Nanotechnologie: Vormoderner Populismus im futuristischen Gewand

Mini-Roboter, Nano-Partikel, Fullerene: Nanotechnologie halten viele Menschen für Science-Fiction. Dahinter steht jedoch keine neue Technik, sondern eine vormoderne und populistische Vorstellung von Wissenschaft und Technik, argumentiert der Philosoph Joachim Schummer in einem edition-unseld-Essay.

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Oberfläche eines Wavers (Elektronenmikroskop-Aufnahme im Hintergrund): Viele Fragen zum ungewöhnlichen Erfolg der Nanotechnologie

In den wenigen Jahren ihrer Existenz hat die Nanotechnologie eine fast unglaubliche Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Kurz vor der Jahrtausendwende war die Nanotechnologie noch so unbekannt, dass kaum ein Wissenschaftler etwas mit dem Wort anfangen konnte. Auch die zahlreichen damaligen Versuche, die Trends der Wissenschaft und Technik des nächsten Jahrhunderts oder gar des nächsten Jahrtausends vorherzusagen, tappten alle im Dunkeln.

Niemand sah voraus, dass knapp zehn Jahre später fast alle Universitäten weltweit ein Forschungszentrum oder -programm für Nanotechnologie besitzen würden. Niemand glaubte ernsthaft, dass sich die Regierungen geradezu überschlagen würden in der Auflage milliardenschwerer nanotechnologischer Förderprogramme. Niemand ahnte, dass Nanotechnologie zu einer globalen Bewegung werden würde, die Industrie-, Schwellen- und selbst Entwicklungsländer gleichermaßen mit einer bisher ungesehenen Dynamik erfasst hat. Und niemand konnte sich vorstellen, dass Naturwissenschaftler und Ingenieure aller Disziplinen auf einmal unter dem Dach derselben Technik arbeiten würden.

Der ungewöhnliche Erfolg der Nanotechnologie wirft eine Reihe von Fragen auf: Handelt es sich bei der Nanotechnologie tatsächlich um eine normale Technik, die den Erfindungen und Entdeckungen wissenschaftlicher Labore entsprungen ist und über jahrelange Entwicklungsarbeit, Marktanalysen und gesellschaftliche Interaktionen zur praktischen Reife gelangt, wie man es etwa von der Computertechnik oder Gentechnik kennt?

Ist die Nanotechnologie angesichts der breiten multidisziplinären Aktivitäten, die scheinbar aus dem Nichts entsprungen sind, wirklich eine einheitliche Technik, die einen eigenen Namen verdient, oder eher ein Bündel ganz verschiedener Techniken? Ist die Nanotechnologie überhaupt eine Technik, oder vielmehr eine Idee über Technik, die mit der amerikanischen Nanotechnologie-Initiative pünktlich zur Jahrtausendwende im Januar 2000 geboren und dann von Forschungspolitikern weltweit binnen weniger Jahre kopiert wurde?

Versprechen revolutionärer Veränderungen

Tatsächlich sind die Definitionen der Nanotechnologie so weit gefasst, dass man darunter mit gutem Recht den größten Teil der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Forschung seit dem Zweiten Weltkrieg zählen kann. In der Chemie war die Idee einer Technik im Nanometerbereich, also in der Größenordnung von mittleren bis großen Molekülen, sogar leitend seit Mitte des 19. Jahrhunderts, als die chemische Molekültheorie ausgebildet war und die Synthesechemie zu ihren Erfolgen anhob. Seit mehreren Jahrzehnten arbeiten aber auch Materialwissenschaftler, Chemieingenieure und Physiker an molekularen Systemen, Nanopartikeln, ultradünnen Schichten und nanoskalig strukturierten Materialien mit neuen Eigenschaften. Elektrotechniker und Maschinenbauer entwickeln neue miniaturisierte Systeme mit Komponenten im Nanometerbereich für Elektronik, Sensorik, Messtechnik und Robotik. Und Biowissenschaftler erforschen Lebensvorgänge im molekularen Bereich, um neue Medikamente, Therapieformen und Diagnosetechniken zu entwickeln oder gezielte Manipulationen an biologischen Systemen vorzunehmen.

Hinter der vermeintlich neuen Nanotechnologie verbergen sich lange Forschungstraditionen, die sich durch zunehmende Spezialisierung sogar immer weiter voneinander entfernt haben. Hinter den Versprechungen revolutionärer Veränderungen der Nanotechnologie stecken langwierige Bemühungen, die einer breiteren Öffentlichkeit bisher eher entgangen sind. Und hinter dem rasanten Wachstum der Nanotechnologie erkennt man unschwer eine flächendeckende Umbenennung etablierter Forschungsfelder.

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Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Zur Person
Joachim Schummer hat in Bonn und Karlsruhe Chemie, Philosphie und Soziologie studiert. Er ist seit 1994 Doktor der Philosophie, 2002 folgte an der Universität Karlsruhe die Habilitation. Schummer hat an verschiedenen Universitäten gelehrt, unter anderem in Karlsruhe, der University of South Carolina und der Universität Sofia.