Ökostrom-Projekt "Unser Kraftwerk ist das Wetter"

Erneuerbare Energien seien unzuverlässig, bemängeln Kritiker. Unternehmen und Forscher in Sachsen-Anhalt wollen jetzt mit einem regenerativen Kombikraftwerk beweisen, dass ein ganzer Landkreis komplett mit sauberem Strom versorgt werden kann - dauerhaft und nachhaltig.

energiepark-druiberg.de

Von Esther Wiemann


Dardesheim - Der Wind pfeift über den Druiberg. Heinrich Bartelt spricht laut, damit ihn auch die Besucher aus der südkoreanischen Provinz Gangwon hören können. "Unser größtes Kraftwerk ist das Wetter. Sonne und Wind schicken keine Rechnungen", sagt der Windparkbetreiber - seine Lieblingssätze. Die Gäste schießen unterdessen Fotos von den etwa 30 Windrädern, die über dem Städtchen Dardesheim in Sachsen-Anhalt in den Himmel ragen. Der rund tausend Einwohner starke Ort im Harz hat eine Erfolgsgeschichte in Sachen erneuerbare Energien geschrieben: Er versorgt sich selbst mit Wind, Sonne und Biomasse - zumindest rechnerisch.

Besucher aus der ganzen Welt reisen in das Städtchen, das noch bis vor wenigen Jahren nur durch ein erfolgreiches Stadtorchester überregional von sich Reden machte. Heute glänzen auf vielen Dächern Photovoltaikanlagen, Elektroautos fahren mit Ökostrom, der Windpark speist 40-Mal so viel Energie ins Netz, wie die Einwohner verbrauchen.

Der überschüssige Strom aus Dardesheim soll jetzt in ein viel größeres Projekt fließen, bei dem Windparkbetreiber Bartelt treibende Kraft ist. Durch ein "regeneratives Kombikraftwerk" sollen die rund 250.000 Einwohner des Landkreises Harz künftig nur noch mit Ökostrom beliefert werden. Dafür verknüpft das virtuelle Kraftwerk erneuerbare Energiequellen wie Wind-, Solar- und Biomasse zu einer Einheit.

Das Kombikraftwerk erstreckt sich mit 36 Anlagen über ganz Deutschland

Seit Ende 2008 arbeiten Universitäten, vier Stadtwerke, Vattenfall Europe Transmission, Siemens, Eon Avacon und andere Unternehmen an dem Projekt "Regenerative Modellregion Harz". Das Ziel der mit zehn Millionen Euro vom Bund geförderten Forschungskooperation ist stabiler Ökostrom - egal bei welchem Wetter. Die Vorteile liegen auf der Hand: Kein CO2-Ausstoß, keine Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle und unerschöpfliche Energiequellen. Doch kann das wirklich funktionieren?

Kritiker zweifeln vor allem an der Zuverlässigkeit von Solar- und Windkraft. Sie seien nicht steuerbar, eine sichere Stromversorgung nicht gewährleistet. Wissenschaftler des Instituts für Solare Energieversorgungstechnik (ISET) an der Universität Kassel konnten in einem Modellversuch allerdings schon 2007 das Gegenteil beweisen. Das Ergebnis: Eine Vollversorgung Deutschlands ist theoretisch möglich und bei vier bis fünf Cent pro Kilowattstunde Strom im Jahr 2050 sogar konkurrenzfähig.

Das Kombikraftwerk der Forscher erstreckte sich mit 36 Anlagen über ganz Deutschland. Die Wissenschaftler simulierten ein Zehntausendstel des deutschen Strombedarfs und rechneten anschließend hoch. "Die Energiequellen müssen wie ein Orchester koordiniert werden", erklärt Kurt Rohrig, Projektleiter am ISET, das mittlerweile im Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) aufgegangen ist. Eine zentrale Steuerungseinheit regele die Feinabstimmung zwischen den einzelnen Energiequellen. Hier wird entschieden, wie viel gespeicherte Energie aus Biogasanlagen zugeschaltet werden muss, falls kein Wind weht und der Himmel bedeckt ist.

Um eine flächendeckende Versorgung in der Zukunft tatsächlich sichern zu können, müssten allerdings viel mehr Anlagen gebaut werden, räumt Rohrig ein. Probleme gibt es auch bei der Netzstruktur: Erneuerbare Energien werden vor allem im Osten und im Norden gewonnen. Damit der Strom transportiert werden kann, muss das Netz weiter ausgebaut werden.

Es gibt noch zu wenige Speichermöglichkeiten für überschüssige Energie

Ein weiterer Knackpunkt des Kombikraftwerks: Im Moment gibt es zu wenig Speichermöglichkeiten wie etwa Pumpspeicherkraftwerke, bei denen überschüssige Windenergie genutzt werden kann, um Wasser in ein hochgelegenes Becken zu befördern. Wenn Strom gebraucht wird, rauscht es zurück auf eine Turbine. "Der Platz für weitere Stauseen ist in Deutschland allerdings beschränkt", sagt Rohrig. Nur ein Stromaustausch mit anderen Ländern könnte weitere Kapazitäten eröffnen. Möglichkeiten, bei denen zur Energiespeicherung Druckluft in eine unterirdische Kaverne gepumpt wird, müssten sich dagegen technologisch noch bewähren. Langfristig seien diese Probleme aber lösbar, glaubt er.

Im Harz tüftelt die Forschergruppe um Rohrig zumindest erstmal daran, dass Speicherproblem auf Landkreisebene zu bewältigen. Neben der Einbindung eines alten Pumpspeicherkraftwerks aus DDR-Zeiten sollen auch Verbraucher mithilfe intelligenter Stromzähler ihren Beitrag leisten. Anreize durch variable Stromtarife sollen dazu verführen, Waschmaschine, Trockner und Co. nur dann anzustellen, wenn viel Wind weht oder die Sonne scheint. Außerdem sollen Elektroautos als Speicher dienen: Batterien werden bei ausreichendem Strom aus erneuerbarer Energie geladen. Bei Bedarf geben geparkte Wagen einen Teil wieder zurück ins Netz.

Föhr plant Umstellung der Energieversorgung auf Solar und Wind

Auch in anderen Teilen Deutschlands gibt es Projekte zur dezentralen Energieversorgung. Die Nordseeinsel Föhr will künftig ihren gesamten Stromverbrauch mit Solarzellen und Windrädern bestreiten, das niedersächsische Jühnde versorgt sich schon jetzt vollständig mit einer Biogasanlage. "Viele Gemeinden oder Regionen streben eine hundertprozentige Eigenversorgung mit erneuerbarer Energie an und verfolgen damit zumindest den Grundansatz eines Kombikraftwerks", sagt Peter Moser vom Kasseler Kompetenznetzwerk Dezentrale Energietechnologien (deenet).

Im Moment ist das Modell Kombikraftwerk aber ohne Zuschuss von Forschungsgeldern wenig attraktiv: Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz wird in den meisten Regionen jede eingespeiste Kilowattstunde bezahlt. "Die verschiedenen Anbieter haben bislang keinen Grund, den Strom zu speichern oder sich untereinander abzustimmen", sagt Moser. Hier müsse sich die Gesetzeslage ändern.

Ökostrom-Visionär Bartelt zeigt der südkoreanischen Delegation mittlerweile das neue Freilichttheater auf dem Druiberg. Vor kurzem fand hier das erste Ökostrom-Festival statt, geplant ist außerdem ein Informationspark - eine Art Disneyland für erneuerbare Energien. Anschließend geht es mit dem Bus zur Biogasanlage am Ortsrand. Die soll künftig einspringen, wenn der Wind mal nicht so über den Druiberg pfeift wie heute.



Forum - Atom oder Solar - wem gehört die Zukunft?
insgesamt 6758 Beiträge
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Seite 1
Frank und gerne Frei 08.07.2009
1.
Sinnvoll ist es, beides zu haben....
AndyH 08.07.2009
2.
Zitat von sysopDie Strombranche befindet sich im Umbruch. Können Wind und Sonne die konventionellen Energieträger ablösen? Oder bleibt Deutschland angewiesen auf Kohle und Atom?
Es gibt kein "Umbruch" nirgendwo. Jeder arbeitet mit dem was er hat. Es wird sich langfristig nichts ändern, ausser durch Staatsterror in Form von EEG. Deutschland hat die Braunkohle in Mengen wie Irak Öl. Es wäre hirnrissig jetzt eine Ideologie zu installieren, der dies entwertet. Solar und andere flächengebundene "regenerative" Energien sind vernachlässigbar, bis auf Wasser das ist aber ausgereizt.
kdshp 08.07.2009
3.
Zitat von sysopDie Strombranche befindet sich im Umbruch. Können Wind und Sonne die konventionellen Energieträger ablösen? Oder bleibt Deutschland angewiesen auf Kohle und Atom?
Hallo, was für eine frage ! Natürlich sonnenstrom und das wird kommen zwar arbeiten die lobbys und politiker noch stark dagegen aber er wird kommen. Ich schaue auch schon was eine solarstromalange für mein haus kostet bzw. ich spare schon dafür und werde mir zu 100% eien holen. Hier hätte die regierung auch was machen sollen ähnlich wie diese abwrackprämie so eien art 100.000 dächer solar programm. man was hätten wir an energie gespart und auch an co2. Atomstrom war gestern !
LumpY 08.07.2009
4.
Zitat von AndyHEs gibt kein "Umbruch" nirgendwo. Jeder arbeitet mit dem was er hat. Es wird sich langfristig nichts ändern, ausser durch Staatsterror in Form von EEG. Deutschland hat die Braunkohle in Mengen wie Irak Öl. Es wäre hirnrissig jetzt eine Ideologie zu installieren, der dies entwertet. Solar und andere flächengebundene "regenerative" Energien sind vernachlässigbar, bis auf Wasser das ist aber ausgereizt.
Sie kennen aber schon die Klimastudien des IPCC? Die Braunkohle nicht entwerten!? hallo? das ist weder der Umwelt noch unseren Nachfahren gegenüber zu Verantworten auf solch eine Energiegewinnung zu setzten.
AndyH 08.07.2009
5.
Zitat von LumpYSie kennen aber schon die Klimastudien des IPCC? Die Braunkohle nicht entwerten!? hallo? das ist weder der Umwelt noch unseren Nachfahren gegenüber zu Verantworten auf solch eine Energiegewinnung zu setzten.
Interessiert defacto keinem, ausser als Möglichkeit die Luft zu besteuern. Unser nachfahren wird nicht dadurch geholfen, dass wir das Land deindustrialisieren bis aussieht wie Michigan.
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