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Nanotechnologie Vormoderner Populismus im futuristischen Gewand

Oberfläche eines Wavers (Elektronenmikroskop-Aufnahme im Hintergrund): Viele Fragen zum ungewöhnlichen Erfolg der NanotechnologieZur Großansicht
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Oberfläche eines Wavers (Elektronenmikroskop-Aufnahme im Hintergrund): Viele Fragen zum ungewöhnlichen Erfolg der Nanotechnologie

3. Teil: Die Chance der Geistes- und Sozialwissenschaften

Betrachtet man die verschiedenen Grenzspiele der Nanotechnologie im ganzen, dann zeigen sie alle in eine gemeinsame Richtung, die man entgegen allen futuristischen Anklängen als eine große Restauration bezeichnen kann. Denn die Sehnsucht nach einer allumfassenden Universalwissenschaft, die Vorherrschaft teleologischer Weltdeutungen, die Ausschaltung der Ethik als kritischer Instanz und die Vermischung von epistemischen und ästhetischen Werten sind alle Kennzeichen dessen, was wir als vormoderne Wissenschaft noch aus dem 18. Jahrhundert kennen.

Nützt die Nanotechnologie als restaurative Bewegung wenigstens der Wissenschaft oder der Gesellschaft? Zwar lässt sich für beide ein kurzfristiger Nutzen ausmachen, mittel- bis langfristig gibt es jedoch klare Indizien, dass diese Bewegung eher schädlich für beide sein wird. Insbesondere wird die Kombination aus überzogenem Heilsversprechen und fehlendem Risikomanagement bei den unvermeidlichen Störungen zum Kollabieren der Nanotechnologie führen, mit nachhaltigem Schaden für Wissenschaft und Gesellschaft. Versteht man unter Vernunft, das Vermögen, Entscheidungen zu treffen, die man später nicht bereut, dann erscheint Nanotechnologie als ein Produkt aus Mangel an Vernunft.

Woher könnte der Mangel an Vernunft kommen, aus dem Nanotechnologie geboren wurde? Da alle Grenzspiele zu den klassischen Themen der Geistes- und Sozialwissenschaften, speziell der Philosophie, gehören, ist zu vermuten, dass der Mangel an Vernunft in erster Linie ein Mangel an geistes- und sozialwissenschaftlicher Kompetenzen bei der Konzeption von Nanotechnologie gewesen ist. Das liegt zum einen an der zunehmenden gesellschaftlichen Unterbewertung dieser Kompetenzen und an der irreführenden Vorstellung, dass Nanotechnologie eine neue Technik sei. Zum anderen liegt es aber auch an der mangelnden Bereitschaft dieser Disziplinen, sich mit Gegenwartsfragen adäquat auseinanderzusetzen und sich stattdessen, wie insbesondere die Philosophie, in ihren eigenen nationalen Heldengeschichten zu vergraben. Beides zusammen hat gesellschaftlich zu einer Abwärtsspirale geführt, für die Nanotechnologie lediglich ein Symptom ist.

Doch solange Nanotechnologie nur ein Spiel mit Grenzen ist, gibt es noch Gelegenheit zur geistes- und sozialwissenschaftlichen Einmischung. Die Grenzspiele können dafür gleichsam als konkrete Themenliste dienen. Sollte sich daraus eine Neuorientierung der Geistes- und Sozialwissenschaften ergeben, wofür es bereits international einige Andeutungen gibt, dann könnte dies ein nachhaltiger, wenn auch unbeabsichtigter Effekt der Nanotechnologie werden.

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Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Zur Person
Joachim Schummer hat in Bonn und Karlsruhe Chemie, Philosphie und Soziologie studiert. Er ist seit 1994 Doktor der Philosophie, 2002 folgte an der Universität Karlsruhe die Habilitation. Schummer hat an verschiedenen Universitäten gelehrt, unter anderem in Karlsruhe, der University of South Carolina und der Universität Sofia.





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