Neckarwestheim I: Umweltschützer kritisieren Mängel an Uralt-Meiler
Das Atomkraftwerk Neckarwestheim I ist der erste Meiler, der seinen Weiterbetrieb der von Schwarz-Gelb beschlossenen Laufzeitverlängerung verdankt. Doch ein neues Gutachten moniert, dass wichtige Sicherheitsnachrüstungen jahrelang verschleppt wurden.
Lange sah es so aus, als würde der erste Block des Kernkraftwerks Neckarwestheim in diesen Tagen zum Technikmuseum werden. Nach dem von Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg wäre der Uralt-Meiler (offizielle Abkürzung: GKN I) einer der ersten gewesen, die vom Netz gemusst hätten. Immerhin ist der Druckwasserreaktor schon seit Dezember 1976 im kommerziellen Betrieb. Doch Schwarz-Gelb verschaffte dem betagten Kraftwerk einen dritten Frühling: Wie alle anderen Reaktoren, die vor 1980 ans Netz gingen, darf Neckarwestheim I mindestens acht weitere Jahre am Netz bleiben.
"Das hätte zig Millionen gekostet und wäre teuer und langwierig geworden", sagt Renneberg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Unter anderem habe das Unternehmen damals geplant, die Notstromsysteme des Reaktors räumlich zu trennen. Dafür hätte ein turnhallengroßes Gebäude für die Notstromdiesel neu gebaut werden müssen. Außerdem sollten zusätzliche Notabschaltsysteme errichtet und die Sicherheitstechnik modernisiert werden. Passiert ist das offenbar nicht. Noch nicht einmal die technischen Dokumente lägen vor, beklagt Renneberg.
Konkret benennt das Gutachten folgende Schwachpunkte:
- Im Fall von Lecks oder Rissen in Rohrleitungen sei das Risiko unbeherrschbarer Ereignisse vergleichsweise hoch. Die verwendeten Werkstoffe und die unterschiedliche Auslegung der Rohre könnten für Probleme in der Hauptkühlmittelleitung sorgen. So sei es möglich, dass Risse sich schnell entwickeln und wachsen könnten.
- Die Notstromversorgung des Reaktors entspreche nicht dem heutigen Stand der Technik. So gebe es zu wenig zuverlässige Notstromdiesel. Dabei seien gerade die im ersten Block besonders wichtig. Denn sicherheitstechnisch relevante Anlagen dort hätten fünfmal öfter auf Strom aus den Notaggregaten zurückgreifen müssen als die im jüngeren Block II des Kraftwerks. Der ging 1988 in Betrieb und darf nach aktueller Planung bis 2036 laufen.
- Im Falle einer Störung gebe es zu geringe Kapazitäten an Kühlmittel und Kühlpumpen. Damit stünden nur geringe Reserven zur Verfügung, um im Zweifelsfall eine Kernschmelze verhindern zu können.
- Das System der Sicherheitsventile entspreche nicht dem Stand der Technik. Damit könnten Überdrücke nicht beseitigt werden - und das Kühlmittel würde im Störfall nicht in den Reaktor gedrückt werden können.
- Das Personal werde stärker mit Strahlen belastet als das nach dem Stand der Technik nötig sei. Im Jahr 2006 sei die Jahresbelastung aller Mitarbeiter in der Summe etwa fünfmal höher gewesen als im Block II.
Dazu kämen Probleme beim Brandschutz sowie im Fall von Erdbeben oder einem Terroranschlag durch einen gezielten Flugzeugabsturz. "Niemals hätte Neckarwestheim I ohne Sicherheitsnachrüstungen in die Laufzeitverlängerung gehen dürfen", zürnt DUH-Bundesgeschäftsführer Rainer Baake.
"Beide Blöcke in Neckarwestheim erfüllen alle Anforderungen, die nach dem Atomgesetz an den sicheren Betrieb von Kernkraftwerken in Deutschland gestellt werden", hält die Betreiberfirma EnBW in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE dagegen. Derzeit laufe in Neckarwestheim eine "anlagenspezifische Bewertung" nach der aktuellen Fassung des Atomgesetzes. Das sei auch der Grund, warum man die Planungen für die im Jahr 2007 avisierten Maßnahmen einstweilen auf Eis gelegt habe: "Zeitweise ruhen hierfür die Projekte, die noch unter alten Prämissen geplant worden waren." Ein "anlagenspezifisches Maßnahmenpaket" werde die Firma vorlegen.
Die letzte große Sicherheitsüberprüfung in Neckarwestheim I gab es im Jahr 2007. EnBW hat in der Vergangenheit stets darauf verwiesen, dass seit der Inbetriebnahme des Kraftwerks bereits 900 Millionen Euro in die Anlage investiert wurden. Das sei mehr als doppelt so viel wie der Bau des Meilers gekostet habe.
Neckarwestheim I war zuletzt Ende vergangenen Jahres einer Revision unterzogen worden. Dabei wurden nach Angaben von EnBW unter anderem die Brennelemente ersetzt. Außerdem seien Pumpen und Armaturen an einem Nachkühlstrang gewartet worden, ein Teil der Notstromversorgung modernisiert. Die Arbeiten dauerten insgesamt rund zwei Monate.
"Block I startet auf einem - auch nach internationalen Maßstäben - sehr hohen Sicherheitsniveau in den Wettbewerb", resümierte der technische Geschäftsführer des Kraftwerks, Jörg Michels, nach dem Ende der Arbeiten. Gutachter Renneberg sieht das anders: "Gegenüber dem heutigen Stand der Sicherheitstechnik ist GKN I [ ] weit zurückgefallen." Das Umweltministerium in Berlin habe bereits im Jahr 2008 festgestellt, "dass GKN I gegen Störfälle generell wesentlich schlechter geschützt ist, weil sein gesamtes Sicherheitsdesign veraltet ist."
Für EnBW bestand zu diesem Zeitpunkt keine Veranlassung mehr, die geplanten Änderungen durchzusetzen - der Meiler musste ja ohnehin bald vom Netz. Mit dem Wahlsieg von Schwarz-Gelb änderte sich die Lage freilich. Und das macht die Diskussion um die Sicherheit von Neckarwestheim I so pikant. Es handelt sich nämlich um den ersten Meiler, der seinen Weiterbetrieb der im vergangenen Jahr beschlossenen Laufzeitverlängerung verdankt. Das belegt eine aktuelle Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl. Demnach reichte die Reststrommenge des Reaktors nach dem rot-grünen Atomausstieg bis zum 10. Januar dieses Jahres.
Ab dann hätte Neckarwestheim I nach alter Rechtslage stillstehen müssen. Passieren kann das freilich immer noch: Die SPD in Baden-Württemberg zieht mit dem Versprechen in den Landtagswahlkampf, den Reaktor schnellstmöglich stillzulegen. Und den in Philippsburg ebenfalls.
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.
Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.
Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.
Der gesamte Prozess wird öffentlich und transparent gestaltet.
Die Endlager Asse II und Morsleben sind in einem zügigen und transparenten Verfahren zu schließen. Dabei hat die Sicherheit von Mensch und Umwelt höchste Priorität. Die Energieversorger sind an den Kosten der Schließung der Asse II zu beteiligen.
Mit Blick auf Endlagerstandorte setzen wir uns für einen gerechten Ausgleich für die betroffenen Regionen ein, die eine im nationalen Interesse bedeutsame Entsorgungseinrichtung übernehmen."

