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Neue Energiewirtschaft: Der lange Weg zur Zivilisation 1.0

Homo sapiens hat es weit gebracht: vom Jäger und Sammler bis zum Demokraten. Auch die nächsten Zivilisationsstufen werden große Anstrengungen erfordern, glaubt Autor Michael Shermer. Der Schlüssel dazu: ein weltumspannender freier Handel mit erneuerbaren Energien.

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Basteln an einer neuen Welt: Derzeit sind wir eine Zivilisation des Typs 0.7

Es ist Januar. Ein Monat, der benannt ist nach dem römischen Gott Janus (lateinisch für Tür). Er ist das Tor zum neuen Jahr, janusköpfig in die Vergangenheit blickend, um die Zukunft vorherzusagen. In diesem speziellen Januar 2009 befinden wir uns sowohl ökonomisch als auch ökologisch an einem Scheidepunkt. Wenn wir jemals in die Vergangenheit blicken mussten, um unsere Zukunft zu retten, dann heute. Insbesondere müssen wir zwei Dinge tun:

  1. Die Implosion der Wirtschaft stoppen und den Märkten ermöglichen, wieder frei und fair zu funktionieren;
  2. und den Wechsel unserer primären Energiequellen von nicht-erneuerbaren, fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien zu vollziehen, die uns gestatten werden, auch in Zukunft zu gedeihen.

Gelingen uns diese grundlegenden Veränderungen nicht, werden wir dazu verdammt sein, die endlosen, durch Stammesdenken geprägten, politischen Machenschaften und wirtschaftlichen Konflikte über uns ergehen zu lassen, die die Zivilisation bereits seit Jahrtausenden plagen.

Wir müssen den Wechsel zur Zivilisation 1.0 vollziehen. Lassen Sie mich das erklären.

In einem 1964 erschienenen Artikel über die Suche nach extraterrestrischen Zivilisationen, schlug der sowjetische Astrophysiker Nikolai Kardaschow den Einsatz von Radioteleskopen vor. Mit ihnen sollten Signale aus anderen Sonnensystemen empfangen werden, in denen Zivilisationen auf drei verschiedenen Entwicklungsstufen vorkommen könnten:

  • Eine Zivilisation vom Typ 1 wäre in der Lage, sämtliche Energiequellen ihres Heimatplaneten zu nutzen;
  • eine Zivilisation vom Typ 2 könnte die gesamte Kraft ihrer Sonne ernten;
  • und eine Zivilisation vom Typ 3 könnte über die Energie ihrer gesamten Galaxie verfügen.

Aufgrund unserer damaligen Energieeffizienz schätzte der Astronom Carl Sagan 1973, dass die Erde auf einer Skala von Typ 0 bis Typ 1 eine Zivilisation des Typs 0.7 darstelle (neueren Berechnungen zufolge liegen wir inzwischen bei 0.72).

Da die Kardaschow-Skala logarithmisch ist - jede Erhöhung des Energieverbrauchs erfordert also eine gewaltige Zunahme in der Energieerzeugung - werden wir das Ziel mit fossilen Brennstoffen nicht erreichen. Erneuerbare Energien wie Sonnenenergie, Windenergie und Erdwärme sind ein guter Anfang, und in Verbindung mit Kernenergie - vielleicht sogar der Kernfusion (statt der heutigen Kernspaltungsanlagen) - könnten wir damit eines Tages eine Zivilisation 1.0 werden.

Wir sind nahe dran. Wenn wir unseren janusköpfigen Blick in die Vergangenheit richten, um die Zukunft zu sehen, können wir die Geschichte der Menschheit auf dem Weg zur Zivilisation 1.0 kurz überfliegen:

  • Typ 0.1: Wechselnde Gruppen von Hominiden leben in Afrika. Die Technik besteht aus primitiven Steinwerkzeugen. Konflikte zwischen den einzelnen Gruppen werden durch eine Dominanzhierarchie gelöst und es kommt zwischen den Gruppen häufig zur Anwendung von Gewalt.
  • Typ 0.2: Banden von umherziehenden Jägern und Sammlern bilden verwandtschaftliche Verbände mit einem überwiegend horizontalen politischen System und einer egalitären Wirtschaft.
  • Typ 0.3: Stämme von Individuen, die durch ihre Verwandtschaft miteinander verbunden sind, aber mit einer stärker ortsgebundenen und landwirtschaftlichen Lebensweise. Anfänge einer politischen Hierarchie und eine primitive wirtschaftliche Arbeitsteilung.
  • Typ 0.4: Häuptlingstümer, bestehend aus einer Koalition von Stämmen, die eine einzige, hierarchische, politische Einheit bilden und von einem dominanten Anführer geleitet werden. Sie zeigen Anfänge deutlicher wirtschaftlicher Unterschiede und einer Arbeitsteilung, bei der Mitglieder der niederen Schichten Lebensmittel und andere Produkte herstellen, die von nicht produzierenden Mitgliedern der höheren Schichten verbraucht werden.
  • Typ 0.5: Der Staat als politische Koalition, die für ein genau definiertes, geografisches Territorium und die entsprechende Bevölkerung zuständig ist. Dazu eine Handelswirtschaft, die darauf ausgerichtet ist, gegenüber anderen Staaten eine günstige Handelsbilanz im Spiel um Gewinn und Verlust zu erzielen.
  • Typ 0.6: Imperien dehnen ihre Kontrolle über Bevölkerungsgruppen aus, die kulturell, ethnisch und geografisch nicht in ihr normales Zuständigkeitsgebiet fallen, mit dem Ziel der wirtschaftlichen Dominanz über rivalisierende Imperien.
  • Typ 0.7: Demokratien, welche die Macht zwischen mehreren Einrichtungen aufteilen. Diese werden von gewählten Vertretern geführt, die von einigen Bürgern gewählt werden. Es sind die Anfänge einer Marktwirtschaft.
  • Typ 0.8: Liberale Demokratien, in denen jeder Bürger eine Stimme hat. Die Märkte beginnen, durch den freien Handel mit anderen Staaten ein wirtschaftliches Spiel von beiderseitigem Vorteil umzusetzen.
  • Typ 0.9: Demokratischer Kapitalismus: Die Verschmelzung liberaler Demokratie mit freien Märkten, die sich nun, dank demokratischer Bewegungen in Entwicklungsländern und ausgedehnten Handelsblöcken wie der Europäischen Union, über den gesamten Erdball erstrecken.
  • Typ 1.0: Globalismus mit einer weltübergreifenden, kabellosen Internetanbindung. Alles Wissen ist digitalisiert und für jedermann zugänglich. Eine globale Ökonomie mit freien Märkten, in denen jeder mit jedem Handel treiben kann, ohne die Einmischung von Staaten oder Regierungen. Ein Planet, auf dem alle Staaten Demokratien sind und in denen jeder ein Stimmrecht hat.

Wenn wir aus dieser Vergangenheit in die Zukunft blicken, erkennen wir, dass die Kräfte, die verhindern könnten, dass wir die Zivilisation 1.0 erreichen, in erster Linie politischer und wirtschaftlicher und nicht technischer Natur sind. In nichtdemokratischen Staaten herrscht erheblicher Widerstand gegen die Übergabe der Macht an das Volk - besonders in Theokratien, deren Anführer lieber zu den Häuptlingstümern des Typs 0.4 zurückkehren würden. Die Globalisierung der Wirtschaft erfährt erhebliche Opposition - auch im industrialisierten Westen, wo die Sichtweise der meisten Menschen immer noch von ökonomischem Stammesdenken beherrscht wird.

Die wissenschaftliche Idee, die dieses ganze Spiel verändern kann, ist die Verbindung von Energie und Ökonomie: die Entwicklung erneuerbarer Energien, die günstig und für jeden überall auf dem Planeten zugänglich sind und die jeder mit jedem anderen austauschen darf. Das wird alles verändern.

Aus dem Englischen von Daniel Bullinger

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1. Weltumspannender freier Handel?
akraft, 28.12.2009
Freier Handel, der sich über die ganze Welt erstreckt? Nun ja, in gewisser Weise haben wir das ja bereits mit allen ach so "positiven" Folgen. Die Grundproblematik bleibt doch die, dass ich nicht auf der einen Seite die Produktionspreise von Afrika zahlen kann und auf der anderen Seite erwarte, dass die Leute die Mieten in Deutschland zahlen können. Das funktioniert so nicht. Gerade der globale Handel ist ein wesentlicher Risikofaktor, da bei ihm betriebswirtschaftliche Interessen mit volkswirtschaftlichen Auswirkungen kollidieren. Es ist extrem utopisch zu glauben, dass wir das kurz- oder mittelfristig in den Griff bekommen.
2. Da gibt's noch weitere Konfliktfelder...
e.schw 28.12.2009
Zitat von sysopHomo sapiens hat es weit gebracht vom Jäger und Sammler bis zum Demokraten. Auch die nächsten Zivilisationsstufen werden große Anstrengungen erfordern, glaubt Autor Michael Shermer. Der Schlüssel dazu: ein weltumspannender freier Handel mit erneuerbaren Energien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,669218,00.html
Zitat Spiegel Online: “Typ 1.0: ... Alles Wissen ist digitalisiert und für jedermann zugänglich. ... Und wer zeigt der unheuren Menge Halbgebildeter die Prioritätenskala innerhalb des Wissensbestandes? Wer verhindert Scheindemokraten, die um die Macht dieser Art Bildung wissen, vor der Rainer Kunze mit den Worten “Unwissende, damit ihr unwissend bleibt, werden wir euch schulen” gewarnt hatte? Sicher wäre mit günstiger und ausreichend vorhandener Energie ein wesentliches potentielles Konfliktfeld weniger. Doch auch mit noch so vielen “Desertecs” lässt sich der Energiebedarf nur zu einem geringen Teil decken. Der Streit um günstige Erzeugerflächen ist schon jetzt absehbar. Im Übrigen gibt es weitere Objekte der Begierde, die durchaus Anlass für Kriege sein können.
3. Träumer 2.0
LouisWu 28.12.2009
Zitat von sysopHomo sapiens hat es weit gebracht vom Jäger und Sammler bis zum Demokraten. Auch die nächsten Zivilisationsstufen werden große Anstrengungen erfordern, glaubt Autor Michael Shermer. Der Schlüssel dazu: ein weltumspannender freier Handel mit erneuerbaren Energien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,669218,00.html
Immer wieder herzerfrischend, wenn Träumer die Menschheit retten wollen und dabei die Realität einfach ausblenden. Die Politik ist noch nicht einmal in der Lage, die Banker und Finanzmärkte zu bändigen. Und die Menschen werden auch in Zukunft einfach das machen, was ihnen den meisten Gewinn und höchsten Lebensstandard einbringt - und zwar hier und jetzt, ohne Rücksicht auf morgen. Betrachtet man die bisherige Geschichte, dann scheint das hervorragend zu funktionieren: Der jetzigen Generation (ganz gleich, wo sie lebt) geht es besser als allen Generationen zuvor. Wer da lenkend eingreifen würde (nehmen wir mal an, das wäre möglich), läuft Gefahr, eine Menge Unheil anzurichten. Der Klimahype ist ein Beispiel dafür - auch wenn sich erst in 20 Jahren herausstellen wird, wie albern das Ganze wirklich war. Oh Göttin, schütze mich vor Menschen, die es gut meinen...
4. Bevölkerungswachstum
pingpongschuhi 28.12.2009
Das unregulierte Bevölkerungswachstum ist die Ursache aller globalen Ernährungs-, Energie- und sonstigen Umweltprobleme. Wer das unregulierte Bevölkerungswachstum als Ursache unserer globalen Probleme und Herausforderungen verschweigt hat wohl etwas Anderes im Sinn als Erhalt und Fortführung unserer Zivilisation und ist in einer Diskussion um die Zukunft derselben kaum ernstzunehmen.
5. Tada!
Galaxia, 28.12.2009
Zitat von sysopHomo sapiens hat es weit gebracht vom Jäger und Sammler bis zum Demokraten. Auch die nächsten Zivilisationsstufen werden große Anstrengungen erfordern, glaubt Autor Michael Shermer. Der Schlüssel dazu: ein weltumspannender freier Handel mit erneuerbaren Energien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,669218,00.html
Danke für diesen Weitsichtigen Beitrag auf SPON. Hier ersetzen "Mahner" die Aufgabe von nicht vorhandenem "Weisen Rat" in unseren Schaltstellen. Man stelle sich nurmal vor, wir wären schon 100% EE. In der Realität verliert Deutschland jedes Jahr wegen einer lahmen Merkel, von dem was einst die Grünen vorangebracht haben und Heute als Standard gilt. Dies brachte uns die Weltführerschaft und den stärksten Wirtschaftsmotor (Siehe Beschäftigte EE in Deutschland). Mehr als in der Machienen oder Autoindustrie, welcher Subventionierung wegen immer mehr dazu beiträgt Deutschland abzuwracken, weil alte starre - greise Alte Firmenlenkergewohnheiten an fast 200 Jahren alten technologien festhalten. Dabei ist Elektro so viel cooler als dieses stinkenden dreckigen Co-2 Schleudern. Kann und wird Deutschland neue Akzente setzen und entschloßener auf EE umstellen in 2010? Oder verliert man weiter an Boden und Wirtschaftspotential? Viel hängt wohl davon ab inwiefern Deutschland sich bei EE vorhaben (zB Desertec und Zentral und Dezentralisierung von EE Gewinnung/Bereitstellung) einbringt und fördert. Die Früchte dieser Unternehmeung könnten wir hier alle noch ernten und unseren Beitrag für die Stabilität Afrikas und dem globalen Emissionen (Weniger Flüchtlinge, weniger Terror). Der nächste Wirtschaftsaufschwung kann nur mit EE gelingen, solange wir damit hadern, wird es keinen neuen Job Motor geben - nirgends. Wo bleibt das Recht sich Selbstständig mit EE zu versorgen? Wo bleibt die Infrastruktur für den EE Nah und Fernverkehr in Deutschland? Wo bleiben die Pilotprojekte und Regulierungen für Co-2 Freie Innenstädte und mehr Lebensqualität? Durch Deutschland muss ein Ruck gehen! Auf ein erfolgreiches 2010.
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Der Autor
Michael Shermer ist Herausgeber des Magazins "Skeptic", schreibt Kolumnen für den "Scientific American" und hat unter anderem das Buch "The Science of Good and Evil" veröffentlicht.
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