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Neue Checkliste: Deutschen Altmeilern droht endgültiges Aus

Die Reaktor-Sicherheitskommission hat einen Prüfkatalog für Deutschlands Atomkraftwerke verabschiedet. Untersuchungen zum Schutz vor Flugzeugabstürzen und Terrorangriffen könnten das Ende für einige Altmeiler bedeuten. Am Ende wird es aber eine politische Entscheidung geben.

Kernkraftwerk Isar: Neue Prüfliste könnte zur Abschaltung älterer AKW führen Zur Großansicht
dapd

Kernkraftwerk Isar: Neue Prüfliste könnte zur Abschaltung älterer AKW führen

Berlin - Bis Mitte Juni läuft das AKW-Moratorium der Bundesregierung. Bis dahin muss sich die Politik klar darüber werden, welche Meiler sie dauerhaft stilllegen will. Die fachliche Expertise dafür soll die Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) liefern. Bundesumweltminister Norbert Röttgen hat deren Aufgabe nun konkretisiert. Es gehe um die Frage, ob die Sicherheit aufgrund neuer Annahmen neu definiert werden müsse, sagte er am Donnerstag. Dabei müsse das bisher nicht abgedeckte Risiko identifiziert werden: "Was ist denn, wenn in Deutschland ein Erdbeben größerer Stärke eintritt?"

Die Experten der RSK haben nun einen Anforderungskatalog zur Sicherheitsüberprüfung verabschiedet. Bis zum 15. Mai soll das Gremium dem Umweltministerium einen Bericht vorlegen. Eine federführende Rolle soll dabei die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) spielen "und andere Sachverständigen-Organisationen mit einbeziehen", heißt es in dem Papier.

Sieben GRS-Teams sollen um folgende Überprüfungsthemen kümmern:

  • Erdbeben inklusive möglicher Folgeschäden, etwa Anstieg oder Absinken von Flusspegeln, Brand, Kühlmittelverlust, Zerstörung der Infrastruktur und Wasserstoffexplosion,
  • Hochwasser inklusive des. Versagens von Staudämmen, extremen Sturmfluten, Tsunamis und Auswirkungen von Treibgut,
  • natürliche Einwirkungen wie etwa Sturm, Schneelasten, extreme Temperaturen, Trockenheit, Starkregen, Blitze und Hangrutschungen,
  • Absturz eines Verkehrsflugzeugs oder Militärjets (unfallbedingt oder gezielt) inklusive möglichen Problemen wie Treibstoffbrand und Zerstörungen an Gebäuden,
  • Freisetzung giftiger und explosiver Gase,
  • Auswirkungen eines Unfalls in einem Block auf den Nachbarblock,
  • Terrorangriffe,
  • Computerangriffe.

Außerdem wollen sich die Experten gezielt ansehen, welche Folgen ein mehr als zweistündiger Ausfall der Stromversorgung in einem AKW hätte. Weiterhin wird das Thema "lang andauernder Notstromfall" untersucht, also die Frage nach dem Erhalt der vitalen Funktionen des Reaktors bei einem mehr als 72 Stunden dauernden Notstromeinsatz - inklusive der Frage, wie man kaputte Notstromdiesel ersetzen kann. Und schließlich wollen die Atomsicherheitsexperten auch prüfen, was passiert, wenn die Nebenkühlwasserversorgung eines AKW zusammenbricht.

Entscheidend für die Zukunft der AKW könnte zum Beispiel das Thema der Flugzeugabstürze werden. Weil die ältesten Atommeiler nach Ansicht vieler Experten keine ausreichend dicken Hüllen haben und eine Nachrüstung sich kaum lohnt, könnten die derzeit nur für die Zeit des Moratoriums abgeschalteten AKW für immer stillgelegt werden. Interessant ist dabei die Frage, welche Absturzszenarien im Detail untersucht werden. Den gezielten Crash eines Airbus A380 dürfte kaum einer der deutschen Meiler überstehen. Ob genau diese Frage auch von der RSK untersucht wird, war am Donnerstag unklar.

"Die Fakten sind bekannt. Das wird eine politische Frage."

Die RSK gibt es seit 1958. Sie berät das Umweltministerium bei der Sicherheit kerntechnischer Anlagen. Unter den 16 Mitgliedern sind Physiker, Ingenieure und Vertreter der Atomwirtschaft. Sie sind vom Ministerium unabhängig. Als Ergebnis ihrer Beratungen leiten sie technisch-wissenschaftliche Empfehlungen oder Stellungnahmen an das Ministerium. Die Kommission trifft aber keine rechtlichen Bewertungen. Was mit ihren Schlussfolgerungen im politischen Prozess passiert, kann sie nicht mehr beeinflussen.

Aktueller Chef des Gremiums ist der Geschäftsführer des Prüf- und Beratungsunternehmens TÜV Nord Systems, Rudolf Wieland. "Wir können in drei Monaten keine Störfallanalysen mit Auswirkungen und Rechnungen machen", sagte Wieland vor einigen Tagen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Kommission müsse sich "auf die wichtigsten Probleme konzentrieren". Deswegen würden die anstehenden Prüfungen "eher qualitativ als quantitativ" ausfallen.

Jochen Stay, Sprecher der atomkritischen Organisation Ausgestrahlt, setzt keine allzu großen Hoffnungen in den neuen Prüfkatalog der RSK. "Am Ende werden keine Sicherheitskriterien entscheidend sein", sagt Stay. "Die Fakten sind bekannt. Das wird eine politische Frage." Es sei technisch nicht möglich, ein Restrisiko auszuschließen. "Da kann man sich diesen Aufwand sparen." Tobias Münchmeyer von Greenpeace äußert sich ähnlich: "Wir sind überzeugt, dass alle Fakten auf dem Tisch liegen. Eine neue Expertise der RSK braucht man eigentlich nicht." Die Fragen, die sich nach dem Beben von Japan stellten, seien alles andere als neu: "Das sind Sachen, die uns Umweltschützer schon seit Jahrzehnten umtreiben."

Kritik an der Liste kommt auch von den Grünen. Die RSK habe keine Anforderungen für eine Überprüfung der Sicherheit vorgelegt, beklagt sich deren atompolitische Sprecherin Sylvia Kotting-Uhl, "sondern lediglich eine schwammige Auflistung von Themen, denen man sich widmen will. Für einen Stresstest ist dies völlig ungenügend."

Wegen der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima stehen die sieben ältesten Atomkraftwerke sowie der Meiler Krümmel für drei Monate still. Außerdem ist das AKW Grafenrheinfeld in Bayern derzeit in einer planmäßigen Revision. Das heißt, dass aktuell nur acht Atomkraftwerke Strom liefern.

Parallel zur RSK soll sich auch ein sogenannter Rat der Weisen im Auftrag der Regierung mit der Zukunft der Atomkraft auseinandersetzen. Den Vorsitz haben Ex-Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) und der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner. Die eigentlichen Entscheidungen wird die schwarz-gelbe Regierungskoalition aber allein treffen müssen.

"Am Ende ist die Politik gefragt", sagt auch Minister Röttgen. Entscheidungen könnten auch nicht "das Ergebnis von Verhandlungen mit den Energieerzeugern sein". Die Regierung werde handeln "erwartungsgemäß auch durch gesetzgeberische Maßnahmen." Mit anderen Worten: Im Sommer könnte eine Änderung des Atomgesetzes anstehen.

chs/dpa

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Diese Check-Listen sind schon längst überfällig!
Holledauer, 31.03.2011
Ich habe meine eigenen Erfahrungen bei der Inbetriebnahme neu errichteter Großanlagen: Der Anlagenbauer will so schnell wie möglich von der Baustelle, dem Anlagenbetreiber fehlt häufig die Kompetenz, seine Anlage wirklich zu kennen. Ich durfte erleben, wie sich bei einer Anlage, die mit einem Investitionsaufwand von über 150 Mio. Euro wegen des Fehlens von 2 Billigbauteilen im Wert von etwa 1000 Euro ein über Stunden unbeherrschbarer Schwarzfall ereignete. Es ist erforderlich, und das nicht nur für Atomanlagen, dass von unabhängiger dritter Stelle eine Checkliste für die Abnahme neu errichteter Anlagen ausgearbeitet und die Abnahme und die Betriebserlaubnis nur nach positiver Abarbeitung diese Liste erteilt wird. Es reicht eben nicht, dass die Gewerbeaufsicht oder der TÜV nur prüft, ob die Leitern den richtigen Winkel und einen Sicherheitskorb haben.
2. Kernkraftwerke...
riolouco 31.03.2011
haben im Gegensatz zu den meisten anderen komplexen Industrieanlagen zu vielen dieser Themen eh schon "Checklisten". Es gibt sogar eine Aufsichtsbehörde, die das "Defense in depth" Konzept prüft. Wenn ich mit einem A 380 Schaden anrichten will, dann fliege ich in ein vollbesetztes Fussballstadion. Keine wird auf die Idee kommen, soche Events zu verbieten oder zu fordern, dass Fussballstadien gebunkert ausgeführt werden. Und was Erdbeben angeht: Gelten die gleichen Erdbebenannahmen dann auch für München oder Frankfurt? BVei einem Erdbeben der Stärke 8 fallen in unseren Großstädten alle Hochhäuser in sich zusammen.
3. Erweiterbar...
Zweck-Los 31.03.2011
Diese überfällige Checkliste scheint mir nicht vollständig zu sein: Meine zwei Cents: 1. zweiter Leitstand in ausreichender Entfernung 2. Speichersee mit direkter Wasserleitung zum AKW 3. zusätzliche Stromverkabelung ans AKW 4. einsatzbereite Löschluftschiffe (Cargolifter) 5. Schaffung einer nationalen Atom-Feuerwehr 6. vereinheitlichte AKW-Bedienungen 7. mechanisch betriebene Reserve-Kühlung ...
4. Stets unpassende Vergleiche! Bewusst oder Unbewusst?
wildcard1@gmx.de 31.03.2011
Zitat von rioloucohaben im Gegensatz zu den meisten anderen komplexen Industrieanlagen zu vielen dieser Themen eh schon "Checklisten". Es gibt sogar eine Aufsichtsbehörde, die das "Defense in depth" Konzept prüft. Wenn ich mit einem A 380 Schaden anrichten will, dann fliege ich in ein vollbesetztes Fussballstadion. Keine wird auf die Idee kommen, soche Events zu verbieten oder zu fordern, dass Fussballstadien gebunkert ausgeführt werden. Und was Erdbeben angeht: Gelten die gleichen Erdbebenannahmen dann auch für München oder Frankfurt? BVei einem Erdbeben der Stärke 8 fallen in unseren Großstädten alle Hochhäuser in sich zusammen.
Und wieder mal ein hahnebüchener Vergleich! Wieso wird nur immer so gerne ausgelendet, dass ein havariertes AKW deutlich größere Gefahren, dazu noch über ewige Zeiten, birgt als ein Bombenanschlag, Flugzeugabsturz in ein Fussball-Stadion oder vielleicht die Anzahl der Verkehrstoten in Deutschland. Diese Liste einzelner Katastrophen lässt sich beliebig vorführen. Man sieht doch gerade in Japan oder auch noch am Beispiel Tschernobyl wie nachhaltig die Gefahren sind und wie wenig sie sich kontrollieren, geschweige beseitigen lassen. Ich nehme mal bewusst das Beispiel "Tsunami im indischen Ozean", es gab' dort große Verluste von Menschenleben und Infrastruktur, keine Frage. Jedoch bereits nach ein paar Jahren nur, war in vielen Länder (z.B. Thailand) ein Großteil der Verwüstungen wieder beseitigt und das Leben nimmt dort seinen normalen Lauf. Nachhaltige Verseuchungen gibt es bei Erdbeben, Anschlägen, Flugzeugabstürzen sowie Unfälle mit konventionellen Schäden nunmal eben nicht! Werden solche unsinnigen Vergleiche nun also bewusst durch bezahlte Lobbyisten oder einfach nur von naiven kernkraftfreundlichen Bürgern verfasst? Es ist mir vollkommen unverständlich, wie man mit gesunden Menschenverstand glaubt, derartige Szenarien miteinander vergleichen zu können und letztendlich damit versucht das wahre Gefahrenpotential herunterzuspielen!
5. Am deutschen Wesen....
jboese2, 31.03.2011
Zitat von sysopDie*Reaktor-Sicherheitskommission hat einen Prüf-Katalog für Deutschlands Atomkraftwerke verabschiedet. Untersucht werden unter anderem Flugzeugabstürze und Terrorangriffe. Das könnte das endgültige Ende für Alt-Meiler bedeuten. Am Ende wird das aber eine politische Entscheidung bleiben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,754216,00.html
Genau, denn am Ende steht das Ergebnis doch schon fest. Damit sind allerdings die Klimaziele endgültig Makulator, aber unserem Herrn Röttgen wird bestimmt was einfallen, wie das trotzdem hinkommen wird. Das wird dann wieder teurer für alle Mieter und Wohnungsinhaber, die diesen ganzen Öko-Quatsch schon jetzt subventionieren. Offensichtlich hängt unsere Regierung der irrsinnigen Idee nach, 80 Mio. Deutsche könnten den ökologischen Einfluss der restlichen 7 Milliarden Weltbewohner ausgleichen. Aber Grössenwahn ist halt fest im 'deutschen Wesen' verankert.
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Mitglieder der neuen Energie-Kommission
Vorsitzende

Klaus Töpfer: Bundesumweltminister (1987 bis 1994), Chef des Uno-Umweltprogramms (1998 bis 2006)
Matthias Kleiner: Präsident der Deutschen Forschungsgesellschaft

Weitere Mitglieder

Ulrich Beck: Soziologe
Klaus von Dohnanyi: Bundesbildungsminister (1972 - 74) , Erster Bürgermeister von Hamburg (1981 - 88)
Ulrich Fischer: Landesbischof der Badischen Landeskirche
Alois Glück: Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken
Jürgen Hambrecht: Vorstandsvorsitzender BASF
Walter Hirche: Präsident der Deutschen Unesco-Kommission
Reinhard Hüttl: Präsident der Akademie der Technikwissenschaften
Weyma Lübbe: Professorin für Praktische Philosophie
Reinhard Kardinal Marx: Erzbischof von München und Freising
Lucia A. Reisch: Rat für Nachhaltige Entwicklung
Miranda Schreurs: Leiterin Forschungszentrum für Umweltpolitik FU Berlin
Michael Vassiliadis: Vorsitzender der Gewerkschaft IG BC

Atomkraft in Deutschland
Leistung älterer Kernkraftwerke
Leistung älterer deutscher Kernkraftwerke
Kraftwerk Betriebs-
start
Defekte Netto-
leistung
in MW
Brunsbüttel 1977 80 771
Isar 1 1979 44 878
Neckarwestheim 1 1976 47 785
Philippsburg 1 1980 39 890
Biblis A 1974 66 1167
Biblis B 1976 78 1240
Unterweser 1978 49 1345
Gesamt 7076
Quelle: Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz, IAEA - Power Reactor Information System, Informationskreis KernEnergie
Umsätze Altreaktoren
Durchschnittliche Jahresstromproduktion und Gesamtumsatz Altreaktoren
Kraftwerk Leistung in MW Produktion in TWh
Biblis A 1167 8,1
Neckarwestheim 1 785 5,4
Biblis B 1240 8,6
Brunsbüttel 771 0,0 (nicht am Netz)
Isar 1 878 6,1
Unterweser 1345 9,3
Philippsburg 1 890 6,1
Gesamt 7076 43,6
Jahresumsatz gesamt in Mio. € 2310
Quelle: Energiekonzerne, Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz; Berechnungen: Wolfgang Pfaffenberger. Ausgegangen wird von einer Jahresproduktion von 6900 Volllaststunden und dem Grundlastpreis vom 15.3.11 (53 Millionen Euro pro Terawattstunde).
Reststrommengen der Altmeiler
Reststrommengen der Altmeiler
Kraftwerk Reststrom 1. Januar 2011 Reststrom aktuell*
Biblis A 4305 3332
Biblis B (in Revision) 4961 7490
Neckarwestheim I 188 0
Brunsbüttel (nicht am Netz) 10999 10999
Isar 1 3585 2276
Unterweser 13572 11344
Philippsburg 1 9869 8518
Gesamt 43959
 
Umsatzpotential in Mio. € 2329
Quellen: Bundesamt für Strahlenschutz, VGB. * Eigene Berechnungen (Reststrom 1. Januar 2011 minus [Jahreswert 2010 geteilt durch 12 mal 2,5 Monate]). Die Tabelle gibt die Reststrommengen ohne die im vergangenen Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung wieder.
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