Navigations-Interface Lenkrad-Vibrator weist Autofahrern den Weg

Wer nicht hören will, darf fühlen: Mit vibrierenden Knöpfen am Lenkrad wollen Forscher die Navigation im Straßenverkehr verbessern. Der Fahrer muss sich nicht mehr auf Stimme oder Display des GPS-Geräts konzentrieren, sondern kann seinen Tastsinn benutzen.

Testperson am Fahrsimulator: Richtungshinweise an die Daumen
Justin Lukas / University of Utah

Testperson am Fahrsimulator: Richtungshinweise an die Daumen


Auf wie vielen Kanälen kann ein Mensch zugleich kommunizieren? Der moderne Büroarbeiter von heute scheint da kaum Grenzen zu kennen. Telefonhörer am Ohr, Blackberry in der Hand, blinkendes Instant-Messenger-Fenster auf dem Monitor und dann noch den Kollegen Handzeichen geben - Multitasking ist für immer mehr Menschen Alltag.

Auch beim Autofahren müssen mehrere Tätigkeiten und Wahrnehmungen parallel gemeistert werden. Wer dann noch zusätzlich telefoniert und seinen Lieblingssong auf dem MP3-Player sucht, erhöht nachweislich sein Unfallrisiko. Psychologen der University of Utah in Salt Lake City setzen deshalb auf einen neuen Informationskanal, um Autofahrer vor einer Überforderung zu bewahren.

Statt von der Stimme oder dem Display eines Navigationsgeräts wurden Testpersonen via Trackball am Lenkrad darüber informiert, wann sie rechts oder links abbiegen sollten. Ein solcher Trackball ist in manche Laptoptastaturen integriert. William Provancher und seine Kollegen montierten zwei davon an das Lenkrad eines Fahrsimulators. Durch minimale Bewegungen zeigten die beiden Minihebel den darauf liegenden Daumen die Fahrtrichtung an.

Die Forscher stützten sich bei dem Experiment auf das sogenannte Modell multipler Ressourcen. Darin werden die Sinne Sehen, Hören und Berührung als verschiedene Ressourcen betrachten, die Informationen ans Gehirn liefern. Die Kapazität jeder einzelnen Ressource sei begrenzt, erklärt Provancher. "Laut Theorie kann man mehr Informationen weiterleiten, wenn man mehrere verschiedene Kanäle dafür benutzt." Der Tastsinn bleibe beim Autofahren bislang nahezu ungenutzt.

Deutlich geringere Fehlerquote

Die Ergebnisse der Studie sprechen für das Ressourcenmodell: Testpersonen bogen in nur 74 Prozent der Fälle richtig ab, wenn sie zugleich telefonierten und das Navigationsgerät wie üblich per Stimme und Display die Richtung angab. Kamen die Informationen hingegen via Trackball am Lenkrad an, fuhren die Testpersonen zu 98 Prozent richtig, obwohl sie auch dabei telefonierten.

"Man kann nicht auf zwei Dinge zugleich schauen", sagt Provancher. Die auf Berührung basierende Kommunikation sei viel besser, als zwischen Straße und GPS-Display hin- und her zu wechseln.

Die Studie belege jedoch nicht, dass es sicher sei, beim Autofahren zu telefonieren, betonen die Wissenschaftler. Grundsätzlich könne das neue Tast-Interface aber Fahrern helfen, die ohnehin laufend akustischen und visuellen Ablenkungen ausgesetzt seien. Die Technik könne die Navigation sicherer machen, sagt Provancher. Sie biete auch Chancen für Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung. Der Forscher kann sich beispielsweise vorstellen, Blindenstöcke mit Trackballs zu bestücken, um Blinden die Orientierung zu erleichtern.

hda



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