Nordkorea "Die Denuklearisierung wäre in wenigen Monaten machbar"

Keine Atomwaffen mehr - darauf haben sich Donald Trump und Kim Jong Un geeinigt. Zumindest technisch wäre das schnell umzusetzen, meint Martin Hinrichs von der Internationalen Kampagne zur atomaren Abrüstung.

Kim Jong Un bei Raketenstart
AFP/ KCNA VIA KNS

Kim Jong Un bei Raketenstart

Ein Interview von


Sie beschimpften sich einst als "Raketen-Mann", "geistig gestört" und drohten einander mit "totaler Zerstörung". Nun haben sich US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un bei ihrem historischen Treffen auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt. Im Interview erklärt Martin Hinrichs von der Internationalen Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican), warum sich ihre Vorhaben schnell umsetzen ließen - wenn sie es nur wollen.

Zur Person
  • Ralf Schlesener
    Martin Hinrichs ist Mitglied im Vorstand der Internationalen Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican) in Deutschland. Ican ist ein Bündnis von 450 Friedensgruppen, die sich für Abrüstung einsetzen. Die Kampagne ist mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.

SPIEGEL ONLINE: In ihrer Abschlusserklärung bekennen sich Donald Trump und Kim Jong Un zu einer kompletten Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Was würde das konkret bedeuten?

Martin Hinrichs: Es dürfte sowohl in Nord- als auch in Südkorea keine Atomwaffen mehr geben. Und auch die USA müssten sich dazu verpflichten, nicht länger mit dem Einsatz von Nuklearwaffen zu drohen oder Nuklearbomber über die koreanische Halbinsel fliegen zu lassen.

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SPIEGEL ONLINE: Weiß überhaupt irgendjemand, wie viele Atomwaffen Nordkorea besitzt?

Hinrichs: Darüber dringen keine gesicherten Informationen nach außen. Ich bin mir jedoch sicher, dass der US-Geheimdienst ziemlich genaue Kenntnisse darüber hat. Experten gehen davon aus, dass Nordkorea über genug spaltbares Material verfügt, um bis zu 60 Atomwaffen herzustellen. Das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri schätzt, dass Nordkorea derzeit zehn bis zwanzig atomare Sprengköpfe besitzt. Außerdem steht fest, dass das Land in der Lage ist, Uran anzureichern.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich die Denuklearisierung überwachen?

Hinrichs: Es ist technisch sehr viel leichter, Atomwaffen nachzuweisen als beispielsweise chemische Waffen. Bei Atomtests entstehen radioaktive Isotope, die sehr spezifisch sind und sich leicht aufspüren lassen. Auch die Überprüfungsmethoden und Vor-Ort-Inspektionen der Internationalen Atomenergieorganisation, die für die Überprüfung der zivilen Nutzung von Kerntechnik zuständig ist, sind sehr wirksam.

SPIEGEL ONLINE: Das setzt allerdings voraus, dass Kim Jong Un die Prüfer auch ins Land lässt.

Hinrichs: Absolut. Nordkorea müsste ganz klar offenlegen, wo Uran angereichert wird, welche Reaktoren es gibt, wie viele Raketen, Sprengköpfe und so weiter. Die Prüfer wären allerdings schnell in der Lage nachzuvollziehen, welche Atomtests in welchen Anlagen vorgenommen worden sind, wo Kernbrennstoffe hergestellt worden sind und ob sich das mit den Angaben der nordkoreanischen Regierung deckt.

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SPIEGEL ONLINE: Und wenn der nordkoreanische Diktator lügt?

Hinrichs: Die Vorstellung, Nordkorea könnte sein Nuklearprogramm komplett verschleiern, ist absurd. Eine Atomrakete zu verstecken, ist extrem schwierig. Das wäre höchstens mit atomaren Sprengköpfen möglich. Auch die Anreicherung von Uran erfordert komplizierte Technik und große Anlagen, und die fallen auf.

SPIEGEL ONLINE: Die Atomwaffen sollen nach dem Willen der USA vollständig, verifizierbar, unumkehrbar zerstört werden. Wie wäre das überhaupt möglich?

Hinrichs: Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Das waffenfähige Material wird abgereichert, das heißt verdünnt und dann in Brennstäbe für Atomkraftwerke umgebaut oder als Atommüll gelagert. Das ist bereits mehrfach passiert. Während des Kalten Kriegs gab es noch 70.000 Atomwaffen auf der Welt, heute sind es noch etwa 15.000.

SPIEGEL ONLINE: Trump sagte am Rande der Unterzeichnung, die Denuklearisierung werde "sehr, sehr bald" beginnen. Wie realistisch ist das?

Hinrichs: Technisch wäre das möglich. Die Kontrolleure könnten in wenigen Wochen vor Ort sein. Wenn alle Atomwaffen schnell außer Landes gebracht werden, könnten sie innerhalb weniger Monate zerstört werden. Man müsste es politisch nur wollen, und genau da liegt das Problem. Deshalb wird es wohl Jahre dauern.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste politisch passieren?

Hinrichs: Weitere Schritte wären der Beitritt Nord- und Südkoreas zum Atomwaffenverbotsvertrag, ein Plan zur verifizierbaren und unumkehrbaren Beseitigung der Waffen, die Ratifikation des umfassenden Atomwaffenteststoppvertrages (CTBT) sowie die Wiederaufnahme Nordkoreas in den Nichtverbreitungsvertrag (NVV).

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie daran?

Hinrichs: Es ist nicht das erste Mal, dass Nordkorea denuklearisiert werden soll. Bisherige Bemühungen sahen viele kleine Schritte vor, die schließlich scheiterten. Das entspricht nicht dem Vorgehen Trumps, er ist ein Mann der großen Geste. Vielleicht hat er diesmal paradoxerweise damit Erfolg. Darauf verlassen würde ich mich allerdings nicht.

Nordkorea - Die Chronik des Konflikts
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