Nordkoreas Atomtest Maximale Abschreckung

Es war der bisher mit Abstand stärkste Atomtest Nordkoreas. Geoforscher staunen über das Ausmaß der Erschütterungen. Ob es wirklich eine Wasserstoffbombe war, spielt womöglich kaum eine Rolle.

Messkurven in Südkoreas Erdbebenforschungszentrum in Seoul
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Messkurven in Südkoreas Erdbebenforschungszentrum in Seoul

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Der Diktator beweist seine Macht gern zur vollen Stunde. Mal lässt Kim Jong Un um neun Uhr vormittags die Erde beben, mal um zehn. Diesmal war es exakt zwölf Uhr mittags Ortszeit, als eine Detonation ungekannter Stärke das nordkoreanische Atomtestgelände Punggye-ri in der dünnbesiedelten Gebirgsregion Nord-Hamyong erschütterte. Wenig später konnten seismische Messstationen rund um den Globus die entstandenen Bebenwellen messen.

Das Signal war ungefähr zehnmal so heftig wie beim stärksten bisherigen Atomtest Nordkoreas. Experten sprechen von einem "beeindruckenden technologischen Fortschritt" des Regimes in Pjöngjang. Satellitenbilder hatten zuletzt keine erhöhte Aktivität in der Region gezeigt, was dafür spricht, dass die Explosion seit geraumer Zeit vorbereitet war - und Nordkorea auf den passenden Moment gewartet hat. Man wählte das lange Labour-Day-Wochenende in den USA. Bis zum offiziellen Geburtstag Nordkoreas am kommenden Samstag wollten Kim und seine Leute offenbar nicht mehr warten.

Der Geologische Dienst der USA (USGS) meldete Erschütterungen der Stärke 6,3. In Deutschland wurde die gigantische Detonation unter anderem von der im sachsen-anhaltischen Flechtingen gelegenen Station des weltweiten Geofon-Netzwerks aufgezeichnet. Hier gibt das Deutsche Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam die Stärke ebenfalls mit 6,3 an. Elf Minuten dauert es in etwa, bis die ersten Bebenwellen die ungefähr 8000 Kilometer von Nordkorea bis nach Deutschland überbrücken.

Weit stärker als die letzte getestete Bombe

Auch Messanlagen auf dem Sulzberg im Bayerischen Wald registrierten den Erdstoß. Dort werden Daten für das internationale Monitoringsystem zur Erkennung von Atomtests gesammelt. Lars Ceranna von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover wertet die Aufzeichnungen dieser "Geres" genannten Messstation aktuell aus. Die Detonation sei "auf jeden Fall extrem stark" gewesen, sagte Ceranna dem SPIEGEL. Sie hätte "in der Größenordnung von vielen Kilotonnen, vielleicht sogar im Megatonnenbereich" gelegen. Das norwegische Erdbebenzentrum hat mit 120 Kilotonnen eine erste konkrete Schätzung veröffentlicht.

Was bedeutet das nun? Die Sprengkraft von Kernwaffen wird traditionell auf die von konventionellem Sprengstoff umgerechnet. Also: Wie viele Tonnen TNT bräuchte ich, um eine solch heftige Detonation herbeizuführen? Die amerikanischen Bomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 hatten 15 bis 20 Kilotonnen, die letzte von den Nordkoreanern im vergangenen September getestete irgendetwas zwischen 20 und 40. Nun scheinen es nach einem ersten Blick auf die Bebensignale weit mehr als hundert Kilotonnen zu sein. Russland und die USA wiederum verfügen über Sprengköpfe, die noch einmal um den Faktor zehn stärker sind.

Die Herrscher in Pjöngjang haben öffentlich verkündet, am Sonntag eine Wasserstoffbombe gezündet zu haben. Unmittelbar zuvor waren Bilder veröffentlicht worden, die Kim bei der Begutachtung genau solch eines Gerätes zeigen sollen. Der silberne, erdnussförmige Sprengkopf habe eine Kraft von mehreren Hundert Kilotonnen und sei so klein, dass er auf die Spitze einer im Juli getesteten "Hwasong 14"-Interkontinentalrakete passe, hieß es in der staatlichen Propaganda.

Weiteres Beben

Allerdings hatte Nordkorea bereits 2016 erklärt, eine Wasserstoffbombe gezündet zu haben. Damals war das von internationalen Experten nach Analyse der Daten als Lüge zurückgewiesen worden. Statt einer Wasserstoffbombe sei eine sogenannte geboostete Spaltungsbombe gezündet worden.

Ob die Propagandameldungen von der Wasserstoffbombe diesmal stimmen, ist mit Blick auf die bisherigen Informationen nicht ohne Weiteres zu sagen. "Es ist genau in einem Bereich, wo es unklar ist", sagt BGR-Experte Ceranna. "Wir können nicht sagen, ob es das eine oder das andere ist." Aber klar scheint ihm, dass die Bombe vom Sonntag "eine Größenordnung stärker gewesen sei" als die letzte.

Dazu passt auch, dass seine Kollegen vom GFZ bei einer Zusammenstellung der Bebenwellen aller nordkoreanischen Atomtests dieses Mal die Skala um den Faktor zehn verkleinern mussten - damit die seismischen Ausschläge vom Sonntag überhaupt noch in die Grafik passten.

Interessant ist übrigens, dass die Messgeräte achteinhalb Minuten nach der ersten, massiven Erschütterung ein weiteres Beben in der Region nachgewiesen haben. Es könnte von einem Erdbeben stammen, das der Test in den Granitmassiven der Umgebung ausgelöst hat. Dabei könnten sich geologische Spannungen im Gestein entladen haben. Die andere Option ist, dass auf dem nordkoreanischen Testgelände nach der Sprengung ein großer Hohlraum kollabiert ist.

Maximale Abschreckung ist glaubwürdig

"In diesem Fall könnte man davon ausgehen, dass Radioaktivität entweicht", sagt Forscher Ceranna. Und diese radioaktiven Isotope wie etwa Xenon-133 ließen sich wohl auch außerhalb Nordkoreas nachweisen.

Laut aktuellen Wetterprognosen könnte der Wind verräterische Partikel nach Nordosten zu den in Russland gelegenen Stationen in Ussurij, rund hundert Kilometer von Wladiwostok entfernt, oder in Petropawlowsk-Kamtschatski auf der Halbinsel Kamtschatka wehen. Im ersten Fall könnten die Messgeräte bereits innerhalb von 24 Stunden Signale aufzeichnen, im zweiten Fall nach vier bis fünf Tagen.

Ob es auf dem nordkoreanischen Testgelände tatsächlich einen Einsturz gegeben hat, dürften Satellitenbilder in den kommenden Tagen bestätigen oder widerlegen. Nur einmal angenommen aber, der von Tunneln durchzogene Fels des Testzentrums wäre wirklich teilweise kollabiert, und weiter angenommen, es wären tatsächlich radioaktive Substanzen ausgetreten - dann könnte man annehmen, dass das Areal für weitere Atomversuche vielleicht nicht mehr nutzbar ist.

Optimistischere Zeitgenossen könnten zumindest das noch als die kleine gute Nachricht dieses Sonntags sehen.

Aber noch nicht einmal das trägt. Denn ausweislich der aktuellen, gigantischen Explosion hat Kim Jong Un nun wirklich alles, was er für eine maximale Abschreckung der USA und ihrer Verbündeten in Südkorea und Japan braucht. Er hat - Wasserstoffbombe hin oder her - einen mächtigen Sprengkopf, der eine Großstadt komplett zerstören kann. Und er hat eine Rakete, die diesen Tausende Kilometer weit trägt. Mehr Tests braucht es da gar nicht unbedingt, um maximale Abschreckung glaubwürdig zu belegen. Womöglich war dann die sechste Explosion in Punggye-ri ohnehin die vorerst letzte.

insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
wizzbyte 03.09.2017
1. So bedauerlich wie es für die USA auch ist:
Die einzige Möglichkeit ist noch, Japan dazu zu bringen, sich atomar zu bewaffnen, um Nordkoreanische Atomkräfte strategisch zu binden.
rainer_daeschler 03.09.2017
2. Wozu?
Zitat von wizzbyteDie einzige Möglichkeit ist noch, Japan dazu zu bringen, sich atomar zu bewaffnen, um Nordkoreanische Atomkräfte strategisch zu binden.
Wozu, die USA haben ein ausreichendes Nuklear-Arsenal, das von Land oder U-Booten aus Nordkorea erreichen kann. Dazu bedarf es keiner Atom-Bewaffnung Japans. Was Kim Jon-un vorgeben muss zu haben, haben die USA bereits. Ausserdem ist der einzige Zweck dieser Waffen nie eingesetzt zu werden und andere davon abzuhalten.
Chefchen 03.09.2017
3. Ein Pulverfass...
...das nur darauf wartet, in die Luft zu fliegen. Ich finde, die "Demonstrationen" Nordkoreas schießen weit über das Ziel hinaus. Nicht über den "Nah-Ost-Konflikt" sollte man sich Sorgen machen, sondern über das Konflikt-Potenzial auf der koreanischen Halbinsel. Noch dazu mit einem amerikanischen Präsidenten, der nur allzu gerne das "Alpha-Männchen" markiert!
DivisionOfMe 03.09.2017
4.
Hoffentlich hat der Autor mit dem letzten Satz recht... Ich habe wieder meine Kindheitsängste...
surfaxel 03.09.2017
5. Eine krude Logik, Trump ist schuld? Es hat ...
gar nichts mit Alpha-Männchen zu tun, ich könnte auch behaupten das diese Situation Obamas Schuld ist, da er nichts unternommen hat, diese Situation schon vor Jahren zu klären. Ich denke, zugeguckt wurde zu lange, daher bitte mit Putin reden und einig werden, und dann die Daumenschrauben anziehen und zwar militärisch.
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