Railgun für Schiffe: US-Marine testet Superkanone

Die futuristische Schienenkanone der US-Marine nimmt Formen an: Erstmals wurden Testschüsse mit einem industriellen Prototypen der Railgun abgegeben, die Geschosse mit Strom statt Sprengstoff verschießt. Videos zeigen die Ergebnisse der Versuche.

US NAVY

Hamburg - Seit Jahrzehnten tüftelt die Militärforschung an der sogenannten Railgun. Schon im Zweiten Weltkrieg bastelten deutsche und japanische Ingenieure an der elektromagnetischen Kanone. Sie waren ebenso erfolglos wie zahlreiche ihrer Kollegen in den folgende Dekaden.

Die US-Marine hat seit 2005 rund 240 Millionen Dollar in die Railgun-Forschung gesteckt - und vermeldet jetzt einen Fortschritt, auch wenn er von überschaubarer Größe ist. Wie das Office of Naval Research (ONR) mitteilt, habe man erste Probeschüsse mit einem industriellen Railgun-Prototypen abgegeben. Es sei der Beginn eines zwei Monate dauernden Testprogramms und ein "wichtiger Zwischenschritt" auf dem Weg zu einem zukünftigen Waffensystem für Schiffe.

In der Railgun werden zwei parallel laufende Schienen unter Strom gesetzt, das dabei entstehende Magnetfeld beschleunigt einen zwischen den Schienen liegenden Metallschlitten oder das Geschoss selbst. Dieses Verfahren macht enorme Geschwindigkeiten möglich. Die Railgun der US-Marine soll Projektile auf 7200 bis 9000 km/h beschleunigen und so auf Reichweiten von bis zu 160 Kilometern kommen. Zum Vergleich: Die 12,7-Zentimeter-Kanone an Bord der modernen US-Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse reicht nur 24 Kilometer weit, die Anfangsgeschwindigkeit dieser Geschosse liegt unter 3000 km/h.

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Strom statt Sprengstoff: Testschüsse mit der Railgun
Außerdem können die Railgun-Projektile kleiner und leichter ausfallen als herkömmliche Granaten, da sie durch ihr Tempo eine ungeheure kinetische Energie besitzen, denn die wächst mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Die Schnelligkeit der Projektile macht die Railgun nach Angaben der US-Marine auch für die Verteidigung gegen feindliche Flugzeuge und Raketen interessant.

Kein einsatzfähiges Modell trotz jahrzehntelanger Forschung

Bis heute aber ist es nicht gelungen, eine zuverlässige Railgun für den militärischen Einsatz zu bauen. Denn die Schienenkanonen neigten bisher dazu, nach wenigen Schüssen in ihre Einzelteile zu zerfallen. Wird nicht-supraleitendes Material wie etwa Stahl unter Strom gesetzt, erhitzt es sich. Angesichts der großen Energiemengen in Railguns erreichen die Bauteile enorme Temperaturen. Da sich die Magnetfelder der Schienen in der Kanone gegenseitig abstoßen und sich manche Bauteile mit hohen Geschwindigkeiten bewegen, ist die mechanische Belastung groß.

Hinzu kommt das hohe Gesamtgewicht der Waffe. Um die Energie für einen Schuss kurzzeitig abliefern zu können, sind schwere Kondensatoren notwendig. Nicht umsonst ist die amerikanische Railgun derzeit lediglich als Bewaffnung für Schiffe vorgesehen. Ein weiterer kritischer Punkt ist das Geschoss selbst, das der Hitze und der gewaltigen Beschleunigung standhalten muss.

Bei den aktuellen Tests, die im Naval Surface Warfare Center im US-Staat Virginia stattfinden, sollen nach Angaben eines Sprechers die Lebensdauer des Kanonenlaufs und die strukturelle Festigkeit des zwölf Meter langen Prototyps geprüft werden. Die Projektile sollen mit Energien von 20 und 32 Megajoule verschossen werden. Das entspreche den Werten, die bereits mit Laborversionen der Kanone erreicht worden seien. Ein Megajoule entspricht in etwa der Energie, die notwendig ist, um ein Auto vom Gewicht einer Tonne auf 160 km/h zu beschleunigen.

Die Tests werden nach Angaben der Navy noch Jahre dauern. Etwa 2017 könnte eine Railgun erstmals einsatzbereit sein, einige Jahre später könnte sie dann auf Schiffen montiert werden.

mbe

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insgesamt 130 Beiträge
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1. Testversion gratis im Einsatz
monty_cantsin 29.02.2012
Zitat von sysopUS NAVYDie futuristische Schienenkanone der US-Marine nimmt Formen an: Erstmals wurden Testschüsse mit einem industriellen Prototyp der Railgun abgegeben, die Geschosse mit Strom statt Sprengstoff verschießt. Videos zeigen die Ergebnisse der Versuche. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,818350,00.html
Ein glücklicher Zufall, daß die US-Armee ihre Entwicklungen an so vielen Schauplätzen weltweit live ausprobieren kann. Daß ist ein klarer Vorteil gegenüber den Konkurrenten. Das sollte man so beibehalten, wenn man auch weiterhin die Nase vorne haben möchte.
2. Das sind wir ja wieder froh, dass die
hastdunichtgesehen 29.02.2012
Zitat von sysopUS NAVYDie futuristische Schienenkanone der US-Marine nimmt Formen an: Erstmals wurden Testschüsse mit einem industriellen Prototyp der Railgun abgegeben, die Geschosse mit Strom statt Sprengstoff verschießt. Videos zeigen die Ergebnisse der Versuche. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,818350,00.html
USA noch auf unserer Seite sind mit einer weiteren Waffe, um indirekt Menschen zu schlachten.
3.
jajo76 29.02.2012
Zitat von sysopUS NAVYDie futuristische Schienenkanone der US-Marine nimmt Formen an: Erstmals wurden Testschüsse mit einem industriellen Prototyp der Railgun abgegeben, die Geschosse mit Strom statt Sprengstoff verschießt. Videos zeigen die Ergebnisse der Versuche. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,818350,00.html
So begrüßenswert die Entwicklungsfortschritte dieser Technologie sind, so traurig ist es, dass sie wieder nur destruktiven und aggressiven militärischen Zwecken dienen soll. Angefangen bei Jules Verne gab es Visionen, dass Superkanonen in der Weltraumfahrt eingesetzt werden sollten. Und auch wenn die Idee von Verne, Menschen mit einer Kanone auf den Mond zu schießen nicht umsetzbar ist, so könnte man doch bei entsprechender Dimensionierung Satelliten mit einer EM-Kanone in den Orbit oder sogar darüber hinaus befördern - zu einem Bruchteil der Kosten und Risiken einer konventionellen Rakete...
4.
MashMashMusic 29.02.2012
Zitat von hastdunichtgesehenUSA noch auf unserer Seite sind mit einer weiteren Waffe, um indirekt Menschen zu schlachten.
Ich bin mir sicher, alle anderen Waffenentwicklungen auf der Welt, etwa in China oder Russland, dienen nur zum Blümchen-pflücken.
5. ..
Seska Larafey 29.02.2012
Nah hoffentlich haben die Schiffe dann ein Backup System. Die sollten auch Parallel in ein Strombackup System für Schiffe forschen. Den was Passiert wenn es auf dem Schiff Stromausfall gibt? Ich tippe mal diese Railguns brauchen ned gerade wenig Energie. Und woher nehmen? Wie wird der Kapitän entscheiden, wenn er auf Batterien fahren muss? "Get the Old Guns out, we ran out of Power! Damm it!". Oder kann man diese Railguns zur Not mit der heutigen Technick benutzen? Obwohl das wird wieder schwer, wegen der Panzerung bei der Explosion der Treibladung Wir brauchen bessere leichtere Notstrom oder Backup Batterien. Als Nebenprodukt, kann man Sie überall einsetzten wo Energie "lebensnotwendig" ist. UBoote z.b. Flugzeugdrohnen z.b. (NotPropeller)
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