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Neue Modellrechnung: Windkraft könnte ganz China mit Strom versorgen

Kohle oder erneuerbare Energien? Die Zukunft des Weltklimas wird entscheidend davon abhängen, welchen Weg China in den kommenden Jahren wählt. Eine neue Studie sieht enormes Potential für die Windkraft.

Neubau von Windturbinen in China (bei Hejiakou im September 2009): "Wir wollen darauf hinweisen, dass auch ein anderer Weg möglich ist" Zur Großansicht
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Neubau von Windturbinen in China (bei Hejiakou im September 2009): "Wir wollen darauf hinweisen, dass auch ein anderer Weg möglich ist"

Peking - Obwohl die Pro-Kopf-Emissionen noch immer vergleichsweise niedrig sind, ist China seit einiger Zeit der größte CO2-Produzent der Welt. Und die Perspektiven für die kommenden Jahre sehen für das Weltklima wenig erbaulich aus: Um die energiehungrige Wirtschaft mit Strom zu versorgen, lässt die Regierung im Wochentakt weitere Kohlekraftwerke ans Netz gehen. Ob sich China eines fernen Tages zu verbindlichen CO2-Reduktionen verpflichten wird, steht in den Sternen.

Jedes Jahr steige der Energiebedarf Chinas um etwa zehn Prozent, schreiben Forscher aus den USA und China. Sie stellen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science" ein Szenario vor, wie dieses Wachstum umweltverträglich gestaltet werden könnte. "Die entscheidende Frage für unseren Planeten ist: Welche Optionen hat China?", sagt Harvard-Professor Michael McElroy. Er ist leitender Autor der aktuellen Studie, die eindrucksvoll zeigt, dass Peking durchaus Alternativen zum Kohle-Boom hat. Die Autoren um McElroy kommen nämlich zu dem Schluss, dass das Land quasi seinen kompletten Energiebedarf bis zum Jahr 2030 aus Windenergie decken könnte.

Bisher kommen rund 80 Prozent der elektrischen Energie in China aus Kohle. Die Windkraft steuert verschwindend geringe 0,4 Prozent bei. Doch immerhin: Seit 2005 hat China ein Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien, das unter anderem Steuervergünstigungen vorsieht. Und wenn man die installierte Leistung betrachtet, dann liegt China bei der Windkraftnutzung weltweit immerhin an Platz vier hinter den USA, Deutschland und Spanien.

900 Milliarden Dollar an Investitionen

Wie viel größer das Potential für die Windkraft in China aber noch ist, schätzten die Forscher mit Hilfe eines Nasa-Programms zur Verarbeitung von Wetterdaten. Dabei nahmen sie an, dass 1,5 Megawatt-Turbinen zur Energieerzeugung zum Einsatz kommen. Für die Analyse wurden nur Standorte in ländlichem, unbewaldetem und eisfreiem Gebieten betrachtet, die über Geländeneigung von weniger als 20 Prozent verfügen. In die Auswertung flossen außerdem die heutige regionale Verteilung des Energiebedarfs sowie die prognostizierte Entwicklung der Energiekosten ein.

Selbst wenn nur die lohnendsten Standorte genutzt würden, könnte die Windkraft insgesamt das Siebenfache des heutigen Bedarfs an elektrischer Energie bereitstellen, errechneten die Wissenschaftler. "Die Windfarmen müssten insgesamt nur eine halbe Million Quadratkilometer Fläche einnehmen", sagt der an der Studie beteiligte Forscher Xi Lu. Das bedeutet, dass sich auf einem Gebiet von der Größe Deutschlands, Österreichs und der Schweiz Windräder drehen müssten - allerdings verweisen die Forscher darauf, dass in den Windparks sehr wohl Landwirtschaft betrieben werden könnte.

Man kann diese Vision für überambitioniert halten, doch interessant ist sie allemal. Das Team von McElroy hatte bereits im Juni mit der Feststellung von sich hören gemacht, dass die gesamte Welt ihren Energiebedarf aus Windkraft decken könnte. Nun haben die Wissenschaftler also ihre Analyse für China verfeinert.

Das Bekenntnis zu den erneuerbaren Energien sei für Peking ökonomisch durchaus zu schaffen, argumentieren die Forscher. Die Politik müsse nur rechtzeitig die Weichen stellen. Gewaltige Investitionen sind nötig: Um damit in den kommenden 20 Jahren den Kohlendioxid-Ausstoß um 30 Prozent zu senken, müssten umgerechnet rund 900 Milliarden US-Dollar investiert werden.

Deutsche Windkraftfirmen hoffen schon jetzt auf einen Auftragsboom aus China.Von dem Geld müssten nicht nur Windräder gebaut werden, auch ein Ausbau des Stromnetzes ist nötig. Dies wäre eine große, doch von der chinesischen Wirtschaft tragbare Investition, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie. "In China gehen derzeit jede Woche mehrere neue Kohlekraftwerke ans Netz", erklärt Studienleiter McElroy: "Wir wollen jedoch darauf hinweisen, dass auch ein anderer Weg möglich ist."

chs/ddp

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