Pentagon-Strategiepapier US-Militär bastelt an denkenden Drohnen

Das amerikanische Militär will die Rolle von Drohnen ausweiten. Einem Pentagon-Strategiepapier zufolge sollen weitere Modelle bewaffnet werden, darunter unbemannte Hubschrauber. In Zukunft sollen die Maschinen sogar selbst entscheiden, ob sie schießen.

Von

Northrop Grumman Corporation

Die Drohnen-Offensive der USA hat ihren Höhepunkt vorerst überschritten: Mit dem Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan ist auch die Zahl der Kampfeinsätze unbemannter Flugzeuge deutlich gesunken. Doch ein neues Strategiepapier des Pentagon zeigt, dass die USA den militärischen Einsatz von Drohnen zu Lande, zu Wasser und in der Luft deutlich ausweiten wollen.

Die Unmanned Integrated Systems Roadmap für den Zeitraum von 2013 bis 2038 zeigt, dass das US-Verteidigungsministerium unbemannte Systeme in Zukunft in einer zentralen Rolle sieht. Bisher werden Drohnen vor allem als taktische Flugsysteme eingesetzt, die in Kriegsgebieten feindliche Kräfte überwachen und angreifen können. In Zukunft aber will das Pentagon unbemannte Systeme "für alle Arten von Eventualitäten" einsetzen. Aufklärung, Terrorbekämpfung, die Bekämpfung von Massenvernichtungswaffen und Einsätze in umstrittenen Gebieten.

Bemerkenswert ist, mit welchen Mitteln das Pentagon diese Ziele erreichen will. Kurzfristig sollen weitere, bereits vorhandene Drohnenmodelle mit Waffen ausgerüstet werden, etwa unbemannte Hubschrauber. Mittelfristig sollen deshalb kleinere und präzisere Waffen speziell für Drohnen entwickelt werden. Langfristig will das US-Militär unbemannten Systemen auch Autonomie verleihen - also die Fähigkeit, eigenständige Entscheidungen ohne menschliches Zutun zu treffen. Darunter fällt ausdrücklich auch der Einsatz von Waffen.

Ausgaben für Drohnen steigen

Obwohl der US-Verteidigungshaushalt in den kommenden zehn Jahren um fast 500 Milliarden Dollar schrumpfen soll, steigen die Ausgaben für unbemannte Systeme. Bis 2018 will das Pentagon 24 Milliarden Dollar investieren, das jährliche Volumen steigt von 2014 bis 2018 von 4,1 auf 4,9 Milliarden.

Schon kurzfristig dürften neue Kampfdrohnen am Himmel auftauchen. Bisher verfügt das US-Militär in dieser Klasse vor allem über die "Predator"- und "Reaper"-Modelle. Die sind allerdings standardmäßig mit "Hellfire"-Raketen und Freifallbomben bestückt - Waffen, die einst entwickelt wurden, um Panzer, Bunker oder Flugplätze zu bekämpfen. Was passieren kann, wenn Waffen mit derartiger Zerstörungskraft im Kampf gegen Aufständische eingesetzt werden, haben die Erfahrungen in Afghanistan gezeigt, wo zahlreiche Zivilisten bei Drohnen-Angriffen umkamen.

Schon seit einiger Zeit geht der Trend deshalb zu immer kleineren und präziseren Waffen. Ein Ziel ist, die Zahl der getöteten Unbeteiligten zu senken - in der Pentagon-Roadmap ist von "akzeptablen Kollateralschäden" die Rede. Zudem können durch kleinere Waffen auch die Drohnen selbst kleiner und unauffälliger werden. Der 168 Seiten starke Bericht enthält dafür diverse Beispiele.

Alte Rakete wird aufgemotzt

So wird die ungelenkte "Hydra 70"-Rakete, deren Entwicklungsgeschichte bis in den Zweiten Weltkrieg zurückreicht, wohl eine neue Karriere an Bord von Drohnen machen. Bereits 2005 wurden bei einem Test vier "Hydras" von einer "Vigilante"-Helikopterdrohne abgefeuert. "Das hat das Bewaffnungspotential von Rotor-Drohnen bewiesen", schwärmen die Autoren des Berichts. Das Pentagon hat zudem bereits begonnen, unbemannte "Fire Scout"-Hubschrauber mit aufgemotzten "Hydras" zu bestücken. Dazu werden die rund sechs Kilo schweren Luft-Boden-Raketen mit Lasersuchern und Leitsystemen ausgestattet. Das Ganze heißt dann "Advanced Precision Kill Weapon System II".

Die unheimliche Entwicklung zum fliegenden Mini-Killer ist damit längst nicht am Ende. Wie es in dem Pentagon-Bericht heißt, wurde die nur zweieinhalb Kilo schwere "Spike"-Rakete an der "Sentry HP"-Drohne getestet. Die wirkt mit einer Spannweite von weniger als vier Metern und einem Leergewicht von 82 Kilogramm geradezu winzig im Vergleich zu einer "Predator" oder "Reaper".

Noch kleiner werden tödliche Drohnen, wenn sie keine Waffen verschießen, sondern selbst welche sind. So erwähnt der Pentagon-Report die "Switchblade"-Minidrohne, die sich im Kamikaze-Stil auf den Gegner stürzt und ihn in die Luft sprengt. Ein weiteres Gerät dieser Art, über dessen Beschaffung nachgedacht werde, sei das Low-Cost Autonomous Attack System (Locaas). Dabei, heißt es in dem Pentagon-Bericht, handele es sich um kleine, billige Waffen, die sich längere Zeit in einem Gebiet befinden und "als Schwarm von intelligenter Munition autonom mobile Ziele finden und zerstören können".

Brisante Debatte um Autonomie

Der Begriff "autonom" ist im Zusammenhang mit Kampfdrohnen brisant: Er weckt oft die Horrorvorstellung von Killermaschinen, die ohne menschliche Kontrolle töten. Das ist offenbar auch den Autoren des Pentagon-Berichts bewusst. Sie betonen, dass "Autonomie" oft mit Automatik verwechselt wird. So könnten die heutigen ferngesteuerten Drohnen in Ausnahmesituationen - etwa wenn die Funkverbindung zur Bodenstation verlorengeht - zwar in den automatischen Betrieb wechseln. Autonomie aber bedeute, dass die Maschine im Rahmen ihrer Programmierung eigene Entscheidungen trifft, ohne dass der Mensch noch eingreifen muss.

Doch genau das plant das Pentagon für die Zukunft. "Die Autonomie unbemannter Systemen wird in zukünftigen Konflikten, die mit Technologie gekämpft und gewonnen werden, von entscheidender Bedeutung sein", heißt es in dem Bericht. Autonome Systeme könnten in unberechenbaren Situationen schnell reagieren, indem sie eigene Entscheidungen träfen.

Damit meinen die Pentagon-Autoren ausdrücklich auch den Einsatz von Waffen. Für die entsprechenden Bedingungen verweisen sie auf eine Direktive vom November 2012. Darin heißt es, dass "autonome Waffensysteme zur Auswahl und zum Angriff auf Ziele" verwendet werden können. Die Ausname: Die Maschinen dürften keine Menschen ins Visier nehmen.

Die Unterscheidung aber könnte im Ernstfall schwerfallen. Woher etwa soll eine Drohne wissen, ob ein Panzer oder ein Gebäude verlassen sind? Dass selbst Menschen in derartigen Situationen oft überfordert sind, belegt die Geschichte tragischer Fehlentscheidungen bei Drohnenangriffen.

Im Pentagon scheint man trotzdem zu glauben, dass die Einführung autonomer unbemannter Waffensysteme nur noch eine Frage der Zeit ist. "Generell entwickelt sich die Forschung weg von automatischen Systemen, die menschlicher Kontrolle bedürfen, hin zu autonomen Systemen, die ohne menschlichen Einfluss entscheiden und reagieren", heißt es in dem Bericht. Solche Programme gebe es auch in der US-Luftwaffe, der Armee, der Marine und bei der Pentagon-Forschungsabteilung Darpa. Autonome Systeme, schreiben die Autoren des Berichts, werden eines Tages "allgegenwärtig" sein.

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insgesamt 370 Beiträge
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Seite 1
meinstemich 03.01.2014
1. schon mal. ..
.. was von SkyNet gehört?
neo91 03.01.2014
2. Die Schlagzeilen
sehe ich schon vor mir: "Außer Kontrolle geratene Drohne fliegt Amok"
DaWE 03.01.2014
3. Wer
hätte vor 20 Jahren gedacht das sämtliche Science Fiktion Filme unsere Zukunft voraus gesagt haben. Irgendwie beängstigend!
veremont 03.01.2014
4. Logische Entwicklung
Zitat von meinstemich.. was von SkyNet gehört?
Ha wusste ichs doch, dass ich nicht der einzige bin, der spontan an Skynet gedacht hat. ;) Ich finde diese Entwicklung dennoch konsequent. Warum wertvolle Menschenleben im Krieg riskieren oder die geistige Gesundheit von Soldaten aufs Spiel setzen? Schicken sie doch lieber Roboter in den Kampf. Diese Entwicklung ist eine logische Entwicklung.
Peter Werner 03.01.2014
5.
Toll. Vollautomatisierte Mordmaschinen. Welch ein Fortschritt für die Menschheit. Aufs Knöpfchen drücken, ins Zielgebiet fliegen lassen, die Hände in den Schoß legen, bei Rückkehr dann die Leichen zählen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie krank ein Mensch sein muss, um bei der Entwicklung eines solchen Dingens mitzuwirken.
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