Rohstofflager Afghanistan Schatz im Eselskarren

Die USA nennen Afghanistan nach dem Fund großer Rohstoffvorkommen schon das "Saudi-Arabien des Lithiums" - doch die Hoffnungen auf einen Metall-Exportboom in dem Land sind übertrieben. Die Bodenschätze aus den Bergregionen zu holen, dürfte extrem schwierig werden.

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In Afghanistan läuft derzeit kaum etwas so, wie sich der Westen das vorstellt. Die militärische Lage ist angespannt, der Feldzug kostet Milliarden, und an der politischen Front sieht es kaum besser aus. Präsident Hamid Karzai besitzt außerhalb Kabuls so gut wie keine Macht, und selbst in der Hauptstadt ist er nicht vor den Taliban sicher, wie Anfang Juni ein Raketenangriff auf eine wichtige Friedenskonferenz bewiesen hat. Wenn Washington derzeit eines braucht, dann ist es eine gute Nachricht von der Front.

Und die soll es jetzt geben: Afghanistan sei unerwartet reich an Bodenschätzen, berichtete die "New York Times" unter Berufung auf das US-Verteidigungsministerium und Regierungsforscher. Eisen, Kupfer, Kobalt, Gold und andere wichtige Industriemetalle wie Lithium lägen in rauen Mengen in dem Land. Die Vorkommen seien so gewaltig, dass Afghanistan zu einem weltweit führenden Exporteur dieser Metalle avancieren könnte: Der Wert der Lagerstätten soll rund eine Billion Dollar betragen. Von "atemberaubenden Möglichkeiten" sprach David Petraeus, der US-Militärkommandeur für die Weltregion. Afghanistan sei in einem internen Bericht des Ministeriums schon als "Saudi-Arabien des Lithiums" bezeichnet worden, berichtet die "New York Times".

Allerdings gibt es ein Problem - noch ist das Metall im Boden.

Denn während Saudi-Arabien politisch stabil ist, über eine funktionierende Infrastruktur verfügt und sein Öl in den ebenen östlichen Wüstengebieten fördern kann, trifft auf Afghanistan nichts davon zu. Das Land ist politisch zerrissen und besitzt keine Infrastruktur, die auch nur annähernd in der Lage wäre, einen Metallabbau im großen Stil zu ermöglichen. Anders als in Saudi-Arabien müssten die Rohstoffe in teils extrem schwer zugänglichen Gebieten abgebaut und abtransportiert werden.

Abbau verlangt nach enormen Investitionen

Kupfer- und Eisenerze werden in der Regel im Tagebau gefördert. "Die Erschließung der Vorkommen ist äußerst aufwendig, außerdem ist die Verhüttung notwendig", sagt Ulrich Schwarz-Schampera, Experte für Lagerstättenforschung an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Verhüttung der Erze zu Metallen könnte zwar direkt in Afghanistan erfolgen. Meist aber, sagt der Experte, würden die Rohstoffe erst abtransportiert, in Form von Erzkonzentraten, die schon vom größten Teil der unerwünschten Gesteine befreit seien. Im Fall von Afghanistan müsste der Transport per Eisenbahn und auf dem Seeweg erfolgen - allerdings hat Afghanistan praktisch keine Bahn und keinen direkten Zugang zum Meer. Der Weg zum Indischen Ozean führt wahlweise durch Iran oder durch Pakistan.

Für eine Verhüttung im Land bräuchte es massive Investitionen. Für die entsprechende Verarbeitung von Zink zum Beispiel gibt es Schwarz-Schampera zufolge weltweit nur etwa 15 Betriebe. Und für ausländische Investoren wäre es angesichts der politischen Lage ein großes Risiko, ausgerechnet in Afghanistan einen weiteren aufzubauen.

Selbst wenn es dazu käme, bliebe das Problem, das Metall zu exportieren. "Ein Eselskarren voller Gold ist viel wert - ein Eselskarren voller Kupfer oder Eisen dagegen fast nichts", sagt Schwarz-Schampera. "Solche Metalle muss man in gewaltigen Mengen umsetzen, damit sich die Investitionen für die Förderung überhaupt lohnen."

Experten bezweifeln Menge der Rohstoffe

Experten sind ohnehin skeptisch, was die Schätzung der angeblichen neuen Rohstoffvorräte in Afghanistan angeht. So hat der geologische Dienst der US-Regierung (USGS) das Land laut "New York Times" 2007 detailliert aus der Luft untersucht. Auch Daten sowjetischer Geologen, die während der Besatzung in den achtziger Jahren tätig waren, sollen in den Bericht eingeflossen sein. Eines der Ergebnisse: Sowohl die Kupfer- und Eisenmengen seien so groß, dass Afghanistan auf einen Schlag zu einem der weltweit führenden Exporteure werden könnte.

Eisen wie Kupfer seien allerdings geologisch leicht nachzuweisen, sagt dagegen Schwarz-Schampera. Selbst auf dem Mars sei das schon gelungen. "Wenn erst jetzt bekannt wird, dass es diese Vorkommen dort gibt, fragt man sich, welche Explorationsstrategien dort bisher verfolgt wurden." Oder aber unter den neu entdeckten Lagerstätten sind alte - aus dem Umfeld des afghanischen Bergbauministers Wahidullah Shahrani ist zu hören, es sei "davon auszugehen, dass das eine oder andere, was jetzt als neuer Fund verkauft wird, nicht wirklich neu ist".

Dass Afghanistan insgesamt Rohstoffpotential hat, ist "seit langem bekannt", sagt Volker Steinbach, Abteilungsleiter Energierohstoffe, Mineralische Rohstoffe bei der BGR. Sowohl bei dem Land am Hindukusch als auch den nördlichen Nachbarn wie Tadschikistan werde davon ausgegangen. Aber wie nahe sind diese Länder wirklich an einer Ausbeutung der Ressourcen?

Hype um angebliche Lithium-Knappheit

Selbst regierungsferne Fachleute tun gerade so, als seien Metalle aus Afghanistan quasi lieferbereit. Ihm mache nur Sorgen, ob "wir in der Lage sein werden, all diese Bodenschätze richtig zu managen", sagte zum Beispiel der Politikwissenschaftler Dschanan Mosasai der Nachrichtenagentur AFP. "Wir kennen genügend Beispiele für Staaten, deren natürliche Reichtümer zum Fluch für Frieden und Wohlstand der Menschen wurden", fügte er hinzu und verwies auf Nigeria - das allerdings wie Saudi-Arabien eine Infrastruktur für den Rohstoffexport hat. Womit man wieder bei Afghanistans Problem ist.

BGR-Abteilungsleiter Steinbach erwartet, dass Bergbau in Afghanistan erst "mittel- bis langfristig eine Rolle spielen" könnte. Und auch das "nur unter zwei Voraussetzungen: Es muss politische Stabilität und eine funktionierende Infrastruktur geben".

Bisher entsteht der Eindruck, gerade die US-Regierung sehe die potentielle Rohstoffförderung als Garanten für Stabilität - dabei ist es umgekehrt. Nur Stabilität kann die Rohstoffförderung garantieren.

Wurde die Meldung über die gigantischen Reserven also vor allem aus politischen Gründen lanciert? Dafür spricht die prominente Nennung von Lithium, das unter anderem für Akkus in Handys, Laptops und Elektroautos verwendet wird. "Es gibt seit einiger Zeit einen Hype um die angebliche Verknappung von Lithium", sagt Schwarz-Schampera.

Von zur Neige gehenden Vorräten könne derzeit zwar keine Rede sein, "geologisch gesehen gibt es genug davon". Sollte Lithium aber knapp werden, würde der Preis steigen und bisher uninteressante Vorkommen lukrativ machen. "Selbst im Erzgebirge reiben sich inzwischen manche Leute die Hände", sagt Schwarz-Schampera. Und in Afghanistan?

Dort existieren sogenannte Pegmatite, Gesteine mit einem Lithiumoxidgehalt von vermutlich ein bis zwei Prozent, sagt BGR-Abteilungsleiter Steinbach. Das sei im Vergleich mit anderen Lagerstätten eher wenig - in Australien gebe es Vorkommen mit 3,5 bis 4 Prozent.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
UK1967, 15.06.2010
1. Erklärung ?
Zitat von sysopDie USA nennen Afghanistan nach dem Fund großer Rohstoffvorkommen schon das "Saudi-Arabien des Lithiums" - doch die Hoffnungen auf einen Metall-Exportboom in dem Land sind übertrieben. Die Bodenschätze aus den Bergregionen zu holen, dürfte extrem schwierig werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,700522,00.html
Bodenschätze am Hindukusch ? Sollte das die Erklärung für den "Krieg gegen den Terror" sein ?
Peter Sonntag 15.06.2010
2. Allah hat's gegeben
Zitat von sysopDie USA nennen Afghanistan nach dem Fund großer Rohstoffvorkommen schon das "Saudi-Arabien des Lithiums" - doch die Hoffnungen auf einen Metall-Exportboom in dem Land sind übertrieben. Die Bodenschätze aus den Bergregionen zu holen, dürfte extrem schwierig werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,700522,00.html
"Die Bodenschätze aus den Bergregionen zu holen, dürfte extrem schwierig werden." Das würden bestimmt gerne die Taliban übernehmen. Sie sind das harte Leben in der Bergwelt gewohnt, und sie sind Sprengstoffexperten. Interessant wird auch noch die Frage nach den Eigentumsverhältnissen werden. Es wird dann heißen, dass die Bodenschätze "dem Volk" gehören - hohohoho....
mrblond1981 15.06.2010
3. ....
Zitat von UK1967Bodenschätze am Hindukusch ? Sollte das die Erklärung für den "Krieg gegen den Terror" sein ?
So wie es aussieht muss das Öl nicht als einziges Kriegsgrund immer herhalten, andere Rohstoffvorkommen tun es auch. Ein Schelm wer böses dabei denkt.^
kein Ideologe 15.06.2010
4. ich klick ins Forum,
Zitat von UK1967Bodenschätze am Hindukusch ? Sollte das die Erklärung für den "Krieg gegen den Terror" sein ?
und siehe da, genau wie erwartet. Die Überschrift passt zu einer üblichen monokausalen Erklärung für den Krieg und prompt kommt sie. Wer wettet dagegen, ich behaupte vor dem 20.Beitrag hier kommt auch noch die Afghanistan-Pipeline. Der Artikel klärt, das es wohl eher Pfeifen im Walde ist, daß so eine Jubelmeldung rausposaunt wird. Kurze Bedienungsanleitung zu Zeitungsartikeln: Auch die vielen nicht so dick gedruckten Buchstaben, die der Überschrift folgen gehören zum Artikel. Es ist dem Verständnis des Selben förderlich, auch diese zu lesen.
wolfi55 15.06.2010
5. Wenn man das nutzen will, dann ...
... muss man den Leuten dort einen gerechten Anteil abgeben. Das wiederum kollidiert mit den Interessen der teileweise amerikanischen Rohstoffkonzerne, die das alles möglichst billig erwerben wollen um die größten Wohlstand in der eigenen Kasse zu erleben. Zum anderen: China wird es sich kaum nehmen lassen, da zuzuschlagen. Es ist schließlich direkt vor Ort udn die Tibetbahn hat man nicht ohne Hintergedanken gebaut, und sei es nur um Erfahrungen zu sammeln. Dass die Leute in Afghanistan dann einen gerechten Anteil erhalten werden, das bezweifle ich zwar bei China ebenso wie bei den USA, aber was bleibt übrig? Die Ware nach Norden in Richtung Usbekistan zu bringen und von dort via Transib nach Westen/Osten, da werden die Russen sicherlich nicht dafür sein udn einen teil der Wertschöpfung bei sich haben wollen, zumal große Betriebe in Sibirien vorhanden sind. Kurz und gut, die Pressemeldung dient nur dazu, die Geldausgaben dort zu rechtfertigen. Wenn es geilngen könnte, dann könnte man auch das Problem Drogenexport dort lösen. Wolfgang
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