Nervenkampfstoffe: Warum Syrien Chemiewaffen-Macht bleiben wird

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Uno-Inspektoren in Syrien: Das Land besitzt eines der weltweit größten Chemiewaffenarsenale Zur Großansicht
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Uno-Inspektoren in Syrien: Das Land besitzt eines der weltweit größten Chemiewaffenarsenale

Die USA haben den Militärschlag gegen Syrien vertagt. Doch selbst wenn der Kongress grünes Licht gibt, wird Assads Giftgasarsenal nach Ansicht von Experten einen Angriff überdauern. Es ist schlicht zu gewaltig - und zu kompliziert zu vernichten.

Rund hunderttausend Menschen sollen im syrischen Bürgerkrieg bereits umgekommen sein, ein Viertel der Bevölkerung ist auf der Flucht. Doch erst der Einsatz von Chemiewaffen, mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Truppen des Machthabers Baschar al-Assad verübt, droht nun eine Militärintervention des Westens auszulösen - auch wenn US-Präsident Barack Obama den Angriff am Samstag zunächst vertagt hat.

Doch ausgerechnet an der Existenz von Chemiewaffen in Syrien wird der geplante Militäreinsatz des Westens nichts ändern. Selbst der Ausgang des Bürgerkriegs wird das wohl nicht vermögen, so gewaltig sind die syrischen Giftgasbestände. "Mehrere hundert Tonnen Senfgas, mehrere zehn Tonnen VX und mehrere hundert Tonnen Sarin-Gas" - so steht es auf einer Liste der französischen Geheimdienste, über die das Pariser "Journal de Dimanche" am Sonntag berichtete.

Die französische Auslandsaufklärung (DGSE) und der militärische Spionagedienst DRM hätten mehr als 30 Jahre an der Zusammenstellung der Liste gearbeitet. Mit einer Gesamtmenge von über 1000 Tonnen sei das syrische Chemiewaffenarsenal eines der größten der Welt. Die toxischen Kampfstoffe könnten mit SS-21-, Scud-B- und Scud-D-Raketen bis zu 500 Kilometer weit reichen.

Ein solches Arsenal, darin sind sich Fachleute einig, könnte nur durch einen massiven Personaleinsatz am Boden vernichtet werden. Das Pentagon ging in bisherigen Schätzungen davon aus, dass man rund 75.000 Soldaten und Spezialisten entsenden müsste - was westliche Regierungen kategorisch ausschließen.

Dass aber auch nur ein Teil des syrischen Arsenals mit Luftangriffen vernichtet werden könnte, gilt als praktisch ausgeschlossen. Ein Problem: Wo genau sich die syrischen Chemiewaffen befinden, ist unbekannt. In den vergangenen Monaten sollen Assads Truppen die Kampfstoffe aus den bisher bekannten Zentren über das ganze Land verteilt haben, auch in die Nähe von Städten.

"Man wird niemals alles zerstören"

Selbst wenn man wüsste, wo genau ein Depot liegt und welche Waffen es beinhaltet, bliebe die Sache schwierig. Die Nachrichtenagentur AP zitiert gleich fünf Experten mit der übereinstimmenden Aussage, dass die Bombardierung von Chemiewaffendepots mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Freisetzung großer Mengen der Gifte führen würde. Die Folge wären zahlreiche tote Zivilisten und eine ungeheure Umweltkatastrophe.

"Einige Substanzen wird man neutralisieren, andere verstreuen", sagt Daryl Kimball, Director der Arms Control Association in Washington, dem US-Radio NPR. "Man wird niemals alles zerstören." Zur Vernichtung der Chemikalien wären nach Angaben des französischen Experten Ralf Trapp Temperaturen von rund 650 Grad Celsius notwendig. Auch andere Faktoren spielten eine Rolle: das Wetter, insbesondere Wind und Wärme, um welche Chemikalien genau es sich handelt und die Beschaffenheit des Lagergebäudes.

Hinzu kommt, dass der "Tomahawk"-Marschflugkörper, der bei den amerikanischen Angriffsplänen eine zentrale Rolle spielt, nicht die beste Wahl zur Bekämpfung von Chemiewaffen ist, insbesondere wenn sie sich in Bunkern befinden. "Mit 'Tomahawks' wäre das eine Herausforderung", sagte Amy Smithson vom James Martin Center for Nonproliferation Studies dem "Time"-Magazin. Sie habe große Sorge vor giftigen Explosionswolken. In diesem Fall wäre "jeder, der in der Nähe lebt, in großen Schwierigkeiten".

Schreckensbeispiel aus dem Irak-Krieg

Für eine solche Aktion gibt es ein historisches Beispiel. Im Januar 1991, während des zweiten Golfkriegs, hat die US-Luftwaffe einen Bunker im irakischen Muthanna bombardiert. Er sollte rund 2500 mit Sarin gefüllte Artilleriegranaten enthalten. Wenig später schlugen in den Stellungen der Alliierten Hunderte Kilometer weiter südlich die Nervengas-Sensoren an. Da es keine Todesopfer in der Nähe der bombardierten Orte gab, glaubte man an einen Fehlalarm.

Doch das war offenbar voreilig, wie Forscher im März 2013 im Fachblatt "Neuroepidemiology" berichteten. Das erschreckende Ergebnis ihrer Studie: Das Nervengas erreichte höhere Luftschichten und breitete sich schnell über ein großes Gebiet aus. Selbst Hunderte Kilometer entfernt war die Konzentration noch ausreichend, um eventuell neurologische Schäden zu verursachen, meint Robert Haley von der University of Texas in Dallas, einer der Autoren der Studie. Die Umgebung des bombardierten Bunkers ist noch heute so extrem kontaminiert, dass sie ohne Schutzmaßnahmen unzugänglich ist.

Die unbeabsichtigte Freisetzung der Kampfstoffe ist nicht die einzige Sorge westlicher Militärplaner. Eine weitere ist, dass syrische Rebellen, unter denen sich auch radikale Islamisten befinden, ein Depot nach einer Bombardierung plündern könnten. Denn nach Ansicht von Fachleuten würden selbst unter für einen Luftangriff idealen Bedingungen 20 bis 30 Prozent der Chemiewaffen intakt bleiben.

Haben die Rebellen Giftgas eingesetzt?

Die Nachrichtenagentur AP berichtet unter Berufung auf US-Geheimdienstler, dass von einem Teil der syrischen Chemiewaffen seit einem halben Jahr nicht mehr bekannt sei, wer sie kontrolliere. Damit wäre es zumindest theoretisch möglich, dass die Rebellen einige der Kampfstoffe erbeutet und auch eingesetzt haben.

Die syrische Regierung behauptet gar, dass nicht die Assad-Truppen, sondern die Aufständischen hinter dem verheerenden Giftgasangriff vom 21. August stecken. Unabhängige Experten halten das allerdings für sehr weit hergeholt.

So haben nicht nur Vertreter der US-Regierung, sondern auch Assad selbst stets behauptet, die syrischen Chemiewaffenarsenale seien sicher. Sollte das stimmen, hätten die Rebellen die am 21. August eingesetzten Kampfstoffe selbst herstellen müssen. Die für Hunderte Todesopfer notwendige Menge sei aber "bei weitem größer als alles, was irgendeine geheime Gruppe hätte mischen können, ohne aufzufallen", sagte George Lopez von der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana dem NPR. Zudem sei unklar, ob die Rebellen überhaupt die Expertise zur Herstellung von Chemiewaffen und zur Bedienung der Trägersysteme hätten.

Hinzu kommen weitere Indizien, die eine Urheberschaft des Assad-Regimes nahelegen. So hat der Angriff vom 21. August ein Gebiet getroffen, das unter Kontrolle der Rebellen stand. Auch berichteten Augenzeugen, dass die Raketen aus Stellungen der syrischen Armee abgefeuert wurden. Nach Angaben der US-Regierung bestätigen Satellitenbilder dies.

Um das syrische Chemiewaffenprogramm zu schädigen, könne man natürlich auch die Fabriken angreifen, in denen die Ausgangsstoffe der Kampfmittel hergestellt werden, sagte Ex-Pentagon-Mitarbeiter Steven Bucci der "Los Angeles Times". "Aber was hätte man davon?", fragte der ehemalige Elitesoldat. Syrien besitze schon jetzt ungeheure Mengen an Nervenkampfstoffen. Das Land bleibe "die Chemiewaffen-Supermacht".

Mitarbeit: Stefan Simons

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1. verstehe nicht ...
chinchilla110 01.09.2013
.... warum der spiegel hier laufend die rechtfertigung eines angriffs der usa übernimmt. merkwürdig auch, dass ausgerechnet jetzt diese ganzen fakten "ausgekramt" werden. irgendwann in ein paar jahrzehnten wird unsere epoche als ganz düsteres zeitalter eingestuft werden, wenn sich die menschheit bis dahin noch nicht selber vernichtet hat.
2. an Herrn Simons
benutzerfrage 01.09.2013
Die Rebellen sind in Besitz von Giftgas aus einem Libyschen Lager, dass von USA und UK hätte bewacht werden müssen. Bei einer Razzia durch die türkische Polizei bei Rebllengruppen wurden Teile des vermissten Giftgases gefunden. Das selbe wie in Damaskus eingesetzt wurde
3.
sudiso 01.09.2013
dann sollen jeder der meint, das Syrien, egal ob rebellen oder regierungstruppe, besitzt, bitte beweise bringen oder am besten an wikileaks senden. dann wären solche berichte auch seriös.
4. Saudi Arabien?
atech 01.09.2013
Zitat von sysopREUTERSDie USA haben den Militärschlag gegen Syrien vertagt. Doch selbst wenn der Kongress grünes Licht gibt, wird Assads Giftgas-Arsenal nach Ansicht von Experten einen Angriff überdauern. Es ist schlicht zu gewaltig - und zu kompliziert zu vernichten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/nervengas-warum-syrien-chemiewaffen-supermacht-bleiben-wird-a-919744.html
Im Nachbarforum wurde schon mehrfach verlinkt, dass es vermutlich die Rebellen waren, die - von Saudi-Arabien unterstützt - den Giftgas-Anschlag verübten: EXCLUSIVE: Syrians In Ghouta Claim Saudi-Supplied Rebels Behind Chemical Attack (http://www.mintpressnews.com/witnesses-of-gas-attack-say-saudis-supplied-rebels-with-chemical-weapons/168135/) Anstatt das Kriegsgeschrei für eine "Strafaktion" gegen Assad zu unterstützen (was soll das bringen? Noch mehr tote Syrer? Noch mehr tote Kinder?), sollte spon lieber darüber berichten, dass es in diesem Stellvertreter-Krieg in Syrien mehrere ausländische Parteien gibt, die dort kräftig mitmischen und die alle ihre eigenen Gründe haben, warum sie entweder das Regime oder die Rebellengruppen unterstützen. Sonst verliert SPON seine Leser. Wegen mangelnder Professionalität und Glaubwürdigkeit.
5.
cato. 01.09.2013
Zitat von sysopREUTERSDie USA haben den Militärschlag gegen Syrien vertagt. Doch selbst wenn der Kongress grünes Licht gibt, wird Assads Giftgas-Arsenal nach Ansicht von Experten einen Angriff überdauern. Es ist schlicht zu gewaltig - und zu kompliziert zu vernichten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/nervengas-warum-syrien-chemiewaffen-supermacht-bleiben-wird-a-919744.html
Oder aber ein anderes Regime hätte die Rebellen mit diesen Kampfstoffen ausgestattet ... EXCLUSIVE: Syrians In Ghouta Claim Saudi-Supplied Rebels Behind Chemical Attack (http://www.mintpressnews.com/witnesses-of-gas-attack-say-saudis-supplied-rebels-with-chemical-weapons/168135/)
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Syrien-Intervention der USA: Obama lässt Kongress entscheiden

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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