Radioaktive Trümmer Tepco räumt Atomschrott weg

Am Krisen-AKW Fukushima I gehen die Aufräumarbeiten mit Hochdruck weiter: Jetzt hat Tepco damit begonnen, die radioaktiven Trümmer zu entsorgen. Kopfzerbrechen bereiten aber vor allem die Abklingbecken von Reaktor 4. Dort liegen Dutzende Tonnen abgebrannter Brennstäbe - fast frei.

REUTERS/ TEPCO

Von Cinthia Briseño


Tokio - Die Atom-Ruine Fukushima I ist eine einzige Baustelle, die To-do-Liste der Tepco-Männer lang. Ein Ziel haben die Arbeiter, es ist schnell formuliert: Es muss ihnen gelingen, den Austritt von radioaktiven Substanzen ein für allemal zu stoppen. Allein, der Weg dorthin ist voller Stolperfallen. Täglich vermeldet der Betreiber Tepco auf einer Pressekonferenz seine Fortschritte. Doch auf dem Gelände geht es nur langsam vorwärts, die Arbeiter stehen vor enormen logistischen Herausforderungen.

Eine davon ist der Umgang mit dem radioaktiven Müll. Kurz nachdem die Erde am 11. März bebte, setzte die Stromversorgung im AKW aus. In der Folge ereigneten sich insgesamt drei gewaltige Wasserstoffexplosionen in den Reaktoren 1, 3 und 4. Tonnen an Trümmern der Reaktorgebäude wurden in die Luft katapultiert und landeten auf dem Gelände verteilt wieder auf dem Boden - kontaminiert mit radioaktiven Partikeln. Jetzt haben die Tepco-Arbeiter damit begonnen, die radioaktiven Trümmer vom Kraftwerksgelände zu entfernen. Von einer kleinen Baracke aus, die als Kontrollzentrum dient, steuern die Männer seit Mittwochnacht schweres Raumgerät aus der Ferne und sammeln den Schrott ein. In Sicherheitsbehältern soll der Müll später in Entsorgungslager transportiert werden.

Die zwei größten Sorgen des Betreibers aber sind andere:

  • Reaktor 2: Zwar ist das Reaktorgebäude nur leicht beschädigt, weil sich dort keine Wasserstoffexplosion ereignet hatte. Doch die größte Gefahr, die von dem Reaktor ausgeht, ist der Zustand des Sicherheitsbehälters, jene Schutzhülle, die die Brennelemente umschließt und verhindert, dass das teils geschmolzene radioaktive Material nach außen tritt. Das Problem: Offenbar ist der Sicherheitsbehälter beschädigt, denn in einem Tunnelschacht hat sich hochradioaktives Wasser gesammelt. Es ist das Wasser, das Tepco von oben in die Reaktorblöcke hineinschüttet, um die Brennstäbe kühl zu halten. Ausgerechnet dort, wo sich das Wasser am meisten sammelt, in den Turbinenhallen, verhindert es die Wiederinbetriebnahme der Kühlsysteme. Nur wenn diese funktionieren, kann es gelingen, die erhitzten Brennelemente zu stabilisieren. Insgesamt sollen sich 700 Tonnen dieser hochradioaktiven und gefährlichen Brühe im Tunnelschacht angesammelt haben. Sie muss abgepumpt und entsorgt werden.
  • Reaktor 4: Eine gewaltige Wasserstoffexplosion zerstörte das Reaktorgebäude in großen Teilen und pustete das Dach weg. Zwar war Reaktor 4 zum Zeitpunkt des Unglücks nicht in Betrieb - im Reaktorkern befanden sich keine Brennelemente. Dennoch gehört Reaktor 4 ebenfalls zu den Sorgenfällen: In den mit Stahl ausgekleideten Abklingbecken aus Beton liegen insgesamt 1331 verbrauchte Brennelemente - die eine große Gefahr sind. Alte Brennstäbe erzeugen noch lange Wärme. Deshalb müssen sie mehrere Jahre in den Becken liegen, bis sie so weit abgekühlt sind, dass sie transportiert und in Endlagerstätten gebracht werden können. Setzt die Kühlung aus, ist eine Art Mini-Kernschmelze möglich. In Reaktor 4 liegen die Brennstäbe aber quasi frei - es gibt keine Sicherheitsbehälter, die das radioaktive Material im Fall einer Kernschmelze vor der Umwelt abtrennen könnte.

Seit der Wasserstoffexplosion brüten Tepco-Techniker und Atomexperten über dem Problem "Abklingbecken". Jetzt versucht sich Tepco an einer endgültigen Lösung und hat damit begonnen, einen ersten Plan in die Tat umzusetzen. Am Dienstag haben Arbeiter erstmals eine Wasserprobe aus dem Abklingbecken entnommen. Keine triviale Aufgabe, denn das Wasser ist höchstwahrscheinlich stark radioaktiv kontaminiert. Um an das Becken in den oberen Etagen des Gebäudes zu gelangen, nutzen die Techniker einen 62 Meter langen Pumpenarm. Daran befestigten sie einen Spezialbehälter und fischten so die Probe aus dem frei liegenden Bassin.

Sie soll Aufschluss über den Zustand der 1331 Brennstäbe geben. "Erst wenn man weiß, wie hoch die Radioaktivität dort ist und wie es um die Brennelemente bestellt ist, wird man entscheiden können, ob man sie herausholen und sicher versiegeln kann", erklärt Horst May von der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Tepco wäre es zu wünschen, dass sich die Pläne umsetzen lassen. Denn im Falle, dass die Strahlenbelastung zu hoch ist, bliebe dem Betreiber nur eine Alternative: Dann müsste Tepco eine Wasserkühlung für die Abklingbecken einrichten, die über mehrere Jahre stabil läuft.

Ein zeitnaher Abtransport der Elemente wäre aber die sicherere Variante. Denn noch wird Japan immer wieder von teils heftigen Nachbeben erschüttert. Das Risiko für weitere Schäden in den Reaktoren ist hoch. Und: Ein Teil der Brennelemente wurde erst vor wenigen Monaten aus dem Reaktorkern in die Abklingbecken überführt. Diese sind längst nicht ausgekühlt und produzieren noch eine große Nachzerfallswärme.

In der Zwischenzeit hat der baden-württembergische Hersteller Putzmeister die letzte der fünf Riesenpumpen nach Fukushima geschickt. Am Dienstagabend startete in Stuttgart ein Flugzeug mit dem Spezialgerät an Bord. Mit den bis 70 Meter langen Armen kann flüssiger Beton oder Wasser auf die Meiler gespritzt werden. In Fukushima sorgen sie für die fortlaufende Kühlung der Reaktoren.

Und auch am Problemreaktor 2 gehen die Arbeiten gegen das nukleare Dauer-Desaster weiter: In der Nacht zum Mittwoch haben die Techniker damit begonnen, das hochradioaktive Wasser aus dem Tunnelschacht abzupumpen. Zunächst soll es in einen Verdampfungsbehälter geleitet werden. Was anschließend damit geschehen soll, ist derzeit noch unklar. Die verseuchten Wassermengen sind zu groß, das Volumen der zur Verfügung stehenden Auffangbecken zu klein. Ein riesiges Stahlfloß soll helfen.

Warten auf das Riesenfloß

Doch der schwimmende Stahltank, in dem 18.000 Tonnen Wasser Platz haben sollen, befindet sich erst auf dem Weg nach Fukushima und wird voraussichtlich erst in einigen Tagen vor dem AKW anlegen. Ob das Floß tatsächlich die ersehnte Lösung sein kann, ist ebenfalls nicht absehbar. Zu den 700 Tonnen hochradioaktiven Wassers müssen noch rund 60.000 Tonnen an schwach radioaktiver Brühe entsorgt werden. Etwa 10.000 Tonnen davon wurden bereits ins Meer geleitet. Diese Aktion hat die Nachbarländer China, Russland und Südkorea verärgert, die erst spät von der Maßnahme erfuhren. China wirft Japan sogar eine bewusste Täuschung über das Vorgehen vor.

Für Verwirrung sorgte am Mittwoch auch eine angebliche Aussage von Ministerpräsident Naoto Kan: 10 bis 20 Jahre lang, so soll er gesagt haben, werde die Evakuierungszone rund um die Atom-Ruine wahrscheinlich unbewohnbar bleiben. Aber sowohl Kan als auch der japanische Außenminister dementierten später wieder - Eine weitere Posse der japanischen Informationspolitik.

Längst sind nicht nur die Nachbarländer wütend - langsam geschieht das, was die Beobachter aus dem Ausland seit Beginn der Katastrophe vermissen: Zumindest den direkten Nachbarn der Atomanlage Fukushima I beginnt der Geduldsfaden zu reißen. Ihnen fehlt seit dem Unglück nicht nur ein eigenes Dach über dem Kopf. Sie haben auch ihre Arbeit verloren und müssen seit Wochen ohne geregeltes Einkommen auskommen.

"Ich kann nicht arbeiten, und das bedeutet, ich habe kein Geld", sagt der Automechaniker Shigeaki Konno. Er lebte elf Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi entfernt und musste wie Zehntausende weitere Anwohner wegen der Strahlung seine Heimat verlassen.

Viele sind es nicht, aber sie haben es immerhin in die Schlagzeilen geschafft: Rund 20 AKW-Anwohner machten am Mittwoch am Firmensitz von Tepco in Tokio ihrem Zorn Luft. Sie protestierten und forderten nachdringlich einen Ausgleich für ihren Verdienstausfall. Tepco-Präsident Masataka Shimizu versprach, mehr für die Evakuierten zu tun, die seit dem Reaktorunglück nicht mehr in ihre Häuser und an ihre Arbeitsplätze zurück konnten, und baldmöglichst Bargeld zu zahlen. Erst einmal hatten Demonstranten vor der Tepco-Zentrale in Tokio protestiert. Auch damals war es nur eine kleine Menge Aktivisten. Japan protestiert eher leise.

An die Versprechungen des Tepco-Chefs glaubt Konno aber nicht: "Das Gerede von Entschädigung ist nichts Konkretes. Wir brauchen sie schnell!", schimpfte er.

Mit Material von AFP und dpa

insgesamt 162 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dieMegamaschine, 13.04.2011
1. Schönfärberei
Radioaktive Trümmer kann man nicht "entsorgen". wer das behauptet, lügt.
geospatialist 13.04.2011
2. ??
Seit Bildmaterial von Arbeiten in unmittelbarer Umgebung der Reaktorblöcke veröffentlicht wird wundere ich mich sehr darüber dass sich die Arbeiter so unbedarft verhalten wie auf jeder beliebigen Baustelle: Einer arbeitet und drei schauen dabei zu.
uh17 13.04.2011
3. Entsorgung?
das sollte kein Problem werden, alleine in den Foren auf SPON haben sich in den letzten Wochen und Tagen dermassen viele Ignoranten als Immernoch-Atomkraftfans geoutet, von denen wird sicher jeder einen Castor mit dem Zeugs übernehmen und in seinem Keller bunkern. Vielleicht findet sich noch ein durchgeknallter Designer und verschönert die Dinger noch, dann sehen sie auch im Vorgarten der Atommanager hübsch aus. Das bißchen Müll, Pahhh!
Medienkritiker 13.04.2011
4. Ja,
Zitat von geospatialistSeit Bildmaterial von Arbeiten in unmittelbarer Umgebung der Reaktorblöcke veröffentlicht wird wundere ich mich sehr darüber dass sich die Arbeiter so unbedarft verhalten wie auf jeder beliebigen Baustelle: Einer arbeitet und drei schauen dabei zu.
sehr erstaunlich, Sie haben Recht! das sieht fast wie auf einer deutschen Baustelle aus...womöglich warten die drei erstmal ab, wie lange es dauert bis das Dosimeter des Dummen an der Front sich schwarz färbt?
gorge11, 13.04.2011
5. Und was das für Trümmer sind?
Zitat von dieMegamaschineRadioaktive Trümmer kann man nicht "entsorgen". wer das behauptet, lügt.
Ihr matereiller Wert, wie hoch ist der? wird das wieder eingemolzen? In Japan, ne ne, aufs Schif damit, ab nach Indien, Kinder zerlegen das dann. Danach transportier das Schif wieder Bananen. Und dann als Jeansblusenknopf wiederverwendedet. Glaubt Ihr nicht? Hat's alles schon gegeben. http://weser-ems.business-on.de/funde-von-radioaktiv-kontaminiertem-edelstahl-in-niedersachsen_id984.html
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.