Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Obamas neue Atomdoktrin: Aufmotzen statt abrüsten

Von

Barack Obama lässt sich für seine neue Atomwaffendoktrin feiern - doch tatsächlich bleibt das US-Arsenal in seiner Größe bestehen. Es wird sogar modernisiert, die Militärs haben ihre Wunschprojekte durchbekommen. Der Präsident lässt auch Waffen in Deutschland überholen.

Nuklearwaffen: Obamas neue Atom-Doktrin Fotos
AP

Im Fußball-Jargon würde man vermutlich sagen: US-Präsident Barack Obama hat einen Lauf. Er trifft wieder.

Erst presst er die Gesundheitsreform durch den Kongress. Dann einigt er sich mit Russland in Sachen Abrüstung. Und jetzt stärkt er mit seiner neuen Atomwaffen-Doktrin die Hoffnung, dass die Welt eines Tages tatsächlich von der gefürchtetsten aller Bomben befreit werden könnte.

Obamas "Nuclear Posture Review" erklärt es für tabu, Atombomben gegen Staaten einzusetzen, die erstens selbst keine solchen Waffen haben und sich zweitens an den Vertrag zur Nichtweiterverbreitung halten (mehr zum Atomwaffen-Sperrvertrag auf Wikipedia...). Ausgenommen von dieser Neuerung sind Iran und Nordkorea, gegen die sich die USA weiterhin einen Erstschlag vorbehalten. Mit diesen neuen Vorschriften, die sich in Obamas Vision von einer atomwaffenfreien Welt fügen, bricht der Präsident mit der Politik seines Vorgängers George W. Bush. Dieser wollte einst sogar neue, kleinere Atomwaffen entwickeln lassen, die auch faktisch "einsetzbar" wären, wie es der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nannte - insbesondere sogenannte Mini-Nukes.

Doch was ändert die neue Doktrin in der Praxis?

Erst mal nicht viel - das zeigt ein genauer Blick in die "Nuclear Posture Review":

  • Die landgestützten Interkontinentalraketen bleiben in ihrer Zahl vorerst erhalten. Derzeit verfügen die USA über 450 Minuteman-III-Raketen mit jeweils bis zu drei Sprengköpfen. Die Zahl der Sprengköpfe soll zwar auf einen pro Rakete reduziert werden, doch die Modernisierung der Raketen soll wie geplant fortgesetzt werden - so dass die Minuteman III bis 2030 im Dienst bleiben kann. Vorarbeiten für eine Nachfolgerakete laufen weiter.
  • Wie geplant werden auch die Sprengköpfe des Typs W-76 modernisiert, mit denen Trident-Raketen auf U-Booten bestückt sind. Sie sind das Rückgrat des strategischen US-Arsenals.
  • Zur Modernisierung der Sprengköpfe W-78 soll eine Vorstudie erstellt werden - inklusive einer Prüfung, ob sie auch auf U-Booten eingesetzt werden könnten. Bisher sind mit ihnen die landgestützten Minuteman III-Raketen ausgerüstet.
  • Die Fähigkeit, Jagd- und schwere Bomber nuklear zu bewaffnen, soll erhalten bleiben. Geplant ist, die Lebenszeit der B-61-Atombomben "in vollem Umfang" zu verlängern. Die B-61 ist auch in Deutschland stationiert - auf dem Fliegerhorst Büchel sollen rund 20 Stück lagern.
  • Die nukleare Rolle der strategischen Bomber vom Typ B-52 und B-2 bleibt grundsätzlich unangetastet. Erwogen wird lediglich, einige B-52 auf konventionelle Waffen umzustellen.
  • Die Zahl der strategischen U-Boote der Ohio-Klasse könnte in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts von 14 auf 12 reduziert werden. "Diese Entscheidung beeinflusst aber nicht die Zahl der auf U-Booten stationierten Atomsprengköpfe", steht in dem Dokument. Vorangetrieben wird die Entwicklung eines neuen U-Boot-Typs, der die Ohio-Klasse ab 2027 ersetzen soll.
  • Die Alarmbereitschaft der US-Atomstreitkräfte bleibt unverändert. Derzeit sind zwar die schweren Bomber nicht rund um die Uhr in Alarmbereitschaft, dafür aber fast alle landgestützten Interkontinentalraketen. Auch eine "bedeutende Zahl strategischer Atom-U-Boote" sei zu jeder Zeit auf See. Laut NPR soll dieser Zustand fortbestehen. Ein kleiner Trost: Alle land- und seegestützten Atomraketen zielen weiterhin zunächst auf den offenen Ozean - so dass im Fall eines versehentlichen Starts kein Land getroffen wird.

Für die Modernisierungsprogramme sind auch hohe Investitionen in die Atom-Infrastruktur der USA geplant. Laut Verteidigungsminister Robert Gates sollen fast fünf Milliarden Dollar aus seinem Haus ins zuständige Energieministerium fließen. Dessen militärische Abteilung, die National Nuclear Security Administration (NNSA), bekommt nach Angaben von Außenministerin Hillary Clinton eine rund 13-prozentige Etaterhöhung.

Kurz: Die für die US-Atomwaffen zuständigen Ministerien "haben all ihre Wunschprojekte durchbekommen", sagt Rüstungsexperte Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit (Bits). In Wirklichkeit habe Obama bei der Realisierung einer atomwaffenfreien Welt "den Fuß auf der Bremse".

Zahlreiche Schlupflöcher bei der Atomwaffen-Modernisierung

Die neue Doktrin sieht zwar vor, dass die USA auf den Bau neuer Atomwaffen verzichten. Allerdings gibt es Schlupflöcher. Denn alte Waffen dürfen nach Angaben der NNSA in großem Umfang verändert werden, was gerade das Beispiel der auch in Deutschland stationierten B-61-Bombe zeige: "Alle konventionellen Komponenten dürfen erneuert werden", sagt Nassauer. Das gelte auch für das Nuclear Physics Package, den nuklearen Kern der Bombe. Bedingung dafür sei eine Erlaubnis des Präsidenten und dass durch die Modernisierung die Notwendigkeit von Atomtests verringert wird - oder die Sicherheit und Verlässlichkeit der Waffe gesteigert.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat immer wieder den Abzug der B-61-Bomben aus Deutschland gefordert. Dazu enthält Obamas Dokument nichts Neues. Die Entscheidung werde im Konsens mit den Nato-Partnern getroffen, steht dort festgeschrieben. Die USA behalten sich also vor, jede Abzugsentscheidung blockieren zu dürfen.

Woran die Atomwaffen-Abrüstung aus US-Sicht wirklich hängt, macht die "Nuclear Posture Review" in erfrischender Offenheit klar - nämlich an der Zahl russischer Sprengköpfe.

Die USA und asiatische Staaten seien zwar "besorgt" über Chinas beachtliche Militärinvestitionen, "darunter die qualitative und quantitative Modernisierung des Nukleararsenals", steht da zu lesen. Doch die russische Atomstreitmacht sei nach wie vor "ein bedeutender Faktor" für die Entscheidung, wie stark und wie schnell die USA ihr Arsenal reduzieren. Verbunden wird diese Diagnose mit einer optimistischen Botschaft: "Aufgrund unserer verbesserten Beziehungen ist die Notwendigkeit einer strikten zahlenmäßigen Gleichheit zwischen beiden Ländern nicht mehr so zwingend wie während des Kalten Krieges."

Mit anderen Worten: Das Wettrüsten ist erst einmal vorbei.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein alter Hut
Hubert Rudnick, 07.04.2010
Zitat von sysopBarack Obama lässt sich für seine neue Atomwaffen-Doktrin feiern - doch tatsächlich bleibt das US-Arsenal in seiner Größe bestehen. Es wird sogar modernisiert, die Militärs haben ihre wesentlichen Wunschprojekte durchbekommen. Der Präsident lässt auch Waffen in Deutschland nachrüsten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,687619,00.html
Mit dem Geschwätz von der Abrüstung fallen doch die Medien immer zuerst herein. Es ist doch nicht das erste Mal, dass ein Präsident damit an die Öffentlichkeit ging, er wollte nur seine wahren Absichten verschleiern. In der Zeit des kalten Krieges hatten wir doch schon einige male von solchen ähnlichen Verhandlungen geört und was ist daraus geworden? Wenn einer sagt, dass er abrüsten will, dann meint er aber nur, dass er die veralterte Technologie gegen neue modern und viel intensivere austauschen will und nichts anderes. Viele Foristen und ich auch haben uns schon über diese erneuten Lügen hier lustig gemacht, aber auch spon fällt immer wieder auf die schönen Worte der Politiker herein. Ab und zu sollte man mal nachdenken und nicht sofort auf die Enten der Politik reagieren, sie taugen doch wirklich nichts. Sollte es denn wirklich einen Menschen geben, der daran glaubt, dass die USA ihre Überlegenheit in der Militärpolitik aufgeben könnten?
2. .
frubi 07.04.2010
Zitat von Hubert RudnickMit dem Geschwätz von der Abrüstung fallen doch die Medien immer zuerst herein. Es ist doch nicht das erste Mal, dass ein Präsident damit an die Öffentlichkeit ging, er wollte nur seine wahren Absichten verschleiern. In der Zeit des kalten Krieges hatten wir doch schon einige male von solchen ähnlichen Verhandlungen geört und was ist daraus geworden? Wenn einer sagt, dass er abrüsten will, dann meint er aber nur, dass er die veralterte Technologie gegen neue modern und viel intensivere austauschen will und nichts anderes. Viele Foristen und ich auch haben uns schon über diese erneuten Lügen hier lustig gemacht, aber auch spon fällt immer wieder auf die schönen Worte der Politiker herein. Ab und zu sollte man mal nachdenken und nicht sofort auf die Enten der Politik reagieren, sie taugen doch wirklich nichts. Sollte es denn wirklich einen Menschen geben, der daran glaubt, dass die USA ihre Überlegenheit in der Militärpolitik aufgeben könnten?
Die USA nutzen ihre militärische Stärke aber immer mehr zur Durchsetzung politischer Ziele. Die haben immerhin überall auf der Welt ihre Waffen. Man spricht ja immer davon, welche Städte die Mullahs mit ihren Bomben erreichen würden. Amerika kann Ziele auf der halben Welt anvisieren und Amerika ist das einzige Land welches Atomwaffen gegen Zivilisten eingesetzt hat. Was wäre nur los, wenn Russland diese beiden Dinge vorzuweisen hätte. Man würde doch ständig davon in den Medien lesen.
3. Die Mär von einer atomwaffenfreien Welt ist pure Augenauswischerei
Eppelein von Gailingen 07.04.2010
Zitat von sysopBarack Obama lässt sich für seine neue Atomwaffen-Doktrin feiern - doch tatsächlich bleibt das US-Arsenal in seiner Größe bestehen. Es wird sogar modernisiert, die Militärs haben ihre wesentlichen Wunschprojekte durchbekommen. Der Präsident lässt auch Waffen in Deutschland nachrüsten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,687619,00.html
Wahrscheinlich war die Idee von Prag der Einstieg Obamas in die Abrüstungsverhandlungen mit den Russen. Zuerst aber gehört der Irre im Teppichland aufgehalten. Die Lobby der Kriegstreiber unter den Republikanern ist scheinbar für jeden US Präsidenten zu stark.
4. Auch nichts neues
Hubert Rudnick, 07.04.2010
Zitat von frubiDie USA nutzen ihre militärische Stärke aber immer mehr zur Durchsetzung politischer Ziele. Die haben immerhin überall auf der Welt ihre Waffen. Man spricht ja immer davon, welche Städte die Mullahs mit ihren Bomben erreichen würden. Amerika kann Ziele auf der halben Welt anvisieren und Amerika ist das einzige Land welches Atomwaffen gegen Zivilisten eingesetzt hat. Was wäre nur los, wenn Russland diese beiden Dinge vorzuweisen hätte. Man würde doch ständig davon in den Medien lesen.
Das machen doch alle die sich so sehr mit ihrer Hochrüstung anstrengen. Mit seinem Militär möchte man doch auch seine politischen Ziele durchsetzen. Das ist wirklich nichts neues.
5. Frage :
juergw. 07.04.2010
wozu eigendlich noch Atomwaffen auf deutschem Boden ? Nach der Vereinigung Deutschlands immer noch die USA als Besatzer hier?Die Russen sind doch abgezogen mit ihren Truppen ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Geschichte der Abrüstung
Nach dem Schock der Kuba-Krise 1962 versuchten die Großmächte, mit Verträgen die Gefahr eines Atomkriegs zu verringern. Die wichtigsten Abkommen - klicken Sie auf die Überschriften...
Atomwaffen-Sperrvertrag (1968)
Danach dürfen die fünf offiziellen Atommächte keine Nuklearwaffen an Dritte weitergeben. Beigetretene "Atom-Habenichtse" dürfen keine produzieren oder erwerben.
Vereinbarung über Atomunfälle (1971)
Bei Zwischenfällen müssen sich die Supermächte sofort benachrichtigen. So soll einem "unbeabsichtigten Kernwaffenkrieg" vorgebeugt werden.
Salt I (1972):
Der auf fünf Jahre befristete Interimsvertrag begrenzte die Zahl der Abschussvorrichtungen für landgestützte Interkontinentalraketen und ballistische U-Boot-Raketen.
ABM-Vertrag (1972)
Er erlaubt nur im Umkreis der Hauptstädte Moskau und Washington die Aufstellung von ABM-Systemen (Anti Ballistic Missiles) zur Abwehr feindlicher Raketen. Die USA kündigen den Vertrag im Dezember 2001 einseitig.
Salt II (1979)
Die Trägersysteme für strategische Atomwaffen werden auf je 2400 (Raketen und schwere Bomber) begrenzt. Der Vertrag - von den USA nicht ratifiziert, aber beachtet - wird 1991 durch Start I überholt.
Mittelstreckenraketen-Vertrag (1987)
Alle landgestützten Raketen in Europa mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern (darunter Pershing II und SS-20) werden kontrolliert vernichtet.
Start I (1991)
Die Bestände weitreichender Systeme über 5000 Kilometer sollen um durchschnittlich 25 bis 30 Prozent verringert werden. Der Vertrag lief im Dezember 2009 aus.
Start II (1993)
Das Abkommen zwischen den USA und Russland sieht eine weitere Verringerung der Bestände und den völligen Verzicht auf landgestützte Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen vor. Den USA verbleiben danach noch 3500 Sprengköpfe, Russland noch 3000.
Vereinbarung zur Meldung von Raketenabschüssen (2000)
Auch die amerikanisch-russische Vereinbarung zur Unterrichtung über Raketenstarts und Raumflüge soll die Atomkriegsgefahr verringern.
Sort (2002)
Das zwischen den USA und Russland geschlossene Abkommen zum Abbau nuklearer Angriffswaffen soll die Atomarsenale bis 2012 auf jeweils 1700 bis 2200 Sprengköpfe reduzieren.
Start III
Das am 8. April 2010 von den USA und Russland unterschrieben Abkommen sieht vor, die Zahl der nuklearen Sprengköpfe in den nächsten sieben Jahren um 30 Prozent zu senken - von je 2200 auf je 1550. Die Zahl der Trägersysteme (Interkontinentalraketen, U-Boot-gestützte Langstreckenraketen und Langstreckenbomber) wird dem Start-III-Vertrag zufolge auf je 800 halbiert. Das neue Abkommen soll zehn Jahre gelten.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: