Pannenstatistik Alt-AKW plagen besonders viele Technikprobleme

Ältere Atomkraftwerke in Deutschland haben mit überdurchschnittlich vielen sicherheitsrelevanten Defekten zu kämpfen. Das belegt eine Statistik des Bundesumweltministeriums.

Pannenreaktor Krümmel (2007): "Anlass für vertiefende Untersuchungen"
DDP

Pannenreaktor Krümmel (2007): "Anlass für vertiefende Untersuchungen"


Mainz - Ältere Atomkraftwerke melden weitaus häufiger sicherheitsrelevante Defekte als neuere. Dies geht aus einer neuen Statistik des Bundesumweltministeriums für die Jahre 1993 bis 2008 hervor, die auch SPIEGEL ONLINE vorliegt. Als erstes hatte das ARD-Magazin "Report Mainz" aus dem Papier zitiert, das die "meldepflichtigen Komponenten- und Bauteildefekte" zusammenfasst.

Den stärksten Anstieg technischer Defekte weist die Statistik für den Druckwasserreaktor Philippsburg II aus: Hier gab es insgesamt 31 Defekte, davon neun im Jahr 2008, dem letzten Jahr der vorliegenden Statistik. Ein Sprecher des Kraftwerksbetreibers EnBW sagte, die Anlagen seien auf dem aktuellsten Stand der Technik. "Sicherheit hat für uns oberste Priorität." Die Sicherheitsstandards überträfen die, welche die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) für neue Atomkraftwerke verlange.

"Report Mainz" zitiert einen Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) mit den Worten: "Ein beobachteter Trend in den Zahlen ist Anlass für vertiefende Untersuchungen." Von den noch laufenden 17 deutschen Atomkraftwerken gab es die meisten sicherheitsrelevanten Defekte im Siedewasserreaktor Krümmel, nämlich 82 (siehe Tabelle unten). Brunsbüttel, ebenfalls ein Siedewasserreaktor, kam auf 80 Defekte, die beiden Druckwasserreaktoren Biblis B und A auf 78 beziehungsweise 66. Die vier Reaktoren wurden zwischen 1975 und 1984 in Betrieb genommen. Die jüngeren Atomkraftwerke Neckarwestheim II sowie Isar II hätten dagegen im gleichen Zeitraum lediglich 20 Defekte gemeldet.

In Deutschland sind insgesamt fünf verschiedene Reaktortypen in Betrieb. Alle von ihnen weisen über die Jahre eine steigende Anzahl von Bauteildefekten auf. Besonders stark fällt der Anstieg bei den Druckwasserreaktoren der Baulinie DWR-2 auf, zu denen die Meiler Biblis-A, Biblis-B, Neckarwestheim I und Unterweser gehören.

Neue Argumente für Atomkraftgegner

Die Statistik hatte das Bundesumweltministerium auf Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl erstellen lassen. "Die Konsequenz aus den Erkenntnissen ist klar: Es darf keine längeren Laufzeiten für die alten anfälligen AKWs geben. Im Gegenteil, sie müssen umgehend stillgelegt werden", sagte Kotting-Uhl auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Sie ist atompolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion.

Auch der schwedische Reaktor-Konstrukteur Lars Olov Höglund beurteilte die Statistik: "Irgendwann fangen die Teile an, alt zu werden." Sie seien verschlissen, verrostet, aus verschiedenen Gründen verbraucht. "Und dann fängt die Fehlerfrequenz an zu steigen. Alleine die Frequenz ist natürlich beunruhigend", wurde Höglund, früher Vattenfall-Chefkonstrukteur, zitiert. Je mehr Störfälle es gebe, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, "dass sich ein Störfall in einen Unfall oder in einen Super-Gau entwickelt"

Die Nachrüstung alter Atomkraftwerke könnte zusätzliche Risiken bergen, wie aus internen Dokumenten des Umweltministeriums hervorgeht, die dem ARD-Magazin vorliegen. Die Dokumente aus dem Jahr 2007 stellen demnach fest, dass "durch die höhere Anzahl an Nachrüstmaßnahmen mit all ihren Rückwirkungen auf die Anlage die Fehleranfälligkeit gestiegen ist".

Laut Gesetz müssen die Kraftwerksbetreiber alle sicherheitsrelevanten Vorkommnisse nach einem abgestuften Verfahren der Atomaufsichtsbehörde anzeigen. Meldepflichtig sind neben schweren Störfällen, bei denen Radioaktivität austritt, auch kleinere Pannen wie der zeitweilige Ausfall von Pumpen oder Stromsystemen. Dass ältere Reaktoren störanfälliger werden, hatten dabei schon frühere Sicherheitsbilanzen gezeigt.

Wichtig ist dieser Punkt vor allem bei der Frage nach der Restlaufzeit der deutschen Atomkraftwerke. Gerade hat der Energiekonzern RWE von seinem Konkurrenten E.on eine Reststrommenge von rund 4,8 Terawattstunden aus dessen stillgelegtem AKW Stade abgekauft, um damit sein in den siebziger Jahren gebautes Atomkraftwerk Biblis A mindestens ein halbes Jahr länger laufen zu lassen. Derzeit arbeitet der Meiler ohnehin nur mit etwa halber Kraft. Bliebe es dabei, dann könnte der Reaktor nach derzeitigem Stand insgesamt noch rund zwei Jahre weiterlaufen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland hat die Bundesregierung aufgefordert, den Deal noch zu stoppen. Das Verschieben der Strommengen auf Biblis A sei "illegal und gefährlich", erklärte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Zur Begründung verwies er auf die von Biblis A ausgehenden Risiken. Ein Atomkraftwerk werde umso störanfälliger, je älter es sei. Die Statistik scheint diese Sicht zu bestätigen. Das Bundesumweltministerium bezeichnete die Übertragung der Strommengen als "unternehmerische Entscheidung".

Sicherheitsrelevante Defekte (1993-2008)

Kraftwerk Defekte Betriebsstart Typ
Krümmel 82 1984 Siedewasserreaktor
Brunsbüttel 80 1977 Siedewasserreaktor
Biblis B 78 1976 Druckwasserreaktor
Biblis A 66 1974 Druckwasserreaktor
Unterweser 49 1978 Druckwasserreaktor
Brokdorf 48 1986 Druckwasserreaktor
Grohnde 47 1985 Druckwasserreaktor
Neckarwestheim I 47 1976 Druckwasserreaktor
Isar I 44 1979 Siedewasserreaktor
Grafenrheinfeld 41 1981 Druckwasserreaktor
Philippsburg I 39 1980 Siedewasserreaktor
Gundremmingen B 32 1984 Siedewasserreaktor
Philippsburg II 31 1984 Druckwasserreaktor
Gundremmingen C 26 1984 Siedewasserreaktor
Emsland 25 1988 Druckwasserreaktor
Neckarwestheim II 19 1988 Druckwasserreaktor
Isar II 20 1988 Druckwasserreaktor

Quelle: Bundesumweltministerium

chs/ap/afp



Forum - Atomenergie - soll die neue Regierung die Laufzeiten für Kernkraftwerke verlängern?
insgesamt 5947 Beiträge
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Seite 1
schlob 10.10.2009
1.
5. Der russ. Regierungschef Wladimir Putin hat grünes Licht für den Bau eines KKW in der Exklave Kalinin-grad (früher Königsberg) zwischen Polen und Litauen gegeben. Die staatliche Atomholding Rosatom wolle für das Projekt (Baukosten 5 Mrd. €) einen westlichen Investor gewinnen. Dabei wird auch die Lieferung von russ. Atom-strom nach Deutschland geprüft über ein Kabel mit einer Transportleistung von 600 bis 1000 MW. Das Kabel soll entlang der „Gerhard Schröder-Erdgaspipeline“ verlegt werden.(dpa 28.0.09, Welt, Heilbr.Stimme 30.9.09).
sitiwati 10.10.2009
2. langsam sollte
es sicg doch auch beim SPIEGEL durchgesprochen haben, dass es keine ATOMEnergie gibt, bei dem geschlossenen Teil habt ihrs doch begriffen !
Hartmut Dresia, 10.10.2009
3.
Zitat von sysopMit der anstehenden Regierungsbildung aus den Unionsparteien und der FDP wird auch die Energiepolitik neu bewertet. Sollen angesichts der Energieprobleme die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert werden?
Angesichts des Wahlergebnisses hätte die Koalition für eine Laufzeitverlängerung eine demokratische Mehrheit, denn 95 Prozent der Deutschen würden die gleiche Partei wählen (http://www.plantor.de/2009/95-prozent-der-deutschen-wuerden-die-gleiche-partei-waehlen/). Allerdings kann Kernenergie nicht isoliert betrachtet werden. Die Koalition muss zusammenhängend, inklusive Kohle, neue Energien und Import fossiler Energieträger, eine schlüssige Energiepolitik entwickeln.
rkinfo 10.10.2009
4.
Zitat von schlob5. Der russ. Regierungschef Wladimir Putin hat grünes Licht für den Bau eines KKW in der Exklave Kalinin-grad (früher Königsberg) zwischen Polen und Litauen gegeben. Die staatliche Atomholding Rosatom wolle für das Projekt (Baukosten 5 Mrd. €) einen westlichen Investor gewinnen. Dabei wird auch die Lieferung von russ. Atom-strom nach Deutschland geprüft über ein Kabel mit einer Transportleistung von 600 bis 1000 MW. Das Kabel soll entlang der „Gerhard Schröder-Erdgaspipeline“ verlegt werden.(dpa 28.0.09, Welt, Heilbr.Stimme 30.9.09).
Ein AKW löst noch lange nicht die Energieversorgung von 'D'. Wobei die 600-1000 MW durchaus auch Überschußstrom des Sommerhalbjahres und nachts betrachtet werden können. Da laden wir dann unsere E-Autos während im Winterhalbjahr das die regionalen BHKWs übernehmen können. Obiger Plan paßt also in sonstige Überlegungen. Als 'Grundlastversorgung' kann man aber die Idee kaum bezeichnen den auch Kaliningrad wird zukünftig viel Strom benötigt werden.
xandi 10.10.2009
5. Absolut dafür...
Man sollte an der Kernenergie festhalten, bis sie uns um die Ohren fliegt, Krebskranke Kinder sind nur ein geringer Preis für so eine saubere Energieform!
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