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Notstand in AKW: Fukushima-Arbeiter in höchster Strahlengefahr

Die Atomkatastrophe in Japan hat eine neue Dimension erreicht: Nach einem Brand und einer Explosion in der Nacht ist nun die innere Hülle von Reaktor 2 in Fukushima beschädigt. In den Kontrollräumen ist die Radioaktivität nun so hoch, dass die letzten verbliebenen Mitarbeiter dringend abziehen müssten.

DPA/ Asahi Shimbun

Tokio - Der Unfall in dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima hat nach Einschätzung aus Frankreich die zweithöchste Stufe in der Internationalen Bewertungsskala (INES). Das Geschehen sei mit Stufe 6 von 7 zu bewerten, teilte der Präsident der Französischen Atomsicherheitsbehörde (ASN), André-Claude Lacoste, am Dienstag in Paris mit. Die Katastrophe von Tschernobyl hatte die Stufe 7 auf der INES-Skala. Einen Unfall der Stufe 6 gab es bisher nur einmal, 1957 in Kyschtym in Russland.

Wie die Nachrichtenagentur Kyodo mitteilt, ist die radioaktive Belastung in den Kontrollräumen des Kraftwerks gravierend angestiegen. Die verbliebenen 50 Mitarbeiter der Betreiberfirma Tepco müssten demnach abgezogen werden. Sie können nicht mehr ohne akute Gefahr für ihre Gesundheit in den Leitstäben des Kraftwerks arbeiten. Zuvor hatte das Unternehmen bekanntgegeben, dass bereits 750 Mitarbeiter das Kraftwerksgelände verlassen hätten.

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Brand im AKW Fukushima: "Eine große Explosion"
Nach einer weiteren Explosion und einem Brand in Fukushima I ist die Situation zunehmend außer Kontrolle geraten. Ministerpräsident Naoto Kan erklärte in einer Fernsehansprache, aus vier Reaktoren des Kraftwerks sei radioaktive Strahlung ausgetreten. Er warnte vor weiteren Lecks. Die Betreibergesellschaft Tepco sprach von einer "sehr schlimmen" Lage. Die Strahlung in der Umgebung steige dramatisch.

Zunächst hatte es in der Nacht zu Dienstag erneut eine Explosion in dem Kraftwerk gegeben, in Reaktor 2. Dadurch soll auch erstmals eine innere Reaktorhülle beschädigt worden sein. Wie die Atomaufsichtsbehörde mitteilte, seien die Brennstäbe 6,5 Stunden lang nicht von Wasser bedeckt gewesen. Eine teilweise Kernschmelze könne nicht ausgeschlossen werden. Mittlerweile seien die Brennstäbe wieder zu mehr als der Hälfte mit Wasser bedeckt.

Regierungssprecher Yukio Edano sagte, in einzelnen Bereichen des Kraftwerks wurden 400 Millisievert gemessen - dies übersteigt den Grenzwert der Strahlenbelastung für ein Jahr um das 400fache, schrieb die Nachrichtenagentur Kyodo.

Außerdem war in einem Lager für verbrannte Brennstäbe im Reaktor 4 durch eine Explosion von Wasserstoff ein Feuer ausgebrochen, das aber inzwischen gelöscht sein soll. Die Situation an dem Reaktor verschärfte sich in den Stunden danach weiter: Jetzt droht die Kühlung auszufallen. (Verfolgen Sie die aktuellen Ereignisse im Liveticker). Die Brennstäbe könnten das Kühlwasser zum Kochen bringen und verdampfen lassen, teilte die Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag unter Berufung auf den Betreiber Tepco mit. Die Außenwand von Reaktor 4 ist stark beschädigt. Die Atomaufsicht des Landes gab bekannt, dass in der Außenwand zwei Löcher mit einer Größe von jeweils acht Quadratmetern klaffen. Es droht weiterhin eine Kernschmelze.

Am Abend (Ortszeit) gab es zudem vor der Ostküste unweit von Fukushima ein neues schweres Nachbeben der Stärke 6,3, teilte Japans meteorologischer Dienst mit.

In der Bevölkerung, die bisher bemerkenswert besonnen geblieben war, macht sich nun langsam Panik breit. Rund 140.000 Menschen in einem Umkreis von 30 Kilometern um das Kraftwerk wurden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben. Regierungssprecher Edano appellierte an die Bewohner der Region: "Bitte schließen Sie die Fenster und schließen Sie Ihr Haus luftdicht ab." Es bestehe eine Gefahr für die Gesundheit. "Daran gibt es keinen Zweifel." Regierungschef Kan forderte die Bevölkerung zur Ruhe auf.

In japanischen Medien geben Experten inzwischen Tipps für den Fall einer radioaktiven Verstrahlung. Der Fernsehsender NHK riet seinen Zuschauern in gefährdeten Gebieten, möglichst in geschlossenen Räumen zu bleiben. Wer raus müsse, solle seine Haut bedecken und durch einen feuchten Lappen atmen. Fachleute warnten davor, Wasser aus der Leitung zu trinken, da ein hohes Strahlungsrisiko bestehe.

Konservendosen und Batterien werden knapp

Verbreitet kommt es schon zu Hamsterkäufen. Dosennahrung und Batterien, Brot und Mineralwasser sind in Japan bereits aus vielen Supermärkten verschwunden, vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Auch weit von den Katastrophengebieten entfernt gehen den Geschäften die Waren aus.

Aus der Hauptstadt wollen inzwischen viele Menschen fliehen. Am Bahnhof Shinagawa, von wo aus die Züge nach Süden starten, warten Menschen dicht gedrängt auf den Bahnsteigen. An Kinder und Koffer geklammert, hoffen sie, der Megacity entfliehen zu können.

Auch die deutschen TV-Sender reagieren auf die wachsende Gefahr und ziehen ihre Korrespondenten aus Tokio ab. Die ZDF-Reporter arbeiteten jetzt bereits von Osaka aus, sagte ein Sendersprecher. Insgesamt sind vier Mitarbeiter nun von dort aus tätig. Auch RTL Deutschland zieht seine beiden Reporter aus Tokio ab. Einer sei bereits unterwegs nach Osaka, der andere folge bald nach. Die Sicherheit gehe vor, sagte eine Sprecherin. ARD-Reporter Robert Hetkämper bleibt nach Angaben des Senders zunächst weiter in Tokio.

Südlich von Fukushima meldeten die Behörden Strahlungswerte, die rund hundertmal so hoch waren wie normal, wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete. Solche Zahlen sind nach Einschätzung von Experten besorgniserregend, allerdings nicht tödlich. In der Hauptstadt Tokio wurden leicht erhöhte Strahlenwerte gemessen. Die Menge sei äußerst gering, sagte Regierungssprecher Takayuki Fujiki. Gesundheitliche Bedenken gebe es nicht.

Auch Jod und Cäsium entdeckt

Zudem seien geringe Mengen der radioaktiven Substanzen Jod und Cäsium in Tokio entdeckt worden, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Stadtverwaltung. In der Präfektur Chiba östlich der Hauptstadt seien zwei- bis viermal so hohe Werte wie normal gemessen worden. In der Stadt Utsunomiya nördlich von Tokio seien die Werte 33-mal höher als normal, hieß es weiter.

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Suche nach Vermissten: Die Hoffnung schwindet
Die Wettervorhersagen kündigten für Dienstagabend Wind und Schnee aus nordöstlicher Richtung an. Eine mögliche radioaktive Wolke aus Fukushima könnte so Richtung Tokio getragen werden. Später soll der Wind Richtung Westen auf das offene Meer beidrehen.

Im Großraum Tokio leben mehr als 35 Millionen Menschen. Viele Bewohner hatten sich aus Angst vor dem Atomunfall schon auf den Weg in den weiter entfernten Süden des Landes gemacht.

Nach den neuen Schreckensnachrichten stürzten an der Börse in Tokio die Aktienmärkte dramatisch ein. Der Leitindex Nikkei brach nach Handelsmitte um 13 Prozent ein. Der Index sank zwischenzeitlich auf unter 8300 Punkte.

Am zweiten Tag in Folge schaltete der Energiekonzern Tepco den Strom im Großraum Tokio teilweise ab. Die Maßnahme begann am Dienstag um 7.00 Uhr Ortszeit in Teilen der Präfekturen Tochigi, Gunma, Saitama and Kanagawa. Damit soll Stromengpässen nach dem Erdbeben vorgebeugt werden. Ab Mittwoch wollen die Energieversorger die Stromsperren auf den Nordosten des Landes ausweiten.

Das Erdbeben der Stärke 9,0 und ein folgender Tsunami hatten am Freitag weite Teile des asiatischen Landes verwüstet. Die offizielle Zahl der Toten stand am Dienstag bei 2414, berichtete der Sender BBC unter Berufung auf die japanische Polizei. Die Behörden fürchten aber, dass mindestens zehntausend Menschen ihr Leben verloren haben.

ler/dpa/AFP/dapd/Reuters

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insgesamt 488 Beiträge
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1. Na sowas
bunterepublik 15.03.2011
wer hätte das jetzt gedacht....schon wieder ein neues Thema geöffnet mit gleichen Inhalt?
2. alle 25 Jahre ein Super GAU
miezemaus 15.03.2011
...wollen wir sowas uns und unseren Kindern wirklich zumuten ??? Das Märchen der sicheren Atomkraft ist widerlegt!
3. sprachlos
Morgenstern064 15.03.2011
Zitat von sysopDie Atomkatastrophe in Japan hat eine neue Dimension erreicht: Nach einem Brand und einer Explosion in der vergangenen Nacht ist nun die innere Hülle von Reaktor 2 in Fukushima geborsten. Die radioaktive Belastung in der Region nördlich von Tokio liegt teils 33 Mal höher als normal. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751020,00.html
Ich hoffe inbrünstig dass eine Katastrophe wie in Tschernobyl noch abgewandt werden kann!
4. Bam Bam!
timewalk 15.03.2011
Zitat von sysopDie Atomkatastrophe in Japan hat eine neue Dimension erreicht: Nach einem Brand und einer Explosion in der vergangenen Nacht ist nun die innere Hülle von Reaktor 2 in Fukushima geborsten. Die radioaktive Belastung in der Region nördlich von Tokio liegt teils 33 Mal höher als normal. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,751020,00.html
Wie wärs wenn SPON mal ein Experten befragt zum Thema Evakuierung von min 50 Millionen .... ? Wie sich herausstellt stehen die Gefahren bei der Betreibung von Atomstrom Reaktoren in keinerlei Verhältnis zu den Konsequenzen, wenn auch nur alle paar Jahrzehnte mal was richtig schief geht. Und das selbe gilt auch für Fossile Energien die den Klimawandel antreiben und ua auch Erdbebenaktivität fördern! Potential for a hazardous geospheric response to projected future climate changes http://rsta.royalsocietypublishing.org/content/368/1919/2317.abstract Es gibt nur einen Ausweg, 100% Erneuerbare Energien jetzt!
5. Die vier apokalyptischen Reiter kann man
trimegis 15.03.2011
nicht mit Wasser stoppen, das wird immer nur verdampfen. Wieso wird nicht eine Emulsion eingeführt, deren Festkörper sich mit dem radioaktiven Material vermengen und es somit verdünnen => die Kritikalität heruntersetzen?
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Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan

Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.

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Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .
Die schwersten Erdbeben
Die stärksten Beben seit 1900
1960 Chile, Valdivia , Stärke 9,5
1964 Großes Alaska-Beben , Stärke 9,2
2004 Seebeben vor Sumatra , Stärke 9,1
1952 Kamtschatka, Stärke 9,0
2010 vor Maule, Chile , Stärke 8,8
1906 vor Ecuador, Stärke 8,8
Todesopfer bei Beben
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Opfer
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , nach offizieller Schätzung 222.570 Tote
1920 China, Haiyuan , 200.000 Tote
1923 Japan, Kanto, 142.800 Tote
1948 Turkmenistan, Ashgabat, 110.000 Tote
Historische Beben
1556 China, Shaanxi , 830.000 Tote
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Tote
1138 Syrien, Aleppo, 230.000 Tote
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , Stärke 7,0, 222.570 Tote
856 Iran, Damghan, 200.000 Tote

Quelle: U.S. Geological Survey
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