Materialprobleme: Deutsche Kernkraftwerke frei von belgischer Krankheit

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Atomsicherheit: Belgische Problemzonen Fotos
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Zwei belgische Atomkraftwerke sind derzeit abgeschaltet, weil an ihren Reaktordruckbehältern schwerwiegende Materialfehler gefunden wurden. Ein Expertengremium der Bundesregierung hat sich jetzt mit der Frage befasst, ob auch deutsche Meiler von dem Problem betroffen sind.

Berlin - Die Servicetechniker dürften ihren Augen kaum getraut haben. Bei einer Routine-Inspektion im belgischen Atomkraftwerk Doel 3 fanden die Fachleute im Sommer dieses Jahres verdächtige Bereiche im Stahl der Reaktordruckbehälter. Ihr Ultraschallmessgerät zeigte an, dass Tausende Stellen betroffen sind; zum Teil waren sie nur rund zwei Zentimeter von der stark beanspruchten Innenwand des Behälters entfernt.

Schnell stellte sich heraus, dass tatsächlich Materialfehler die Flut der Störsignale ausgelöst hatten - ein ernstzunehmendes Problem. Schließlich muss das stählerne Druckgefäß neben hohen Temperaturen und Drücken auch die stetige Belastung durch energiereiche Neutronen aushalten. Bei einem Check im belgischen Meiler Tihange 2 fanden sich ähnlich gravierende Materialfehler wie in Doel 3. Beide Reaktoren mussten daraufhin vom Netz gehen - und sind bis heute nicht wieder zurück.

Auch in Deutschland sorgte der Vorgang für Aufregung. Das Berliner Umweltministerium beauftragte die Reaktor-Sicherheitskommission (RSK), ein unabhängiges Beratergremium, sich mit der Sache zu befassen und eine Stellungnahme zu erarbeiten. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist die Empfehlung des zuständigen RSK-Ausschusses "Druckführende Komponenten und Werkstoffe" inzwischen fertig. Offiziell wird sie zwar erst auf der nächsten Kommissionssitzung am 22. November beschlossen, doch klar scheint: Für die noch laufenden Meiler in Deutschland gibt es in der Stahlfrage keinen akuten Handlungsbedarf.

Die belgischen Anlagen seien bei ihrem Bau nach dem Standard der American Society of Mechanical Engineers (ASME) geprüft worden; die deutschen dagegen nach dem strengeren Kerntechnischen Regelwerk. Bei den dort vorgeschriebenen Untersuchungen wären Befunde, wie in Doel 3 festgestellt, wohl schon bei der Fertigung der Behälter bemerkt worden, heißt es.

Probleme blieben unentdeckt

Die Stahlgefäße in Doel 3 und Tihange 2 waren in den Siebzigern vom - inzwischen längst vom Markt verschwundenen - holländischen Unternehmen Rotterdamsche Droogdok Maatschappij (RDM) geliefert worden. Die Problemzonen, sogenannte Seigerungen mit Wasserstoffanlagerungen, blieben bei Untersuchungen damals offenbar unentdeckt. Wahrscheinlich, so vermuten Experten nun, entstanden die Materialfehler schon bei der Fertigung der Behälter.

In einer bisher unveröffentlichten Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion heißt es unter Berufung auf die belgische Atomaufsicht, RDM sei in zahlreichen anderen Atomkraftwerken am Bau der Druckbehälter beteiligt gewesen. Neben den Kernkraftwerken Catawba-1, McGuire-2, North Anna-1 & 2, Quad Cities-2 (teilweise), Sequoyah-1 & 2, Surey-1, Surey-2, Watts Bar-1 in den USA waren dies in Europa:

  • Dodewaard (Niederlande, stillgelegt)
  • Borssele (Niederlande, aktiv)
  • St. Maria de Garona (Spanien, aktiv, Abschaltung für 2013 geplant)
  • Cofrentes (Spanien, aktiv)
  • Ringhals 2 (Schweden, aktiv)
  • Leibstadt und Mühleberg (beide Schweiz, beide aktiv)

sowie in den deutschen Meilern

  • Brunsbüttel (stillgelegt) und
  • Philippsburg 1 (stillgelegt).

Allerdings, so steht es in der Stellungnahme des Ministeriums, kam zumindest bei den Deutschen AKW ein anderer Stahl zum Einsatz als in Belgien. Während er im Fall von Doel und Tihange durch Krupp geliefert wurde, verbaute man in Brunsbüttel und Philippsburg Material von Japan Steel Works (JSW). Dieses Unternehmen war auch der Lieferant für alle noch am Netz befindlichen Kernkraftwerke in Deutschland.

Aus der RSK heißt es, JSW habe damals besonders hohe Qualitätsstandards beim Guss der Bauteile angewandt, da die Firma damals international habe Fuß fassen wollen. Dass die Materialfehler der belgischen Meiler im laufenden Betrieb entstanden sein könnten, glauben die deutschen Experten ausschließen zu können. Dadurch hätte sich ein anderes Fehlerbild ergeben.

Und was ist mit Doel 3 und Tihange 2: Sind die Probleme so gravierend, dass beide Blöcke nie wieder in Betrieb gehen können? Ein Austausch der Reaktordruckbehälter, so viel steht fest, würde sich wirtschaftlich nicht lohnen. Die belgische Atomaufsicht FANC arbeitet den Fall gerade auf. "Es ist möglich, dass es die Anomalien seit dem Anfang gab", sagt sagt FANC-Sprecherin Karina de Beule im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Der Betreiber Electrabel hat einen Bericht für Ende November angekündigt", so de Beule. Das Papier werde man von mehreren Gremien bewerten lassen und dann entscheiden. Ende Januar könnte das geschehen. "Zwischenergebnisse geben wir nicht bekannt." Umweltschützer würden ein mögliches Aus freilich bejubeln, die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ebenso. "Diese Risikoreaktoren müssen dauerhaft abgeschaltet werden", lautet die Forderung des grünen Umweltministers Johannes Remmel.

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insgesamt 56 Beiträge
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1.
blurps11 16.11.2012
"Belgische Krankheit" ? Ist die ansteckend ? Ich muss nächste Woche nach Brüssel, bitte um schnelle Antwort durch Herrn Seidler.
2.
Business Ethics 16.11.2012
Zitat von sysopAPZwei belgische Atomkraftwerke sind derzeit abgeschaltet, weil an ihren Reaktordruckbehältern schwerwiegende Materialfehler gefunden wurden. Ein Expertengremium der Bundesregierung hat sich jetzt mit der Frage befasst, ob auch deutsche Meiler von dem Problem betroffen sind. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/rsk-deutsche-akw-nicht-von-materialfehlern-in-belgien-betroffen-a-867595.html
Wers glaubt! Einer meiner damaligen Professoren war vor seiner Zeit an der Hochschule Gutachter für Reaktordruckbehälter. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte er zwei von dreien keine Freigabe erteilt, woraufhin er und seine Familie massivst unter Druck (schönes Wortspiel :) gesetzt und, natürlich anonym, bedroht wurden. Um seine Familie und Leib und Leben nicht zu gefährden, hatte er daraufhin seinen Job als Gutachter hingeschmissen und war einen Ruf für eine Professur gefolgt. Ich habe bei diesem integren und über jeden Zweifel erhabenen Menschen keinen Grund, diese Vorgänge für erfunden zu halten. Ein ähnlicher Vorgang betrifft übrigens den Bau des damaligen Windkraftwerkes Growian, dem es schlichtweg verboten war, erfolgreich zu sein. Und bitte, liebe Mitforisten, erspart euch jetzt Kommentare hinsichtlich "Verschwörungstheorie", ihr habt in dem Fall nämlich keine Ahnung, mit welchen Bandagen in der Energiewirtschaft gekämpft wird! Absolut, siehe oben.
3.
Hafenschiff 16.11.2012
Also das mit der Krankheit versteh ich irgendwie nicht richtig. Hat der Autor da mal wieder irgendwas falsch übersetzt? Oder wurde absichtlich so eine seltsame Überschrift gewählt? Beim Lesen der Überschrift dachte ich erst, die Belegschaft hätte irgendeine Krankheit oder sowas.
4. Stattdessen..
dlmaj 16.11.2012
..haben die deutschen KKW die deutsche Krankheit: Atomphobie im Endstadium.
5.
Reiner_Habitus 16.11.2012
Zitat von sysopAPZwei belgische Atomkraftwerke sind derzeit abgeschaltet, weil an ihren Reaktordruckbehältern schwerwiegende Materialfehler gefunden wurden. Ein Expertengremium der Bundesregierung hat sich jetzt mit der Frage befasst, ob auch deutsche Meiler von dem Problem betroffen sind. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/rsk-deutsche-akw-nicht-von-materialfehlern-in-belgien-betroffen-a-867595.html
Es wurden Seigerungen übersehen! Soetwas darf bei dem angelbich am Besten untersuchten Bauteil der Welt nicht vorkommen. Ich dachte immer ein RDB wird bis zum Erbrechen allen möglichen Werkstoffprüfverfahren unterzogen. Erzählt hat man uns das doch immer.....
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Reaktordruckbehälter
Der Reaktordruckbehälter ist das Herzstück von Leichtwasserreaktoren, die als Druck- und Siedewasserreaktoren vorkommen. Im zylinderförmigen Druckbehälter befinden sich die Brennelemente aus Uranoxid und Wasser. Bei der Kernspaltung entsteht Wärme, die Wasser verdampfen lässt. Der Dampf treibt eine Turbine an, die mit Hilfe eines Generators Strom erzeugt.

Im Inneren des Behälters entsteht dabei ein Druck von etwa 70 bar - nur deshalb bleibt das Wasser bei einer Temperatur von knapp 290 Grad flüssig. Die Leistung des Reaktors wird durch Wasserumwälzpumpen und Steuerstäbe geregelt, die Neutronen absorbieren und so die Leistung drosseln können.

Falls es zu einem Leck im Druckbehälter kommt und die Pumpen den Wasserverlust nicht mehr ausgleichen können, werden die Brennstäbe nicht mehr gekühlt - es kommt zur Kernschmelze. Zudem würde das unter hohem Druck stehende Wasser bei einem Leck als Dampf aus dem Behälter schießen und ihn womöglich aus der Verankerung reißen.