Radioaktivität aus Fukushima EU wappnet sich gegen verseuchte Lebensmittel

Die radioaktiven Partikel aus dem Katastrophen-AKW Fukushima verbreiten sich: In Seoul hat man Spuren davon in Lebensmitteln gefunden. Europäische Häfen fürchten verstrahlte Handelsschiffe. Verbraucherschützer fordern gar einen Importstopp.

Japanischer Fischer mit Sardinen in der Stadt Oharai: Merkel-Regierung sieht keine Gefahr
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Japanischer Fischer mit Sardinen in der Stadt Oharai: Merkel-Regierung sieht keine Gefahr


Seoul/Tokio - Als die Reaktoren 1 und 3 des japanischen Kernkraftwerks Fukushima I explodierten, schleuderten sie Abermillionen von radioaktiven Partikeln in die Luft. Dann trieb der Wind die radioaktive Wolke hinaus. Zunächst aufs offene Meer, dann auch in Richtung Tokio. Inzwischen haben sich die Partikel verbreitet - in vielen Teilen der Welt haben Wissenschaftler Spuren davon messen können.

Irgendwann gelangen die Partikel auch wieder zurück in Richtung Erde und lagern sich ab, im Boden, auf den Feldern, auf frei wachsendes Obst und Gemüse. Und so verwundert es nicht, dass nun auch erste Spuren von Radioaktivität auf Nahrungsmitteln entdeckt werden: Südkoreanische Behörden haben sie in 14 von 244 getesteten Produkten gefunden. Geringe Mengen von radioaktivem Jod und Cäsium seien dort nachgewiesen worden, teilte die koreanische Nahrungs- und Arzneizulassungsbehörde (KFDA) in Seoul am Mittwoch mit.

Auch in Thailand hat man inzwischen leicht erhöhte Werte von Jod 131 bei einer Lieferung Süßkartoffeln gefunden. Nun hat das Gesundheitsministerium angekündigt, diese Lieferung zu vernichten. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn die Strahlenbelastung der Süßkartoffeln läge deutlich unter dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegten Grenzwert.

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AKW-Katastrophe in Fukushima: Kaskade der Hiobsbotschaften
Aus Angst vor solch radioaktiv kontaminierten Importen rüsten sich europäische Häfen nun gegen Schiffe mit verseuchter Fracht. Der Hamburger Hafen bereitet einen Notfallplan vor. Darüber verhandle die Hafenbehörde derzeit mit Zoll und Innenbehörde, sagte ein Sprecher der Internetausgabe der "Financial Times Deutschland".

Vermutlich werde der Zoll künftig Schiffe prüfen, die direkt aus Japan kommen oder nahe an Japan vorbeigekommen sind. "Wir haben aber den Vorteil, dass die Schiffe in der Regel zuerst einen anderen europäischen Hafen anlaufen", sagte der Sprecher. Am Mittwoch hatte der AKW-Betreiber Tepco einen neuen Rekordwert für die Strahlung im Meer vor Fukushima gemeldet.

In Europas größtem Hafen Rotterdam verlangt die Hafenbehörde inzwischen, dass Reedereien schriftlich dafür garantieren, dass aus Asien einlaufende Frachter nicht verstrahlt sind. Ein Hafenteam prüfe vor Ort die Strahlenbelastung. "Es ist Sache der Reeder, die Crews anzuweisen, auf der Überfahrt das Schiff und die Container zu säubern", sagte ein Behördensprecher.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch dagegen hält Maßnahmen dieser Art für unzureichend - und fordert den kompletten Importstopp aus Japan. Vor allem kritisierte die Organisation die Erhöhung einiger EU-Strahlengrenzwerte für Lebensmittel aus Japan. Sie waren im Rahmen neuer Sicherheitsmaßnahmen erfolgt. Es gebe in Europa zwar derzeit keinen Anlass zur Sorge wegen hochbelasteter Produkte aus Japan, dennoch dürften Radioaktivitätsgrenzwerte für japanische Lebensmittel nicht erhöht werden, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode.

1986er-Verordnung aus der Schublade

Im Rahmen einer EU-Eilverordnung waren am vergangenen Wochenende höhere Obergrenzen für die radioaktive Belastung bestimmter Produkte aus Japan mit Cäsium 134 und Cäsium 137 in Kraft getreten. Hintergrund ist eine Vereinbarung der Europäischen Union, die nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl erlassen worden war und bisher in der Schublade gelegen hatte.

Mit der EU-Verordnung wurden nach Expertenangaben auch Grenzwerte etwa für Jod 131 festgelegt, für die es bisher keine Obergrenze gab. Die EU-Regelung gilt ausschschließlich für Importe aus Japan.

Aus den höheren Cäsium-Grenzwerten ergebe sich grundsätzlich kein erhöhtes gesundheitliches Risiko für die Menschen in Deutschland, erklärte ein Sprecher des Bundesamts für Strahlenschutz. "Mit den jetzt festgelegten Werten werden die Menschen in Deutschland und Europa vor gesundheitlichen Risiken geschützt." Aus Gründen der Nachvollziehbarkeit werde die Behörde aber eine einheitliche Festlegung der Cäsium-Obergrenzen für Produkte aus der Regionen um Tschernobyl und dem japanischen Fukushima vorschlagen.

Die Bundesregierung indes sieht keine Gefahr. Bisher sei ohnehin kein verseuchtes Produkt aus Japan nach Deutschland gekommen. Auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) gibt sich zuversichtlich. "Die vor fast 25 Jahren beschlossenen Grenzwerte, die auch jetzt als Konsequenz aus der Reaktor-Katastrophe in Japan europaweit Anwendung finden, entsprechen den aktuellen international verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen", sagte ein Sprecher. "Die europäischen Grenzwerte sind international wie national anerkannt." Sie stellten den Schutz der Verbraucher sicher. Aigner plant, sich am Mittwochnachmittag in Frankfurt über die Importkontrollen zu informieren.

Die Sicherheitsmaßnahmen für Importe aus Japan waren seit dem Wochenende EU-weit verschärft worden. Alle Lebensmittellieferungen aus Japan werden an den Außenkontrollstellen überprüft. Nach Deutschland exportiert Japan allerdings nur wenige Lebensmittel.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
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Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

cib/dpa/AFP

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Seite 1
endbenutzer 30.03.2011
1. Unfall
Und nun liebe Kernkraftbefürworter stellen wir uns einen solchen Unfall hier in Deutschland vor...
idealist100 30.03.2011
2. Kein Problem
Zitat von sysopDie radioaktiven Partikel aus dem Katastrophen-AKW Fukushima verbreiten sich: In Seoul hat man Spuren davon in Lebensmitteln gefunden. Europäische Häfen wappnen sich bereits gegen verstrahlte Handelsschiffe. Verbraucherschützer fordern gar einen Importstopp. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,753970,00.html
Kein Problem, die EU und somit auch wir setzten einfach die Grenzwerte hoch, sagen wir auf das Doppelte, wenn das nicht hilft auf das Dreifache usw.
torushura 30.03.2011
3. Gleich
Zitat von sysopDie radioaktiven Partikel aus dem Katastrophen-AKW Fukushima verbreiten sich: In Seoul hat man Spuren davon in Lebensmitteln gefunden. Europäische Häfen wappnen sich bereits gegen verstrahlte Handelsschiffe. Verbraucherschützer fordern gar einen Importstopp. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,753970,00.html
gibts noch mehr Wasser auf die Mühlen der Doomsday-Propheten: RAUCH über FUKUSHIMA DAI-NI!(10 km südlich von Daiichi)
emden09 30.03.2011
4. Grenzwerte erhöht?!
Zitat von sysopDie radioaktiven Partikel aus dem Katastrophen-AKW Fukushima verbreiten sich: In Seoul hat man Spuren davon in Lebensmitteln gefunden. Europäische Häfen wappnen sich bereits gegen verstrahlte Handelsschiffe. Verbraucherschützer fordern gar einen Importstopp. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,753970,00.html
Ach deshalb hat die EU am Samstag erstmal die grenzwerte vorsichtshalber erhöht. Dann muss man nicht ganz so viele Güter zurückweisen.
anon11 30.03.2011
5. .
Zitat von sysopDie radioaktiven Partikel aus dem Katastrophen-AKW Fukushima verbreiten sich: In Seoul hat man Spuren davon in Lebensmitteln gefunden. Europäische Häfen wappnen sich bereits gegen verstrahlte Handelsschiffe. Verbraucherschützer fordern gar einen Importstopp. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,753970,00.html
Natürlich muss alle strahlenbelastete Ware abgelehnt werden, entsprciht sie doch nicht der bestellten, unbestrahlten Ware. Nicht nur bei Lebensmitteln,sondern bei allen Gütern. Oder steht im Verkaufsraum des Toyota Hndlers bald neben jedem Neuwagen ein Schild mit der Strahlenbelastung des Wagens.
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