SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. April 2012, 14:36 Uhr

Foto-Analyse

Nordkoreas Raketen entpuppen sich als Attrappen

Von

Neue peinliche Nachrichten für das Regime in Pjöngjang: Nordkorea wollte sein Volk und die Weltöffentlichkeit mit mächtigen Raketen beeindrucken. Jetzt stellt sich heraus, dass auf einer Parade nur Attrappen gezeigt wurden. Und dazu noch schlechte.

Das Prahlen mit Waffen, die tatsächlich oder nur in Propaganda-Phantasien existieren, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen diktatorischer Regimes. Iran etwa behauptete neulich zum Amüsement westlicher Experten, man wolle die kürzlich erbeutete amerikanische Stealth-Drohne nachbauen. Zuvor war Teheran mit gefälschten Fotos eines Raketentests aufgefallen. Auch die Sowjets sollen im Kalten Krieg Paraden mit Raketen-Attrappen abgehalten haben, die im Westen für einige Aufregung sorgten.

Den gleichen Trick hat nun offenbar Nordkorea versucht. Am 15. April hat das Regime in Pjöngjang bei einer pompösen Militärparade gewaltige Raketen präsentiert und damit die Gerüchte um das Projekt "KN-08" befeuert. Dabei soll es sich um eine ballistische Interkontinentalrakete handeln, an der laut südkoreanischen Medien sogar schon getestet wird.

Nur: Bei den bei der Parade gezeigten Raketen handelt es sich nach Meinung deutscher Experten um Attrappen, derart schlampig zusammengesetzt, dass sie leicht als Fälschungen erkennbar seien. Für Nordkoreas neuen Machthaber Kim Jong Un wäre es die zweite Blamage in kurzer Zeit: Erst am 13. April endete ein Testflug einer Langstreckenrakete in einem Debakel.

In ihrer sechsseitigen Abhandlung analysieren der Münchner Raketen- und Militärexperte Robert Schmucker und sein Kollege Markus Schiller Fotos von der nordkoreanischen Parade. Die dort gezeigten dreistufigen Raketen könnten allein aufgrund ihrer Größe eine Reichweite von 10.000 Kilometer erreichen, heißt es in dem Papier - wenn sie denn echt wären. Doch ein näherer Blick offenbare verräterische Details:

Es sei eindeutig, dass es sich "um minderwertige Attrappen" handelt, schreiben Schmucker und Schiller. Das Fazit der Experten: "Es gibt weiterhin keinen Beweis, dass Nordkorea über eine funktionierende Interkontinentalrakete verfügt."

Ein solcher Beweis wäre freilich auch dann nicht erbracht gewesen, wenn die Nordkoreaner auf ihrer Parade eine überzeugend aussehende Rakete präsentiert hätten. Denn dass ein solches Waffensystem funktionieren könnte, gilt erst nach mindestens einem erfolgreichen Testflug als erwiesen. Und selbst dann wäre es noch ein weiter Weg bis zur Serienproduktion und zur Einführung bei den Truppen.

Dass eine gewisse Unsicherheit bleibt, räumen auch Schmucker und Schiller ein. Die Frage sei, ob die Attrappen einer echten, noch geheimen Rakete nachempfunden seien - oder ob sie nur der Show zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung gedient hätten. "Aufgrund anderer Erkenntnisse über Nordkoreas Raketenprogramm", so die Fachleute, "scheint aber das Letztere wahrscheinlich."

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH