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Rostige Atommüllfässer: "Das passiert in jedem Zwischenlager"

Atommüll: Die kaputten Fässer von Brunsbüttel Fotos
DPA/ Vattenfall

Radioaktiver Müll in Fässern, die unaufhaltsam vor sich hin rosten: Zustände wie im stillgelegten AKW Brunsbüttel dürften in Deutschland weit verbreitet sein. Im Interview erklärt Atomexperte Michael Sailer, was den verstrahlten Abfall zur Zeitbombe macht.

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    Michael Sailer arbeitet als Kernenergie-Experte und Sprecher des Vorstands im Öko-Institut. Seit 2008 ist er Vorsitzender der Entsorgungskommission (ESK), die das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit berät. Als studierter Chemiker beschäftigt sich Sailer seit mehr als 30 Jahren mit Sicherheitsfragen der Kernenergie.
SPIEGEL ONLINE: Im stillgelegten Atomkraftwerk Brunsbüttel sind 18 Atommüllfässer korrodiert - wie kann es sein, dass Behälter mit solch heikler Fracht rosten wie gewöhnliche Eimer?

Sailer: Die Fässer enthalten Atommüll, der sich seit den siebziger Jahren angesammelt hat - der sollte in Brunsbüttel eigentlich nur zwischengelagert werden. Damals lag es noch außerhalb der Vorstellungskraft, dass die Fässer Jahrzehnte lang dort liegen bleiben würden.

SPIEGEL ONLINE: Die Fässer taugen also gar nicht für eine längere Lagerzeit?

Sailer: Genau. Die Wände sind nur wenige Millimeter dick. Und die Substanzen im Fass zersetzen sich, wie ganz normaler Müll. Dabei gibt es chemische Reaktionen, die das Fass korrodieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nur ein Problem in Brunsbüttel?

Sailer: Das passiert im Prinzip in jedem deutschen Zwischenlager; es ist bloß nicht überall so offensichtlich wie in Brunsbüttel. Das Tückische ist, dass man die Schwächen erst bemerkt, wenn die Fässer schon mindestens an einer Stelle durchgerostet sind. Außerdem finden nicht überall Kontrollen wie in Brunsbüttel statt, weil die Fässer teilweise so dicht zusammenstehen, dass keine Kamera dazwischen passt.

SPIEGEL ONLINE: Manche Behälter sind durchlöchert. Wie gefährlich ist das?

Sailer: Die Fässer in den Zwischenlagern, von denen wir hier sprechen, enthalten nur schwach- und mittelaktive Abfälle. Trotzdem ist es ein Problem, wenn solche Stoffe in den Boden, im schlimmsten Fall ins Grundwasser gelangen. Deshalb ist es wichtig, dass mehrere Barrieren vorhanden sind, die auslaufenden Atommüll abfangen können. In Brunsbüttel lagern die Fässer deshalb in Betonkammern.

SPIEGEL ONLINE: Also Entwarnung?

Sailer: Für den Moment, ja. Aber auch Beton ist nicht hundertprozentig dicht. Wenn das noch jahrelang so weitergeht, werden über kurz oder lang radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich der Atommüll in stabilere Fässer umfüllen?

Sailer: Dafür wird eine Umpackanlage benötigt, über die nicht alle Zwischenlager verfügen. Dazu kommt die Schwierigkeit, dass Fässer wie die in Brunsbüttel sehr schwer zu handhaben sind, weil sie beim Greifen auseinanderbrechen können.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Behälter rosten jetzt einfach weiter vor sich hin?

Sailer: Man könnte auch darüber nachdenken, den Fässern Schutzhüllen überzustülpen - viel wichtiger ist aber, dass die Endlagerung endlich geklärt wird.

Das Interview führte Vivian Pasquet

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1. Was regen sich eigentlich alle so auf?
nemesis_01 24.02.2014
Radioaktivität kann man nicht schmecken und nicht riechen und solange der Strom bei mir aus der Steckdose brummt, ist alles in bester Ordnung. Den Müll kann man doch nach Rumänien verfrachten. Oder aufessen. Alles kein Ding. Immer diese Panik.
2. Experten werden den Umgang mit dem Atommüll beizeiten richten
neanderspezi 24.02.2014
Der Atomexperte Herr Sailer, ein Fachmann, bringt es auf den Punkt, es ist der Zahn der Zeit, der die vor sich hinrostenden Atommüllfässer in den Zwischenlagern zu Zeitbomben werden lässt. Es sind Leute vom Fach, Experten sozusagen in Sachen Atommüll, die im Laufe von 40 Jahren sich immer gedacht haben, dass die dünnen Stahlblechfässer mit dem strahlenden Müll die Eigenschaft durchzurosten mit sich bringen, dass aber die ursprüngliche Planung und die in einem dauerhaften Prozess stattfindende Planung darauf hinzielt, die Fässer in Endlagern schließlich absolut sicher unterzubringen. Wenn die Fässer durchgerostet sind, können Betonkammern oder übergestülpte Schutzhüllen den Müll vor weiterem Eindringen in die Umgebung und damit ins Grundwasser aufhalten. Wenn diese Barrieren überwunden sind, können vielleicht weitere Sarkophage ein Vordringen in das zu schützende Erdreich verhindern und so findet der Müll wie eine Puppe in der Puppe einen fortlaufend weiteren Kokon, um ein Desaster wenigstens immer mal wieder aufzuhalten. Über Kosten sollte bezüglich dieser Ummantelungen nicht nachgedacht werden, denn schließlich geht die Sicherheit in der Müllverwahrung eindeutig vor und dafür sollten auch Umweltschützer das nötige Verständnis aufbringen.
3. Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser
calliston 24.02.2014
Seit Jahren gibt es Kontrollsysteme, die es ermöglichen z.B. auch Betonkonstruktionen oder andere Abdichtungssysteme von solchen potenziell umweltgefährdenden Anlagen zu flächenhaft zu überwachen - auch dort wo niemand hinsehen kann. z.B. http://www.progeo.de/de/referenzen/tiefbau/. Das Problem ist, dass die Verantwortlichen es immer noch erfolgreich verhindern, dass solche Systeme konsequent eingesetzt werden, weil derartige Systeme erst einmal Geld kosten und die Veranwortlichen einer ständigen Überprüfungbarkeit ausgesetzt wären, was diese offenbar als unangenehm empfinden. Stattdessen spielt man hinterher lieber den tief Betroffenen, wenn es darum geht, der Öffentlichkeit das Drama zu spät erkannter Schäden zu beichten. Beispiele dazu, dass es immer noch so läuft, gibt es zu Hauf, man denke nur an Tepco in Fukushima oder die Katastrophe vor zwei Jahren im finnischen Talvivaara.
4. Atom
steinbock8 24.02.2014
hat sich denn eigentlich es noch nicht herumgesprochen das die Lagerung in abkühlbecken bzw. die Zwischenlagerung an sich noch gefährlicher ist als das Betreiben des Meilers oder Reaktors diese ganzen Lager sind völlig schutzlos und die Betreiber in Kumpanei mit der Politik sehen tatenlos zu
5. zur Kasse
rotertraktor 24.02.2014
Zitat von neanderspeziDer Atomexperte Herr Sailer, ein Fachmann, bringt es auf den Punkt, es ist der Zahn der Zeit, der die vor sich hinrostenden Atommüllfässer in den Zwischenlagern zu Zeitbomben werden lässt. Es sind Leute vom Fach, Experten sozusagen in Sachen Atommüll, die im Laufe von 40 Jahren sich immer gedacht haben, dass die dünnen Stahlblechfässer mit dem strahlenden Müll die Eigenschaft durchzurosten mit sich bringen, dass aber die ursprüngliche Planung und die in einem dauerhaften Prozess stattfindende Planung darauf hinzielt, die Fässer in Endlagern schließlich absolut sicher unterzubringen. Wenn die Fässer durchgerostet sind, können Betonkammern oder übergestülpte Schutzhüllen den Müll vor weiterem Eindringen in die Umgebung und damit ins Grundwasser aufhalten. Wenn diese Barrieren überwunden sind, können vielleicht weitere Sarkophage ein Vordringen in das zu schützende Erdreich verhindern und so findet der Müll wie eine Puppe in der Puppe einen fortlaufend weiteren Kokon, um ein Desaster wenigstens immer mal wieder aufzuhalten. Über Kosten sollte bezüglich dieser Ummantelungen nicht nachgedacht werden, denn schließlich geht die Sicherheit in der Müllverwahrung eindeutig vor und dafür sollten auch Umweltschützer das nötige Verständnis aufbringen.
Dagegen hat wohl auch kaum ein Umweltschützer etwas einzuwenden ... höchstens dagegen, dass diejenigen, die uns den Mist eingebrockt haben und uns bis heute die Ohren vollsäuseln von der angeblich so kostengünstigen Atomenergie, dafür nicht vollumfänglich zur Kasse gebeten werden.
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Fukushima: Risikofaktor Abklingbecken

Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
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In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
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Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

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