Nordkoreas jüngster Test Sind Kims Raketen tatsächlich eine Gefahr?

Zehnmal so hoch wie die Internationale Raumstation ist Nordkoreas Rakete bei ihrem jüngsten Test geflogen. Doch was können Kim Jong Uns Geschosse tatsächlich? Wer das verstehen will, dem kann eine einfache Silvesterrakete helfen.

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Die Analogie ist gewagt, natürlich. Das eine sind harmlose Vergnügen zum Jahresausklang, das andere potenziell todbringende Waffen. Lassen Sie es uns trotzdem probieren: Denn wer in etwa weiß, wie eine Silvesterrakete funktioniert, kann sich einem prinzipiellen technischen Verständnis des völkerrechtswidrigen Raketenprogramms von Nordkorea zumindest annähern.

Jedes Jahr geben die Menschen in Deutschland rund 130 Millionen Euro für Silvesterfeuerwerk aus. (Mit "Brot statt Böller" ist es nicht weit her.) Ein guter Teil des Geldes entfällt auf Raketen. Diese werden mit einem Treibsatz angetrieben, meist aus Schwarzpulver. In jedem Fall handelt es sich aber um einige Gramm eines Feststoffs, dessen Verbrennung ein paar Sekunden dauert. (Man kann ähnliche Raketen auch im Modellbau kaufen, da braucht es nach jedem Flug einen neuen Treibsatz.)

Nordkoreas Hwasong-Raketen, von denen das Regime von Kim Jong Un zuletzt am Dienstag ein Modell getestet hat, verwenden Flüssigtreibstoff. Und sie haben - im Gegensatz zur Feuerwerks- oder Modellrakete - zwei Stufen. Michael Ellermann vom International Institute for Strategic Studies in Washington geht nach eigenem Bekunden davon aus, dass in dieser zweiten Stufe diesmal vier statt wie bisher zwei kleinere Raketenmotoren gebrannt haben könnten. (Mehr zum Streit um die Herkunft der nordkoreanischen Haupttriebwerke lesen Sie hier.)

Eine offensichtliche Sache haben Kims Waffen und unser Silvesterspaß aber gemeinsam: Beide fliegen suborbital. Das heißt, sie sind nicht stark genug beschleunigt, um dem Schwerefeld unseres Planeten zu entfliehen - sie stürzen also am Ende ihres Flugs zur Erde zurück.

Silvesterraketen fliegen ein paar Hundert Meter hoch, Nordkoreas letzte Rakete soll beim Test am Dienstag 4500 Kilometer Höhe erreicht haben, so schreibt es Raketenexperte David Wright von der Union of Concerned Scientists. Zum Vergleich: Die Internationale Raumstation fliegt nur etwa 400 Kilometer über der Erdoberfläche. Die Höhe eines Raketenflugs wird auch dadurch beeinflusst, wie lange das Triebwerk brennen kann - und das hat wiederum mit der Menge des mitgeführten Treibstoffs zu tun.

Die aktuelle Rakete soll insgesamt 54 Minuten geflogen sein, deutlich länger als bei bisherigen Tests (37 Minuten am 4. Juli und 47 Minuten am 28. Juli).

Wo Raketen landen, egal, ob Silvesterraketen und die Geschosse des nordkoreanischen Regimes, wird neben der Flughöhe entscheidend dadurch bestimmt, in welcher Richtung sie abgeschossen werden. Das klingt zunächst banal, ist aber wichtig, wenn man die reale Gefahr durch Kims Waffen einschätzen will.

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Eine Silvesterrakete soll möglichst hoch fliegen, damit sie gut zu sehen ist - also schießt man sie, oft aus einer Flasche, normalerweise senkrecht nach oben. Sie wird nach dem Flug unweit ihres Startplatzes niedergehen. Wie ein Ball, den man senkrecht nach oben wirft. Eine militärische Rakete würde man dagegen normalerweise flach abschießen - um die Reichweite zu erhöhen.

In beiden Fällen handelt es sich um einen sogenannten ballistischen Flug. Das wird noch wichtig werden.

Absichtlich steiler Abschusswinkel

Nordkorea hat bei seinem jüngsten Test, wie auch bei Tests zuvor, mit Absicht einen sehr steilen Abschusswinkel der Rakete von der mobilen Startrampe gewählt: So kann das Land zeigen, was seine Militärtechnik leisten kann - ohne dass es andere Staaten durch Überflüge unnötig noch mehr provozieren muss. Die Rakete stürzt schließlich unweit von Nordkoreas Staatsgebiet ins Meer.

Dass aber die nun getestete Hwasong-Rakete tatsächlich zumindest Teile des US-Festlands erreichen kann, ist wenig strittig. Der Umstand, dass sie am Mittwoch nur 900 Kilometer weit geflogen sei, habe tatsächlich nur mit ihrem hohen Abschusswinkel zu tun, rechnet auch Experte Wright vor.

Bei einem flacheren Winkel, wie man ihn im militärischen Einsatzfall gewählt hätte, würde das Geschoss demnach auf eine Reichweite von 13.000 Kilometern kommen - und damit das gesamte US-Festland erreichen können. Von einer Interkontinentalrakete spricht man übrigens ab einer Reichweite von "nur" 5500 Kilometern.

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Nordkoreas Rakete: Hochfliegende Pläne

Eine Silvesterrakete fliegt, einmal gezündet, ohne Steuerungsmöglichkeit. Der Wind bestimmt zum Beispiel, wo sie landet. Nordkoreas Raketen verfügen dagegen neben ihrem Haupttriebwerk über sogenannte Vernierdüsen. Diese erlauben noch während des Fluges kleinere, automatisch ausgeführte Bahnkorrekturen. Aber im Grundsatz gilt auch für sie: Einmal auf den Weg geschickt, gehorcht ihre Flugbahn den physikalischen Gesetzen eines ballistischen Flugs.

Diesen Umstand machen sich auch Raketenabfangsysteme zunutze. Die USA setzen hier auf ein milliardenschweres System namens Ground-Based Midcourse Defense (GMD), dessen Abfangraketen in Fort Greely im Bundesstaat Alaska stehen. Doch dessen Wirkung ist begrenzt, aus gleich zwei Gründen. Bei 18 Tests hat es bisher nur zehnmal erfolgreich einen simulierten Flugkörper abgeschossen. Erfolgsquote also: 56 Prozent. Außerdem sollen jeweils vier Abfangraketen auf ein anfliegendes Ziel geschossen werden. Das heißt: Mit den aktuell 44 Flugkörpern ließe sich nur auf einen sehr begrenzten Angriff antworten.

Extreme Belastungen bei Wiedereintritt

Wäre das US-Festland aber aktuell überhaupt gefährdet? Wie weit eine Rakete tatsächlich fliegen kann, hat neben der Brenndauer der Triebwerke und dem Abschusswinkel mit einem weiteren Faktor zu tun: der Nutzlast. Und hier wird es im Fall der aktuellen nordkoreanischen Hwasong-Rakete kompliziert. Das Regime erklärte über seine Nachrichtenagentur KCNA, diese habe einen "super-großen, schweren Sprengkopf" transportiert.

Doch einen Beleg dafür gibt es nicht. Wright hat jedenfalls seine Zweifel: "Angesichts der gestiegenen Reichweite erscheint es wahrscheinlich, dass sie einen sehr leichten simulierten Gefechtskopf getragen hat." Ein echter Atomsprengkopf wäre dagegen deutlich schwerer, mehrere Hundert Kilogramm - was wiederum die Reichweite stark senken würde.

Ein weiterer Punkt ist, wie gut ein Sprengkopf nach der ballistischen Flugphase der Rakete eigentlich die Belastungen beim Sturz zurück auf die Erde überstehen würde. "Die Kräfte sind so riesig, das kann man sich kaum vorstellen", sagt der Münchner Raketenexperte Robert Schmucker. Er glaube ohnehin nicht, dass Nordkorea aktuell über eine Nuklearladung für seine Raketen verfüge.

US-Analyst Ellermann hatte nach dem jüngsten nordkoreanischen Raketentest Zweifel daran geäußert, dass ein Sprengkopf den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überstehen würde. Er hatte Videomaterial einer japanischen Wetterkamera ausgewertet. Jetzt sagt er, eine nordkoreanische Interkontinentalrakete, die mit Sprengkopf die US-Westküste erreichen könnte, sei "noch ein Jahr entfernt".

Aber Nordkorea schreite weiter auf diesem Weg voran. In Kims armutsgeplagtem Land gilt schließlich die Devise: Böller statt Brot.


Zusammengefasst: Bei seinem jüngsten Test hat Nordkorea eine Hwasong-Interkontinentalrakete bis in 4500 Kilometer Höhe geschickt. Der Flugkörper wurde absichtlich steil nach oben abgeschossen - damit er nicht weit fliegt. Wäre die Rakete flacher abgefeuert worden, wäre sie 13.000 Kilometer weit geflogen. Ob Nordkorea mit der aktuellen Technik einen schweren Nuklearsprengsatz zum US-Festland schicken kann, ist trotzdem zweifelhaft. Ungeklärt ist auch, ob dieser die im Flug auftretenden Kräfte überstehen würde.

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