Ökonom Carlo Jaeger Airbus als Vorbild für eine europäische Energiewende

Kann Deutschland die Energiewende alleine schaffen? In der Isolation drohten Bürokratie und hohe Kosten, warnt der Ökonom Carlo Jaeger. Gefragt sei ein europaweiter Wettbewerb um alternative Energien nach dem Vorbild von Airbus.

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Die neue Bundesregierung bekommt mit der Energiewende ein Gestaltungsmittel in ihre Hände, wie es selten einer Regierung vergönnt ist. Gemeinsam mit Industrie und Wissenschaft kann sie daraus eine einmalige Erfolgsgeschichte entwickeln. Ähnlich wie bei der Entwicklung des Airbus ist dabei eine kreative europäische Vernetzung entscheidend.

Mit der Energiewende hat sich Deutschland zu einem Lernprozess historischen Ausmaßes entschlossen. Denn bisher haben Staaten und Volkswirtschaften ihren Energieverbrauch nur dauerhaft gesenkt, indem sie zugrunde gingen. Und seit der Industrialisierung ist es noch keiner Volkswirtschaft gelungen, sich von fossilen Brennstoffen als Hauptenergiequelle zu lösen.

Die Ziele der Energiewende - Energieverbrauch halbieren, Treibhausgasemissionen auf nahe Null reduzieren, Kernkraftwerke abschalten, und das alles bei unvermindertem, ja wachsendem Wohlstand - sind an Ehrgeiz kaum zu überbieten.

In diesem Ehrgeiz liegt eine einmalige Chance. Im europäischen Verbund hat Deutschland die Chance, Weltmarktführer für neue Energiesysteme zu werden und eben dadurch die Lösung globaler Umweltprobleme voranzutreiben. Neue Energiesysteme: Das heißt Problemlösungen in Gebäuden, Verkehr, Kraftwerken, Logistik und vielem mehr.

Die selten genutzte Stärke Europas

Unter den zehn größten Bau- und Engineeringfirmen der Welt sind sieben europäische, aus sechs verschiedenen Ländern. Die entscheidende Frage ist, wie Europa eine Wirtschaft entwickeln kann, die wesentlich auf erneuerbaren Energien beruht und den Wettbewerb mit noch vorwiegend fossil betriebenen Wirtschaften in Amerika, China und andernorts erfolgreich besteht.

Es gibt einen wichtigen Präzedenzfall: die Entwicklung des Airbus. Niemals hätten es deutsche Firmen im Alleingang geschafft, eine neue Luftfahrtindustrie auf die Beine zu stellen. Als jedoch eine Reihe von Firmen aus Deutschland, Frankreich, England und Spanien begannen, an einem Strang zu ziehen, von politischer Seite entschlossene Unterstützung dazukam und ein zielorientierter Austausch mit Forschungsinstituten in verschiedenen Ländern einsetzte, gelang genau dies - und zwar so, dass der Wettbewerb mit der amerikanischen Luftfahrtindustrie trotz deren enormen Erfahrungsvorsprungs erfolgreich bestanden werden konnte.

Dabei ist es keineswegs so, dass einfach ein europäischer Großkonzern für Flugzeugbau entstand, vielmehr wäre der Flugzeughersteller Airbus ohne ein europaweites Netz hochkompetitiver Klein- und Mittelbetriebe und erstklassiger Forschungsinstitute gar nicht denkbar. Die Vernetzung unterschiedlicher Kompetenzen, Organisationsformen und Marktzugänge ist eine große, viel zu selten genutzte Stärke Europas.

Auch bei neuen Energiesystemen können die Regierungen effektive Nachfrage schaffen, sowohl durch die eigene Beschaffung als auch durch Einspeisevergütungen und Regulierungen. Doch Innovationen dieser Art werden niemals nach dem Strickmuster "ein Ziel - ein Instrument" entwickelt.

Vorbild Pentagon

Das war weder beim Airbus der Fall, noch agiert die weltweit erfolgreichste Innovationsförderung - jene des Pentagons - nach diesem Schema. Vielmehr geht es für die Politik darum, durch eine Kombination grober Zielvorgaben und vielfältiger, in dauernde Dialoge eingebetteter Maßnahmen einen gemeinsamen Lernprozess voranzutreiben.

Ein gutes Beispiel für die gefragten Innovationen ist die Wärme-Kraft-Koppelung (KWK). Die einfache Grundidee, durch einen Motor Strom zu erzeugen und die Abwärme für Heizzwecke zu nutzen, hat durchaus das Potential, sich weltweit in großem Maßstab durchzusetzen.

Dazu müssen KWK-Anlagen aber klare Wettbewerbsvorteile entwickeln. Und das können sie nur in komplexen Netzen, die neuartige Wärmespeicher und Wärmepumpen mit innovativer Hard- und Software, mit optimierten Motoren und Generatoren sowie mit ansprechenden Serviceorganisationen kombinieren.

Die Politik kann derartige Ansätze durch eine Kombination verschiedenster Instrumente fördern. Entscheidend ist die Orchestrierung neuer Kooperationsformen - zum Beispiel zwischen Herstellern, IT-Firmen, Banken, relevanten Verbänden und Hochschulen. Dabei sind Akteure aus Osteuropa, wo Blockheizkraftwerke sehr verbreitet sind, einzubeziehen, ebenso die großen Engineeringfirmen in Spanien, Frankreich und anderen Ländern Europas.

England gleicht Flaute aus

KWK ist ein wichtiges Beispiel, doch es gibt viele weitere: hocheffiziente Stromverbindungen quer durch Europa (statt fragwürdiger Trassen in einzelnen Ländern), neue Arten von Windkraftwerken (zum Beispiel Flugdrachen über offener See), Einsatz von 3D-Druckern für energieeffizientes Bauen (und eine europaweite Weiterentwicklung von Berufsbildern im Bausektor) und andere mehr.

Kein vernünftiges Transport- oder Kommunikationssystem beruht heute auf einem starren Transport- oder Kommunikationsfluss, der dann noch mit flexibleren Komponenten ergänzt wird. Wenn Europa ein vernünftiges Energiesystem entwickeln wird, dann werden darin Schwankungen des Windes in Norddeutschland mit solchen in England kompensiert werden, Schwankungen des Windes insgesamt mit solchen von intelligenten KWK-Netzen und so weiter.

Deutschland muss nicht versuchen, den Franzosen die Kernenergie und den Polen die Kohle auszureden, sondern kann zeigen, dass Energiesysteme, die auf Effizienz und erneuerbare Energien setzen, sich im Wettbewerb genauso durchsetzen können wie Autos "Made in Germany". Und dazu sind Kooperationen mit Polen zu KWK, mit Frankreich zu energieeffizienten Großprojekten ebenso nötig wie der konsequente Ausbau länderübergreifender Stromnetze.

Elbphilharmonie als Mahnung

Lichtblick und VW haben eine bemerkenswerte Initiative zu KWK ergriffen. Daraus kann ein etwas größeres Konsortium werden, bei dem auch die IT-Welt und Märkte außerhalb Deutschlands einbezogen werden. In Sidney, Australien, werden KWK-Anlagen geplant, bei denen Strom, Heizung und Kühlung gekoppelt werden.

In Phoenix, USA, arbeiten Stromversorger an ähnlichen Ideen. Warum sollte sich nicht ein Konsortium, das von hiesigen Erfahrungen profitiert, auch auf solchen Märkten durchsetzen? Warum sollten nicht analoge Strategien bei anderen Energiesystemen möglich sein? Die Energiewende eröffnet in der Tat globale Chancen.

Wenn die Energiewende als bürokratisches Planspiel in einem möglichst abgeschotteten deutschen Energie- und vielleicht auch noch Kapazitätsmarkt betrieben würde, ergäbe sich ein kostspieliges Prestigeobjekt nach dem Muster der Elbphilharmonie. Gefragt ist stattdessen ein europaweiter Wettbewerb um die Entwicklung weltweit führender Energiesysteme.

Dazu braucht es, wie damals der Airbus in Europa und in neuerer Zeit die IT-Industrie in Amerika gezeigt haben, Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die sich zusammenraufen, um eine ehrgeizige Vision in gute Geschäfte umzusetzen. Wenn auf europäischer Ebene die groben Ziele verbindlich gesetzt werden, braucht es für die Umsetzung weder ein oberstes Kontrollorgan noch einen einzelnen Großkonzern, sondern unterschiedliche Clubs, die den Wettstreit in den verschiedensten Bereichen aufnehmen.



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Seite 1
bammy 25.01.2014
1.
Zitat von sysopVattenfallKann Deutschland die Energiewende alleine schaffen? In der Isolation drohten Bürokratie und hohe Kosten, warnt der Ökonom Carlo Jaeger. Gefragt sei ein europaweiter Wettbewerb um alternative Energien nach dem Vorbild von Airbus. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/oekonom-carlo-jaeger-airbus-vorbild-fuer-eine-europaeische-energiewende-a-945308.html
Tja. Und dann kommen wir mit Einspeisevorrang, zu festen Vergütungssätzen daher, krampfhaft Windkraft und PV- Anlagen in Masse in ein Stromsystem zu installieren, was nie dafür gebaut und ausgelegt wurde. Dafür werden jedes Milliarden in den Orkus geschossen, die der Verbraucher berappen muß, ohne das sich für ihn ein Mehrwert bildet. Im Gegenteil. Irgendwann gerät unsere Versorgungssicherheit in Gefahr, wenn es so weiter geht. Daher halte ich unser EEG mit dem bedarfsunabhängigen Einspeisevorrang für Kontraproduktiv.
lalito 25.01.2014
2. Exakt
Nur über den Geist des Teams wird Europa nennenswerte und weltweit nachahmenswerte Konzepte realisieren können. Dann mal los . . .!
jj2005 25.01.2014
3. Eine interessante Vision...
... und das ohne jegliche Ironie. Es koennte tatsaechlich funktionieren, und waere der Problemstellung angemessen - je groesser die Flaeche, desto eher koennen regionale Schwankungen von Sonne und Wind ausgeglichen werden. Ganz Europa als Flaeche ist ideal, klar. ABER (ein grosses Aber), bitte nicht vergessen, dass Airbus immense Steuergelder geschluckt hat. Solche Grossprojekte sind immer eine Einladung an Grossunternehmen und gross-spurige Makler und Politiker, sich erstmal ein paar Jahrzehnte generoes zu bedienen. Vielleicht sollte Herr Jaeger mal intensiv zur Dynamik von Grossprojekten forschen, bevor Franzosen und Deutsche mal wieder Weltmacht spielen. Aus der Erfahrung mit Airbus lassen sich vielleicht ein paar vernuenftige Spielregeln ableiten.
Gorge11 25.01.2014
4. Deutschland kann die Energiewende alleine schaffen, wie damals die Badekappenwende
Zitat von sysopVattenfallKann Deutschland die Energiewende alleine schaffen? In der Isolation drohten Bürokratie und hohe Kosten, warnt der Ökonom Carlo Jaeger. Gefragt sei ein europaweiter Wettbewerb um alternative Energien nach dem Vorbild von Airbus. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/oekonom-carlo-jaeger-airbus-vorbild-fuer-eine-europaeische-energiewende-a-945308.html
sogar jedes eigenes Bundesland kann das, mitunter sogar jeder einzelne Regierungsbezirk für sich alleine, oder mit ein paar anderen zusammen, sowie bei der Milchversorgung. Vorrausetzung ist neue Technologie, und dass die alte abgeschrieben ist, und die neue zumindest finanziell mithilft, die alte zu entsorgen, und die Badekappenwirtschaft einen neues Betätigungsfeld findet. Das hats schon mal gegeben. Früher war es undenkbar, sich ohne Badekappe in ein öffentliches Schwimmbadbecken zu begeben, plötzlich ging das, heute müsste man über die Kappen lachen.
DanielDüsentrieb 25.01.2014
5. wir brauchen eine Europäische Armee
als erstes benötigen wir eine Europäische Armee. Das würde die Schlagkraft und Abschreckung erhöhen und die einzelnen Budgets der Länder halbieren. Dieses frei werdende Geld könnte wunderbar für die Energiewende eingesetzt werden. Allerdings darf man nicht wieder auf die Lobby reinfallen, so wie bei der Fassadendämmung die größtenteils nutzlos verpuft, brandgefährlich ist und die Säckel von Herstellern füllt. Vom WDR gab es dazu eine gute Sendung: http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2014/daemmung.php5 Außerdem müssen unsere Autos gezügelt werden. Langten früher 44 PS beim Käfer oder 67 beim Opel Rekord knacken heute viele Autos bereits die 300 PS Marke. Im Durchschnitt liegen wir wohl bei ca. 140 PS. Das kostet nicht nur Sprit, sondern vor allem viel Energie in der Herstellung. Was nutzt die Dämmung etc. wenn der Hausherr anschließend in sein SUV steigt und das Erdöl mal richtig sprudeln lässt?
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