Militärtechnologie Passivradar raubt Stealth-Jets die Tarnkappe

Stealth-Kampfjets sind für die Luftraumüberwachung praktisch unsichtbar - doch damit dürfte es bald vorbei sein. Passivradar ist nach vielen Jahren der Entwicklung offenbar so ausgereift, dass es Tarnkappenflugzeuge entdecken kann. Damit steht eine 20 Jahre dauernde Ära vor dem Ende.

Von

REUTERS

Es sind nur zwei kleine bunte Punkte, die auf dem Bildschirm miteinander tanzen und dabei Spuren hinter sich herziehen. Die gelbe Linie stammt von einem GPS-Sender an Bord eines Ultraleichtflugzeugs. Die rote zeigt die Ortung der winzigen Maschine per Passivradar - und beide liegen nahezu perfekt übereinander.

Das Video, das SPIEGEL ONLINE jetzt bei der Berliner Luftfahrtschau ILA gesehen hat, zeigt etwas, das noch vor wenigen Jahren als unmöglich galt: Ein Radar, das Objekte in weitem Umkreis präzise orten kann, ohne einen eigenen Suchstrahl in die Luft zu schicken. Es nutzt stattdessen die Echos von Radio-, TV- und Mobilfunksendern. Das Passivradar ist im Prinzip seit den ersten Tagen der Funkortung bekannt. Jetzt aber ist es offenbar so weit entwickelt, dass es selbst modernen Stealth-Kampfflugzeugen die Tarnkappe entreißen kann. Die Luftkriegsführung, glauben Experten, steht damit vor einem Paradigmenwechsel.

Der Film mit den kleinen bunten Punkten stammt aus einem gewöhnlichen Lieferwagen. Cassidian, die Militärsparte des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, hat darin ein komplettes Passivradar inklusive ausfahrbarer Antenne untergebracht. Das System soll nach Angaben des Unternehmens 2015 marktreif sein; ein Demonstrationsgerät wurde bereits an das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung geliefert.

Kein verräterischer Suchstrahl

Eine konventionelle Radarstation sendet einen starken Suchstrahl aus, der etwa von Schiffen oder Flugzeugen reflektiert wird. Aus dem Echo berechnet sie Position, Kurs und Geschwindigkeit des Zielobjekts. Das Passivradar benötigt keinen eigenen Suchstrahl. Es nutzt den Wellensalat, mit dem Rundfunksender und Mobilfunkanlagen die Atmosphäre überfluten. Flugzeuge, Schiffe, Autos, einzelne Personen: Praktisch jedes Objekt bewegt sich durch die Wellensuppe wie ein Fisch durchs Wasser - und wirft zwangsläufig messbare Echos zurück.

Fotostrecke

12  Bilder
Passivradar: Das Ende der Unsichtbarkeit
Schon lange versuchen Ingenieure, diesen Effekt für ein Ortungssystem zu nutzen. Allerdings galt es lange Zeit als unmöglich, aus den Signalen Tausender Sender und Myriaden von Reflexionen die richtigen Signale herauszufiltern. Erst jetzt ist die dafür notwendige gigantische Rechenkraft zu erschwinglichen Preisen verfügbar. "Auch die hochkomplexen Algorithmen für Echtzeitanwendungen existieren erst seit kurzer Zeit", sagt Cassidian-Radarexperte Frank Bernhardt. Sie erlauben dem Cassidian-System, nicht nur mit einem, sondern gleich auf drei Frequenzbändern gleichzeitig zu arbeiten: mit analogem UKW-Funk sowie den Signalen des Digitalradios DAB und des terrestrischen Digitalfernsehens DVB-T.

Auf diese Weise könne man selbst ein so kleines Objekt wie ein Ultraleichtflugzeug bis auf zehn Meter genau orten. "Im Nahbereich können wir sogar Modellflugzeuge erfassen", sagt Bernhardt. Je nachdem, welche Sender sich in der Gegend befinden, könnten bis zu 500 Ziele auf eine Distanz von bis zu 200 Kilometern geortet werden. Ihre Bewegungen werden auf dem Bildschirm nahezu in Echtzeit dargestellt. Denn anders als bei einem klassischen Radar, dessen Peilstrahl etwa vier Sekunden für eine volle 360-Grad-Runde braucht, aktualisiert sich das Passivradar-Bild zweimal pro Sekunde.

Stealth-Technologie bietet keinen Schutz mehr

Vor allem aber könnten sich Stealth-Flugzeuge vor solchen Systemen nicht mehr verstecken. Für konventionelles Radar sind sie nahezu unsichtbar: Durch ihre besondere Form, ihre beinahe nahtlose Hülle und ihre spezielle Lackierung schlucken und zerstreuen sie den Suchstrahl, anstatt ein brauchbares Echo zurückzuwerfen. Das Passivradar aber nutzt Signale, die aus allen möglichen Richtungen kommen. Die Geometrie der Stealth-Flieger bietet deshalb keinen Schutz mehr.

Das gleiche gilt für die spezielle radarabsorbierende Beschichtung von Stealth-Flugzeugen. "Sie ist auf die hohen Frequenzen aktiver Anlagen ausgerichtet", erklärt Cassidian-Fachmann Bernhardt. Passivradar aber nutze die wesentlich niedrigeren Frequenzen von Radio- und TV-Signalen. "Damit können wir auch diesen Vorteil der Stealth-Technik unterlaufen", so Bernhardt.

Auch Störsender an Bord eines Flugzeugs, sogenannte Jammer, dürften kaum Abhilfe schaffen. "Dazu müsste man viele Frequenzen zugleich stören und den Standort des Passivradars kennen." Das aber sei praktisch unmöglich, da der Empfänger kein verräterisches Signal von sich gebe. Noch weniger denkbar erscheint es, alle Sender durch Bombardements auszuschalten: Ihre Zahl kann in die Hunderte gehen, und sie stehen meist in bewohntem Gebiet.

Globaler Wettlauf der Rüstungsunternehmen

Cassidian ist bei weitem nicht das einzige Unternehmen, das an derartigen Systemen arbeitet. Der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin etwa demonstrierte schon 2002, dass sein Passivradar "Silent Sentry" ("Stiller Wächter") den gesamten Luftverkehr über Washington anhand der Echos von Rundfunksignalen erfassen kann. Auch die britische Firma Roke Manor und der französische Thales-Konzern arbeiten an ähnlichen Systemen. Das Gleiche gilt für Firmen in Schweden, Russland und China. Peking etwa hat schon 2004 ein tschechisches Passivradar gekauft.

Experten glauben deshalb, dass eine Ära der Luftkriegsführung vor ihrem Ende steht: die totale Luftüberlegenheit der USA durch den Vorsprung bei der Stealth-Technologie.

Sie begann mit dem zweiten Golfkrieg, den Tarnkappenbomber des Typs F-117 "Nighthawk" im Januar 1991 mit Angriffen auf Bagdad eröffneten. Während der Operation "Desert Storm" flogen F-117 fast 1300 Missionen, darunter Angriffe gegen die am stärksten verteidigten Stellungen des Irak. Die irakische Luftverteidigung schoss im gesamten Krieg 32 amerikanische Flugzeuge ab, darunter keine einzige F-117. Das ist umso bemerkenswerter angesichts der Tatsache, dass der 2008 außer Dienst gestellte "Nighthawk" ohne Begleitjäger und ohne Waffen zur Selbstverteidigung auskommen musste. Sein einziger Schutz war seine Unsichtbarkeit.

Abschied von der amerikanischen Lufthoheit?

Spätestens seit 1991 ist die Stealth-Technologie der Dreh- und Angelpunkt der US-Luftkriegsstrategie. Entsprechend dramatisch drohen nun die Folgen der Verbreitung der Passivradar-Technologie auszufallen. Die USA könnten in Zukunft "unfähig sein, Lufthoheit zu akzeptablen Kosten zu erringen", warnte Marinekorps-Oberstleutnant Arend Westra bereits 2009 im "Joint Force Quarterly", der Zeitschrift der National Defense University in Washington. Die Fortschritte in der Passivradar-Technologie "werden traditionelle Mittel zur Zerstörung der feindlichen Luftabwehr nutzlos machen".

Denn das Passivradar bedroht nicht nur Tarnkappenbomber, sondern auch gewöhnliche Jagdbomber und Jagdflugzeuge. Deren bester Schutz vor Luftabwehrraketen sind bisher die eigenen Waffen: Sobald eine Abwehrbatterie ihr Suchradar einschaltet, können die Piloten spezielle Raketen abfeuern, die auf dem Ortungsstrahl ins Ziel finden. Gibt es ihn nicht mehr, wissen die Piloten nicht, wo die Abwehrstellung steht - sie können nicht einmal mehr ahnen, dass sie überhaupt ins Visier genommen werden.

Gegen einen mit Passivradar ausgestatteten Gegner werde die gewohnte Lufthoheit deshalb nur schwer zu erringen sein, glaubt Westra. In ein fremdes Land einzurücken, etwa mit einer Landung am Strand, "wird eine entsprechend größere Herausforderung sein".

Zwar werden die Luftstreitkräfte der Welt wegen des Passivradars nicht aufhören, Stealth-Flugzeuge zu entwickeln. Westra aber vermutet, dass daraus in Zukunft die altbekannte Form des technologischen Wettrüstens wird: Mal hat eine Seite einen kleinen Vorsprung, mal die andere. Eine Revolution, die den USA erneut eine zwei Jahrzehnte dauernde Überlegenheit verschafft, werde es dagegen kaum wieder geben.

Deshalb sei Washington gut beraten, einen Teil der gigantischen Mittel, die derzeit in die Entwicklung und Herstellung neuer Stealth-Kampfflugzeuge fließen, in die Erforschung des Passivradars zu stecken. Und das nicht nur, um besser zu verstehen, welche Fähigkeiten ein potentieller Feind der Zukunft haben wird - sondern auch zum eigenen Schutz. Denn die nächste Generation russischer und chinesischer Kampfjets wird in Sachen Stealth den US-Modellen vermutlich ebenbürtig sein. Ein eigenes Passivradar wäre da hilfreich. Westras trockener Ratschlag: "Bereiten wir uns auf militärische Operationen ohne Luftüberlegenheit vor."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 97 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
e-cdg 14.09.2012
1. nun ja
Zitat von sysopREUTERSStealth-Kampfjets sind für die Luftraum-Überwachung praktisch unsichtbar - doch damit dürfte es bald vorbei sein. Passivradar ist nach vielen Jahren der Entwicklung offenbar so ausgereift, dass es Tarnkappen-Flugzeuge entdecken kann. Damit steht eine 20 Jahre dauernde Ära vor dem Ende. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,855711,00.html
Passiv-sein beendete nach 16 Jahren die Ära des Oggersheimer Kämpfers Helmut Kohl, und nun trifft es die Stealth-Kampfjets. Wen trifft es als nächsten ? Schau'n mer mal !
newsfreak 14.09.2012
2. Rom,
musste auch irgendwann fallen! Aber ich bin mir sicher, die Interessen "der freien Welt" werden in Zukunft trotzdem noch von der U.S.A durch gesetzt werden, mit Jungs die vom Bauernhof oder dem Ghetto kommen und absolut keine Ahnung haben was Sie machen, zumindest am Anfang nicht. Ich frage mich, wenn die CIA in Lybien gefoltert hatte, und das Wohlwollen des Diktators genossen hat, warum auch nicht im Jemen, erst Recht in Ägypten und Lybien! Hillary Clinton meinte die Umbrüche haben nichts mit "Ihrer Regierung" zu tun, aber vielleicht mit der Obamas? Oder ist die CIA mittlerweile völlig von den Leinen losgelassen worden?
frubi 14.09.2012
3. .
Zitat von sysopREUTERSStealth-Kampfjets sind für die Luftraum-Überwachung praktisch unsichtbar - doch damit dürfte es bald vorbei sein. Passivradar ist nach vielen Jahren der Entwicklung offenbar so ausgereift, dass es Tarnkappen-Flugzeuge entdecken kann. Damit steht eine 20 Jahre dauernde Ära vor dem Ende. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,855711,00.html
Mir fallen dazu nur eines ein: endlich!!
Crom 14.09.2012
4.
Stellt sich halt die Frage, wer über das Passivradar verfügen kann.
MartinB. 14.09.2012
5. Was heißt eigentlich...
Was heißt eigentlich "zwei Jahrzehnte"? Die USA haben doch seit 1942 (Indienststellung der P-51 Mustang) keine Operation mehr ohne Luftüberlegenheit durchgeführt... bei mir sind das sieben, nicht zwei Jahrzehnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.