Neue Militärtechnik So kämpft der Soldat von morgen

Mini-Kameras am Helm, Tarnkappen-Drohnen am Himmel, Hilfsskelette namens "Hulc": Eliteeinheiten begreifen sich auch technologisch als Speerspitze der Streitkräfte. Sie sind oft die Ersten, die von Hightech-Entwicklungen profitieren - und neue Waffen wie die "Kotzstrahlenkanone" einsetzen sollen.

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Der Tod kam leise zu Osama Bin Laden. Hoch über dem Anwesen des Terroristenchefs sammelte eine Tarnkappen-Drohne des Typs RQ-170 "Sentinel" Daten des Einsatzgebiets, unentdeckt von der pakistanischen Flugabwehr. Zugleich näherten sich die Navy Seals in modifizierten "Black Hawk"-Hubschraubern, deren Heckrotoren und Triebwerke leiser sind als die der herkömmlichen Modelle. Die Elitesoldaten trugen Kameras an ihren Helmen - US-Präsident Barack Obama konnte die Aktion so mitverfolgen.

Der Einsatz zeigte, wie viel Hightech Spezialkommandos verwenden - und das nicht nur bei derart politisch brisanten Einsätzen. Zwar ist die Benutzung von Drohnen, Satelliten und modernen Kommunikationsmitteln auch bei der regulären Truppe gang und gäbe, doch die Spezialkräfte sind oft die ersten Anwender neuer Technologien.

Ein Beispiel ist das amerikanische "Land Warrior"-Programm. Mit Hilfe von Nanotechnologie, Exoskeletten, neuartigen Körperpanzern und zahlreichen elektronischen Helfern soll der Infanterist der Zukunft länger überleben - und auch effizienter töten können.

Futuristische Technologien sind nur ein Teil des Programms, das inzwischen in "Nett Warrior" umbenannt wurde - zu Ehren des 2008 verstorbenen US-Soldaten Robert B. Nett. Der Offizier hatte im Zweiten Weltkrieg trotz schwerer Verletzungen weiter auf einem philippinischen Schlachtfeld gegen japanische Soldaten gekämpft und war deswegen mit der höchsten militärischen Auszeichnung der USA, der Ehrenmedaille des Kongresses, ausgezeichnet worden.

Anders als bei früheren Vorhaben dieser Art wollen die US-Streitkräfte beim Projekt "Nett Warrior" neue Technologien nicht erst jahrelang entwickeln und dann irgendwann eine Revolution versuchen, sondern die Innovationen in kleinen Schritten einführen, sobald sie weit genug sind.

Vernetzte Kriegsführung bis zum einzelnen Soldaten

Die US-Armee hatte "Land Warrior" nach 15 Jahren Laufzeit und Kosten von rund einer halben Milliarde Dollar im Jahr 2007 zunächst eingestellt. Zu teuer, zu schwer, zu kompliziert, technisch unausgereift und bei der Truppe unbeliebt, hieß es zur Begründung. Es erwies sich als enorme Herausforderung, die Kommunikationstechnik, die für Smartphone-Benutzer seit Jahren alltäglich ist, den extremen Anforderungen des Kriegseinsatzes anzupassen.

Doch eine US-Infanterieeinheit reduzierte das ursprünglich acht Kilo schwere Paket auf das Wesentliche und testete es im Frühjahr 2007 im Irak. Der Versuch war zumindest zum Teil erfolgreich, so dass 2009 auch eine US-Einheit in Afghanistan grünes Licht erhielt, das System zu testen. 2012 soll es so weit entwickelt sein, dass eine Infanterie-Brigade es im Kampfeinsatz benutzen kann.

"Nett Warrior" soll die Soldaten nicht nur untereinander, sondern auch mit dem Hauptquartier digital verbinden. Sie werden damit zum Teil der sogenannten netzwerkzentrierten Kriegsführung, die alle an einem Einsatz beteiligten Einheiten koordinieren soll. Herzstück des "Nett Warrior"-Systems ist ein kleiner Bildschirm, der am Helm befestigt ist. Die Soldaten können darauf die Positionen ihrer Teammitglieder, Landkarten und andere taktische Informationen sehen.

Ein Problem der Schlachtfeld-Elektronik ist das zusätzliche Gewicht, das die ohnehin schwerbepackten Kommandosoldaten zusätzlich belastet. Das Militär arbeitet deshalb an der Miniaturisierung der Geräte - und versucht zugleich, die Schlepperei auch auf anderen Wegen für die Soldaten erträglicher zu machen. So hat die US-Armee Anfang Juli mit biomechanischen Tests des Exoskeletts "Hulc" begonnen. Das vom Rüstungs- und Technologiekonzern Lockheed Martin entwickelte System besteht aus einem rucksackähnlichen Kasten und Beinschienen, die an eine medizinische Gehhilfe erinnern. Lasten von bis zu hundert Kilo sollen Soldaten so über längere Zeit durch unwegsames Gelände schleppen können.

Satelliten und Drohnen geben Übersicht von oben

Die neue Kommunikationstechnik soll den Kämpfern auch besseren Zugriff auf Satelliten und Drohnen geben. Insbesondere die unbemannten Flugzeuge haben sich in den vergangenen Jahren bei den westlichen Streitkräften rasant verbreitet. Als tragbare Späh-Winzlinge, mit Raketen bewaffnete Angriffsflieger und tonnenschwere Langstrecken-Aufklärer sind Drohnen an den Einsatzorten allgegenwärtig.

Die US-Armee testet derzeit ein Kamerasystem, das mit insgesamt 368 Fünf-Megapixel-Bildsensoren ausgestattet ist und so auf eine Gesamtauflösung von gewaltigen 1,8 Gigapixeln kommen soll. Das System namens "Argus-IS" soll an Bord von Boeings Helikopter-Drohne A-160T "Hummingbird" zum Einsatz kommen und Truppen die Möglichkeit geben, alles im Umkreis von mehr als sieben Kilometern in Echtzeit zu überwachen.

Bereits im Einsatz ist ein System namens "Gorgon Stare", das aus neun Kameras besteht. Seit November 2010 lässt die US-Luftwaffe Drohnen des Typs MQ-9 "Reaper" mit dem elektronischen Auge über Afghanistan fliegen. Auch die Bundeswehr setzt in Afghanistan die unbemannten Aufklärer ein, etwa die von der Penzberger Firma EMT hergestellte "Luna", die israelische "Heron" oder das "Kleinfluggerät Zielortung" (KZO) von Rheinmetall. Spezialeinheiten benutzen gern auch tragbare Mini-Drohnen, etwa die nur vier Kilogramm schwere "Aladin", die bei der GSG 9 im Einsatz ist, oder die noch kleinere "Wasp III" der U.S. Air Force.

Es gibt mittlerweile kaum noch etwas, das die Drohnen nicht erkennen können. Je nach Einsatzprofil tragen sie Wärmebild- und optische Kameras, Laser-Entfernungsmesser oder Laser-Designatoren, die Ziele markieren können - beispielsweise für einen Luftangriff.

Auf diesem Feld verfügen Spezialeinsatzkräfte über weit bessere Möglichkeiten als andere Einheiten. "Für einen normalen Soldaten ist der Zugriff und die Benutzung von Drohnen- und Satellitendaten manchmal schwierig", sagt EMT-Mitarbeiter Sascha Lange. Spezialkräfte hätten es da leichter - und können dank großzügiger Ausstattung mit Satelliten-Kommunikation "überall relativ flexibel in die Kommandokette hineintelefonieren". Zudem verfügten die Sondereinheiten in der Regel über intensiver trainiertes Personal.

Unsichtbar auf dem Schlachtfeld

Kommende technologische Neuerungen sollen nicht nur der Offensive dienen, sondern auch das Leben von Soldaten schützen. So diskutiert das US-Militär nach dem folgenschweren Abschuss eines "Chinook"-47-Hubschraubers durch Taliban-Kämpfer in Afghanistan darüber, wie sich Helikopter in Zukunft sicherer machen lassen. Die Army hat dazu einen Wettbewerb ausgeschrieben, um dessen Sieg sich vier Firmen mühen.

Zu den dabei diskutierten Konzepten gehört auch die Kombination zweier bekannter Technologien: eine akustische Geschosserkennung, wie sie bereits in Bodenfahrzeugen zum Einsatz kommt, und ein Laser zur Ablenkung von feindlichen Schützen. Eine Gruppe von Mikrofonen hilft zunächst dabei, die Quelle von Gewehr- oder Granatbeschuss zu lokalisieren - weil jedes der Mikrofone die Schallwellen im Raum etwas anders wahrnimmt.

Ist die Quelle des Beschusses erst einmal berechnet, beginnen kraftvolle Laser, in diese Richtung zu strahlen. Sie sollen den Angreifer so irritieren, dass er keinen weiteren Schuss mehr abfeuern kann. Doch noch wird die Technik vor allem in Labors getestet. Gerade einmal vier "Black Hawk"-Hubschrauber in Afghanistan verfügen derzeit über das Mikrofon-Ortungssystem. Von den Störlasern ganz zu schweigen.

Am Boden sollen neue Technologien dazu führen, dass westliche Soldaten gar nicht erst auffallen - und im Idealfall völlig unsichtbar bleiben. Natürlich plane man keine Tarnvorrichtung, wie sie Science-Fiction-Fans aus "Raumschiff Enterprise" kennen, sagte Lisa Sanders, Vizechefin der Wissenschafts- und Technologieabteilung des US Special Operations Command (Socom), dem "National Defense"-Magazin. "Aber wir operieren in Umgebungen, in denen wir einfach nicht hervorstechen wollen."

Gelingen soll das mit Ausrüstung, die die Wärmeabstrahlung der Soldaten versteckt und die Kämpfer auch optisch tarnt. Zugleich sollen sie ihrerseits besser sehen, sowohl im Dunkeln als auch im dichten Dschungel. "Wir arbeiten daran, Sensoren zu verbessern und Algorithmen zu verfeinern, um mehr Daten aus den Sensoren zu gewinnen", sagte Sanders.

Neue nichttödliche Waffen sollen Soldaten die Möglichkeit geben, eine potentiell bedrohliche Person kampfunfähig zu machen, ohne bleibende Schäden zu verursachen oder sie gar zu töten. "Das ist wichtig, wenn wir in einer Umgebung mit gemischter Bevölkerung operieren", erklärte Sanders. "Jemand könnte etwas tragen, das aussieht wie ein Baby, in Wirklichkeit aber eine Waffe ist." Oder auch umgekehrt, was die Socom-Frau freilich nicht eigens betonte.

Nichttödliche Waffen gibt es bereits zuhauf, wie etwa Gummigeschosse und Taser. Neuere Entwicklungen umfassen potente Schallwaffen, Druckwellen-Generatoren oder Hitzestrahler. 2007 wurde bekannt, dass auch Licht in dieser Hinsicht zu Erstaunlichem fähig ist - in Gestalt des sogenannten LED Incapacitators. Mit starken Lichtimpulsen in unterschiedlichen Farben soll er beim Gegner Desorientierung, Schwindel und Übelkeit hervorrufen. Das Gerät wird deshalb von seinen Erbauern auch liebevoll "Puke Ray" genannt, frei übersetzt: Kotzstrahlenkanone.

insgesamt 112 Beiträge
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Atheist_Crusader 17.08.2011
1. ...
Kriege werden nicht mehr mit Hardware gewonnen. Es geht nicht mehr um massive Opferzahlen. Es geht darum, die "richtigen" Personen zu töten. Und solange die keine Uniform tragen und sich nett und zuvorkommend irgendwo in die Wüste stellen wo weit und breit kein Zivilist zu sehen ist... so lange sind die heutigen Kriege eher eine Sache von Geheimdienstlern, Folterknechten und Spitzeln als von Soldaten.
leser_81 17.08.2011
2. Schnickschnack
Vieles dieser Technologien insb. im Bereich der Infanterieausrüstung sind technische Spielereien. Nicht alles aber vieles. Da schleppen Bundeswehr Soldaten hoch moderne GPS Sender zur Standortbestimmung in Afganistan mit die sehr anfällig gegen exteme Hitze und extreme Kälte sind ! Geräte dessen Baterien erstens sehr schwer sind und zweitens in speziellen Behältern transportiert werden müssen um diese vor Temeraturschwankungen zu schützen. Ich weiss, dass viele mit diesen "Spielzeugen" alles andere als zufrieden sind. Da schleppen Soldaten kleine Computer mit und sobald diese eingeschalet werden zieht der Lüfter Sand in das Gerät und das wars dann. Wenn man unvorsichtig ist und das Gerät fällt mal auf den Boden kann man es nur noch in den Müll werfen. High Tech Zielvernrohre und eine Unmenge an Anbauteilen an der Waffe verwandeln ein Sturmgewehr zu einem Schweizer Allwecktool. Allerdings werden die Waffen dadurch teurer und viel schwerer. Tolle Zieloptiken mit allem möglichen Schnickschnak werden bei Erschütterungen oder Beschädigungen unbrauchbar und mit Schlimmsten Fall somit die gesamte Waffe !
ch@rybdis 17.08.2011
3. Unumstritten ist ja mit Sicherheit ...
... die Tatsache, dass durch das Militär seit jeher Entwicklungen vorangetrieben wurden, die irgendwann auch einmal ihren Nutzen außerhalb von Konflikten gefunden haben. Schade finde ich nur, dass durch ein deutsches Nachrichtenmagazin ausschließlich über us-amerikanische Entwicklungen berichtet wird oder seitenweise Spezialeinheiten der USA oder aus GB porträtiert werden, die heimische Bundeswehr aber lediglich mit einem "über das KSK ist nur wenig bekannt" (s. Artikel vergangene Woche über militärische Spezialeinheiten) abgehakt wird und ansonsten nur vermeintliche "Misserfolge" der Bundeswehr, deren angebliche Disziplinlosigkeit oder wohlmögliche "Verdummung" im Zusammenhang mit der Aussetzung der Wehrpflicht Eingang in die Berichterstattung von SPON findet. Wann fängt in Deutschland endlich das an, was sowohl in den USA als auch in GB an der Tagesordnung ist: ein auch durch die Medien geförderter Respekt bzw. Dank gegenüber unseren Soldaten, die im Ausland (und nicht nur in AFG!) über Monate hinweg ihre Gesundheit und ihr Leben auf's Spiel setzen, um die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland zu verteidigen, durch die Medien wie SPON im Rahmen der Pressefreiheit erst möglich gemacht werden?
Airkraft 17.08.2011
4. Kriege werden in den Medien gewonnen...
...und mit einer hohen Geburtenrate. Man muss sich menschliche Verluste halt "leisten" können und darf möglichst kein Ziel für Hightech-Waffen bilden. Diese Strategie kann man in den aktuellen "asymmetrischen Konflikten" beobachten!
Mac_Beth 17.08.2011
5. Keine Macht den Titeln!
Zitat von ch@rybdis... die Tatsache, dass durch das Militär seit jeher Entwicklungen vorangetrieben wurden, die irgendwann auch einmal ihren Nutzen außerhalb von Konflikten gefunden haben. Schade finde ich nur, dass durch ein deutsches Nachrichtenmagazin ausschließlich über us-amerikanische Entwicklungen berichtet wird oder seitenweise Spezialeinheiten der USA oder aus GB porträtiert werden, die heimische Bundeswehr aber lediglich mit einem "über das KSK ist nur wenig bekannt" (s. Artikel vergangene Woche über militärische Spezialeinheiten) abgehakt wird und ansonsten nur vermeintliche "Misserfolge" der Bundeswehr, deren angebliche Disziplinlosigkeit oder wohlmögliche "Verdummung" im Zusammenhang mit der Aussetzung der Wehrpflicht Eingang in die Berichterstattung von SPON findet. Wann fängt in Deutschland endlich das an, was sowohl in den USA als auch in GB an der Tagesordnung ist: ein auch durch die Medien geförderter Respekt bzw. Dank gegenüber unseren Soldaten, die im Ausland (und nicht nur in AFG!) über Monate hinweg ihre Gesundheit und ihr Leben auf's Spiel setzen, um die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland zu verteidigen, durch die Medien wie SPON im Rahmen der Pressefreiheit erst möglich gemacht werden?
Wir leben in Deutschland, das sagt doch schon alles. Das ganze Land befindet sich immernoch in der Therapiephase für das Kriegstrauma. Auf Militär und Krieg einzudreschen ist nach wie vor im Trend. Ich verstehe auch nicht warum die Welt so ein Problem damit hat unsere moralische Überlegenheit anzuerkennen! Wiedermal liegen alle falsch, bis auf den deutschen Michel. Ops...da war doch mal was...!
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