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Nuklearterror-Abwehr: "Deutschland hinkt noch hinterher"

Anschläge mit einer schmutzigen Bombe sind eine reelle Gefahr - wirksame Gegenmaßnahmen gegen die strahlende Gefahr gibt es kaum. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Physiker Tom Bielefeld, warum gerade Deutschland in diesem Bereich noch großen Nachholbedarf hat.

Testexplosion: Der ultimative Alptraum Zur Großansicht
REUTERS

Testexplosion: Der ultimative Alptraum

SPIEGEL ONLINE: Die Bundeskanzlerin wertet den deutschen Beitrag zum Washingtoner Atomgipfel als Erfolg. Teilen sie diese Ansicht?

Tom Bielefeld: Nein. Die Deutschen haben der Konferenz keinen guten Dienst erwiesen, weil sie anstelle von Kernwaffen die sogenannten schmutzigen Bomben zu einem großen Thema machen wollten - das sind Bomben, bei denen mit normalem Sprengstoff radioaktives Material verbreitet wird, etwa Kobalt aus Strahlentherapiegeräten.

SPIEGEL ONLINE: Sind die - mit Blick auf terroristische Anschläge - nicht die wahrscheinlichste Bedrohung, weil die dafür notwendigen Substanzen viel leichter zu beschaffen sind als etwa Uran oder Plutonium?

Bielefeld: Sicher stellen schmutzige Bomben eine Gefahr dar. Darum ist es auch richtig, sich dagegen zu wappnen. Es ist nun allerdings nicht so, dass Deutschland in diesem Bereich Vorreiter wäre. Was in Bund und Ländern verbessert wurde, ist vor allem die Einsatzfähigkeit im Notfallschutz. Was aber zum Beispiel die Sicherung von medizinischen Strahlenquellen angeht, hinken wir anderen noch hinterher.

SPIEGEL ONLINE: Wo hat Deutschland noch Nachholbedarf?

Bielefeld: Ich will es mal so formulieren: Ein Krankenhaus in Bulgarien oder sonstwo in Osteuropa, das mit internationaler Hilfe in den letzten Jahren sicherheitstechnisch aufgerüstet wurde, steht heute besser da als manch ein deutsches. Dabei kostet das alles gar nicht so viel - und wenn man vor Terroristen Angst hat, die hierzulande Anschläge planen und ausführen, muss man gerade in diesem Bereich noch nachlegen. Dennoch: Auch der schlimmste denkbare Anschlag mit solch einem radiologischen Sprengsatz würde nicht annähernd so gravierende Auswirkungen haben wie ein Terrorakt mit einer richtigen Atombombe. Diese Gefahr wird noch immer stark unterschätzt - auch und gerade in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Bielefeld: Viele misstrauen den Amerikanern, besonders seit den Schreckensmeldungen über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen. Nach dem Motto: Die schüren schon wieder Ängste, um unter dem Vorwand "Bekämpfung des Nuklearterrorismus" das nächste Land an den Pranger stellen zu können. Aber Fakt ist, dass Terrorgruppen seit den neunziger Jahren versuchen, Atomwaffen aus staatlichen Arsenalen in ihren Besitz zu bringen und an Spaltmaterial zu kommen, um damit eine eigene Atombombe zu bauen.

SPIEGEL ONLINE: Aber bisher ohne Erfolg. Belegt dies nicht, dass die Sicherheitsmaßnahmen greifen?

Bielefeld: Vor allem in Russland wurden einige US-Milliarden investiert. Auch Deutschland hat sich an solchen Projekten beteiligt. Zwar ist schon etwas erreicht worden, aber fertig ist man dort bei weitem noch nicht. Genauso wenig wie in Dutzenden weiterer Länder, die Spaltmaterial besitzen und teilweise unter völlig unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen lagern. Bisher hatte die Welt Glück, aber darauf darf man sich nicht noch länger verlassen. Wenn man, wie die Deutschen, vor allem über schmutzige Bomben reden will, dann spielt man jenen Staaten in die Hände, die das unangenehmere Thema gern vermeiden würden. Es muss nämlich jetzt und in Zukunft vor allem darum gehen, alles waffenfähige Uran und Plutonium sicher und nachhaltig von Terroristen fernzuhalten. Und zwar das militärische wie auch das aus dem zivilen Brennstoffkreislauf - und das aus Forschungsreaktoren. Eine große und schwierige Aufgabe, aber lösbar - man muss es nur wollen!

Das Interview führte Gunther Latsch

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Forum - Abrüstung - eine realistische Vision?
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1. „Begrenzung der Atomarsenale“, aber keine Wende in der aggressiven Politik der USA!
Arg-US 09.04.2010
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Das wäre wünschenswert, doch es steht zu befürchten, dass sich de facto überhaupt nichts an der essentiellen Gefährdung der Menschheit ändern wird. Beide Staaten verfügen trotz der „Begrenzung der Atomarsenale“ immer noch über ein mehrfaches atomares Overkillpotential. Außerdem hat Obama durchblicken lassen, dass die USA stattdessen ihre konventionelle Rüstung aufstocken wollen, obwohl sie bisher schon für Rüstung und Militär alleine mehr ausgeben als die nächsten zehn größten Rüstungsetats anderer Staaten zusammen. Es wird keine Wende in der aggressiven Weltpolitik der USA herbeiführen, denn es findet kein grundsätzliches Umdenken statt und der modus operandi bleibt der alte!
2. Obama - Der Heilige des Weltfrieden
Palmstroem, 09.04.2010
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Warum, wird die Kalaschnikow verboten?
3. Die Rhetorik einer schlichten Gewinn- und Verlustrechnung!
Arg-US 09.04.2010
Zitat von PalmstroemWarum, wird die Kalaschnikow verboten?
Die ist noch weltweit im Einsatz und wird wohl noch auf Weiteres gebraucht werden! Atombomben kamen genau genommen – trotz der darauf verschwendeten Billionen Dollars - nur zweimal zum Kriegseinsatz auf wehrlose zivile Großstädte und das eigentlich nur als zynischer Feldversuch unter Realbedingungen. Unschuldige Menschen degradiert zu hilflosen Versuchskaninchen! Er hat keine Kosten gescheut, diese nuklearen Waffen zu vermehren und zu vervollkommnen, so dass er jetzt auf die alten und obsoleten gut verzichten kann. Der Gipfel der Heuchelei besteht wohl darin, dass man dieses Ausmustern von Atomschrott als „Begrenzung der Atomarsenale“ demagogisch geschickt darzustellen versucht, weil die Unterhaltung unnötige Kosten verursachte.
4.
ambergris 09.04.2010
Spannend wird Abrüstung erst da, wo zwei Nationen freiwillig eine militärische Option aufgeben. Auch nach dem Abkommen haben die USA und Russland die Möglichkeiten, die Welt in Grund und Boden zu bomben.
5.
Antje Technau, 09.04.2010
Zitat von sysopAtomwaffen abschaffen, Terrorismus verhindern: US-Präsident Obama setzt sich ehrgeizige Ziele für seinen historischen Nuklear-Gipfel in Washington. Staatslenker aus 46 Nationen sind geladen - doch nicht alle teilen seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Ist die Abrüstung wieder eine realistische Vision?
Obama nannte als Ziel eine atomwaffenfreie Welt. Israel verweigert sich dieser Vision und Netanjahu kommt nicht zu der von Obama einberufenen Konferenz: Binyamin Netanyahu pulls out of Washington nuclear weapons summit (http://www.guardian.co.uk/world/2010/apr/09/netanyahu-snubs-nuclear-weapons-summit) Präsident Obamas Reaktion auf diesen Affront durch Israel wird zeigen, wie ernst es Obama mit seinem Plan ist. Oder ob seine "atomwaffenfreie Welt" sich nur auf Staaten wie den Iran bezieht. Wie die Vorredner schon sagten: außer Atombomben gibt es noch genug andere Waffen, mit denen die USA und andere Länder die Welt zerstören können. Auch diese Waffen müssten verschwinden, wenn man dafür sorgen wollte, dass Menschen nicht mehr zu Millionen in Kriegen sterben sollen.
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Zur Person
Harvard Kennedy School

Tom Bielefeld, 38, ist Physiker und arbeitete an der Universität Bremen über "nukleare Gefahrenabwehr" und "Sicherheit radioaktiver Materialien". Seit 2006 forscht er am Belfer Center for Science and International Affairs der Havard-University zu Themen der Nukleartechnik und Sicherheitspolitik.


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Nuklearwaffen: Alle Atommächte und ihre Arsenale

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

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