Neckarwestheim I Umweltschützer kritisieren Mängel an Uralt-Meiler

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim I ist der erste Meiler, der seinen Weiterbetrieb der von Schwarz-Gelb beschlossenen Laufzeitverlängerung verdankt. Doch ein neues Gutachten moniert, dass wichtige Sicherheitsnachrüstungen jahrelang verschleppt wurden.

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Lange sah es so aus, als würde der erste Block des Kernkraftwerks Neckarwestheim in diesen Tagen zum Technikmuseum werden. Nach dem von Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg wäre der Uralt-Meiler (offizielle Abkürzung: GKN I) einer der ersten gewesen, die vom Netz gemusst hätten. Immerhin ist der Druckwasserreaktor schon seit Dezember 1976 im kommerziellen Betrieb. Doch Schwarz-Gelb verschaffte dem betagten Kraftwerk einen dritten Frühling: Wie alle anderen Reaktoren, die vor 1980 ans Netz gingen, darf Neckarwestheim I mindestens acht weitere Jahre am Netz bleiben.

Ein neues Gutachten schürt jetzt aber Bedenken, wie fit die Anlage für einen Weiterbetrieb tatsächlich ist. Das Papier stammt vom Atom-Sicherheitsexperten Wolfgang Renneberg. Er leitete mehr als zehn Jahre lang die Abteilung Reaktorsicherheit im Berliner Umweltministerium. Die Deutsche Umwelthilfe stellte das Gutachten am Freitag in Stuttgart vor. Die Umweltschützer kritisieren, dass Betreiber EnBW zwar im Jahr 2007 umfangreiche Sicherheitsnachrüstungen beantragt habe. Doch bis heute seien die Nachrüstungen nicht angegangen worden.

"Das hätte zig Millionen gekostet und wäre teuer und langwierig geworden", sagt Renneberg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Unter anderem habe das Unternehmen damals geplant, die Notstromsysteme des Reaktors räumlich zu trennen. Dafür hätte ein turnhallengroßes Gebäude für die Notstromdiesel neu gebaut werden müssen. Außerdem sollten zusätzliche Notabschaltsysteme errichtet und die Sicherheitstechnik modernisiert werden. Passiert ist das offenbar nicht. Noch nicht einmal die technischen Dokumente lägen vor, beklagt Renneberg.

Konkret benennt das Gutachten folgende Schwachpunkte:

  • Im Fall von Lecks oder Rissen in Rohrleitungen sei das Risiko unbeherrschbarer Ereignisse vergleichsweise hoch. Die verwendeten Werkstoffe und die unterschiedliche Auslegung der Rohre könnten für Probleme in der Hauptkühlmittelleitung sorgen. So sei es möglich, dass Risse sich schnell entwickeln und wachsen könnten.
  • Die Notstromversorgung des Reaktors entspreche nicht dem heutigen Stand der Technik. So gebe es zu wenig zuverlässige Notstromdiesel. Dabei seien gerade die im ersten Block besonders wichtig. Denn sicherheitstechnisch relevante Anlagen dort hätten fünfmal öfter auf Strom aus den Notaggregaten zurückgreifen müssen als die im jüngeren Block II des Kraftwerks. Der ging 1988 in Betrieb und darf nach aktueller Planung bis 2036 laufen.
  • Im Falle einer Störung gebe es zu geringe Kapazitäten an Kühlmittel und Kühlpumpen. Damit stünden nur geringe Reserven zur Verfügung, um im Zweifelsfall eine Kernschmelze verhindern zu können.
  • Das System der Sicherheitsventile entspreche nicht dem Stand der Technik. Damit könnten Überdrücke nicht beseitigt werden - und das Kühlmittel würde im Störfall nicht in den Reaktor gedrückt werden können.
  • Das Personal werde stärker mit Strahlen belastet als das nach dem Stand der Technik nötig sei. Im Jahr 2006 sei die Jahresbelastung aller Mitarbeiter in der Summe etwa fünfmal höher gewesen als im Block II.

Dazu kämen Probleme beim Brandschutz sowie im Fall von Erdbeben oder einem Terroranschlag durch einen gezielten Flugzeugabsturz. "Niemals hätte Neckarwestheim I ohne Sicherheitsnachrüstungen in die Laufzeitverlängerung gehen dürfen", zürnt DUH-Bundesgeschäftsführer Rainer Baake.

"Beide Blöcke in Neckarwestheim erfüllen alle Anforderungen, die nach dem Atomgesetz an den sicheren Betrieb von Kernkraftwerken in Deutschland gestellt werden", hält die Betreiberfirma EnBW in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE dagegen. Derzeit laufe in Neckarwestheim eine "anlagenspezifische Bewertung" nach der aktuellen Fassung des Atomgesetzes. Das sei auch der Grund, warum man die Planungen für die im Jahr 2007 avisierten Maßnahmen einstweilen auf Eis gelegt habe: "Zeitweise ruhen hierfür die Projekte, die noch unter alten Prämissen geplant worden waren." Ein "anlagenspezifisches Maßnahmenpaket" werde die Firma vorlegen.

Die letzte große Sicherheitsüberprüfung in Neckarwestheim I gab es im Jahr 2007. EnBW hat in der Vergangenheit stets darauf verwiesen, dass seit der Inbetriebnahme des Kraftwerks bereits 900 Millionen Euro in die Anlage investiert wurden. Das sei mehr als doppelt so viel wie der Bau des Meilers gekostet habe.

Neckarwestheim I war zuletzt Ende vergangenen Jahres einer Revision unterzogen worden. Dabei wurden nach Angaben von EnBW unter anderem die Brennelemente ersetzt. Außerdem seien Pumpen und Armaturen an einem Nachkühlstrang gewartet worden, ein Teil der Notstromversorgung modernisiert. Die Arbeiten dauerten insgesamt rund zwei Monate.

"Block I startet auf einem - auch nach internationalen Maßstäben - sehr hohen Sicherheitsniveau in den Wettbewerb", resümierte der technische Geschäftsführer des Kraftwerks, Jörg Michels, nach dem Ende der Arbeiten. Gutachter Renneberg sieht das anders: "Gegenüber dem heutigen Stand der Sicherheitstechnik ist GKN I […] weit zurückgefallen." Das Umweltministerium in Berlin habe bereits im Jahr 2008 festgestellt, "dass GKN I gegen Störfälle generell wesentlich schlechter geschützt ist, weil sein gesamtes Sicherheitsdesign veraltet ist."

EnBW hatte im September 2007 Sicherheitsnachrüstungen für Neckarwestheim I beantragt. Die Firma wollte im Rahmen des alten Atom-Ausstiegsgesetzes Reststrommengen vom jüngeren Block II auf den älteren Meiler in der Nachbarschaft übertragen. Doch das Bundesumweltministerium lehnte den Antrag im Juni 2008 ab. Block I verfüge über weniger Sicherheitsreserven als Block II. Deswegen sei eine Übertragung der Strommenge nicht zulässig.

Für EnBW bestand zu diesem Zeitpunkt keine Veranlassung mehr, die geplanten Änderungen durchzusetzen - der Meiler musste ja ohnehin bald vom Netz. Mit dem Wahlsieg von Schwarz-Gelb änderte sich die Lage freilich. Und das macht die Diskussion um die Sicherheit von Neckarwestheim I so pikant. Es handelt sich nämlich um den ersten Meiler, der seinen Weiterbetrieb der im vergangenen Jahr beschlossenen Laufzeitverlängerung verdankt. Das belegt eine aktuelle Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl. Demnach reichte die Reststrommenge des Reaktors nach dem rot-grünen Atomausstieg bis zum 10. Januar dieses Jahres.

Ab dann hätte Neckarwestheim I nach alter Rechtslage stillstehen müssen. Passieren kann das freilich immer noch: Die SPD in Baden-Württemberg zieht mit dem Versprechen in den Landtagswahlkampf, den Reaktor schnellstmöglich stillzulegen. Und den in Philippsburg ebenfalls.



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elbröwer 21.01.2011
1. Hunde wollt ihr ewig leben
Dank der Lobby Erfüllungs Truppe werden die ihre Gewinne in astronomische Höhen treiben. Natürlich geht ein Teil für Spenden an die zurück, die diesen Horror erst möglich machten. Hätten die Futterpanscher mehr gespendet würden die womöglich immer noch produzieren.
darkangel_ger 21.01.2011
2. kein titel
ach gottchen... geht es mal wieder um die bösen kernkraftwerke und die böse "lobby"... lasst uns halt dann neue bauen. so 4-6 stück.
Öhrny 21.01.2011
3. Die...
Zitat von sysopDas Atomkraftwerk Neckarwestheim I ist der erste Meiler, der seinen Weiterbetrieb der von Schwarz-Gelb beschlossenen Laufzeitverlängerung verdankt. Doch einem neues Gutachten moniert, dass wichtige Sicherheits-Nachrüstungen jahrelang verschleppt wurden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,740808,00.html
...Merkel ist Physikerin. Mit der Aufkündigung des Atomausstiegs hat sie sich einen wohl gut dosierten Posten bei der Energieindustrie gesichert, sobald sie nicht mehr regieren will oder kann. Schaunmermal
manta 21.01.2011
4.
Zitat von darkangel_gerach gottchen... geht es mal wieder um die bösen kernkraftwerke und die böse "lobby"... lasst uns halt dann neue bauen. so 4-6 stück.
Dem würde ich voll und ganz zustimmen. 4 Stück WWER1000 oder die neuen WWER1200 von den Russen. Die haben in Obninsk das erste AKW gebaut und seitdem konstant geforscht, erprobt und gebaut. Mittlerweile stehen die WWERs überall auf der Welt und laufen wunderbar auch mit westlicher Steuer/Sicherheitstechnik. Auch die chinesen haben schon ein Eigenes komplett selbst entwickelt. Den EPR würde ich nicht bauen, das dauert noch ein paar Jahre mindestens bis man sagen kann wie der sich so macht
sailor84 21.01.2011
5. Ohne Titel
Zitat von mantaDem würde ich voll und ganz zustimmen. 4 Stück WWER1000 oder die neuen WWER1200 von den Russen. Die haben in Obninsk das erste AKW gebaut und seitdem konstant geforscht, erprobt und gebaut. Mittlerweile stehen die WWERs überall auf der Welt und laufen wunderbar auch mit westlicher Steuer/Sicherheitstechnik. Auch die chinesen haben schon ein Eigenes komplett selbst entwickelt. Den EPR würde ich nicht bauen, das dauert noch ein paar Jahre mindestens bis man sagen kann wie der sich so macht
Ja, finde ich auch ganz prima. Ich hab gehört, die neuen WWERxyz produzieren auch gar keinen Atommüll mehr.... Und falls doch bauen sie sich ihre Endlager selber, allerdings ohne dabei auf Steuergelder zurückzugreifen. Vorbildlich! Warum sollten wir da noch in die Erforschung und den Ausbau alternativer Energien investieren? Lächerlich geradezu...
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