sich das auch nur langsam ändert.

Man kann die Windräder von Kamisu als Mahnmale dafür sehen, wie Japans Energieversorgung funktionieren sollte - und als Zeichen dafür, was alles falsch gelaufen ist. Und was heute noch falsch läuft, zwei Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima.

Am 11. März 2011 kosteten ein Erdbeben und ein riesiger Tsunami mehr als 15.000 Menschen das Leben und brachten das AKW Fukushima Daiichi an den Rand des nuklearen Infernos. Doch den Rotortürmen weiter südlich konnten die Naturgewalten nichts anhaben. Drei Tage nach der Katastrophe lieferten die Zwei-Megawatt-Generatoren wieder Energie. Die gefährliche Nuklearruine wird das Land dagegen noch Jahrzehnte beschäftigen.

Öl, vor allem aus der Golfregion, Kohle aus Australien, Flüssiggas aus aller Herren Länder - und Atomkraft. Das waren traditionell die wichtigsten Energieträger Japans. Daneben hatten vor Fukushima nur vier Prozent Erneuerbare Platz. Drei Viertel davon stammten aus Wasserkraftwerken. Dabei hat Japan beste Voraussetzungen für die Nutzung alternativer Energien aus Sonne, Wind, Wellen - und dem feurigen Untergrund, der vielerorts heiße Quellen sprudeln lässt. Doch dieses Potential wurde bisher kaum genutzt - auch weil sich Politik und Volk nicht dafür interessierten.

Japan war nach den USA und Frankreich weltweit drittgrößter Produzent von Atomstrom. Profiteure gab es reichlich, die Atomkonzerne waren stets mit ihren Aufsehern und der Politik eng verbandelt. Argumente gegen den Ausbau alternativer Energien fand man da reichlich: Man habe keinen Platz, um Windräder und Solarpaneele im bergigen und dichtbesiedelten Land zu installieren. Das Wasser vor der Küste sei für Offshore-Parks viel zu tief. Und die bei Touristen so beliebten heißen Quellen, die Onsen, liegen fast alle in Nationalparks - und dürften keinesfalls von Geothermie-Kraftwerken verschandelt werden.

Energiekonzerne blockieren Neuerungen

Dabei ist das eigentliche Problem ein anderes: Knapp ein Dutzend regionale Stromversorger haben das Land unter sich aufgeteilt. Diese Platzhirsche stemmen sich gegen unerwünschte Neuerungen. "Sie haben kein Interesse an Wettbewerb, und sie arbeiten auch nicht zusammen", sagt Kosuke Kurokawa, Chef des Japan Council for Renewable Energy. Der Ausbau der Stromverbindung zur Nordinsel Hokkaido mit ihren vielen Windrädern komme seit Jahren nicht voran - weil die Konzerne im Süden lieber ihren eigenen Strom verkaufen wollten.

Noch herrscht vielerorts der Geist von gestern - zumal mit Shinzo Abe wieder ein Atomfreund in Tokio regiert. "Die vorherige Regierung hat deutlich mehr für Erneuerbare getan", klagt Sven Teske von Greenpeace. Dabei liegen die Blaupausen für den Umbau des Energiesystems längst auf dem Tisch: Teske und seine Organisation haben ein Konzept vorgelegt, das auf Berechnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt basiert. Danach könnte Japan allein bis zum Ende des Jahrzehnts mehr als 40 Prozent seiner Energie aus Erneuerbaren erzeugen. Im Jahr 2050 seien gar 85 Prozent möglich.

Mit garantierten Einspeisevergütungen nach deutschem Vorbild will die Regierung diesen Zielen zumindest näherkommen. Im Juli vergangenen Jahres trat dazu ein Gesetz in Kraft. Es verpflichtet die Energieversorger, Strom aus Erneuerbaren für einen festgelegten Zeitraum zu fixen Summen abzunehmen. Das soll Investitionen auf lokaler Ebene ankurbeln.

Bisher profitiert jedoch vor allem die etablierte Solarindustrie. Zu den großen japanischen Anbietern von Modulen zählen Kyocera und Sharp. Sogar Tepco, der Fukushima-Betreiber, mischt im Business mit. Ende 2011 waren knapp fünf Gigawatt Solarstromkapazität in Japan installiert - noch einmal so viel müsste nach dem Greenpeace-Plan pro Jahr dazukommen.

Für die großen Unternehmen ist die Energie aus der Sonne praktisch, weil sich die Module schnell installieren lassen und genau dann Strom liefern, wenn es im Netz Belastungsspitzen gibt. Sorgen um den Bestand der Grundlastkraftwerke müssen sich die Firmen dagegen nicht machen.

"Debatten, die wir in Europa vor 25 Jahren hatten"

Das wäre eher beim Wind der Fall. Hier waren Ende 2011 landesweit 2,5 Gigawatt installiert. Der Greenpeace-Plan setzt auf einen Zuwachs von 5 Gigawatt - pro Jahr. Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Greenpeace-Mann Teske geht davon aus, dass dieses Jahr 1,5 Gigawatt Windkapazität dazukommen, allesamt an Land.

Tomas Kåberger von der Chalmers Universität in Göteborg rechnet vor, dass zwar im vergangenen Jahr Unternehmen im Norden Japans Anträge zur Installation von fünf Gigawatt Windleistung eingereicht hätten. Doch gerade einmal 400 Megawatt davon würden tatsächlich gebaut - weil Netzbetreiber ihr Veto eingelegt hätten. Größere Mengen Windstrom verkrafte das Netz nicht, so deren Einwand. "Das sind Debatten, die wir in Europa vor 25 Jahren hatten", klagt der Ex-Chef der schwedischen Energieagentur und Leiter der Japan Renewable Energy Foundation.

Bei der Geothermie sieht es ähnlich aus: Japan gewinnt hier nur 0,54 Gigawatt. Das ist laut Greenpeace weniger als ein Vierzigstel des möglichen Ertrags. Seit 2000 wurde kein neues Kraftwerk gebaut, wegen strenger Auflagen des Umweltministeriums und weil sich lokale Badehausbetreiber querstellen.

Doch auch wenn Touristen ungern durch Kurorte flanieren, die eine Geothermie-Anlage überragt: Ein weiterer Atomunfall würde Reiselustige auf viele Jahre ganz verprellen, selbst wenn die Strahlenwerte danach nicht bedrohlich hoch wären. Nach Fukushima fährt schließlich auch kaum noch jemand, um Urlaub zu machen. Das Stigma der Katastrophenregion schadet der gesamten Präfektur. Mehr als jede Energieanlage eine Landschaft je entstellen könnte.

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1.
Friedelmaus 10.03.2013
Zitat von sysopHeiße Quellen, steile Berge und an allen Seiten Meer: Japan hat beste Voraussetzungen für erneuerbare Energien - und setzte doch lieber auf Atomstrom. Rückwärtsgewandte Stromkonzerne geben sich alle Mühe, damit sich das auch nur langsam ändert. Nach Fukushima: Warum es erneuerbare Energien in Japan schwer haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/nach-fukushima-warum-es-erneuerbare-energien-in-japan-schwer-haben-a-887312.html)
Der Artikel bezieht sich auf Japan? komisch, ich dachte, der wurde für Deutschland recherchiert! Friedelmaus
2. vielleicht auch schlau
winterfichte 10.03.2013
die japaner sehen sicher, was wir mit 100 milliarden geschaffen haben. gerade mal 10% eingespeiste erneuerbare energie von anlagen, die ohne subventionen nie sich selbst tragen könnten. dazu explodierende strompreise, massenhaft tote verschredderte vögel und maisverfeuerung, wovon 20 millionen menschen brot essen könnten. ein ganzes jahr. würde nur wieder gerste oder weizen angebaut werden. wer hier irre ist, muss nicht gesagt werden. oder?!
3. Wie ueberall...
fatherted98 10.03.2013
...so steht auch in Japan die Gewinne der Konzerne an erster Stelle...und die moechten billigen Strom...und es ist ihnen scheissegal ob nun rund um Fukushima alles verstrahlt ist....erst wenn Tokio betroffen waere kaeme es zu einem nationalen Umdenken....oder auch nicht...wer weiss...
4. Ob's wohl die böse Atomstromlobby war?
johnnybongounddie5goblins 10.03.2013
Achtung: Realität voraus! Könnte es nicht sein, dass AKWs doch recht günstig Strom produzieren? Ist es nicht so, dass noch keiner dort an den Folgen des Unfalls gestorben ist? Ist es nicht so, dass es jährlich alleine in China hunderte von Toten (richtige Tote, nicht Phantasie-Tote) in den Kohleminen gibt? Könnte es nicht sein, dass die meisten Japaner in der Realität leben?
5.
ir² 10.03.2013
Zitat von sysopHeiße Quellen, steile Berge und an allen Seiten Meer: Japan hat beste Voraussetzungen für erneuerbare Energien - und setzte doch lieber auf Atomstrom. Rückwärtsgewandte Stromkonzerne geben sich alle Mühe, damit sich das auch nur langsam ändert. Nach Fukushima: Warum es erneuerbare Energien in Japan schwer haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/nach-fukushima-warum-es-erneuerbare-energien-in-japan-schwer-haben-a-887312.html)
Deutschland und Fukushima, ein ganz besondere Beziehung.... Klassik: Strahlende Vorbilder in Japan - Kultur - Tagesspiegel (http://www.tagesspiegel.de/kultur/klassik-strahlende-vorbilder-in-japan/4315128.html) .... Der deutsche Michel ist dennoch besorgt, TÜV Rheinland hin, zertifizierte Sushi her. Der Michel, sofern er als Musiker vorkommt und vom japanischen Publikum in den vergangenen 50 Jahren mächtig profitiert hat, ist sogar so besorgt, dass er vorerst lieber nicht nach Japan reisen möchte. „*_Das ist keine Frage der Fakten, sondern eine der Ängste“_*, sagt Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper in München. Nach derzeitigem Planungsstand werden die Bayern vom 12. September bis 12. Oktober 2011 in Tokio gastieren. Mit im Gepäck: Wagners „Lohengrin“ (mit Jonas Kaufmann), Bellinis „Roberto Devereux“ (mit Edita Gruberova), Strauss’ „Ariadne auf Naxos“, zwei Konzertprogramme mit Kent Nagano sowie einen Evakuierungsplan und jede Menge sauberes Trinkwasser, für den Notfall. ..... Damit ist alles gesagt! Das war vor 2 Jahren, geändert hat sich nichts. Deutschland ist verrückt geworden.
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