Hafen-Architektur Der schwimmende Kuhstall von Rotterdam

Mitten in Rotterdam sollen bald 40 Kühe leben - auf dem Wasser. Die Entwickler preisen das Projekt als umweltfreundlich und tiergerecht. Aber hat das Modell wirklich Zukunft?

Oben die Kühe, unten die Molkerei
Goldsmith

Oben die Kühe, unten die Molkerei

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Die Niederländer und das Wasser - das ist die Geschichte eines langen Kampfes gegen Naturgewalten. Mit immer mächtigeren Deichen hat die Nation dem Meer Flächen abgetrotzt.

Doch immer nur gegen das Meer ankämpfen - das könnte angesichts des Klimawandels und steigender Meeresspiegel langfristig die falsche Strategie sein. Deshalb setzen holländische Architekten immer öfter auf schwimmende Häuser.

1000 Liter Milch pro Tag

Das Prinzip: Die Häuser werden bei Hochwasser nicht etwa geflutet, sondern schwimmen einfach ein paar Meter höher als sonst. Es gibt bereits Wohnhäuser auf Pontons, und mitten in Rotterdam steht seit 2010 ein aus drei Halbkugeln bestehender Pavillon auf riesigen Styropor-Blöcken, der für Events gemietet werden kann.

Doch jetzt hat sich eine Firma eine besondere Neuheit ausgedacht: Auch Kühe könnten bald die Wasserflächen in Hollands wichtigster Hafenstadt erobern. Beim Projekt Floating Farm soll auf einer etwa 30 mal 40 Meter großen Pontonfläche eine Art Hightech-Kuhstall errichtet werden - mitten im Hafen von Rotterdam.

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Schwimmender Stall: Kühe entern Hafen von Rotterdam

Im ersten Stock könnten 40 Kühe Platz finden, die täglich 1000 Liter Milch liefern. Im Geschoss darunter sind Gewächshäuser und eine Molkerei geplant, in der Gras und Klee als Futter gezüchtet werden und die Milch weiterverarbeitet wird. Besucher können Milch, Käse, Joghurt und Butter direkt vor Ort kaufen - und in benachbarten Supermärkten.

Das Konzept der schwimmenden Farm stammt von der Rotterdamer Firma Beladon. Inhaber Peter van Wingerden war 2012 in New York, kurz nachdem Hurrikan Sandy massenhaft Häuser an der US-Ostküste zerstört hatte und die Menschen in Panik die Supermärkte leergekauft hatten. "Das frische Essen in den Geschäften reichte nur für zwei Tage", berichtet seine Frau und Firmensprecherin Minke van Wingerden.

Das Konzept könnte weltweit funktionieren

"Die Idee ist, frische Lebensmittel dort zu produzieren, wo viele Menschen leben", erklärt sie. Für eine Schwimmfarm spreche auch, dass nicht mehr so viele Lkw Milch, Käse, Obst und Gemüse anliefern und mit ihren Abgasen die Luft der Städte verpesten müssten. Unterstützt wird das Vorhaben unter anderem von "Uit Je Eigen Stad", einer Initiative, die Obst und Gemüse in Rotterdam anbaut und verkauft.

Das Konzept könnte sich für viele Küstenmetropolen weltweit eignen, etwa Bangladesch, Singapur, Tokio oder New York. Überall sind Flächen knapp, überall bedrohen steigende Pegel Gebäude. Die schwimmenden Farmen könnten in großer Zahl nahe der Ufer verankert werden. Auch Pontons mit riesigen Gewächshäusern oder Hühnerställen sind denkbar. Die Wasser-Farmen könnten sich dann quasi selbst versorgen. So zumindest stellen sich das die Architekten vor.

PR-Video der Floating Farm:

Vimeo/WielandStudio

Bislang existiert der schwimmende Bauernhof allerdings nur als Computergrafik und als Animation in einem Video - siehe oben. Doch schon im Herbst könnte der Bau in Rotterdam beginnen. Und ein paar Monate später sollen die Tiere einziehen. "Wir warten noch auf die letzte Genehmigung der Behörden, in der es um mögliche Geruchsbelästigungen geht", berichtet van Wingerden.

Sie glaubt, dass der aus einer speziellen Membran hergestellte Fußboden unangenehmen Gestank verhindern kann. Die Gülle könne durch die kleinen Öffnungen im Boden ablaufen und fließe in Behälter - der Dung bleibe darauf liegen und soll von kleinen Robotern eingesammelt werden.

Teures Zuhause

Etwa 2,5 Millionen Euro wird der schwimmende Kuhstall mit angeschlossener Molkerei kosten. Das Geld stammt nach Angaben der Firma Beladon von privaten Geldgebern und vom Investmentfont Sofie, hinter dem der Hafen von Rotterdam steht.

Wilhelm Windisch von der TU München sieht im Konzept der Floating Farm keine besonders originelle Lösung: "Der schwimmende Kuhstall ist nicht besser als jeder gut geführte Stall an Land." Moderne Stallanlagen böten Tieren einen Komfort, den es früher so nicht gegeben hätte, sagt der Agrarwissenschaftler. Die Ponton-Anlage sei vergleichsweise teuer und biete keine wirklich neuen Lösungen in Sachen Tierwohl, Umweltschutz und Ressourceneinsatz.

Die Welt in 10.000 Jahren

Unklar ist beispielsweise, ob die mit modernen LEDs beleuchteten Gewächshäuser im Untergeschoss überhaupt ausreichend Futter für 40 Kühe liefern können. Falls aber Heu oder Silage in großen Mengen angeliefert werden müssten, könnte der Transportaufwand sogar größer sein, als wenn die Milchprodukte der 40 Kühe von einer Molkerei außerhalb in die Stadt gefahren werden.

Die schwimmende Farm wird die Tierhaltung kaum revolutionieren - aber in Rotterdam begreift man das Projekt trotzdem als Chance. Der Hafen hofft nämlich, unter anderem damit das Problem ungenutzter Wasserflächen lösen zu können. Viele alte Hafenbecken sind heute zu klein für die immer größeren Containerschiffe - nicht nur in Rotterdam. Sie eignen sich sehr gut für schwimmende Häuser aller Art. Der Kuhstall wäre eine besondere Attraktion.

Die Kühe sollen sogar einen Steg bekommen, über den sie an Land laufen können, um dort auf einer echten Weide zu grasen. Experten für Tierhaltung, die beim Projekt mitarbeiten, gehen aber davon aus, dass die Kühe am liebsten auf dem Schwimmponton bleiben werden. "Dort ist es sauber", sagt Minke van Wingerden, "es gibt genug frisches Futter und die Solarzellen auf dem Glasdach sorgen für Schatten".

Zusammengefasst: In Rotterdam sollen 40 Kühe auf einem schwimmenden Stall ein neues Zuhause bekommen. Ziel des Projekts ist, die Landwirtschaft den Menschen näher zu bringen und ungenutzten Wasserflächen eine neue Bestimmung zu geben. Prinzipiell eignet es sich für alle großen Metropolen, die an Küsten liegen.

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insgesamt 21 Beiträge
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cicero_muc 13.07.2016
1. Ein Hurra auf die Niederländer!
Ich applaudiere den Niederländern! Solche Projekte bringen die Welt voran. Statt ewig rum zu nölen packen die Niederländer konkrete Projekte an. Weiter so! Vielleicht merken dann auch wir irgendwann mal das man mit ewiger Bedenkenträgerei kaum weiterkommt.
karlwein 13.07.2016
2. Futterproduktion
Auf einer Fläche von 30 x 40 m (=1200 m2 = 0,12 ha) dürfte eine ausreichende Produktion von Futter kaum möglich sein. Wenn man von einer Futterproduktion je ha für etwa 2 Kühe ausgeht, braucht man konventionell ca. 20 ha für die 40 Kühe. Hier hat man nur ca. 5 % der Fläche zur Verfügung. Selbst wenn man unterstellt, das die Produktion unter optimierten Treibhausbedingungen höher, dürfte das nie für 40 Tiere ausreichen.
Koda 13.07.2016
3.
Sowas kannten bereits die Azteken.
Byrne 13.07.2016
4. Muss auch nicht sein
Zitat von karlweinAuf einer Fläche von 30 x 40 m (=1200 m2 = 0,12 ha) dürfte eine ausreichende Produktion von Futter kaum möglich sein. Wenn man von einer Futterproduktion je ha für etwa 2 Kühe ausgeht, braucht man konventionell ca. 20 ha für die 40 Kühe. Hier hat man nur ca. 5 % der Fläche zur Verfügung. Selbst wenn man unterstellt, das die Produktion unter optimierten Treibhausbedingungen höher, dürfte das nie für 40 Tiere ausreichen.
Die Vorstellung, dass das Futter der Nutztiere in unmittelbarer Nähe zur Stallung oder Auslauffläche angebaut wird, hat mit der Realität der heutigen Nutztierhaltung nichts zu tun. Die Anbaufläche für das Futter kann sich im Grunde sonstwo befinden.
dliblegeips 13.07.2016
5.
Das Futter kann effizient auf dem Wasser transportiert werden. Zudem kann das Kraftfutter einfach gelagert werden. Die Milch hingegen sollte möglichst frisch verarbeitet werden. Die teuren täglichen Kühltransporte können also minimiert werden werden. Das Ganze macht nur Sinn wenn man möglichst Frische Produkte haben will. Für Käse oder Milchpulver wird die aktuelle Produktionsmethode effizienter sein. Angesichts des aktuellen Milchpreis ist das ganze Eher etwas für den Export. in Asien oder den Golfstaaten sehe ich durchaus einen Markt für das Konzept.
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