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Jülich-Gutachten: Betreiber sollen Reaktor-Pannen vertuscht haben

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AVR-Reaktor in Jülich: Aus dem umstrittenen wird endgültig ein Skandal-Reaktor Zur Großansicht
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AVR-Reaktor in Jülich: Aus dem umstrittenen wird endgültig ein Skandal-Reaktor

Eine Expertenkommission hat die Geschichte des 1988 stillgelegten Versuchsreaktors in Jülich durchleuchtet. Ihr Bericht beschreibt haarsträubende Zustände: Gefährliche Pannen wurden vertuscht, Strahlungsaustritte nur zufällig entdeckt.

Jülich/Hamburg - Der Versuchsreaktor am Forschungszentrum Jülich, der von 1967 bis 1988 lief, steht seit Jahren in der Kritik. 2011 hatte die Betreibergesellschaft, die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktorbetriebe (AVR), eine Expertengruppe mit der Aufarbeitung der Reaktor-Geschichte beauftragt. Sie hat ihren Bericht nun vorgelegt - und er benennt teils haarsträubende Missstände. Demnach kam es über Jahrzehnte immer wieder zu Störfällen und wahrscheinlich mindestens zweimal zu Kontaminierungen der Umwelt.

Dass es überhaupt Probleme gegeben hatte, wurde erst mehr als zehn Jahre nach Betriebsschluss öffentlich. Wahrscheinlich bei zwei Störfällen im Jahr 1978 und irgendwann davor kam es zu einer "lokalen, aber hohen Strontium-90-Kontamination des Bodens" und möglicherweise des Grundwassers, heißt es in dem Gutachten. Das fiel erst 1999 auf, als man in vom Reaktor abgeführten Regenwasser Radioaktivität entdeckte.

"Blindflug durch ein hochgefährliches Experiment"

Zu einer gesundheitlichen Gefährdung der Bevölkerung ist wohl nicht gekommen, urteilen die Experten. Ansonsten aber fällt ihr Gutachten für die Betreiber katastrophal aus. 1978 etwa drangen demnach 27.000 Liter Wasser in den inneren Teil des Reaktors ein. Erst sechs Tage nach Störfallbeginn hatte das Personal den Reaktor heruntergefahren. Am Ende meldeten die Betreiber einen Störfall der niedrigsten Meldekategorie "N" ("geringe sicherheitstechnische Bedeutung").

Das war "nicht sachgerecht", urteilten nun die Experten. Stattdessen berichten sie von äußerst kreativen Verhalten der Techniker: Sie hätten die Notabschaltung so manipuliert, dass trotz gemessener "zu hoher Kühlgasfeuchte" eine automatische Notabschaltung überbrückt wurde. Im Klartext: Das Notfallsystem wurde bewusst abgeschaltet.

Dadurch kam es zu einer stärkeren Erhitzung des Kühlgases. "Bei einer Gastemperatur von 500 Grad Celsius war dann die Feuchte ausgeheizt und in der Gasreinigungsanlage abgeschieden worden", heißt es im Bericht der Experten. Das Problem war damit in gewissem Sinne gelöst: Es wurde kein Fehler mehr gemessen.

Pfuschen, ignorieren, vertuschen

So etwas war kein Einzelfall, wie man dem Bericht entnehmen kann. Mehrfach verzichteten die Betreiber sogar komplett darauf, Störungen zu melden - etwa ein Säureeinbruch am 7. September 1971, ein "unbeabsichtigtes Kritischwerden" am 30. März 1977, ein Gebläseschaden am 29. Januar 1979 oder "wiederholte Störungen an der Beschickungsanlage".

Zudem wurde der Reaktorkern offenbar unbemerkt über lange Zeiten mit überhöhten Temperaturen betrieben. Dafür gab es freilich einen guten Grund: "Eine direkte Messung der Brennelementtemperaturen und der Temperaturverteilung im Primärkreis" sei nicht möglich gewesen. Die Temperaturverteilung im Kern und die mittlere Gasaustrittstemperatur seien "zunächst ausschließlich mittels numerischer Simulationsverfahren berechnet" worden.

Eine aufwendige, aber verlässlichere Messung mit Hilfe sogenannter Monitorkugeln fand nur dreimal statt: 1970, 1972 und 1986. Schon bei den ersten zwei dieser Messungen, bei dem man den Schmelzpunkt bestimmter Materialien als Indikator für erreichte Temperaturen einsetzt, fand man "gewisse Abweichungen von Messwerten und berechneten Werten".

Indizien, dass es auch danach zu Abweichungen bei den Temperaturen gekommen sei, habe es mehrfach gegeben, heißt es in dem Bericht. In mehreren Fällen sorgte man daraufhin für eine "Anpassung" der gültigen Grenzwerte. Das Fazit der Gutachter: "Für die Expertengruppe ist nicht nachvollziehbar, warum zwischen 1972 und 1986 keine weitere Temperaturmessung mit Monitorkugeln erfolgte."

Der laufende Rückbau des stillgelegten Reaktors gilt als besonders schwierig. Der sogenannte Kugelhaufenreaktor ist in besonderem Maße mit Cäsium und Strontium belastet, er gilt als einer der am stärksten kontaminierten Reaktoren überhaupt.

In einer Mitteilung des Forschungszentrums heißt es nun, der Bericht zeige, dass es gravierende Fehler und Versäumnisse gegeben habe: "Dies bedauern wir ausdrücklich", heißt es. "Regeln guter wissenschaftlicher Praxis" seien während des Reaktorbetriebs "nicht immer eingehalten worden".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 147 Beiträge
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1. Mitteilung des Forschungszentrums
Luna-lucia 27.04.2014
und wer genehmigt nicht ausreichend überwachte Forschungen, die im Störfall weite Gebiete unseres Landes, radioaktiv verseuchen können? Lol, höchst korrupte Politiker, mit NULL Ahnung von den tatsächlichen Gefahren!
2. haarsträubende Zustände auch im AKW Grohnde,
alafesh 27.04.2014
Zitat von sysopDPAEine Expertenkommission hat die Geschichte des 1988 stillgelegten Versuchsreaktors in Jülich durchleuchtet. Ihr Bericht beschreibt haarsträubende Zustände: Gefährliche Pannen wurden vertuscht, Strahlungsaustritte nur zufällig entdeckt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/reaktorbetreiber-in-juelich-vertuschten-stoerfaelle-a-966414.html
und sicher auch noch da und dort. Ein Bekannter von mir hat damals in Grohnde als Hilfsarbeiter gearbeitet. Da wurde seinem Bericht nach viel improvisiert, um es höflich auszudrücken, vulgo:Pfusch und Materialdiebstahl. Aber wer glaubt einem das schon.... Dito die Risse im Versuchsreaktor in Wannsee und völlig unzugänglich verbaute Verschleißteile, wie ein in Ungnade gefallener Kernphysiker in einer Arte- Reportage berichtete. Die Atomkraftwerke sind sicher!! - noch für eine Überraschung gut.
3. Ich bin zwar Ingenieur..
topsykrett 27.04.2014
Ich bin zwar Ingenieur und kann dem Prinzip der Kernenergie schon etwas abgewinnen. Jedoch kann sie von Menschen nicht sicher beherrscht werden, weil die meisten Menschen eben schludrig arbeiten und es dann zu solchen Vorfällen kommt. Eines ist leider sicher: Die aktuell laufenden Kernkraftwerke werden genau so miserabel betreut, da kann man sich sicher sein :-(
4. Wir haben die sichersten Atomkraftwerke, natürlich
kabian 27.04.2014
Wieso fällt mir bei dieser haarsträubenden Geschicht nur Tschernobyl ein?
5.
GoBenn 27.04.2014
Das kann nicht sein. Mein Erdkundelehrer damals in den 80ern hat gesagt, Atomkraft sei sicher, wird in Deutschland lückenlos überwacht - und sollte doch mal irgendetwas sein, wird das SOFORT gemeldet. Jülich haben wir damals besichtigt. Damals wurden auch die "ausgebrannten" Kugeln, von denen im Bestand ja einige Hundert fehlen sollen, an die Schüler rumgereicht.
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