Abfallquoten Deutsches Recyclingsystem versagt beim Plastikmüll

Die Deutschen gelten als Weltmeister der Wiederverwertung. Tatsächlich tragen wir eine erhebliche Mitschuld daran, dass die Welt am Plastikmüll erstickt - weil viel weniger Plastik recycelt wird, als wir denken.

Plastikflasche (Symbolbild, bearbeitet)
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Plastikflasche (Symbolbild, bearbeitet)


Kaum ein Volk trennt seinen Müll so emsig wie die Deutschen. Geht es um das Sammeln und Erfassen von Haushaltsabfällen, belegt Deutschland in fast jeder Statistik Spitzenplätze.

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Heft 4/2019
Von wegen Vorreiter: Deutschlands Recycling-System ist Müll

Das Mülltrennen hat uns der einstige Umweltminister Klaus Töpfer nach der Wende beigebracht. Das Verpackungsgesetz zwingt Unternehmen, ihre Verpackungen mithilfe des Dualen Systems über die gelben Tonnen wieder einzusammeln.

Hennig Wilts hält das deutsche Recyclingsystem dennoch für gescheitert. Wilts ist Abfallexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie und dort für den Bereich Kreislaufwirtschaft zuständig. Das Versagen zeige sich nirgendwo klarer als beim Plastik. In der ersten Stufe des langen Recyclingprozesses, dem Sammeln, seien die Deutschen noch sehr gut, sagt Wilts. "Danach tun sich Abgründe auf." Das berichtet der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe.

Die Bundesregierung geht aktuell davon aus, dass die Quote recycelten Plastiks bei 39 Prozent liegt. Das hält Wilts für eine "Fiktion". Bereits vor einigen Monaten kritisierten die Grünen die Berechnungsgrundlage und sprachen von "Schummelquoten". Rechne man nicht verwertbare Verbundmaterialien und Exporte heraus, käme man auf gerade mal 17,3 Prozent.

Ein weltweites Müll-Trackingsystem könnte helfen

Laut Wilts scheint auch diese Zahl noch zu hoch gegriffen. Der Experte macht eine andere Rechnung auf: Von den gut 14 Millionen Tonnen neuen Kunststoffs, die 2017 in Deutschland verarbeitet wurden, flossen am Ende nur 0,8 Millionen Tonnen tatsächlich wieder in den Kreislauf zurück. Der große Rest wurde in Kraftwerken verbrannt, exportiert, oder wanderte als Ersatzbrennstoff in die Zementindustrie. Und im ersten Halbjahr 2018 exportierten die Deutschen allein 84.000 Tonnen Kunststoffreste nach Malaysia.

Setzt man die Ausgangsmenge von gut 14 Millionen Tonnen ins Verhältnis zu den 800.000 Tonnen Gebrauchtmaterial, die wieder in die Plastikproduktion fließen, kommt man auf eine harte Recyclingquote von nur 5,6 Prozent.

Als Konsequenz fordert Wilts, den Einsatz von recyceltem Material bei der Plastikherstellung zu "erzwingen". Entweder durch steuerliche Begünstigungen für Unternehmen oder gesetzlich festgelegte Mindestquoten für den Einsatz von vorher recycelten Stoffen in neuen Produkten. Gleichzeitig müsse die Subventionierung der Plastikherstellung beendet werden: Absurderweise ist Rohöl steuerfrei, wenn es zu Plastik verarbeitet wird.

Unternehmen müssten zudem für die Verschmutzung der Umwelt verantwortlich gemacht werden können. "Für eine leere Flasche am Strand von Myanmar muss ich denen eine Rechnung schicken können", sagt Wilts. Eine Hersteller-Zuordnung sei technisch bereits möglich. Dafür werden etwa Fluoreszenzcodes genutzt, die im Plastikmaterial integriert sind und von Scannern ausgelesen werden können.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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insgesamt 265 Beiträge
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Seite 1
birdseedmusic 18.01.2019
1. falsch!
Plastikmüll ist wertvoller Brennstoff und ersetzt fossile Rohstoffe wie Öl und Gas. Recycling ist dagegen energieaufwendig und teuer. Würde man die Mülltrennung konsequent daran ausrichten, könnte man sich den ganzen Wahnsinn darum sparen.
starsnake 18.01.2019
2. nicht "wir"
Ich sammle meinen Plastikmüll so gut es geht. Also sind nicht "wir" Schuld, sondern diejenigen, die nicht in der Lage sind, Duroplaste gescheit zu recyclen. Hier von "wir" zu sprechen, ist vollkommen verfehlt. Wie so oft sonst auch.
floydpink 18.01.2019
3.
"Tatsächlich tragen wir eine erhebliche Mitschuld daran, dass die Welt am Plastikmüll erstickt" Tun wir nicht! DER DEUTSCHE kann nämlich nichts dafür, dass Konzerne z.B. 5 Scheiben Käse in so Quadratmeterverpackungen verkaufen. Die Verursacher müssten eine hohe Verpackungssteuer berappen müssen. Sonst ändert sich gar nix...
Sleeper_in_Metropolis 18.01.2019
4.
Zitat : "Hennig Wilts hält das deutsche Recyclingsystem dennoch für gescheitert. Wilts ist Abfallexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie und dort für den Bereich Kreislaufwirtschaft zuständig." Das halte ich für eine ziemlich gewagte Behauptung. Selbst wenn beim Kunststoffrecycling noch deutlich Luft nach oben ist, so dürfte das deutsche Recyclingsystem insgesamt sehr gut aufgestellt sein. Papier&Pappe, Glas, Metall - überall erreicht man sehr gute Quoten. Aber vielleicht kann Herr Wilst ja mal das ein oder andere Land als gutes Beispiel benennen, wo es deutlich besser läuft als in D ? Zitat : "Unternehmen müssten zudem für die Verschmutzung der Umwelt verantwortlich gemacht werden können. "Für eine leere Flasche am Strand von Myanmar muss ich denen eine Rechnung schicken können", sagt Wilts." Und warum ? Wenn die Menschen in (in diesem Beispiel) Myanmar ihren Müll nicht vernünftig entsorgen, ist das doch nicht das Problem des (möglicherweise deutschen) Herstellers. Oder ist die Flasche in D in's Wasser geworfen und in Myanmar an Land gespült worden ? Wohl kaum. Auch wenn es bei vielen immer noch nicht angekommen ist : Die Problemverursacher von Kunststoffmüll in den Meeren sind nicht die Hersteller in den westlichen Ländern, sondern die Mentalitäten der Menschen sowie unzureichendes Bewußtsein für Müllsammlung in vielen Entwicklungsländern. In Slums in Afrika und Asien Beispielsweise stapelt sich der mit Kunststoffmüll durchsetzte Dreck meterhoch, und gelangt von da in's Meer - zum einen, weil jeder seinen Müll einfach da fallen lässt, wo er gerade geht und steht, zum anderen, weil die Menschen dort meist andere Sorgen haben.
senapis 18.01.2019
5. Fehlkonstruktion
Die gesetzliche Grundlage zur Mülltrennung/ Vermeidung und Pfand-/Recyclingsysteme ist (nett gesagt) schlampig konstruiert. Warum kann ich die leere Apfelschorleflasche im Leergutautomaten los werden, aber nicht die leere Orangensaftflasche? Und wieso gibt es keine Automaten, die mir eine mitgebrachte Leer-Flasche mit z.B. Apfelsaft befüllen. Als Kind bin ich auch mit der Milchkanne beim Milchmann aufgetaucht und habe diese dort befüllen lassen. Die Hygiene ist dann eben das Nutzerproblem.
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